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Versiegen die bäuerlichen Quellen?

Nach einer Wegkrümmung stand der Wanderer überrascht still. Ein lieblicher Anblick bot sich ihm dar. Zu seinen Füßen lag einer der berühmten Urlaubsorte, an denen unsere Heimat so reich ist, eingerahmt von einer wahrhaft herrlichen Natur.

„Tal des Friedens“, meinte der sommerliche Gast. „Hier müssen ja glückliche Menschen wohnen …“ Diesen Glauben mußte ihm freilich sein Begleiter nehmen.

Die Natur hält, was sie verspricht, die Menschen des Landes aber haben sich ‘weitgehend dem Städter angeglichen. Nur dem Oberflächlichen entgeht wegen der teilweise noch gebliebenen äußerlichen Unterschiede in Tracht und Lebensgewohnheiten die innere Gleichschaltung.

Der ‘‘ÄTrt eines der kleinen, sauberen Hotels erzählt uns an einem späten Abend von seinen Erfahrungen als Herbergsvater: „Die Hälfte der in meinen 30 Zimmern übernachtenden Paare ist nicht verheiratet. Von den richtigen Eheleuten haben noch keine 50 Prozent ein Kind mit. Familien mit zwei Kindern kommen bei mir nicht vor. Dagegen hat jedes zweite legale oder illegale Paar einen Hund mit Wie unangenehm ‘dies für unser Hauspersonal ist, welche Umstände diese verwöhnten Tiere uns machen, ist nicht zu beschreiben. Man sollte die letzteren kräftigst besteuern und diese Gelder der Familienausgleichskasse zuführen.“ Soweit dieser Wirt.

Nun gibt es in diesem Ort und vielen dieser Dörfer keine Kammer, die nicht in der Saison vermietet würde. Fremde Gäste aus nah und fern leben so unter der Dorfbevölkerung, geben ihr Beispiel und haben den Respekt derer, die zahlen können. Hier spürt man es deutlich: Die Landbevölkerung ist nirgends mehr allein. Neben dem urlaubshungrigen Städter im Sommer und dem schifreudigen Sportler im Winter kommen zu jeder Zeit Agenten und Vertreter. Flüchtlinge und Vertriebene haben sich angesiedelt, neue Betriebe und Industrien das Land durchsetzt. Längst ist die bäuerliche Bevölkerung auf ihrem ureigensten Raum Minderheit geworden. Waren 1850 in Europa noch 77 Prozent der Bevölkerung Bauern, so sind es hundert Jahre später nur noch 18 Prozent. In Oesterreich ist der Anteil der bäuerlichen Bevölkerung in den letzten 40 Jahren von einem Drittel auf ein Fünftel gesunken.

Die Landarbeitsflucht verringert diesen Prozentsatz unaufhörlich weiter. Vor allem sind es die Kinder der Bauern selbst, die — zum Teil gezwungen — nicht der Heimatscholle, wohl aber der Arbeit an ihr den Rücken kehren.

Der „neue Geist“ rüttelt gewaltig an dem Tor der Bauernhöfe und wird cfurch ein Gewohnheitschristentum nur dürftig verdeckt. Dagegen finden Reste eines seltsamen heidnischen Aberglaubens durch den Maskottchenkult und die Horoskopleidenschaft neüheidnischer Dorfbesucher rasch Beifall.

Die Zeit des jenseitigen Gottes, die gläubige Epoche, in der Himmel und Erde, Geist und Materie, Natur und Uebernatur eine große Einheit bildeten, ist im Schwinden. Das Maß aller Dinge wird der Mensch, diesseitige „Götter“ beherrschen sein Denken und Streben.

Nichts beleuchtet den Wandel im Dorfe schärfer als der Verfall seines Herzens, seiner familie. Sie hat ihre überwältigend gesunde, naturtreue und stolze Sonderstellung eingebüßt. Sie ist nicht mehr jener unerschöpfliche Jungbrunnen, aus dem Städte und Industriegegenden schöpfen können.

Allzusehr haben wir uns daran gewöhnt, das Geburtendefizit der Städte als unabwendbar hinzunehmen. Aber die Geburtenrate Wiens von sieben auf das Tausend ist beispiellos, um so mehr, als seine Grenzen die Heimat eines Viertels aller Oesterreicher umschließen. Das als „sittenlos“ verschriene Paris hat mehr als zweimal, die größte Stadt der Welt, New York, fast dreimal soviel Lebenswillen. Konnten wir uns vor Jahren noch damit trösten, daß unser braves Landvolk dieses Manko mehr als ausgleichen würde, so ist diese Hoffnung nunmehr im Schwinden.

Der ganze Ernst’ unserer bevölkerungspolitischen Situation wird durch die Tatsache gekennzeichnet, daß auch die bäuerliche Familie immer weniger ihre lebenserhaltende Funktion erfüllt. Nach Wien sind nun auch die alten Bauernländer Niederösterreich und Steiermark und damit der gesamtösterreichische Durchschnitt unter das notwendige Ausmaß gesunken.

Neben den sechs größten Städten gibt es in Niederösterreich weitere 443 Gemeinden, die ihre Sterbefälle nicht mehr durch Geburten ersetzen. Das sind nicht weniger als 28 Prozent aller Gemeinden. Gleichzeitig weist dieses Bundesland neben dem Burgenland die größte Säuglingssterblichkeit auf. 113 Personen von je tausend Einwohnern sind über 65 Jahre alt. Eine ganz ähnliche Entwicklung vollzieht sich auch in den anderen Bundesländern. Kärnten hat allein in jüngster Zeit 120 Schulklassen sperren können. 38 Prozent aller Bauernfamilien weisen nur e i n schulpflichtiges Kind auf. In vielen tausenden Bauernwirtschaften Tirols hört man kein Kinderlachen. In ganz Oesterreich gibt es mehr als 10.000 auslaufende Bauernhöfe, die keinen direkten Erben besitzen.

Selbstverständlich hat diese Entwicklung materielle Ursachen, die mit gut gemeinten Redensarten von der sicher richtigen Notwendigkeit eines geistigen Wandels nicht gebannt werden können. Allzuoft wurden die Höfe geteilt, die Heiratsauszahlungen vieler Geschwister belasteten das Erbe bis an den Rand des Möglichen. Das wegen der zunehmenden Herzenshärte oft gefürchtete Ausgedinge bewog die Alten zur späten Uebergabe der Wirtschaft an die Jungen. An die 50.000 Bauern, die über 65 Jahre alt sind, wollen oder müssen ihre Wirtschaft noch führen.

In dem Maß als der Bauernhof seine autarke Stellung verlor, die Schul- und Berufsausbildung wachsende Ausgaben verursachte, der zunehmende Lebensstandard in Bekleidung und Verkehr, durch Kino und Rundfunk, an Geräten und Maschinen bares Geld erforderte, wuchs die Not der Kinderreichen.

Auch der Bauer hat „erkannt“, daß es einen „Privatweg“ gibt, um zu einem „leichteren Dasein“, zu einem „besseren Leben“, zu „größeren Lebensgenüssen“ zu kommen, indem man „weise“ die Zahl seiner Kinder beschränkt. Er hat rasch begriffen, daß der Staat Kinderreichtum bestraft und die Oeffentlichkeit Ehre und Anerkennung für Mütter und Väter nicht kennt. Dagegen wogen die immer öfter erhobenen Vorwürfe der Dummheit und Verantwortungslosigkeit schwer.

Es ist darum nur eine selbstverständliche Gerechtigkeit, auch den Bauern in den Familienlastenausgleich einzubeziehen, um so mehr, als neben einer Minderheit reicherer Flachlandbauern die Masse kleiner Gebirgsbauern steht, die zumeist nicht mit zeitlichen Gütern gesegnet sind. Ihnen gerät die Ernte und der Viehertrag gleich gut oder schlecht, ob sie nun viele oder wenig Kinder haben. Verzehrt aber wird das Ergebnis eines arbeitsreichen Jahres um so schneller, je mehr Köpfe die Familie zählt. Kinder- und Geburtsbeihilfen sind hier ebenso nötig wie eine familiengerechte Steuerreform.

Damit wird am schnellsten ein durchgreifender Erfolg ermöglicht werden, es sei denn, die Ansätze der Zulagen bleiben almosenhaft niedrig und damit unwirksam. Eine besondere Bedeutung würden für das Landvolk die Ehestandsdarlehen erhalten, um den weichenden Kindern die Familiengründung leichter zu machen, ohne den Hof zu belasten. Ein modernes Erbhofgesetz müßte Teilung und Verschuldung hintanhalten.

Nicht übersehen darf werden, daß die Technisierung des Bauernhofes zu 90 Prozent der männlichen Arbeit zugute kam, während die Bäuerin ohne Hilfskräfte dasteht, die für sie im vorigen Jahrhundert noch selbstverständlich waren. Nadi fünf Jahren ist die jung Frau und Mutter heute abgerackert und oft physisch nicht mehr imstande, Kinder auszutragen. Das Motorrad des Sohnes ist leider wichtiger als die Waschmaschine für die Mutter.

Zur Bekämpfung der Landarbeitsflucht unserer Mädchen, zur Gesundung unserer Bäuerinnen, zur Erneuerung der Familie auf dem Lande soll und kann auch die Technik ihren Teil beitragen, indem sie durch richtige Einleitung von Wasser und Strom, durch entsprechende Anordnung der Wohn- und Wirtschaftsräume, durch praktische Einrichtung der Küche und Vorratskammer, durch Badezimmer und Haushaltmaschinen der Bäuerin tausende Schritte und unnötige Handgriffe erspart und ihr Gesundheit und Schönheit erhalten hilft.

Auch die Modeschöpfer sollten zur Kenntnis nehmen, daß die Frau auf dem Lande Kleider braucht, die ihrer Anmut gerecht werden. Sie kann sich keine auf Hungern aufgebaute Schlankheit der Städterin leisten, weil dies ihre Arbeit einfach nicht zuläßt. Alte Trachten aber sind im Leben des Alltags nur dann erträglich, wenn sie lebendig weiterentwickelt und den Bedürfnissen unserer Zeit angepaßt wurden.

Vermerken wir noch am Rande, daß auch auf dem Lande die vielfach gesundheitsschädlichen Mittel und Methoden der Empfängnisverhütung breiten Eingang gefunden haben. Während die ärztliche Wissenschaft heute klar und entschieden vielfach selbst von der medizinischen Indikation abrückt, kann man in ländlichen Gegenden eine Abtreibungsseuche feststellen, welche die Gesundheit unserer Frauen um so schwerer in Mitleidenschaft zieht, als Pfuscherhände am Werk sind. Wenn der Arzt eines größeren Dorfes durchschnittlich fünf- bis zehnmal im Monat zu Fehlgeburten geholt wird, die offensichtlich künstlich eingeleitet wurden, so spricht dies Bände.

Angesichts dieser Tatsachen ist es wohl nicht verwunderlich, wenn es mit dem inneren Glück der Familien schlecht bestellt ist. Ehebruch, häßliche Auseinandersetzungen, Tätlichkeiten und Scheidungen sind auch im ländlichen Bereich an der Tagesordnung. Ein erfahrener Volksbildner stellt fest, daß gut die Hälfte aller Ehen ungeordnet sind. Der Schulmann kann dies nur bestätigen. Die bäuerliche Lebensgemeinschaft besteht nicht mehr. Die Arbeitskräfte kommen des Morgens und gehen am Abend. Die fast feierliche Handlung des gemeinsamen Mahles ist verschwunden. Besonders schwer wiegt der Verlust des Familiensonntags. Selten der gemeinsame Kirchgang, noch seltener die gemeinsame Ruhe und Erholung. Der Sohn rattert mit dem Motorrad ins Weite, die Töchter radeln mit den Rädern ins Kino, der Vater sitzt im Gasthaus. Die Bäuerin bleibt allein im einsamen Bauernhof.

In einer Zeit, da man im wirtschaftlichen Raum den Spezialisten schätzt und hunderte Kurse uns über nützliche und notwendige Dinge belehren, bleibt die Freizeitgestaltung dem Zufall oder den Geschäftemachern überlassen, gibt es keine tiefgreifende und umfassende Elternschulung, scheint die Erziehung der Jugend zu einer sinnvollen Geschlechtlichkeit, einer guten Ehe und glücklichen Familie eine unserer geringsten Sorgen zu sein.

Es ist eine Tragik, daß zur selben Zeit, da an den Universitäten der Positivismus endgültig überwunden wurde, die großen Forscher ihre Grenzen bekennen, die Naturwissenschaft das Tor zur Ewigkeit weit offen läßt, überragende Kapazitäten sich wieder vor Gott beugen — auf dem Lande der Materialismus sieghaft vorwärts dringt und unser Volk an der Wurzel gefährdet.

Noch gibt es wie Inseln im stürmischen Meer Bauernfamilien, die es verstanden haben, den neuen technischen Fortschritt mit dem alten Geist zu verbinden. Sie vergaßen in den gesteigerten wirtschaftlichen Anforderungen nicht auf die ewigen Werte und bewahrten sich das goldene Herz menschlicher Gifte, treuer Liebe, christlichen Glaubens auch durch zwei Kriegs- und Nachkriegszeiten. Viel kommt darauf an, daß sich die Jugend an ihrem Beispiel entzünde.

Alle guten Kräfte des Landes, Erzieher und Volksbildner, Politiker und Priester, Techniker und Wirtschafter, müßten ihre Bemühungen vereinen, um die letzte innerste Bastion unserer Volkskraft, die bäuerliche Familie, zu erhalten und mit ihr alle Familien des Landes zu erneuern.

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