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Was ist vom neuen Wiener Erzbischof zu erwarten?

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Pater Hermann Groer wird am 14. September im Wiener Stephansdom zum Bischof geweiht und „ergreift Besitz“ von der Erzdiözese Wien. Damit kommen viele Anliegen und Aufgaben auf ihn zu.

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Pater Hermann Groer wird am 14. September im Wiener Stephansdom zum Bischof geweiht und „ergreift Besitz“ von der Erzdiözese Wien. Damit kommen viele Anliegen und Aufgaben auf ihn zu.

Wenn man einen Menschen nicht kennt, ist es unmöglich, die eigenen Erwartungen, die eigenen Hoffnungen, die eigenen Träume an ihm zu messen. Und ich kenne Erzbischof Groer, kenne Pater Hermann noch nicht persönlich. Nur während seiner ersten Pressekonferenz habe ich ihm zugehört, ihm zugeschaut. Nach einem solch oberflächlichen Eindruck aber Erwartungen auszurichten, wäre falsch, ist unzulässig.

So träume ich von einer Kirche, in der das Feuer der Liebe Christi neu entfacht wird, in der der Geist wirklich wehen kann, wo Er will, die zu einer lebendigen und missionarischen Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern, zu einer geschwisterlichen Kirche aufblühen könnte. Ich träume von einem Volk Gottes, das das Evangelium neu liest, neu begreift und glaubwürdig lebt, das Mut zur eigenen Botschaft hat, sich am Kreuz nicht vorbeischwindelt und die Auferstehung in Freude verkündet, das nicht nach Sicherheiten schielt, sondern das Risiko des Lebens täglich neu auf sich nimmt.

Den Frieden, den Christus uns gegeben, uns hinterlassen hat — als Auftrag hinterlassen hat, und der die Fülle des Lebens in Gerechtigkeit und Freiheit, in Glaube, Hoffnung und Liebe meint, diesen Frieden kann man nicht verwalten, nicht von bürokratischen Apparaten portionieren und verteilen lassen, nicht zwischen Aktendeckeln verwahren und in Paragraphen gießen. Dieser Friede, der nicht von dieser Welt, aber für diese Welt ist, wird nur dort wachsen und Frucht bringen, wo das „Weizenkorn in die Erde fällt und stirbt“, wo Menschen „ihr Leben nicht festhalten bis hinein in den Tod“.

Eine zu solchem Frieden befreite Kirche wünsche ich mir, eine Kirche, die nach der „Bergpredigt duftet“, wie Mahatma Gandhi das einmal formuliert hat.

Eine solche Kirche würde von den „Zeichen der Zeit“ nicht nur reden, sondern sie klar erkennen und danach handeln in die Zukunft hinein, auf das Reich Gottes hin und nicht immer hintennach-stolpern, ängstlich und unglaubwürdig. Eine solche Kirche würde auf der Seite der Schöpfung stehen, würde mutig auftreten gegen die Kräfte der Zerstörung und nicht auf politische Opportunitäten Rücksicht nehmen. Eine solche Kirche würde auf der Seite der Armen - der materiell Benachteiligten wie der seelisch Verarmten - stehen, auf der Seite der Verängstigten, der Verzweifelten, der Abgeschobenen, der Kleinen, der Schwachen, der Ohnmächtigen, und zwar nicht mehr nur als Caritas, sondern als Zeichen der Gerechtigkeit, und würde von dort her eine Strahlkraft bekommen, die sie in diesen Zeiten der Dinge verloren hat.

Um aber so Kirche zu werden, dazu muß man den Menschen Mut machen, muß man ihnen den Rük-ken stärken und darf nicht versuchen, ihnen den Willen zu brechen und die Phantasie auszublasen. Selbst betroffen muß einer betroffen machen, selbst begeistert muß einer Begeisterung wecken, selbst liebend muß einer zur Liebe entflammen.

Ob er — dieser für fast alle so überraschend zum Erzbischof gekürte Benediktinermönch, dieser fromme Mann, dieser Beter aus Maria Roggendorf -, ob er das ist, das kann? — Ich weiß es nicht. Wir werden sehen.

Die Autorin ist Stadträtin der OVP in Wien.

Nach dem Diplomaten Franz König sei nun ein Mann ganz nach dem Geschmack des Papstes: „fromm“ und „marianisch“, ernannt worden, sagen die großen Vereinfacher. Wie das? Ist Kardinal König nicht fromm? Hat er keinen Rosenkranz? Verehrt er die Muttergottes weniger als Pater Hermann Groer? Noch mehr: War Bischof Paul Rusch fromm oder unfromm, weil er unsere Sexualethik für überholt erachtete?

Ja, war denn Jesus fromm (weil er fastete und betete) oder nicht fromm (weil er die jüdische Hierarchie kritisierte, seine Glaubensbrüder gelegentlich „Schlangenbrut“ nannte und seine Mutter zur Ordnung rief)?

Ich will mit diesen provokanten Fragen nur andeuten, daß Frömmigkeit viele Gesichter hat und daß es daher albern und unzulässig ist, die eine Frömmigkeitsart gegen die andere ausspielen zu wollen.

Ich erwarte von einem jeden Oberhirten, ja von einem jeden Christen, daß er seine Art der Frömmigkeit nicht zum Maßstab aller Frömmigkeit schlechthin macht, denn dieser Maßstab ist allein Jesus Christus, der „maßgebende Mensch“, wie ihn einst Karl Jaspers nannte.

Wer die jeweils nach Temperament, Bildung, Intelligenzschärfe und Glaubensreife andersartige Frömmigkeit seines Mitchristen nicht dulden möchte, ist bereits grundsätzlich unfromm. Ein Oberhirte muß ein Mann der Integration sein, der die Verschiedenheit der Charismen und Frömmigkeitsformen erkennt und anerkennt und sie über dies hinaus, im Interesse des Reiches Gottes, fördert.

Katholische Angsthasen und Klageweiber (wie sie Papst Johannes XXIII. nannte) wollen vor den Problemen der Gegenwart stets ins Schneckenhäuschen der

Vergangenheit flüchten. Aus einer falsch verstandenen Identität der Kirche heraus, versuchen sie stets auf heutige Fragen gestrige Antworten zu erteilen. Doch 1986 ist weder 1563, noch 1870, nicht einmal 1965. Ich nenne nur Probleme wie künstliche Befruchtung oder Retortenbabys. Wir müssen uns stets auf die Botschaft Christi neu besinnen und sie einer jeden Epoche neu vermitteln. Geschichte und Tradition können dabei eine beratende, niemals aber eine bestimmende Rolle spielen.

Ich wünsche mir einen Erzbi-schof, der die Zeichen der Zeit lesen und sie aus der Botschaft Christi neu zu deuten versteht. Der geschichtliche Formen und Formeln dort verwendet, wo sie noch gültig sind, aber auch den Mut hat, sie dort wegzuwerfen, wo sie zu Leerformen und -formein geworden sind. Dialogfähigkeit, geistige und intellektuelle Tiefe und Weite, Grundsatzfestigkeit, aber auch Flexibilität, Toleranz und Menschennähe und Integrationsfähigkeit, vor allem aber unerschütterlicher Glaubensoptimismus sind — so glaube ich — jene Ingredienzen einer „devotio mo-derna“ unserer Zeit, die den Menschen von Heute erreichen. Denn die Kirche ist für den Menschen da und nicht umgekehrt.

Erst eine solche „menschenfreundliche“, auf die Fragen der Menschen eingehende und auf dem Geist Gottes vertrauende Kirche wird jene weitgehend vorhandene Abneigung abbauen können, die nicht einmal die Schlechtesten unter uns nach wie vor verbittert sagen läßt: „Christus ja, Kirche nein!“

Der Autor ist Priester und Publizist

Aufgefordert, meine Erwartungen an den neuen Erzbischof Pater Hermann Groer zu formulieren, zögere ich. Natürlich ist es legitim, sich nach der Entscheidung des Papstes klarzuwerden, was man sich von seinem Kandidaten wünscht, „wie man ihn gerne hätte“, welche Anliegen man ihm unterbreiten möchte. Aber formulierte Erwartungen schreiben auch fest. Mit Erstaunen lese ich in unseren Medien, wie fest manche Erwartungen an den „Wendebischof“ bereits geschrieben sind, so als hätte man der Wiener Erzdiözese ein neues ideologisches Programm vorgesetzt und nicht einen Menschen. Einen Menschen, mit dem man reden, sich auseinandersetzen kann, notfalls auch streiten, der Erfahrung mitbringt und lernen kann.

Meine erste Erwartung, mein tiefster Wunsch für Pater Hermann: in seinem schweren Amt nicht die eigene Individualität zugunsten des grauen Gesichtes der Institutionen und Apparate zu Verlieren, eben Mensch zu bleiben, was heißt: Erwartungen zu überbieten und zu enttäuschen, neue zu wecken, Hoffnung zu geben. (Wer hätte damals „erwarten“ können, wie Kardinal König sein Amt leben würde?)

Natürlich . wünsche ich mir, wünschen wir uns von einem Mann, der unserer Großvätergeneration angehört, das, was Großväter auszeichnet. Die Bereitschaft zum Gespräch, die Fähigkeit, zuzuhören, sind dabei zentral. Für mich ist der Wille zum Dialog eine Grundvoraussetzung, um Kirche zu bauen. Nicht nur von Bischöfen ist er heute besonders gefordert. Gleichzeitig geht hier eine Erwartung an mich selbst und meine Generation: angesichts der Größe der Aufgabe geduldig zu sein und zu verstehen, ■ wie schwer es ist, allen Facetten kirchlichen Lebens auch nur annähernd gerecht zu werden.

Offenheit wünschen wir uns für die vielen Wege katholischen Christseins. Unbeschadet seiner eigenen Uberzeugungen und Prägungen sollte ein Bischof auch das ihm Fremde, das andere zulassen, das Unkraut nötigenfalls ohne Furcht mit dem Weizen wachsen lassen, den Wein nicht beurteilen, bevor er vergoren ist, vertrauen auf den eigenständigen Glauben der Gläubigen. Wir, die Katholische Hochschuljugend, brauchen auch in Zukunft Spielräume für eigene Versuche, ja sogar die Freiheit, scheitern zu können.

Wir vertrauen auf das Verständnis Erzbischof Groers für die Aporien, die uns heute tief bewegen, weil sie an unser Uberleben rühren: die Bedrohung durch wuchernde Kriegsvorbereitung, durch Zerstörung der Umwelt... Wir hoffen auf ein offenes Ohr in Fragen innerkirchlicher Kontroversen, etwa was die Stellung der Frau betrifft, und wünschen uns ein reflektiertes und problembewußtes Umgehen mit kirchlichen Moralvorschriften.

Gerade in Wien sollte das Bewußtsein von den vielen Schwierigkeiten der Christen in sozialistischen Ländern nicht verlorengehen. Wir hoffen, daß das Gespräch mit allen politischen Parteien Österreichs fortgeführt wird und man nicht in einseitige Bevorzugung zurückfällt. Die ökumenische Verständigung sollte weiterhin gefördert werden. Besonders wichtig ist dabei für uns das Gespräch mit jüdischen Schwestern und Brüdern. Mit besonderer Spannung erwarten wir natürlich die Ernennung eines neuen Hochschulseelsorgers für Wien und hoffen, im Prozeß der Entscheidungsfindung unseren Teil beitragen zu können.

Der Autor ist Vorsitzender der Katholischen Hochschuljugend Österreichs.

Was erhoffe, was wünsche ich mir vom neuen Erzbischof? Um der Gefahr zu entgehen, sich einen durch und durch subjektiven Wunschzettel zu erträumen, sei der Versuch unternommen, an Hand von Konzilstexten Erwartungen zu formulieren.

Im Bischöfe-, im Priester- und im Laiendekret, in der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ und in der Kirchenkonstitution „Lumen gentium“, in der Liturgiekonstitution, im Missions-: und im Massenmediendekret ist von den Aufgaben eines Bischofs die Rede. Gezielte Zitatauswahl ist unvermeidlich.

„In erster Linie ist es Pflicht der Bischöfe, zu den Menschen zu gehen und das Gespräch mit ihnen zu suchen und zu fördern“: Diesen Auftrag aus dem Bischöfedekret wird P. Hermann ohne Zweifel aufgreifen.

Zu hoffen ist, daß er die richtigen Leute trifft und anhört — besser: aus allen Gruppen welche, nicht nur „Berufskatholiken“, Einflüsterer, Anbiederer und Vernaderer, die.sich ihm aufdrängen werden.

Das brüderliche Gespräch innerhalb der Kirche auch über Kontroversthemen ist unverzichtbar geworden. Dem offenen, freimütigen, auch kritischen Wort wird wohl kein Bischof der Welt mehr das Gastrecht verwehren können oder wollen.

Die „mütterliche Sorge der Kirche“, so dieselbe Quelle, muß „allen Menschen“ gelten, „seien sie gläubig oder ungläubig“. Diese Offenheit, diese tolerante Unvor-eingenommenheit hat Kardinal König beispielhaft vorgelebt. Ihr Fehlen würde bei einem Nachfolger schmerzhaft empfunden.

Auch Noch-, Halb-, Vielleicht-und Nichtgläubige sind heute vielfach bereit, in Fragen der Menschenrechte und der Menschenwürde auf ein bischöfliches Wort zu hören. Es wäre schade, wenn ein solches sich engherzig, kleinkariert, schulmeisterlich anhörte.

Die Aufgaben der Bischöfe werden vom Konzil mit vielen Verben beschrieben: zu lehren, leiten, heiligen, urteilen, regeln, verkünden ist ihnen aufgetragen. In „Gaudi-umet spes“ stehen Hauptwörter, die das Tun erläutern: durch „Rat, Zuspruch, Beispiel, aber auch in Autorität und heiliger Vollmacht“ soll ihr Wirken sich vollziehen.

Darf man das „Aber auch“ als gewollte Reihung deuten? Rat, Zuspruch und Beispiel sind jedenfalls die stärker überzeugenden Verhaltensweisen. Sie verleihen mehr Autorität als Anordnungen, die aus Amtsautorität er-fließen.

Die Priester der Diözese werden glücklich sein, wenn ihr Bischof sie wie „Söhne und Freunde“ behandelt, wie die Kirchenkonstitution empfiehlt. (Im Priesterdekret werden sie als „Brüder und Freunde“ des Bischofs apostrophiert, aber mit dem Ernstnehmen von Verwandtschaftsvokabeln tut sich die römische Kirche sowieso nicht leicht, siehe: „Auch sollt ihr niemanden auf Erden euren Vater nennen...“ Matthäus 23,8).

Daß das Konzil ausdrücklich rät, der Bischof solle sein „tatkräftiges Erbarmen“ auch gefährdeten Priestern zuwenden, ist ein herzwärmender Wunsch: An Priestern, die unter ihrem Auftrag leiden, die ihr Amt zurückgelegt haben oder es in frommer Fassadenlüge ausüben, könnte ein barmherziger Bischof Wunder der Liebe tun.

Sodann fordert die Kirchenkonstitution vom Bischof, „nach dem ehrwürdigen Beispiel der Vorzeit in umfassender Liebesgemeinschaft den anderen Kirchen, besonders den benachbarten und bedürftigeren, brüderliche Hilfe zu gewähren“.

Das ist, alles in allem, ein sehr konkreter, sehr klarer Auftrag zur Ökumene, zur Nachbarschaftshilfe (wer dächte da nicht vor allem an die Kirchen in Osteuropa?) sowie zur Missions- und Entwicklungshilfe. Ihn unterstreicht noch die prachtvolle Formulierung des Missionsdekretes, jeder Bischof habe „nicht nur für eine bestimmte Diözese, sondern für das Heil der ganzen Welt“ die Weihe empfangen.

Die Pastoralkonstitution wieder verpflichtet ihn dazu, „die Nöte unserer Zeit nach Kräften zu lindern, und zwar nach alter Tradition der Kirche nicht nur aus dem Uberfluß, sondern auch von der Substanz“.

Es muß also ein Bischof vor allem auch ein Mann der Caritas sein, und Caritas muß der Kirche als Institution genauso wehtun wie dem einzelnen Christen, wenn aus seiner Substanz Not-, Missions- und Entwicklungshilfe gefordert wird.

Da müßte ein Bischof schon den Mut haben, sich im Bedarfsfall auch mit dem eigenen Finanzkammerdirektor anzulegen.

Bleiben vielleicht noch die Massenmedien. Sie soll, folgt man dem ihnen gewidmeten Konzilsdekret, der Bischof „fördern“, „koordinieren“ und ihnen seine „wache Sorge“ zuwenden.

Also, ganz offen gestanden: In jedem dieser Wörter stecken Miß-verstehenschancen. Da soll sich ein Bischof nicht allzusehr den Kopf darüber zerbrechen, wie er diese nutzen könnte. Die „wache Sorge“ sollte vor allem den Menschen gelten, denen Journalisten durch selbstgerechte Urteilsanmaßung lieblos unrecht tun.

Heißt einer von ihnen etwa P. Hermann Groer?

Der Autor ist Vorsitzender des Verbandes Katholischer Publizisten Österreichs.

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