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Geburtenschwund, Politik und Weltanschauung

Der Lebensrhythmus eines Volkes erstreckt sich über viele Generationen und über viele Hunderte von Jahren. Die Sorge um das Wohl des Volkes kann sich daher nicht auf die Gegenwart und die allernächste Zukunft beschränken, sondern muß ihre Bemühungen auch auf Zeiträume richten, die weit jenseits der Lebensspanne der gegenwärtigen Generation liegen. Wenn das Ziel echter Politik das Wohl des Volkes ist, so darf dieses Wohl nicht kurzfristig verstanden und nur auf die lebende Generation bezogen werden; wohlverstandene staatsmännische Kunst wird vielmehr mindestens ebensosehr die Sicherung des zukünftigen Volksbestandes im Auge haben. •

Dieser Bestand ist in Oesterreich durch die sinkenden Geburtenziffern gefährdet. Es ist in letzter Zeit über dieses Problem so viel gesprochen und publiziert worden, daß sich jede weitere Beleuchtung der nackten Tatsachen erübrigt. Es ist hier nicht der Ort, sich theoretisch mit der Frage auseinanderzusetzen, ob geringere Bevölkerungszahlen höheren Lebensstandard für den einzelnen bedeuten oder nicht. In isolierten, starkem Bevölkerungsdruck von außen nicht ausgesetzten Lagen mag diese vom Engländer Mal-thus aufgeworfene Frage vielleicht immer noch der Diskussion wert sein, wenn auch die Entwicklung der modernen Landwirtschaft und Technik sowie die rasche Erschließung neuer Siedlungsgebiete in der ganzen Welt die Sorge vor Uebervölkerung ■wohl auf Jahrhunderte hinaus beseitigen müßte. Am Rande des geburtenfreudigen asiatischen Kontinents, der sich politisch bis zum Eiserner. Vorhang vorgeschoben hat und nun darangeht, die gewonnenen Räume auch bevölkerungsmäßig aufzufüllen, kann es für den Staatsmann aber nur die eine Verpflichtung der völkischen Behauptung geben.

Dazu kommt, daß beim heutigen Stand der höheren durchschnittlichen Lebenserwartung, einem Verdienst der modernen Medizin und bei der immer noch wachsenden Verpflichtung der Allgemeinheit zu sozialen Leistungen für die Alten und Erwerbsunfähigen jede Bevölkerungsabnahme notwendig zur Verarmung des Volkes führen muß. Denn die Abnahme kann ja nur an der Basis der Bevölkerungspyramide einsetzen; sie bedeutet daher gleichzeitig eine Veränderung der Bevölkerungsstruktur, eine Verschiebung des Verhältnisses zwischen Jungen und Alten, zwischen Arbeitsfähigen und Unterhaltsbedürftigen. Ich habe in meiner Regierungserklärung vor dem steiermärkischen Landtag am 15. April 1953 darauf hinweisen müssen, daß bei gleichbleibender Geburtenrate in der Steiermark in 15 Jahren auf einen Arbeitenden ein Rentner kommen würde. Jeder Versuch der Sicherung der Renten und sozialen Leistungen würde durch eine solche Entwicklung illusorisch gemacht, zumal ihr das Gesetz der zunehmenden Eigenbeschleunigung innewohnt: Wenn sich die gleichbleibende Last für die Erhaltung der Alten auf immer weniger Junge verteilt, fällt auf jeden von ihnen ein immer größerer Teil dieser Last; damit wird er immer weniger in der Tage sein, daneben auch noch für Kinder zu sorgen, und die Geburtenzahlen werden zwangsläufig immer weiter abnehmen.

Damit aber stehen nicht nur der Bestand und die fernere Zukunft des Volkes, sondern auch das Wohl der lebenden Generation auf dem Spiel. Die Frage der Geburtenabnahme ist bereits zu einem akuten Gegenwartsproblem geworden. Es geht heute schon um die Altersversorgung der gegenwärtig Berufstätigen bis zum Alter von 50 Jahren, die ernstlich in Frage gestellt ist, wenn es nicht binnen kurzem gelingt, die Geburtenziffern zu heben.

Der Suche nach Abhilfe muß die Kenntnis der Gründe für die sinkende Geburtenfreudigkeit vorangehen. Diese Gründe sind so mannigfacher Art, daß sich eine vollständige Aufzählung in einer raumbeschränkten Abhandlung verbietet. Sie können eingeteilt werden in solche materieller, psychologischer und weltanschaulicher Art.

Die materiellen Gründe sind weithin bekannt. Die Wohnungsnot, verschärft durch eine wirklichkeitsfremde Mietengesetzgebung, wirkt sich ebenso familien- und kinderfeindlich aus wie die mangelnde Berücksichtigung der Belastung der kinderreichen Familien. Es wird sich die Einsicht durchsetzen müssen, daß das Heranziehen von Kindern nicht nur eine Privatangelegenheit ist, sondern ebensosehr eine wichtige Leistung für die Allgemeinheit, aus welcher der Anspruch auf Gegenleistung erwächst. Aus diesem Gesichtspunkt heraus wird für eine gerechte Lastenverteilung gesorgt werden müssen. Ob dieser Ausgleich nun durch progressive Kinderbeihilfen, durch Familienlohn, steuerliche Maßnahmen oder Famiiien-ausgleichskassen erzielt wird, ist eine Frage der Methode. Wichtige Aufschlüsse zu dieser Frage könnte ein genaues Studium der Familiengesetzgebung Frankreichs geben, eines Staates, der vor einigen Jahrzehnten auf dem Aussterbeetat stand und die Geburtenkrise in überraschend kurzer Zeit überwunden hat. Jedenfalls wird dieses Problem in allernächster Zukunft gelöst werden müssen.

Eine wesentliche Ursache der Geburtenabnahme ist auch die Landflucht. Immer noch ist die Landbevölkerung der geburtenfreudigste Teil des Volkes, während 56 Prozent der nichtlandwirtschaftlichen Haushalte bereits kinderlos sind und die Bundeshauptstadt Wien auf 1000 Einwohner nur 7,1 Lebendgeburten jährlich aufweist bei einer durchschnittlichen Geburtenziffer für Oesterreich ohne Wien von 17,5. Die ständige Abnahme der Landbevölkerung muß sich daher ungünstig auf die gesamtösterreichische Geburtenziffer auswirken. Die Frage der Bekämpfung der Landflucht, eine Frage weitgehend der Preis- und Lohnrelationen zwischen Agrarwirtschaft und den übrigen Sektoren der Volkswirtschaft, ist nicht Gegenstand dieser Abhandlung. Es zeichnet sich hier aber schon die Tatsache ab, daß das Problem der Bevölkerungspolitik vom gesamtpolitischen Problem kaum zu trennen ist.

Dies wird noch deutlicher bei der Untersuchung einer weiteren Ursache des Geburtenschwundes, nämlich der zunehmenden Berufstätigkeit der Frauen. Der Idealzustand gibt dem Familienvater ein genügend hohes Einkommen, um als Alleinverdiener der Familie Frau und Kinder zu erhalten, und erlaubt der Frau und Mutter, sich ganz dem Haushalte und den Kindern zu widmen. Besonders bei unserem Mittelstande, der im Zuge der Lohn- und Preisabkommen einkommensmäßig zurückgeblieben ist, besteht diese Möglichkeit nicht mehr. Wo aber die Frau zum Mitverdienen gezwungen ist, wird das Kind zur vielfachen Behinderung und Belastung. Hier könnte nur die Hebung des allgemeinen Lebensstandards abhelfen, nicht etwa durch Neuverteilung, sondern durch echte Vermehrung des Sozialproduktes. Es ist dies eine Frage der Produktionssteigerung und der Ausgabenverminderung, das heißt ein rein wirtschaftspolitisches Problem.

Neben diesen materiellen Gründen des Geburtenschwundes, denen durch eine konstruktive Bevölkerungs-, Wohnungs- und Wirtschaftspolitik abzuhelfen sein wird, stehen Ursachen psychologischer Art. Das Verhalten der Menschen richtet sich ganz allgemein stärker nach der herrschenden öffentlichen Meinung, als gemeinhin angenommen wird. Die Alten, die zeitweise vor ähnlichen Problemen standen, wußten das sehr genau; so verbot beispielsweise Cäsar den unverheirateten und kinderlosen Frauen über 45 Jahren das Tragen von Edelsteinen und das Benützen von Sänften, und sein Nachfolger Augustus gab in seiner Lex Julia et Pappia-Poppaea, einem ausgesprochen bevölkerungspolitischen Gesetz, verheirateten, kinderreichen Frauen das Recht, besonders auszeichnende Kleider zu tragen. Es handelt sich bei solchen Maßnahmen darum, den Kinderreichtum in der öffentlichen Meinung zu begünstigen und die Kinderlosigkeit zu diffamieren. In unseren Tagen geschieht in Schrift, Rundfunk, Theater und Film vielfach das Gegenteil. Auch hier wären energische Maßnahmen zu erwägen. Das Problem ist zu ernst, als daß es einer verantwortungslosen und geschäftstüchtigen Publizistik erlaubt bleiben sollte, es noch zu verschärfen.

Die Betrachtung der österreichischen Bevölkerungspyramide lenkt die Aufmerksamkeit auf einen weiteren Punkt; Sie zeigt in den Jahren zwischen 1938 und 1944 eine ganz auffallende Geburtenzunahme. Die Gefahr, mißverstanden zu werden, darf den verantwortlichen Politiker von der offenen Untersuchung auch dieser Frage nicht abhalten. Angesichts des drohenden Volkstodes sind politische Empfindlichkeiten nicht am Platze.

Gewiß ist die erwähnte Erscheinung zum Teil auf die materiellen bevölkerungspolitischen Maßnahmen und die Propaganda des NS-Regimes zurückzuführen. Wesentlicher scheint mir jedoch eine andere Ursache. Der Wille zum Kind hängt weitgehend von der Aussicht ab, den Nachwuchs später leicht in auskömmliche Berufsstellungen zu bringen. Es handelt, sich hier um eine schwer zu beschreibende Volksstimmung, die man vielleicht am besten mit Zukunftshoffnung bzw. Hoffnungslosigkeit bezeichnen könn/e. Ein beengter Wirtschaftsraum mit beschränkten Berufsmöglichkeiten und der Sorge vor Massenarbeitslosigkeit beeinträchtigt* die Zukunftshoffnung des Volkes und damit den Willen zum Kind. Die plötzliche Ausweitung des Wirtschaftsraumes im Jahre 1938 bis zum Rhein, zur Nordsee und zur Ostsee haben zweifellos die Sorge um die spätere berufliche Unterbringung der Kinder durch die frohe Zuversicht ersetzt, daß jeder junge Mensch leicht und sicher in jedem Beruf seinen Platz finden würde.

In diesen Zusammenhang gehört das Problem der Jugendarbeitslosigkeit in Oesterreich; seine Bekämpfung ist eine bevölkerungspolitische Aufgabe ersten Ranges. Hierher gehört aber auch das Problem der Integration Europas. Es ist meine feste Ueberzeugung, daß die Ausweitung des Wirtschaftsraumes über ganz Europa, die Möglichkeit für junge Menschen, ohne* jede Behinderung auf dem ganzen Kontinent einen Arbeitsplatz suchen und finden zu können, die österreichische Geburtenfreudigkeit schlagartig heben würde. Wenn die Lösung dieser dringenden europäischen Frage auch nicht in unsere Zuständigkeit fällt, werden wir doch im Interesse der Zukunft unseres Volkes mit aller Kraft: daran mitarbeiten müssen.

Schließlich, aber bei weitem nicht zuletzt, ist die Bevölkerungsvermehrung eine weltanschauliche Frage. Kinder fordern von ihren Eltern schwere Opfer, und zwar nicht nur solche finanzieller Art, sondern auch Opfer an Bequemlichkeit, an Freizügigkeit, an Genußmöglichkeiten und tausend anderen Dingen. Die Opfer der letzteren Art kann auch erhöhter Lebensstandard nicht abnehmen; es ist in diesem Zusammenhang vielmehr bezeichnend, daß gerade in reichen Familien am wenigsten Kinder geboren werden. Die Bereitschaft, diese Opfer auf sich zu nehmen, kann durch kein politisches Mittel erzeugt oder gestärkt werden. Wo die Meinung herrscht, das Leben beschränke sich auf den sichtbaren Bereich, wird der Genuß des Augenblicks zum Lebensziel, und das Kind, das diesem Genuß im Wege steht, abgelehnt. Es muß einmal öffentlich gesagt werden, daß die materialistische Lebensauffassung den Willen zum Kind beeinträchtigt und damit die Existenz des Volkes gefährdet. Opferbereitschaft besteht nur dort, ~o das Leben tn den Dienst einer höheren Wirklichkeit gestellt wird; nur dort auch wird nicht zuerst nach dem Genuß, sondern nach der Verpflichtung gefragt. Alle bevölkerungspolitischen Maßnahmen zusammen werden Oesterreich nicht vor dem Volkstod bewahren, wenn es nicht gelingt, das Volk zum Glauben an eine verbindliche höhere Ordnung zurückzuführen, der jede menschliche Ordnung entsprechen muß, wenn sie nicht zerstörend wirken soll. Der letzte Grund für den Niedergang unseres Volkes —; darum handelt es .sich nämlich — ist seine Abkehr von dieser höheren Ordnung und der vermessene Versuch, sie durch eine isolierte menschliche Ordnung zu ersetzen. Die letzte Konsequenz jedes solchen Versuches kann nur das Chaos sein. Erst wenn das österreichische Volk sich der höheren, absoluten Ordnung wieder bewußt wird, erst wenn die Regelung der öffentlichen Angelegenheiten mit dieser höheren Ordnung wieder im Einklang steht, wird auch die Verantwortung des einzelnen für die Zukunft der Nation, seine Verpflichtung zur Familie und zum Kind wieder lebendige Wirklichkeit werden.

Der, Oesterreichische Katholikentag 1952 hat in Punkt 7 seiner Resolution die Familie als die Zukunft des Staates bezeichnet und rasche und wirksame Familienförderung gefordert. In dieser Formulierung kommt die dem Katholiken selbstverständliche Meinung zum Ausdruck, daß dem Kind die vollkommenste Entwicklungsmöglichkeit nur im Schöße der Familie gegeben ist, daß somit Bevölkerungspolitik ganz wesentlich , Familienpolitik ist,

Hinter dieser Forderung des Katholikentages nach konstruktiver Familienpolitik-steht die große Masse des österreichischen Volkes, von dem sich anläßlich der Volkszählung 1951 89 Prozent als Katholiken bekannt haben. Wenn es gelänge, dieses Bekenntnis zur katholischen Tat werden zu lassen, wäre d e r M a t e r i a 1 i s m u s in Oesterreich bald überwunden und damit die Gefahr für die Zukunft unseres Volkes abgewendet.

Politische Macht ist ethisch nur gerechtfertigt, wenn sie in den Dienst einer höheren Sache gestellt wird. Es gibt für den österreichischen Politiker kein höheres Ziel als Wohl und Zukunft des österreichischen Volkes. Angesichts der drohenden Gefahr des Volkstodes wird konstruktive Bevölkerungs- und Familienpolitik zur zentralen Verpflichtung; sie muß. alle anderen Zweige der Politik wesentlich mitbestimmen. Darüber hinaus erwächst.aus der Situation jedem christlichen, jedem katholischen Oesterreicher die Aufgabe, die materialistische Weltanschauung als die letzte Wurzel des Uebels auf. allen Ebenen zu bekämpfen.

Der römische Herrscher Augustus hat sein hevöjkerungspolitiiscfaes Gesetzgebungswerk' mit den Worten verteidigt:

„Was soll aus Stadt und Staat werden, wenn man keine Ehen mehr schließt? Die Stadt besteht nicht aus Häusern, Hallen und öffentlichen Plätzen: Die Menschen machen die Stadt aus. Ihr werdet nicht, wie in den alten Mythen, Menschen aus der Erde emporwachsen sehen, um statt euer für das, was not tut, Sorge zu tragen. Nicht um allein zu leben, bleibt ihr ehelos. Jeder von euch hat Gefährtinnen für Tisch und Lager und nur eure Befriedigung sucht ihr in der Regellosigkeit. Im gleichen Maße seid ihr schlechte Bürger, möge nun jedermann euer Beispiel nachmachen oder niemand ihm folgen. Mein einziger Zweck ist die Fortdauer der Republik.“

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