7105503-1995_29_06.jpg
Digital In Arbeit

Schlaft nicht gleich wieder ein!

1945 1960 1980 2000 2020

Die Innsbrucker und die Weizer Initiative geben Anstoß, sein eigenes Kirchenleben wieder selber in die Hand zu nehmen.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Innsbrucker und die Weizer Initiative geben Anstoß, sein eigenes Kirchenleben wieder selber in die Hand zu nehmen.

Mehr als 500.000 Unterschriften. Alle sprechen von einer Sensation. Die einen freuen sich, sehen darin ein Zeichen des Aufbruchs, ein Zeichen dafür, daß diese Kirche in Österreich lebt, lebendig ist. Die anderen reagieren mit Angst, mit Panik fast, und malen das Gespenst der Polarisierung, ja des Schismas an die wohl gemauerte Wand.

Den einen möchte ich sagen: „Ja, freut euch, daß die Kirche lebt, daß das Volk Gottes noch als solches existiert, nicht zur Gänze ausgewandert oder im Konsumismus versumpert ist, aber schlaft nicht gleich wieder ein, denn auch 500.000 Unterschriften besagen nichts, wenn sie nicht ins Leben umgesetzt werden, in ein Leben, das sich am Evangelium orientiert.” - Den anderen, was sagt man denen? Am besten, man greift zu einem jener Worte, die in der Bibel, im Alten wie im Neuen Testament sehr häufig vorkommen: „Fürchtet Euch nicht!”

Ist Polarisierung wirklich so etwas Neues, etwas, das erst durch dieses Kirchenvolks-Begehren entstehen könnte? Polarisierung gibt es, seit die Jesus-Bewegung sich auf den Weg gemacht hat, die Botschaft zu verkünden bis an die Enden der Erde. Lesen wir nicht schon in der Apostelgeschichte und in den Briefen von unterschiedlichen Auffassungen, davon, daß einer dem anderen „ins Angesicht widerstanden hat”. Gab es nicht immer die Propheten, die von der Amtskirche verfolgt worden sind und die später, irgendwann posthum, zur „Ehre der Altäre” erhoben wurden?

Und seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hätten wir uns irgendwann daran gewöhnen können, mit Polarisierungen zu leben, denn wie nichts in der Kirchengeschichte, ist gerade dieses Konzil weltweit äußerst unterschiedlich auf- und angenommen worden. Die weniger verkalkten Bänder, die jungen Kirchen hatten nicht so große Schwierigkeiten, den Atem des Geistes zu spüren und zu verstehen als die stärker der Macht verhafteten Kirchen des alten Europa.

Seit Jahrzehnten also leben wir intensiv mit Polarisierung, haben das Jene, die jetzt Angst und Panik verbreiten wollen und sich als Garanten dafür aufspielen, daß sich in dieser Kirche nichts ändern wird, nicht gesehen? Haben sie nicht gespürt, daß

das alles Zeichen dafür sind, daß Leben in dieser Kirche ist, daß Gott mit seinem Volk auf dem Weg ist, auch dort, wo die Hirten versagen und die Schäflein störrisch sind?

Natürlich ist weder das Kirchenvolks-Begehren noch die Weizer Pfingstvision das Ei des Kolumbus, der Schlüssel zur Lösung aller Probleme, vor denen unsere Kirche steht, in einer zerrissenen Welt. Wir werden weder in dem einen, noch in dem anderen Papier einen Weg aus der Kirchenkrise finden. Aber, es gilt in den Forderungen der kleinen Gruppe aus Innsbruck, wie in den Selbstverpflichtungen des Weizer Teams, das aufzunehmen, was Anstoß gibt, Anstoß, sein eigenes Kirchenleben wieder selber in die Hand zu nehmen, wie Paul M. Zulehner es sagte, „Kirchenverantwortung” zu übernehmen und „Christenmut” zu zeigen.

Bischof Weber brachte es auf den Punkt, wenn er sagte: „Das Schlimmste ist die Gleichgültigkeit”. Und das ist es. Wir waren über eine zu lange Zeit einfach zu gleichgültig. Wir haben den lieben Gott einen guten Mann sein und in der Kirche alle Fün-fe grad sein lassen. Und daß das natürlich Leute auf den Plan ruft, die da hinlangen und sich in diesem Freiraum ein Stück Macht nach dem anderen arrogieren und das dann nach eigenem Gutdünken und im behaupteten Vollbesitz der Wahrheit nützen, ist ja nicht weiter verwunderlich. Solche Typen hat es immer gegeben und wird es offensichtlich immer geben, in der Wirtschaft, in der Politik, in der Gesellschaft und natürlich auch in der Kirche, die ja durchaus in weiten Bereichen „von dieser Welt” ist.

500.000 mal Anstrengung

Wenn nun 500.000 Menschen in einem kleinen Land, einer vergleichsweise winzigen Ortskirche JÄ sagen zu einem Prozeß der Erneuerung dieser Kirche, so kratzt das, wie Pater Eberhard von Gemmingen von Badio Vatikan sagte, die Weltkirche „nicht wirklich”. Das mag schon sein. Aber es wird doch immerhin Nachdenk-Prozesse einleiten oder beschleunigen, denn das, was im Kirchenvolks-Begehren gefordert wird und was in der Weizer Pfingstvision festgeschrieben ist, das sind ja Fragen, die nicht nur hier, sondern in allen Bereichen der Weltkirche gestellt werden. In den jungen und sehr lebendigen Kirchen des Südens ist angesichts des eklatanten Priestermangels längst von einem Becht auf Eucharistie die Bede. Ich erinnere mich noch gut an den

Satz einer Frau am Amazonas, die da meinte: „Ich verstehe nicht, wie der Papst Gerechtigkeit in der Verteilung des Brotes einfordern kann, wenn er nicht bereit ist, dieselbe Gerechtigkeit in der Verteilung des Brotes des Lebens zuzulassen.” Diese Frau leitet eine sehr vitale Basisgemeinde, die maximal alle vier bis fünf Monate Chance auf ein eucharistisches Mahl hat, weil es zu wenige Priester gibt.

Der größte Fehler, den jetzt jene machen könnten, die da unterschrieben und damit zum Aufbruch geblasen haben, wäre, sich zurückzulehnen und zu warten, daß etwas geschieht, daß die Bischöfe und die darüber lagernde Hierarchie - unglaublich beeindruckt vom Willen des Gottesvolkes - etwas ins Werk setzen werden. Da wird nicht viel geschehen, von alleine nämlich. Jetzt gilt es am Ball zu bleiben und nicht nur dadurch, daß man weiter Druck macht - das auch - aber vor allem heißt es: „Ihr müßt Euer Leben ändern” oder, anders ausgedrückt: „Kehrt um, das Beich Gottes ist nah.”

Es gilt unter Lebensbeweis zu stellen, daß hier nicht Kirchen-Konsumenten jammern, weil ihnen irgendetwas nicht paßt, sondern daß Christen bereit sind, die Botschaft ernst zu nehmen und ins Leben umzusetzen. Das heißt 500.000mal Anstrengung, Mühe, den Kampf mit dem eigenen Schweinehund aufzunehmen, sich in der Gemeinde einzubringen, sich kreativ einzumischen, alte Strukturen aufzubrechen, neue Samen zu säen in gut aufbereitetes Erdreich. Das geht nicht mit dem Kunstdünger schöner Worte, sondern nur mit gelebtem Beispiel. Eine Anregung dafür finde ich im Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Bom: „...denn wir wissen: Bedrängnis bewirkt Geduld. Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung. Die Hoffnung läßt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.”

Was also sollte dann noch schiefgehen? Es gilt die Hand an den Pflug zu legen und weder zurück noch nach oben zu schauen, sondern gemeinsam die Zukunft unserer Kirche zu bauen, indem wir den Glauben nicht privatisieren sondern miteinander leben. Dann und nur dann ist das Kirchenvolks-Begehren mehr als viel Papier mit Unterschriften, sondern wirklich so etwas wie ein Aufbruch. Und keine Sorge, dann kommen die anderen, die sich jetzt noch fürchten, sicherlich nach. Das war immer schon so.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau