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Digital In Arbeit

Wie werden sie wählen?

Bei den kommenden Gemeinderats- um Landtagswahlen in Wien und mehrere; Bundesländern werden viele junge Mensche; das erstemal an die Wahlurne treten.

Ihre ersten Eindrücke von Politik, Wirt schäft, Kultur usw. waren flüchtig und sine dann durch die Lawine des Zusammenbruche verschüttet worden. Dieser Untergang de Dritten Reiches traf aber nicht nur materiell Existenzen, er traf Millionen Menschen Menschen und Seelen. An die wenigen vo; 1938 erlebten Jahre mag die Erinnerung ar so manche wirtschaftliche Not geblieben sein Die erste Zeit nach dem Anschluß ist für der jungen Menschen vielleicht mit der Erinnerung an etwas sehr Gewaltiges, an marschierende Kolonnen, an leuchtende Fahnen an Arbeit und Brot, an Führerreden und Jungvolkappelle verbunden. Von der Not jener Familien, die 1938 ins Unglück kamen, sei hier nicht die Rede, denn die Jugend diese; Familien geht heute wie einst einen anderen Wgg,

Dem Zusammenbruch kühner Träume folgte eine Zeit des schwierigsten Aufbaues und des Ringens um die Freiheit des Landes. Tief reichte die Distanzierung weiter Kreise auch treu gebliebener Oesterreicher, vor allem auch gebildeter Menschen, von jeder Mitarbeit im öffentlichen Leben. Das dem Ocsterreicher nicht sehr zusagende Eingespanntsein in straffe Organisationen war ja eben vorbei, aber nun wollten die Menschen von Organisationen, besonders von politischen, überhaupt nichts mehr wissen. Die Uniformschcu der aus der geschlagenen Armee heimkehrenden Väter übertrug sich auf die Söhne. Und wenn heute wieder zaghaft (abgesehen von den nicht sehr starken uniformierten Parteijugendverbänden und der international verankerten Pfadfinderbewegung) Jugendgemeinschaften eine gemeinsame Tracht zu tragen beginnen, so ist es meist das unverbindliche weiße Hemd — Sinnbild aller „neutralen“ Haltung und des Bemühens, sich keiner „Farbe" verschreiben zu wollen.

Wer in den letzten Jahren in der politischen Arbeit mitgeholfen hat, weiß, wie wenige jüngere Mitarbeiter und Funktionäre in den Parteien, Kammern, Gewerkschaften usw. zu finden sind. Auch das „Beharrungsvermögen“ mancher älterer Funktionäre und Mandatare ist nicht eigentlich dazu angetan, die Geneigtheit der jungen Leute, „mitzutun", zu fördern. Ich erinnere midi an Jungwählerversammlungen vor den letzten Nationalratswahlen, die mit genügend Propagandaaufwand von den beiden großen Parteien in Linz veranstaltet wurden. Da passierte es den Sozialisten, daß angekündigte Großveranstaltungen mit Rednern von Rang und Namen von ganzen zwei Dutzend geeichten Leuten besucht waren und mehrere Veranstaltungen schamhaft zusammengelcgt werden mußten. Die Versammlung der Volkspartci war wohl etwas besser besucht,

aber auch ihre Veranstalter hatten einen zu großen Saal gemietet… Dabei ist bei den Funktionären und Mitgliedern von Parteijugendverbänden eine Radikalisierung zu bemerken, die ein kameradschaftliches Gespräch fast ausschließt. Mit Erschütterung stellt man fest, daß die Kluft, die seit langer Zeit die Väter getrennt hat, nun auch die Jungen nicht mehr zusammenkommen läßt.

Der Sport hat sein Zeitalter selbstbewußt angetreten, und die Leistungen, die dort verlangt werden, fressen den ganzen Menschen. Das Fernweh aller Jugend hat sich heute motorisiert; was einst erwandert wurde, wird nun mit etlichen Pferdekräften einer „Maschine“ oder eines Rollers durchrast bis in ferne Länder, ohne daß bei dieser Raserei echte Eindrücke aufgenommen werden können.

An die Gründung einer Familie wird nicht gerne gedacht: Wohnungen sind rar, und für Kino und Sonntagsausfahrt gibt es Mädchen auch so genug. Die Beispiele darbender Familien mit einigen Kindern sind nicht verlockend, die Wohnungseinrichtung kostet so viel wie ein Motorrad, da fällt die Wahl nicht schwer… Wird dennoch geheiratet, so gehen Mann und Frau arbeiten, dann wird ein Roller gekauft, denn „man will ja leben“. Daß es bei so motorisierten Ehen dann sehr leicht Pannen gibt, ist nicht verwunderlich.

Ist das zu schwarz gesehen? Ich möchte den ehrlichen Gegenstimmen sagen, daß ich sehr wohl um die Kräfte weiß, die sich gegen diese Entwicklung stemmen. Ich kenne, selbst viele Jafirc Jugendführer, aus Erfahrung das heiße Bemühen staatlicher, kirchlicher, politischer und wirtschaftlicher Einrichtungen, deren opferbereite Leiter große und allzuoft unbedanktc und unbekannte Arbeit leisten. Es gibt nur noch wenige gute und gesunde Familien, und die opfervollste Arbeit von Priestern, Lehrern und Jugendführern scheitert oft daran, daß unseren jungen Menschen das Daheim fehlt.

Die größte Jugendgemeinschaft unseres Vaterlandes, die „Katholische Jugend Oesterreichs“, hat gerade in den vergangenen zwei Jahren (einen Aufbruch bedeutete der Wiener Katholikentag) ihre Arbeit unter den Gedanken der Mitarbeit am öffentlichen Leben gestellt, deren Erfolge heranreifen. Vielenorts ist ein Aufbruch zu verspüren, nicht zuletzt auch bei den Förderungseinrichtungen verschiedener Kammern. Wir brauchen nicht ohne Hoffnung sein, wohl aber müßten alle Berufenen, voran die Eltern und die Erzieher, ihre Anstrengungen vergrößern und dabei Kleinigkeiten organisatorischer und personeller Art, die sich hemmend auswirken, zurückstellen. Organisatorische Mängel sind zu beheben, einer nach 1945 eingerissenen Modernisierungssucht, die alles „Alte“ zum Gerümpel werfen wollte, ist längst die Einsicht gefolgt. Gerade in den Spalten der „Furche“ ist schon einige Male auf die Erfahrungen und Erfolge früherer Zeiten hingewiesen worden, die sich die Jugendführung von heute mehr als bisher zunutze machen sollte. Als Beispiel sei erwähnt, daß es der katholischen Landjugend, die einen sehr erfreulichen Aufstieg zu verzeichnen hat, noch heute nicht überall gelingt, die gediegene Arbeit der alten Burschenvereine mit gleichem Erfolg fortzusetzen. Daß die Katholische Arbeiterjugend (KAJ) eine echte Hoffnung der Kirche ist, ist unbestritten. In vielen Städten nimmt sich das Kolpingwerk mit modernsten Einrichtungen der Lehrlings- und Gesellenjugend an — wo da und dort vielleicht noch Staub haftet, wird er wohl noch wegzublasen sein! Der Politikfeindlichkeit der Jugend — nicht nur der in Gemeinschaften erfaßten — steht oftmals ein fast nicht zu stillender Bildungshunger gegenüber, und auf Werkausstellungen. .von Lehrlingsheimen u. dgl. wie auch bei den Ausstellungen von Schulen, vor allem der technischen Sparte, sieht man Stücke, die Freude machen.

Wenn aber schon die gesunde Jugend so schwer für ihre Aufgaben von morgen zu interessieren ist, wie unvergleichlich schwerer ist es nun, an jene jungen Menschen heranzukommen, die uns allen jeden Tag begegnen, die vor den Kinos scharenweise stehen, die über die Landstraße rasen, die die Betriebe bevölkern, die Sportplätze füllen. Welchen Weg geht die hübsche junge Verkäuferin, die abends „abgeholt“ wird, deren Mutter daheim die Wäsche stopft, und wäscht? Die große Masse der Jugend steht in keiner Gemeinschaft. Diese Massen können wir zumeist mit unserem Wort nicht mehr erreichen, sie hören unsere Lieder nicht mehr (weil Fremdes das Gehör zugrunde gerichtet hat). Und doch wissen wir und spüren wir,

daß auch in dieser Jugend eine tiefe und große Sehnsucht vorhanden ist. Manchmal kommt einer und kann sie noch ansprechen, so wie der junge deutsche Jesuitenpater Leppich. Denn dieser Mann war einer, der das alles selbst mitgemacht hat: von der Hitlerjugend durch die Elendsquartiere. Die Sehnsucht ist da.

Aber nur wenige unserer führenden Männer verstehen das. Zumeist wird nur über die Interesselosigkeit der Jungen geklagt und die Schlechtigkeit der Jugend und der Zeit angeprangert. Wenn einmal einer offene Kritik wagt, wird bequem und mit dem Recht des Stärkeren und Aeiteren mit der „Unerfahrenheit“ und „Disziplinlosigkeit der heutigen Jugend“ aufgefahren — das Kritisierte aber bleibt beim alten. Es fehlt zu allererst das gute Beispiel. Es fehlt die

Liebe zu dieser Jugend, die in eine Zeit gestellt wurde, die auch die Alten nicht vollends meistern konnten.

Die Sendung Oesterreichs ist nicht zu Ende, und dieses Oesterreich wird einmal die Jugend von heute verkörpern, die einst der heutige Heilige Vater als die „Vorhut der Zukunft“ bezeichnet hat. Welchen Weg nimmt diese Vorhut?

Was die Art und Weise betrifft, unsere jungen Menschen für die Mitarbeit im öffentlichen Leben zu gewinnen und zu interessieren, ist gerade seitens der Oesterreichi- schen Volkspartei sehr viel experimentiert worden. Daß diese Aufgabe einer Parteijugendorganisation nicht allein übertragen werden kann, sollte längst allen Verantwortlichen klar sein. In Wien wurde vor einiger Zeit eine Einrichtung geschaffen, die sich „Junge Aktion“ nennt. In dieser „Jungen Aktion“ sollen junge Kräfte, die aus christlichen Lagern kommen, für ihre Aufgaben im öffentlichen Leben vorbereitet und geschult werden. Die Einrichtung dieser „Jungen Aktion“ in allen Bundesländern wäre wünschenswert. Wollen wir hoffen, daß diesem Beginnen ein Erfolg und jede Unterstützung beschieden sein möge. Denn es kann uns allen nicht gleichgültig sein, wie sie morgen in Oesterreich und Europa wählen wird, diese Jugend!

Thomas Kocher, Linz

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