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Charismen auch beim Katholikentag"

1945 1960 1980 2000 2020

Friedrich Heers Warnung vor einer Verharmlosung der Hoffnung (Nr. 48) stieß auf viel Resonanz. Auch KAÖ-Präsident Eduard Ploier und der Grazer Altbischof Josef Schoiswohl schrieben uns.

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Friedrich Heers Warnung vor einer Verharmlosung der Hoffnung (Nr. 48) stieß auf viel Resonanz. Auch KAÖ-Präsident Eduard Ploier und der Grazer Altbischof Josef Schoiswohl schrieben uns.

Dank dem Mahner Friedrich Heer! Seine Warnung vor einer „Verharmlosung der Hoffnung" soll nicht in den Wind gesprochen sein. Ich finde in seinem Artikel „Verfehlte Gartenpflege", aufs Ganze gesehen, keinen Anlaß zu distanzierendem Protest, wohl aber dazu, die gleichgerichtete Absicht und das Bemühen der für die Vorbereitung des Katholikentags 1983 Verantwortlichen neuerlich zu erläutern.

Das Grundanliegen aller Katholikentage ist, wie es Pater Alois Kraxner einmal formuliert hat, „das Wirksamwerden christlicher Erlösung und Befreiung im Leben des Menschen von heute, auch im Raum des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens".

Dieses Anliegen „kann nur dann sachgerecht verfolgt werden, wenn sich die Mitglieder und Teilnehmer des Katholikentags mit der gegenwärtigen Situation des Menschen, des Glaubens und der Kirche konfrontieren lassen. Diese Konfrontation ist nicht angenehm, aber .die Wahrheit wird euch befreien'."

Bereits in den ersten Diskussionen um die geistige Planung des Katholikentags 1983 wurde festgestellt, daß eine dreifache Betroffenheit nötig sei:

• Betroffensein von der Glaubenssituation in Europa. (Dies wurde u. a. ausgelöst durch die Umfrageergebnisse aus den Jahr ren 1967 und 1979 zum Thema: Was glauben die Deutschen?);

• BetroffenseinvondenÄngsten und Nöten des/ heutigen Menschen;

• Betroffensein von der Hilflosigkeit der Kirche.

Diese Betroffenheit ist bei vielen Menschen allererst zu provozieren. Das war und ist die Absicht jener breiten Bildungsarbeit, die ganz unspektakulär in den Gruppen und Pfarren geschieht.

Der „Garten" jener zahlreichen kleinen Gemeinschaften, von dem Heer spricht, in denen das auf den anderen hörende Gespräch geübt wird, wo in einem angstfreien Klima Wissen und Gewissen gebildet werden, dieser Garten mag als allzu harmlos belächelt werden. Aber „Charisma" bedeutet nicht nur das hohe Talent, sondern auch den bescheidenen Liebreiz, das kleine Lächeln, das Menschen zum Gedeihen brauchen wie Pflanzen das Sonnenlicht. Wir bedürfen der „Selbstversicherung" im Sinne gegenseitiger Unterstützung, was Offenheit nach außen nicht ausschließt.

Die Katholikentags-Illustrierte sollte im Jahr der Vorbereitung Fragen provozieren: Was ist deine Hoffnung? Wie lebst du diese deine Hoffnung?Gibst du Hoffnung? Wem? (

Provozieren sollen auch die Arbeitstagungen in allen Diözesen, in denen ernsten Fragen nicht ausgewichen wird. Natürlich kann in ihnen nicht alles Wichtige behandelt werden, auch nicht alles in der wünschenswerten Klarheit und Härte. Immerhin wurde das mögliche getan, um die ganze Vielfalt der Meinungen in die Diskussion einzubeziehen. Durch die Dynamik des Gesamtvorgangs wird auch eine Minderheitenposition eher an die Oberfläche gewirbelt und hörbar gemacht.

Ein anderer großer Teil unserer Mitmenschen ist sehr wohl betroffen, die großen, brennenden Lebensfragen sind ihnen bewußt, und das mehr, als daß sie ruhig schlafen könnten. Ist es nicht geradezu ein Hauptmerkmal unserer Zeit, daß so viele Menschen in einer Weise betroffen, verstört, von den tatsächlichen und möglich gewordenen Katastrophen gemartert sind, daß ihr Innenleben total gestört, verwirrt, lahmgelegt ist und sie unfähig werden, eigenständig ihr seelisches Gleichgewicht zu erhalten?

Zu helfen, daß einer seinen Ängsten ins Gesicht zu sehen wagt, sie zu artikulieren, mit anderen zu teilen lernt, daß Menschen einander gegenseitig Mut machen, daß sie die Hoffnung, die in ihnen tief verborgen, verschüttet liegt, entdecken und bezeugen — das scheint es wert, die vorhandenen Kräfte der Kirche zusammenzufassen; einmal nicht nur punktuell Meinungen zu veröffentlichen, sondern sich auf einen gemeinsamen Prozeß des Fragens, Antwortens und Weiterfragens einzulassen.

Freilich: Es bleibt ein Spiel, eine verspielte Chance, wenn ernste, die Wahrheit treffende Worte dazu mißbraucht werden, sich das, was sie bedeuten, vom Leib zu halten.

Es bedarf der konkreten Tat — mit ihrem Risiko, ihrer Unvoll-ständigkeit und Unvollkommen-heit, mitsamt dem negativen Nebeneffekt, mit dem möglichen Scheitern oder letztendlicher Ratlosigkeit — wenn wir unsere Hoffnung bezeugen wollen.

Das Katholikentagskomitee ist nicht „so selbstsicher", ein bestimmtes konkretes Experiment der Hoffnung gleichsam von oben her zu verordnen. Es kann nur die Bitte an alle aussprechen, eigene Initiativen zu setzen.

Wir wissen schon jetzt von ungezählten kleinen und großen Hoffnungssignalen, die von einzelnen Gemeinschaften gesetzt wurden. In den Katholikentag — darin wird seine Sprengkraft liegen—kann jeder sein persönliches „Experiment Hoffnung" mitbringen.

Einig sind wir darin, daß in allem die christlichen Wege gesucht werden müssen. „Diese schließen immer auch das Kreuz ein, die Bereitschaft, im Leid standzuhalten, lieber Böses zu erleiden als zu tun. Nicht zufällig ist eine Hochform christlicher Hoffnung das Martyrium ...

Diesen Preis zu zahlen, müssen die Christen bereit sein." (Zitat aus einem Arbeitspapier des österr. Katholikentages.)

Es mag schon sein, daß im Bereich der Kirche äußere Strukturen gepflegt werden, um sie zum Schauplatz hektischer Aktivitäten zu machen, die ebenso rasch vergehen wie sie auffallen wollten. Es mag auch sein, daß der Druck einer säkularisierten Umwelt manche Katholiken veranlaßt, sich in ein Schneckenhaus von sterilen Träumen einer heilen Welt oder in bedrückte Verzagtheit zurückzuziehen. Es ist auch begreiflich, daß kritische Beobachter den religiösen Bestand des Kirchenvolkes nur nach weithin sichtbaren, also feststellbaren Äußerungen beurteilen.

Die eigentliche Wirklichkeit wird dabei nicht oder nur sehr verkürzt wahrgenommen. Wer auch als Ruheständler weit herumkommt und seine stillen Beobachtungen machen kann, ist immer wieder erstaunt vom überraschenden „Einfall" des Heiligen Geistes, der gerade dort einfällt, wo gar keine Bereitschaft vorgegeben ist.

In neu erstandenen Pfarren mit lauter „Schwemmsand" einander fremder Leute entstehen lebendige Gemeinschaften einander zugetaner Christen, die nicht alten Traditionen, sondern spürbarem Glauben verpflichtet sind. In Pfarren mit altgewordenen Seelsorgern, die — wie sollte es anders sein — sich nur mehr den eingespielten Gepflogenheiten widmen und sonst den Dingen ihren Lauf lassen, holen sich wache junge Laien einen Kreis von Freunden und Mitarbeitern, um für Entwicklungshilfe, für Frieden und Menschenrechte ihre Initiativen einzusetzen.

Wie so etwas zustandekommt, weiß niemand recht zu sagen. Da und dort brechen Charismen auf, die Augen öffnen und Herzen wach machen für Nöte und Verzweiflung verfolgter oder einsamer Menschen. Ohne Kurse und Propaganda regen diese Charismen an, still zuzugreifen.

Andernorts flackert unter Katholiken wie eine Selbstzündung die regelmäßige Selbstbesteuerung von je zehn Prozent des Einkommens auf, deren Erlös für bedrängte Menschen in und außer Landes verwendet wird. Das ist doch in einer Zeit gierigen Erwerbes und mangelnder „Solidarität", da kaum jemand auf „wohlerworbene" Rechte und Privilegien verzichten will, eine neue Art sozialer Gesinnung, die die Welt zum besten verändern könnte, würde sie allgemein aufgegriffen.

„Der Geist weht eben, wo er will." Er tut es auch mitunter bei den berufenen Hirten und Gremien, wiederholt und sehr deutlich auch bei einfachen Gläubigen. Er läßt sich freilich nicht von uns steuern, er findet zu allen Zeiten und überall den Boden, auf dem er sich kraftvoll entfalten kann.

Nur macht er keinen Lärm, weder auf Kanzeln noch in den Medien noch auf den Schreibtischen samt ihrer Papierflut. Und das ist gut so.

Unbemerkt von der lauten Welt, kam Christus in seiner Menschwerdung, unbemerkt und ebenso nachhaltig offenbart sich der Heilige Geist auch in dieser Zeit. Seien wir froh darum, da sich sonst allzuviel Menschenwitz einschalten und die Charismen verderben könnte!

Ich schreibe nun dennoch dazu, um mit den angeführten Zeichen der Hoffnung Mut zu machen, daß jedes Christenherz geeignet ist, Wirkstätte des Heiligen Geistes zu werden. Wir dürfen uns getrost seiner Kraft überlassen, zumal sie um so wirksamer wird, je weniger wir unsere Selbstbezogenheit ins Spiel bringen.

Ernst Bloch hat in seinem Werk: „Prinzip Hoffnung" davon geschrieben, daß „die Sprengintention von Wiedergeburt und Verklärung" uns instandsetzen könnte, die neue Schöpfung, den neuen Menschen im radikal neuen Reich herbeizuführen.

Hier spricht sich die Vermessenheit des einbahnig materialistischen Menschen aus, aus eigenen Kräften allein alles zustandezubringen.

Ein gläubiger Christ kann dem nie folgen. Wir halten uns auch im Hinblick auf die Thematik des Katholikentages an den Römerbrief des hl. Paulus:

„Der Gott der Hoffnung erfülle euch im Glauben mit aller Freude und mit allem Frieden, damit ihr reich seid an Hoffnung in der Kraft des Heiligen Geistes!"

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