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Für ein neues Gleichgewicht

Wir leben in einer Welt des schnellen Wandels, des Zerbrechens jahrhundertealter Traditionen und einer früher unvorstellbaren Dynamik. Alle Probleme der sozialen und technischen Veränderung, die uns selbst in Europa, Amerika und den übrigen Bereichen der abendländischen Kultur schwer zu schaffen machen, die Auflösung der geschlossenen bäuerlichen Welt und ihre Einordnung in eine* moderne Gesellschaft, die Überwindung der Proletarisierung, der Wohlstand für alle gelten in einer von uns oft kaum erahnten Wucht auch in den Entwicklungsländern, nur daß sich dort alles angesichts einer immer stärker anwachsenden Bevölkerungslawine in noch viel rascherem Tempo vollzieht als bei uns. Die Welt aber ist kleiner geworden, die Völker sind nahe aneinandergerückt, und was in den ehemals fernen und exotischen Ländern vorgeht, betrifft und bedroht uns unmittelbar: Die Erde ist zu einer einzigen Schicksalsgemeinschaft geworden, die Verantwortung des Menschen für die von ihm entbundenen Kräfte der Wissenschaft und Technik, für den ausgelösten revolutionären Strukturwandel, für den planvollen Ausgleich der nun auf Weltebene projizierten sozialen und politischen Spannungen ist riesengroß. Wir haben durch die Segnungen der westlichen Zivilisation und durch die Ausbeutung der Rohstoffe, durch wohlgemeinte. und an sich wohltuende sanitäre, schulische und zivilisatorische Maßnahmen und durch den Demonstrationseffekt unserer Lebensweise die Entwicklungsvölker aus ihrem alten Gleichgewicht gerissen, und wir sind nunmehr mit ihnen zusammmen dafür verantwortlich, daß sie ein neues und besseres Gleichgewicht finden.

Entwicklungshilfe kann sich nicht auf finanzielle und kommerzielle Maßnahmen beschränken. Sie kann sich auch nicht bloß mit Wissensund Bildungsvermittlung begnügen. Das Problem liegt tiefer, und wir müssen nur ein wenig an unsere eigene noch gar nicht so lange zurückliegende Vergangenheit denken, um zu begreifen, daß es vor allem im Menschlichen liegt, in der Bereitschaft und in der Erziehung, Neuerungen überhaupt anzunehmen und das „bessere Leben“ als eine Frucht vermehrter Anstrengungen, abgerungener Einsparungen und rationalerer Arbeitsmethoden zu begreifen.

Wir müssen also Menschen in jene Länder senden, die fähig sind, diese Völker in ihren wahren Werten zu verstehen und sie so zu lieben, wie sie sind, aber noch mehr so, wie sie sein sollen, um besser und menschenwürdiger leben zu können. Nach Möglichkeit sollte diese technische Assistenz nicht von einzelnen, nur für wenige Woche auftauchenden „Kometexperten“ geleistet werden, sondern von Gruppen wohlvorbereiteter und in ihren Fachgebieten kompetenter jüngerer Menschen, die mindestens drei Jahre im Land bleiben und bereit sind, als Team miteinander und mit den Einheimischen gut zusammenzuarbeiten. Diese Entwicklungsgruppen sollen von Anfang an international und polyvalent sein, das heißt, sie müssen aus Europäern und Einheimischen bestehen und Experten oder Fachkräfte aller benötigten Berufssparten umfassen, die nicht unabhängig und isoliert arbeiten, sondern planmäßig und aufeinander abgestimmt. Fachleute, die sich nur für ihr Fachgebiet interessieren und nicht darnach fragen, welche Folgen ihre Maßnahmen oder ihre Erziehungsarbeit auf allen übrigen Lebensgebieten auslösen werden, sind unnütz und schädlich. Ein ständiger und regelmäßiger Meinungsaustausch zwischen den Gruppenmitgliedern, e'n einheitliches Arbeitskonzept, eine solide weltanschauliche und doktrinäre gemeinsame Grundlage, echte fachliche Kompetenz jedes einzelnen und disziplinierte Anerkennung der Autorität des Gruppenchefs sind unabdingbare Voraussetzungen für den Erfolg dieser Entwicklungsgruppen. Soweit einheimische Fachkräfte bereits in hinreichender Zahl vorhanden sind, sollen diese zusammen mit den fremden Assistenten diese Entwicklungsarbeit in Angriff nehmen, da es ja Sinn und Zweck der Entwicklungshilfe ist, die einheimischen Kräfte zur Entfaltung zu bringen, und nicht, sie zu verdrängen und zu ersetzen. Diese menschliche und fachliche Hilfe ist einer der wesentlichsten Beiträge, den die Industrieländer zur Uberwindung von Hunger, Not und Kriegsgefahr leisten können. Sie ist aber auch ein Beitrag zur Demokratisierung dieser Länder.

Die Kolonialverwaltung hat den jungen Staaten im allgemeinen nur eine höhere politische und administrative Struktur bis herab zur Bezirkshauptmannschaft hinterlassen. Darunter befindet sich die für den modernen Staat im politischen Sinn amorphe Masse der traditionellen Sippen- und Stammesverbände. Durch die Arbeit an der Basis wird nun jene Bewegung in Gang gebracht, die den einheimischen Bauern zu einem selbständigen und Neues denkenden Menschen macht. Gleichzeitig mit der Alphabetisierung werden neue Methoden des Ackerbaus und der Viehzucht, der Hauswirtschaft und der Hygiene, der Aufbewahrung und Vermarktung, des Haus-, Wege- und Brükkenbaus gelehrt, und zwar nur jene, welche die Dorfbevölkerung mit Hilfe der vorhandenen Mittel selbst bewerkstelligen, nachahmen und durchführen kann. Die bisherige Solidarität dieser Menschen soll nicht zerstört, sondern gleich in neue und moderne Formen umgewandelt werden, ohne den europäischen Umweg über den extremen Individualismus und die Verprole-tarisierung zu wiederholen. Deshalb ist die Einführung der Methoden und Ideale der Genossenschaftsbewegung und die Heranbildung einer Elite von Genossenschaftsträgern eine der wichtigsten Maßnahmen jeder Gemeinschaftsent-wicklung (Community Development).

Der so erweckte und gebildete Bauer ist aber nicht mehr bloß ein dumpfer Befolger der von den Vätern ererbten Tradition, noch ist er ein willenloser und uninteressierter Vollzieher höherer Anordnungen oder verständnisloser Erfül-ler eines „Plansoll“ genannten Götzen, sondern er ist endlich befähigt, Gesprächspartner seiner Regierung zu sein und diese vor dem sonst kaum vermeidbaren Abgleiten in die Diktatur zu bewahren.

In diesem Sinn ist die Entwicklungshilfe eine neue soziale und wirtschaftliche Wissenschaft geworden, und zwar eine anwendende und praktizierende Wissenschaft, die nach Menschen verlangt, die nicht nur bereit sind, ihren Brüdern in Not für einige Jahre zu dienen, um ihnen ihr Fachwissen zu vermitteln, sondern die sich auf diesen Einsatz auch gewissenhaft und gründlich vorbereiten, um jenen Völkern zu helfen, nach Möglichkeit die üblen Erfahrungen unserer eigenen Entwicklung zu vermeiden und sich die Früchte dieser Entwicklung so schnell anzueignen, daß eine weltweite Katastrophe vermieden werden kann.

Es ist gerade die Aufgabe der Christen, der sich oft im bloß Technischen und Materiellen verlierenden Entwicklungshilfe der Industriestaaten jene Orientierung zu geben, die auf das wahre und volle Wohl jedes Menschen und aller Menschen gerichtet ist. Und es ist Aufgabe der Christen, die über die entsprechenden Fachkenntnisse verfügen, sich dem Gebot der Stunde nicht zu entziehen und durch ihren , Dienst und eine sorgfältige Vorbereitung auf diesen Dienst konkret etwas für den Frieden zu tun.

Das Institut für Internationale Zusammenarbeit der Pax-Christi-Bewegung (Wien I, Annagasse 20) veranstaltet darum Lehrgänge für Fachkräfte, um diese insbesondere in soziologischer, volkswirtschaftlicher und weltanschaulicher Hinsicht auf eine Arbeit in den Entwicklungsländern vorzubereiten. Im verflossenen Jahr hatte dieser Lehrgang, der aus einem vierzehntägigen Grundkurs, einem Fernkurs, einem Praktikum und einem zehntägigen Seminar besteht, etwa 25 Teilnehmer, von denen heuer bereits ein Agraringenieurehepaar nach Bolivien, zwei Mittelschullehrerinnen nach Afrika und Lateinamerika und ein Sozialhelfer nach Afrika reisen, um dort an Ort und Stelle mit ihren Fachkenntnissen zu helfen. Andere Männer und Frauen stehen in Vorbereitung. Mitte Februar 1964 begann ein neuer Lehrgang. Der Grundkurs ist für April festgesetzt und wird zusammen mit dem deutschschweizerischen katholischen Laienhelferwerk und der deutschen Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (Misereor) in Wien abgehalten werden. In- und ausländische Experten der Entwicklungshilfe werden hierbei in die Grundprobleme der technischen Assistenz einführen und insbesondere auch auf den Kulturwandel, auf Enquete und Planung der Entwicklungsarbeit, Teilnahme der Bevölkerung an der Entwicklung ihres Landes (Grundlagen des Community Development), Ernährung und Hygiene in den Tropen, die Rolle der Frau und viele weitere Themen eingehen.

Das Schicksal der Welt liegt in Gottes Hand, wir aber sind zur Mitarbeit berufen und müssen uns nach besten Kräften um gute und brauchbare Lösungen bemühen.

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