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Die vier Säulen des Friedens

Freiheit von Not

Eine der vier Freiheiten, die von den Alliierten des Zweiten Weltkrieges als ihr Kriegsziel deklariert wurden, war die Freiheit von Not. Wie sieht es mit diesem Kriegsziel heute aus? Am 10. Mai 1995 erschien in der Wiener Zeitung ein ganzseitiger Artikel mit dem Titel „Größter Krankheitsverur-sacher: Armut", und darin stand ein erschütternder Bericht: 1,4 Milliarden Menschen, rund ein Viertel der Menschheit, leben in unvorstellbarer Armut - ständig am Rande des Ver-hungerns. Auf Grund des Weltgesundheitsberichtes der WHO (Weltgesundheitsorganisation) für 1995 heißt es, daß fast ein Drittel der Kinder der Welt unterernährt ist. Mehr als 12 Millionen Kinder unter fünf Jahren sterben jedes Jahr in den Entwicklungsländern, die meisten durch eine Kombination verhütbarer Ursachen. Und es heißt weiter, daß die Hälfte der Weltbevölkerung keinen Zugang zu den am meisten benötigten Medikamenten hat. In vielen Entwicklungsländern stehen pro Kopf und Jahr für Gesundheitsvorsorge 4 Dollar (40 Schilling - etwa die Rezeptgebühr, die wir für ein Medikament an die Apotheke zahlen müssen) zur Verfügung.

Zahlreiche Menschen leiden und sterben, weil sie kein sicheres Wasser, keine sanitären Einrichtungen und keine medizinische Grundversorgung haben. In der Beziehung der reichen Völker zu den armen herrscht in vieler Beziehung der gleiche Zustand wie Jahrhunderte hindurch zwischen Kolonialherren und Sklaven. Ks ist ein wahrer Schandfleck unserer Zivilisation, daß wir uns mit einer solchen himmelschreienden Ungerechtigkeit abfinden. Andererseits machen die Medien es uns leicht, diese Not nicht zur Kenntnis zu nehmen, da sie darüber einfach nichts (oder verschwindend wenig) berichten.

Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß es auch in den reichen Ländern unverhältnismäßig große Armut gibt. Allein im heutigen Europa gib es 20 Millionen Arbeitslose (plus einer Dunkelziffer von 10 Millionen) und 50 Millionen Menschen, die an der Armutsgrenze leben. Die Armut in Amerika - einem der reichsten Länder der Welt - ist ein Skandal und Mitursache der sehr hohen Kriminalitätsrate.

Schlußendlich ist es wichtig, darauf hinzuweisen, daß im wahrscheinlich im nächsten Jahrhundert bevorstehenden großen Nord-Süd-Konflikt die Spannungen zwischen armen und reichen Ländern beziehungsweise Kontinenten eine enorme Gefahr für die Erhaltung des Friedens bedeuten werden.

Ehrfurcht vor den Leben

Albert Schweitzer - das große, ja wahrscheinlich größte Genie dieses Jahrhunderts - ist allgemein bekannt als Urwalddoktor, als Theologe, als Orgelspezialist und Kenner Johann Sebastian Bachs. Aber nur wenige kennen ihn als tiefschürfenden Kulturphilosophen.

In seinen beiden 1923 erschienenen Büchern „Kultur und Ethik" und „Verfall und Wiederaufbau der Kultur" weist er darauf hin, daß die Entmenschlichung des Menschen in diesem Jahrhundert (zwei Weltkriege und Holocaust) kein bloßer geschichtlicher Zufall ist. Er sagt: „Das normale Verhalten von Mensch zu Mensch ist uns erschwert. Durch die Hast unserer Lebensweise, durch den gesteigerten Verkehr und durch das Zusammenarbeiten und Zusammenwohnen mit vielen auf engem Raum, kommen wir fortwährend in mannigfachster Weise als Fremde mit Fremden zusammen. - Wo das Bewußtsein schwindet, daß jeder Mensch als Mensch uns etwas angeht, kommen Kultur und Ethik ins Schwanken."

Und betrachten wir mit unserer eigenen Wahrnehmung, was sich heute rund um uns an geistiger Verfla-chung abspielt: Angefangen von der Fernsehverblödung über die Anbetung des Autos als heilige Kuh bis hin zur totalen Hingabe an das technische Spielzeug PC und Internet ist der Gedankeninhalt der großen Mehrzahl der Menschen im wesentlichen reduziert auf den Umgang mit moderner Technik, auf das Streben nach materiellem Erfolg und auf Triebbefriedigung.

Die Aufgabe des Menschen in seinen Beziehungen zum Mitmaischen und zu seinem Auftrag vor Gott, das eigene Leben mit Sinn zu erfüllen (Viktor Frankl) und anderen Menschen bei der Bewältigung ihrer ernsten Probleme beizustehen, wird bestenfalls von einer verschwindenden Minderheit erkannt und erfüllt. Wie weit stehen wir noch entfernt von der von Albert Schweitzer postulierten umfassenden geistigen Lebensgrundlage „Ehrfurcht vor dem Leben"?

Gewaltloser Kampf statt Kriegführen und Töten

Bislang war es das Leitprinzip der meisten Staaten und menschlichen Gruppierungen, daß gesellschaftliche Ziele welcher Art immer fast nur durch politischen Druck und - wenn nicht anders möglich - mit gewaltsamen Methoden erreicht werden können. Eines der jüngsten erschreckenden Beispiele dafür haben wir in den letzten vier Jahren sozusagen vor unserer Haustür in Ex-Jugoslawien erlebt.

Nun zeigt sich aber schon im Urchristentum die Möglichkeit eines anderen Weges: nicht durch das Verletzen und loten der Feinde, sondern durch Gewaltlosigkeit, durch geduldiges Ertragen der auferlegten Leiden und durch bewußten geistigen Widerstand können dauerhafte Siege gegen Feinde und Unterdrücker errun gen werden.

Indien hat unter der Führung Mahatma Gandhis in einem dreißigjährigen Kampf mit nur geringen Opfern an Menschenleben seine Freiheit errungen. Doch auch andere Länder wie Südafrika, Sambia und Simbabwe haben gegen militärisch überlegene weiße Herrscher mittels gewaltloser Kampfmethode ihre Freiheit errungen.

Umwandlung der Vereinten Nationen in eine Weltkegierung

1795 - also vor rund 200 Jahren -schrieb Immanuel Kant in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden": „Für Staaten, im Verhältnis untereinander, kann es nach der Vernunft keine andere Art geben, aus dem gesetzlosen Zustande, der lauter Kriege enthält, herauszukommen, als daß sie, ebenso wie einzelne Menschen, ihre wilde (gesetzlose) Freiheit aufgeben, sich zu öffentlichen Zwangsgesetzen bequemen, und so einen Völkerstaat, der zuletzt alle Völker umfassen würde, bilden."

Die Vereinten Nationen sind ein Versuch, diese Idee Kants heute zu verwirklichen. Aber wir sehen mit Sorge, daß ihre Autorität zur Sicherung des Weltfriedens und zur Lösung wichtiger Weltprobleme dauernd in Frage gestellt wird. Eine der akutesten Gefahrenquellen ist der schrittweise Entzug der für den Bestand dieser Organisation notwendigen finanziellen Mittel durch Zahlungsverzögerung oder Zahlungsverweigerung vieler Mitgliedstaaten. Äußerst beängstigend ist auch, daß vorläufig noch kein Weg gefunden wurde, das AVachsen der Waffenarsenale in den meisten Ländern der Welt (sogar auch in den ärmsten!) wirksam zu bremsen oder zu stoppen.

Österreichs bedeutendste Nobelpreisträgerin, Bertha von Suttner, hat 1889 gefordert „Die Waffen nieder" (so heißt ihr damals großes Aufsehen erweckendes Buch). Wenn diese Forderung in nächster Zukunft nicht weltweit durchgesetzt wird, gibt es nur wenig Hoffnung, daß der Ausbruch immer neuer Kriege (mit zunehmend gefährlicheren Waffen) verhindert werden kann. Kollektive Sicherheit ist der einzige Weg, um das herrschende internationale Faustrecht zu beenden. Denn nach den einfachen Regeln der Vernunft kann weder die Rüstung einzelner Staaten noch der regionale Zusammenschluß von Staatengruppen wie in der NATO oder der WEU dauerhaften Frieden in der ganzen Welt sichern.

Für eine globale Friedenssicherung ist die Schaffung eines weltumspannenden Systems kollektiver Sicherheit, wie es sich im Konzept einer Weltföderation anbietet, der wichtigste Schritt zu einem dauerhaften Frieden — jedoch mit sinnvoller Ergänzung der anderen drei vorhin beschriebenen „Säulen des Friedens".

Der Autor ist seit seiner Jugend aber besonders seit dem Kriegsende 1945 - in verschiedenen Bereichen für den Frieden tätig. Als Anerkennung dafür wurde ihm im Mai 1994 vom BuMfür Wissenschaft und Forschung der Berufstitel Professor verliehen.

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