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Ein Wort zur Zeit

Auch der Bischof möchte unter denen ein, die aui ganzem und aufrichtigem Herzen Gottes Segen für das Jahr 1962 wünschen. Ich wünsche allen viel Glück und viel Gesundheit. Ich wünsche vor allem Frieden — Frieden mit Gott, Frieden in der Familie, Frieden am Arbeitsplatz — und nicht zuletzt auch Frieden in unserem Volke und in der ganzen Welt.

Der Bischof von Rom, der Heilige Vater, hat in seiner letzten Weihnachtsansprache darauf hingewiesen, daß alle Welt nach Frieden dürstet. Im vergangenen Jahr hat Gott uns vor einem Krieg bewahrt. Von einem dauernden und wahren Frieden in der Welt sind wir aber — so scheint es — weiter denn je entfernt.

Es ist ein großes Glück und ein wirklicher Segen, daß auch in unserer Heimat, unserem Volk und unserem Vaterland der innere Friede erhalten geblieben ist. Dafür wollen wir Gott besonders danken. Es sind kaum dreißig Jahre vergangen, das heißt, vor einer Generation war es, daß ein tiefer Riß durch unser Volk ging. Bürger des kleinen Staates standen einander bewaffnet gegenüber. Wirtschaftliche Not und politische Panik führten dazu, daß man in der Gewaltanwendung den einzigen Ausweg sah. Das Vaterland war zum Spielball politischer Gegner geworden, die einander feindlich gegenüberstanden. Nicht wenige waren der Meinung, daß selbst die Kirche in Parteiungen verstrickt sei. Ihre Stimme find daher kein Echo im Ohr und im Herzen Verzweifelter und Verblendeter.

Heute können wir auf ein versöhnliches Jahr zurückblicken, auf ein Jahr wirtschaftlichen Aufschwunges und eines Wohlstandes, wie wir es vor dreißig Jahren niemals auch nur zu ahnen wagten. Es gibt wieder Arbeit und Brot für jeden im Land. Was für Tausende einst ein unerreichbarer Luxus gewesen ist, das ist für viele heute eine Selbstverständlichkeit geworden. Es gibt keine bewaffneten Bürgerkriegsarmeen, wir haben eine Regierung, die sich auf eine große Mehrheit des Volkes stützen kann. Die Kirche wird von niemandem mehr verdächtigt, nur Anwalt eines Teiles zu sein; sie kann heute ihre Aufgabe, das moralische Gewissen der Nation zu sein, ungehindert erfüllen. Ihre Stellung ist wieder geachtet und gefestigt. Haben wir nicht alle Ursache, mit uns, dem Lauf der Welt zufrieden zu sein?

Das alles aber darf uns nicht hindern, die Schwierigkeiten und Gefahren zu sehen, denen wir trotz allem — vielleicht gerade wegen einer solchen Selbstzufriedenheit — von innen und außen ausgesetzt sind. Gewiß, wir leben in einem Wohlstand, bescheiden vielleicht nach den Maßstäben anderer, aber beachtlich gegenüber der Net, die uns noch vor Jahrzehnten bedrängte. Wir wollen und müssen Gott dafür besonders dankbar sein.

Aber hat dieser bescheidene Wohlstand, der uns nicht mehr hungern und frieren läßt, der uns manche Annehmlichkeiten, nützliche und überflüssige, beschert, hat er uns nicht unempfindlich gemacht gegenüber der Not und dem Elend, die für einen gewiß klein gewordenen Kreis von Mitbürgern noch bestehen? Unempfindlich gemacht auch für den Hunger von Millionen, die gleich uns Menschenantlitz tragen und gleich uns Kinder desselben himmlischen Vaters sind? Wir haben in bitterster Zeit die Hilfe der Welt erfahren. Wir sollen uns daher nicht heute davor drücken, wenn andere uns um ihre Hilfe bitten — in den Entwicklungsländern und aus dem eigenen Volke. Unsere Alten müssen nicht mehr hungern und brauchen nicht betteln gehen. Aber auch die beste Sozialgesetzgebung der Welt kann nicht verhindern, daß alte Leute hilflos und einsam sind, daß Familien, wo die Mutter fehlt, in Unordnung und Verwahrlosung versinken, weil man Liebe, Güte und Hilfsbereitschaft nicht mit Geld allein kaufen kann. In unseren Spitälern, die mit den modernsten Apparaten ausgestattet sind und über die besten Ärzte verfügen, kann manchmal nicht in ausreichender Weise Hilfe geboten werden, weil die Schwestern, die Pflegerinnen fehlen. Erwächst nicht hier für unsere Jugend, besonders für unsere Mädchen, eine große und wirklich menschliche Aufgabe?

Wenn in einer Familie — ich spreche zunächst gar nicht von einer kinderreichen Familie —, wenn heute in einer Familie eine junge Mutter mit nur zwei bis drei Kindern krank wird, dann ist dies eine Katastrophe. Eine Mutter darf heute, so muß man sagen, überhaupt nicht krank werden. Wir bilden in unserer Diözese Familienhelferinnen aus, tapfere und tüchtige Mädchen, die einspringen können, wenn ein großer Haushalt wegen der Krankheit der Mutter plötzlich zum Stillstand kommt. Aber was nützt das eine Dutzend solcher Helferinnen jedes Jahr, wenn hunderte notwendig wären. Auf der anderen Seite gibt es heute so viele Mädchen, die ihre Freizeit vertrödeln, weil ihnen niemand sagt, daß es etwas Größeres und Besseres zu tun gibt. Sollte es auch nicht für uns möglich sein, ein Hilfskorps von geeigneten, geschulten und hilfsbereiten jungen Mädchen für unsere Familienmütter aufzustellen, auf deren Schultern eine viel zu große Last liegt?

Noch etwas anderes: Unsere Wirtschaft ist voll beschäftigt, überall zeigt sich Not an Arbeitskräften. Tausende von ausländischen Arbeitern, so sagt man, werden heute benötigt. Es gibt in unserem eigenen Lande Tausende von Menschen, die wohl das Recht haben, nach einem Leben langer Arbeit, in Ruhe ein bescheidenes, aber auskömmliches Dasein zu führen. Viele von diesen aber möchten gerne arbeiten, nicht nur, weil sie ein paar Schilling gut gebrauchen können, sondern vor allem, weil sie noch das Gefühl haben, arbeiten zu können; weil sie das Bewußtsein haben, noch gebraucht zu werden, weil ihnen die Arbeit noch Lebensfreude und Lebensinhalt ist. Auf ihre Erfahrung, auf ihre Kenntnisse, auf ihr Pflichtbewußtsein kann ein Volk nicht leichten Herzens verzichten. Wäre es nicht einer Überleitung wert, Voraussetzungen dafür zu schaffen, diesen Menschen mit der

Arbeit wieder Lebensfreude und der Volkswirtschaft wieder Arbeitskräfte zu geben?

In unserem Lande mit seinem inneren und äußeren Frieden scheinen Demokratie und innere Freiheit ungefährdet zu sein. Aber gerade in den letzten Monaten des abgelaufenen Jahres mußten wir mit Erstaunen das Wiederaufleben eines Geistes beobachten, den wir längst überwunden glaubten. Hat ein kleiner Teil unserer Jugend nicht aus der Vergangenheit gelernt? Oder müssen wir nicht vielmehr sagen, daß wir unsere Jugend zu wenig über die, Vergangenheit unterrichtet haben? Wir waren ohne Zweifel stolz daräjuf, daß dieser Jugend die Kämpfe ihrer Väter erspart geblieben sind, daß sie einig war in ihrem Bekenntnis zu Österreich. Wo aber haben wir ihr dieses Österreich gezeigt? Wir waren stolz auf unsere Demokratie; aber haben wir der Jugend diese Demokratie auch vorgelebt?

Haben wir vielleicht in unserer Erziehung versagt? Erziehung ist Liebe, ist Vorbild und Beispiel. Wir haben gemeint, uns von dieser Liebe freikaufen zu können durch Geschenke und mit Freiheiten, die aus einem schlechten Gewissen gegeben worden sind. Die Jugend aber will keine Geschenke, sondern einen Sinn und eine große Aufgabe in ihrem Leben sehen. Sie ist bereit, dafür große Opfer zu bringen. Die Jugend will nicht beschenkt, sondern verpflichtet werden. Und unser Beispiel? — Es hat nicht an schönen Reden gefehlt — aber einer nüchternen Jugend genügen schöne Reden nicht. Sie will den Einklang sehen zwischen Reden und Taten. Es ist nicht ihre Schuld, wenn sie manchmal das Empfinden haben mußte, daß zwischen Reden und Taten ein Gegensatz besteht; daß zwar von Verantwortung, von Pflichtbewußtsein, von Zusammenarbeit, von Demokratie und Österreich viel geredet wird, daß aber dabei der Eindruck nicht ganz verwischt werden kann, daß mit Leichtfertigkeit, Sorglosigkeit, Verantwortungslosigkeit, Dummheit und Bosheit gehandelt wird; daß statt Rücksichtnahme auf das Wohl des Ganzen ein krasser Egoismus der einzelnen, der Stände und Parteien den Ausschlag gibt; daß die Demokratie durch Willkür untergraben und das Bekenntnis zu Österreich durch Heuchelei ausgehöhlt wird.

Dieses Österreich, an einer entscheidenden Stelle der Welt gelegen, wird den Gefahren, die von außen herantreten können — und daß sie es können, darüber wollen wir uns keine

Illusionen machen —, nur dann standhalten können, wenn es im Inneren geschlossen, stark und einig ist, geschlossen im Eintreten für ein unabhängiges Österreich, stark in der Verteidigung der Demokratie, einig im Bekenntnis zur Freiheit. Das sind die Grundlagen unseres Staates. Kleine Staaten sind in ihrer Existent mehr als manche große von moralischen Faktoren abhängig, von der direkten Einhaltung eingegangener Verpflichtungen, von der Rücksichtnahme auf die Empfindlichkeiten anderer. Aber all das, so notwendig es auch ist, wird uns letztlich nicht schützen, wenn wir nicht bereit sind, die Sache des Vaterlandes zu unserer eigenen zu machen, wenn unsere Jugend nicht weiß, warum sie für dieses Vaterland auch Opfer bringen soll.

Die Ruhe, der Wohlstand, die Konjunktur sollen uns nicht darüber hinwegtäuschen, eines Tages vielleicht einer Situation gegenüberzustehen, bei der es nicht darum geht, den größeren Vorteil, das größere Stück Kuchen zu versprechen oder zu neiden, sondern darum, gemeinsam das trockene Brot unserer Existenz zu verteidigen. Beten wir zu Gott, daß dieser Tag niemals komme. Wenn er aber kommt, dann soll unsere Jugend den Vätern nicht den Vorwurf machen müssen, daß sie in Sorglosigkeit, Leichtfertigkeit und Pflichtvergessenhett, erstickt im Wohlstand und geblendet vom Konsum, das Vaterland, die Demokratie und die Freiheit vertan und vergeudet haben.

Die Kirche kann hier nur mahnend ihre Stimme erheben. Aber die Sorgen' des Volkes sind auch ihre Sorgen. Und wo das Volk seine Sorgen vergißt, da muß die Kirche doppelt Sorge tragen und auf Dinge hinweisen, die nicht immer angenehm sind. So wie die Kirche durch Jahrhunderte mit unserem Volk und Staat verbunden gewesen ist, seine Sorgen geteilt hat, so will sie es auch in Zukunft tun. Sie will dem Lande und seinen Menschen zur Seite stehen in guten und in ernsten Tagen.

Sie hat in den Tagen der Not und der Bedrängnis Trost gespendet und uns auf bessere Zeiten hoffen gelernt. Sie hält es jetzt, da es uns gut zu gehen scheint, für ihre Pflicht, daran zu erinnern, daß Gottvertrauen, Nüchternheit, Pflichtbewußtsein und Verantwortung noch immer die Pfeiler sind, auf denen unser Gemeinwesen beruht. Nur dann, wenn wir darauf nicht vergessen, wird auch das Jahr 1962, was es auch immer bringen mag, ein gutes, ein gesegnetes und - so wollen wir es hoffen — auch ein glückliches werden.

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