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Neues Leben in alte Dörfer

1945 1960 1980 2000 2020

Dorferneuerung - klingt nach Roman- tik, scheint Nostalgie zu signalisieren, Heimkehr zu einer Welt, die schein- bar endgültig dem Untergang ge- weiht ist. Spricht nicht alles dafür, daß sich der stark vom Bäuerlichen geprägte dörfliche Lebensstil unaus- weichlich auflöst? Oder ist Dorfer- neuerung etwa eine der längst fälli- gen Antworten auf die Krisenerschei- nungen unserer Gesellschaft?

1945 1960 1980 2000 2020

Dorferneuerung - klingt nach Roman- tik, scheint Nostalgie zu signalisieren, Heimkehr zu einer Welt, die schein- bar endgültig dem Untergang ge- weiht ist. Spricht nicht alles dafür, daß sich der stark vom Bäuerlichen geprägte dörfliche Lebensstil unaus- weichlich auflöst? Oder ist Dorfer- neuerung etwa eine der längst fälli- gen Antworten auf die Krisenerschei- nungen unserer Gesellschaft?

Man muß ja nur einen Blick auf die Bevölkerungsstati- stik werfen. Der Anteil der Agrar- bevölkerung sinkt und sinkt: Mach- ten die in der Landwirtschaft Täti- gen 1950 noch 32,5 Prozent der Erwerbstätigen aus, so fiel dieser Anteil bis 1981 auf 8,5 Prozent... Die Folge: massive Abwanderung aus dem ländlichen Raum, Tages- und Wochenpendeln, Überhand- nehmen von bäuerlichen Betrieben, die im Neben- und Zuerwerb viel- fach überwiegend von den Frauen

betrieben werden. Eine wahre Re- volution hat da stattgefunden.

Die Dörfer wurden aber nicht nur durch die Abwanderung aus der Landwirtschaft ausgehungert. Viel- fältig waren die Entwicklungen, die dem Dorfleben abträglich waren: Da gab es die Gemeindezu- sammenlegungen. Zweck dieser Strukturreform war die Stärkung der Finanzkraft der Gemeinden, denn je kleiner sie waren, umso weniger bekamen sie pro Kopf aus dem österreichischen Steuertopf. Gab es vor 1965 in Niederösterreich 1652 Gemeinden, so zählt man heute nur mehr 562. Durch diese Zu- sammenlegung verloren viele klei- ne Einheiten einen Kristallisa- tionspunkt ihrer Identität: den Bür- germeister, den Gemeinderat. Damit aber nicht genug: das „Aus- sterben" der Pfarrer, die Schulzu- sammenlegungen brachten einen weiteren Aderlaß, den Verlust der typischen „Animatoren".

Zum Identitätsverlust haben auch die Medien beigetragen. Sie liefern der ländlichen Bevölkerung unaus- gesetzt den städtischen Lebensstil als „attraktives" Modell in die gute Stube. Kein Wunder, daß sich städ- tische Lebensformen in den Dör- fern breit gemacht haben: die Ein- heitskleidung, Einheitsmöbel, Ein- heitshäuser mit Einheitsfenstern, alles in den Einkaufszentren er- worben. Denn längst sind auch die örtlichen Geschäfte der übermäch- tigen Konkurrenz gewichen.

Ein Hauptproblem ist weiters das Abwandern der Jugend: Das Aus- pendeln in die Schulzentren hat schon eine gewisse Entfremdung zur Folge. Kommen die Jugendli- chen aber in den Genuß einer höhe- ren Bildung, so ist ihnen die Heim- kehr ins Dorf im Grunde genommen endgültig versperrt. In den kleinen Einheiten können sie keine ange- messene Beschäftigung finden, was zu einem dramatischen Verlust an menschlicher Substanz im ländli- chen Raum geführt hat und weiter- hin führt.

Ist es verwunderlich, wenn sich dort seit langem Pessimismus breit- gemacht hat? Man fühlt sich als benachteiligter Nachzüglicher der Industriegesellschaft, dessen Lei- stungen auf Fleisch-, und But- terberge wandern oder mit Verlust exportiert werden, der zunehmend zur Schlaf statte von Pendlern und zum Zweitwohnsitz von lufthun- grigen Städtern wird. Was kann die Dorferneuerung daran ändern? Ist sie nichts als ein Trostpflaster?

Nein - im Gegenteil: Recht ver- standen erscheint sie als eine an- gemessene Antwort auf die be- sondere Herausforderung unserer Zeit. Längst leiden nämlich die Menschen mehr oder weniger be- wußt an den Folgen einer über- zogenen Industrialisierung und Zentralisierung, einer übertriebe- nen Verstädterung und Anonymi- sierung, eines naturfernen und nor- mierten Lebens. Längst spüren sie, daß sie in ihrem Überleben durch einen absehbaren Kollaps der Umwelt bedroht sind.

Eine überlebensfähige, nachin- dustrielle Gesellschaft wird ande- re Schwerpunkte setzen müssen und durch ökologisch verträgliche, und der Personalität des Menschen entsprechende Produktions- und Lebensbedingungen gekennzeich- net sein. Das bedeutet: Dezentrali- sation, sparsamer Umgang mit Energie aus sich erneuernden Quel- len, massive Einschränkung von Transportleistungen, Umstieg auf nachwachsende Rohstoffe, Recyc- ling, Heranführen des Arbeits- an den Lebensraum, Überschaubar- keit in beiden Bereichen, Vorrang der Person gegenüber der Funk- tion...

Der Ruf nach Alternativen, der heute erklingt, ist nichts anderes als die Frage nach einem neuen

Lebensentwurf, der die Schwer- punkte in unseren Bemühungen anders setzt: Unsere Gesellschaft - die reichste, die es je in der Ge- schichte gab - hat längst die Erfah- rung machen können, daß ihr der materielle Wohlstand das erwarte- te Glück gebracht hat. Wer es sehen will kann heute leicht erkennen: Wir hungern nicht nach mehr Brot, sondern nach Geborgenheit und Sinnerfüllung.

Und diesbezüglich hätte der länd- liche Raum einiges anzubieten, denn er weist immer noch viele der oben erwähnten Merkmale auf. Was bis- her als Nachhinken empfunden worden ist, könnte sich als Start- vorteil in einer nachindustriellen Gesellschaft darstellen.

Die Dinge so zu betrachten, heißt nicht die Dorfidylle zu verklären. Man muß beispielsweise nur "Schö- ne Tage" von Franz Innerhofer gelesen haben, um zu wissen, wie hart Menschen im Dorf miteinander umgehen können. Flucht vom Land war daher zum Teil auch Flucht aus Engstirnigkeit und Hartherzigkeit.

Und dennoch: Das Dorf bietet von seiner Struktur her echte Vor- aussetzungen für einen alternati- ven Lebensstil:

• Da ist zunächst der überschau- bare Lebensraum. Der Mensch im Dorf oder im Markt lebt nicht als Rädchen im Getriebe. Er hat einen Namen, ein Gesicht. Man kennt einander. Man hat die Chance, durch persönliches Engagement am Ort Dinge zu bewegen: in der Gemeinde, in Vereinen.

• Größer ist auch der Raum der Selbstgestaltung. Viele könnten sich - wenn es darauf ankäme - zur Not selbst mit Energie, Nah- rungsmitteln und Wasser versor- gen.

• Immer noch sind im ländlichen

Raum auch die zwischenmenschli- chen Beziehungen stabiler. Das zeigt nicht nur die Scheidungs- statistik, die die höchsten Werte für den städtischen Bereich ausweist. Das beweisen auch zahlenstarke und funktionierende Vereine und eine nach wie vor funktionierende Nachbarschaftshilfe.

• Für Frauen, die in der Land- wirtschaft tätig sind, fällt auch das Dilemma der äußerhäuslich Be- rufstätigen weg, sich entweder um ihre Kinder kümmern oder berufs- tätig sein zu können.

• Auch das Zusammenleben von mehreren Generation ist - trotz aller großen Schwierigkeiten, die es bereitet - im ländlichen Raum noch anzutreffen, sodaß das Al- tersheim nicht die Normlösung für den alten Menschen ist.

• Gerade der moderne Mensch entdeckt auch wieder, wie wichtig die Naturverbundenheit eigentlich ist. Die Sehnsucht des Städters nach Kontakt zur Natur kommt ja nicht zuletzt in der Flut der Zweitwohn- sitze, zum Ausdruck. Denn im Dorf kann man naturverbunden leben. Hier hat man Beziehungen zur Umgebung, zur Landschaft, zur Erde, zu den Jahreszeiten, aber auch zum Werk der Vorfahren.

• Daher gibt es in den Dörfern, Märkten und Kleinstädten - wenn auch schon sehr durch Oberfläch- lichkeit bedroht - Traditionspflege, die sich in Festen und Feiern, aber auch in äußeren Formen äußern.

All das erscheint mir wertvoll, erhahenswert und vor allem eine echte Alternative zum anonymen Lebensstil des städtischen Noma- den zu sein.

Aber: sind sich die Menschen im ländlichen Raum dieser Vorteile bewußt? Und vor allem schätzen sie diese Merkmale ihres Lebens - und zwar mit dem Herzen? Und noch etwas: Sind diese Aspekte nicht alle äußerst bedroht? (siehe dazu Seite 19)

Ein Pfarrer aus der Buckligen Welt hat es einmal klar ausge- sprochen: Entweder besinnen sich die Menschen im Dorf, im Markt, in der Kleinstadt auf den Wert ihrer besonderen Form der Lebens- gestaltung und erneuern sie oder der ländliche Raum entwickelt sich zu einer Urbanen, anonymen Lebensform im Grünen.

Es geht also um Erneuerung. Sie wird nur Erfolg haben, wenn sie mehr ist als Fassadenverschöne- rung, Erstellung von Flächenwid- mungsplänen oder Einrichtung von verkehrsberuhigten Zonen - so wichtig solche Maßnahmen auch sind und vor allem für den Start der Dorferneuerung zweifellos waren (siehe Seite 14).

Dorferneuerung wird gelingen, wenn sie sich den Grundfragen der Lebensgestaltung stellt (siehe Seite 17) - und wenn sie begleitet wird von einer generellen Umorientie- rung unserer wirtschaftlichen Aus- richtung (Seite 19).

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