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Eine Frage des Stils

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Die institutionelle Bedeutung von Kirche nimmt rapid ab. Künftig wird es vor allem aufs Alltagshandeln von Christinnen und Christen ankommen.

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Die institutionelle Bedeutung von Kirche nimmt rapid ab. Künftig wird es vor allem aufs Alltagshandeln von Christinnen und Christen ankommen.

Die Moderne hat Menschen viel versprochen: Entwicklung, Aufstieg, Fortschritt, ökonomisches Wachstum, politische Selbstbestimmung Aber diese Versprechungen konnten nur bedingt eingehalten werden, wie Bedrohungen durch internationalen Terror, Bürgerkriege, Menschen auf der Flucht und ökologische Katastrophen wie Fukushima zeigen. Diese Entwicklungen rufen auch wieder Religion auf den Plan. Religiöse Auffassungen versprechen Hilfe im Umgang mit den herausfordernden Phänomenen der Zeit.

Menschen suchen Hilfestellungen, Gewissheiten und Beständigkeit in Phasen zunehmender Verunsicherung und neuer Ambivalenzen. Jedoch ist unbestreitbar, dass die institutionellen Zusammenhänge von Religion dennoch an Bedeutung verlieren. Wir haben es mit der "Entkirchlichung des Christentums und einer Entchristlichung des Religiösen" (Hans-Joachim Höhn) zu tun. Für die Kirche ist es in dieser Situation wenig hilfreich, im Modus des Gewohnten und Bekannten weiterzumachen. Was hingegen an Bedeutung gewinnen wird, ist das Alltagshandeln von Christ(inn)en und hier besonders der Stil ihres Handelns.

Im Lebensstil ist zu lesen, was dem Leben eines Menschen Sinn und Bedeutung gibt. Im Umgang mit Lebensfragen ist der Habitus zum Leben zu erkennen. Es ist eine Stilfrage, wie Christ/innen denen begegnen, deren Lebensstil sie nicht nachvollziehen können. Hier zeigt sich inwiefern das, was ihnen Sinn und Bedeutung gibt, mit dem verbunden ist, was für andere sinnvoll und bedeutsam ist.

Nicht mehr in den Glauben "hineingeboren"

Wer in diesem Sinn den Glauben vertritt, dient dem Glauben. Denn es ist ein Faktum, dass man inzwischen nicht einfach in den Glauben hineingeboren wird. In vorausgegangenen Generationen war der Glaube eine vorgegebene Sache, doch diese Zeiten sind vorbei. Der Glaube ist eine Frage der Entscheidung, nicht zuletzt einer Lebensentscheidung. Menschen wollen nicht an etwas glauben, was sie nicht nachvollziehen können. Und Glaubenspraxis beschränkt sich nicht mehr allein auf vertraute Gemeinschaften, sondern zeigt sich im Verhältnis zu Menschen und zur Welt. Die Begegnung mit Ungläubigen, Suchenden, Flüchtenden und Verwundeten bietet eine Möglichkeit, als Christ und Christin Lebenszeichen zu setzen. Denn das, woran sie glauben, was sie hoffen und was sie lieben, zeigt sich in ihrem Lebensstil, der die Wirklichkeit auf etwas hin erschließen kann, was über sie hinausgeht. Das ist anspruchsvoll, birgt aber auch für jede und jeden eine Chance: Im Kontakt mit der Welt in den eigenen Lebensfragen weiterzukommen.

Dabei ist es von Bedeutung, dass das, was Menschen tun, woran sie glauben, was sie hoffen und lieben, nicht nur von ihnen ausgesucht wurde, sondern es muss sie ansprechen, zu ihnen passen. Unter diesen Prämissen suchen Menschen in unserer Zeit nach Sinn, und sie fragen Christ(inn) en implizit und explizit, ob ihr Glaube passt, welche Ressource er in ihrem Leben ist, zu was er sie befähigt und welche Gabe er für die Welt ist. Sie fragen danach, was im Leben von Christ(inn)en vom Glauben zu erfahren ist. Sind Hoffnung und Zuversicht, Trost und Versöhnung nur Begriffe oder Realitäten? Wie wird in der Begegnung mit ihnen erfahrbar, dass Gott die Menschen und die Welt liebt? Sind sie ein Licht für die Welt (Mt 5,14)?

Christinnen und Christen werden sich verstärkt damit auseinanderzusetzen haben, wie sie in der Welt wohnen (Maurice Merleau-Ponty), was das über ihren Glauben sagt, und was im alltäglichen Kontakt mit ihnen von Christus zu entdecken ist. Es kann ihnen auch nicht erspart werden, sich in die Lebenswelten der Menschen in der Welt von heute hineinzubegeben; und das schließt das ein, was ihnen dort fremd ist. Denn schon jetzt zeigt sich, dass es nicht mehr reicht, in Strategien und Sozialformen zu investieren, die früher erfolgreich waren. Dieses Denken schränkt die Möglichkeiten von Beginn an auf den bekannten Modus ein. Insofern lautet die Frage: Haben sie den Mut zu Aufbrüchen an fremde Orte, bieten sie sich dort an und sind sie bereit, dort zu bleiben?

Ein Gott, der Routinen durchbricht

Um der Situation mit Kreativität und Zuversicht begegnen zu können, ist es hilfreich, sich auf den christlichen Gott zu beziehen, der Routinen durchbricht. Die Bibel ist ein Buch von Überraschungen, sie überliefert Erzählungen, wo Gewohnheiten an ihr Ende kommen und die Welt auf den Kopf gestellt wird: Moses führt sein Volk aus der Gefangenschaft und kommt selber nicht im gelobten Land an (Ex 3,10); David besiegt Goliath (1 Sam 17,12-54); Gott wird Mensch, geboren von einer jungen Frau namens Maria (Lk 1,31); der blinde Bartimäus erhält sein Augenlicht zurück (Mk 10,46-52) und Lazarus wird zum Leben erweckt (Joh 11,17-44). Die praktische Konsequenz aus diesen Erzählungen, für alle die daran glauben, lautet: Seid mutig! Traut euch! Riskiert etwas! Ändert euren Lebensstil, wo ihr euch nicht traut! Ihr habt nichts zu fürchten, denn Gott ist mit euch!

Vom Lebensstil Jesu inspirieren lassen

In einem solchen Habitus kann es gelingen, vom Glauben in einer Weise Zeichen zu geben, die andere ansprechen, neugierig machen und die einen selber stärken und ermutigen. Dies geschieht dann nicht nur durch den Besuch des Sonntagsgottesdienstes, sondern in der Art und Weise, wie Christ(inn)en Menschen begegnen, in der Schule, am Arbeitsplatz, an der Kasse im Supermarkt oder in der Straßenbahn. Aber es braucht Mut, anderen zum Segen werden zu wollen, vor allem dann und dort, wo sie es nicht erwarten. Diese Entschlossenheit aufzubringen, ist ein starkes Zeichen von Hoffnung und Zuversicht in Gott.

In diesem Modus des Christseins geht es nicht um das Aufrechterhalten eines institutionellen Programms von Kirche-Sein. Dieses Programm bindet viele Energien, absorbiert Kräfte und hinterlässt bei Hauptund Ehrenamtlichen ein Gefühl des permanenten Ungenügens. Man hat den Eindruck, den Mangel zu verwalten, sich immer im Kreis zu drehen und unter sich zu bleiben, statt gestaltend und kreativ wirken zu können. Das macht langfristig unzufrieden und lähmt. Zugleich verstärkt es die Wahrnehmungen im Außen, dass dieses institutionelle System stressbesetzt und im Grunde mit sich selbst beschäftigt ist. Da sucht man keine Orientierung. Da will man keine Zeit verbringen und sich engagieren.

Von daher plädiere ich für einen Habitus, der sich vom Lebensstil Jesu inspirieren lässt: von seinem Interesse an dem, was anderen Menschen Sinn und Bedeutung gibt. Der die Begegnungen an offenen Plätzen sucht. Der sich in ihre Wohnungen einladen lässt. Der Streitgesprächen nicht ausweicht. Der die Etablierten mit einer anderen Ordnung der Dinge konfrontiert. Dessen Lebensstil von der Kraft erzählt, die Gottvertrauen geben kann. In einem solchen Habitus werden das eigene Leben und der Alltag von Menschen zu einem Buch, in dem Dimensionen des Reiches Gottes entziffert werden können, die zum Leben befähigen und ermutigen.

Die Autorin ist Professorin f. Pastoraltheologie an der Kath. Privatuniversität Linz

DIE FURCHE

1. Okt. 1949 Nr. 40

Theologie und Aktion

Von Otto Mauer

Das Gespräch mit denen, "die draußen sind", ist in Gang gekommen und wird sich immer tiefgründiger und leidenschaftlicher entwickeln. Alle Ghettostellungen werden aufgesprengt, alle Introversionen gelockert werden. Dafür sorgt das Zeitalter der Katholischen Aktion, die zum Weltphänomen geworden ist und den offiziellen Willen der Päpste darstellt. Freilich wird damit Apologie weit überholt und eine missionarische Theologie notwendig, die in der katholische Bewegung auf die Welt hin einfließt. Die Theologie der Kirche enthält in sich zuallererst die Betrachtung über den Heilsentschluß und den Heilsplan Gottes in Jesus Christus. In ihr wird die auf unser Heil hinzielende Gottestat interpretiert. Das ist die theoretische Grundlage jeder Aktion. Außerdem: Theologie ist Weisheit. Weisheit ist aber schon auf Leben und Tat hin abgezielt. So hat theologische Bildung heute nicht mehr den Charakter wissenschaftlicher Fach-und Spezialausbildung für einen bestimmten Beruf (Priester, Prediger, Seelsorger ) oder den Charakter einer individuellen geistigen Passion. Sie ist vielmehr eine unerläßliche spirituelle Voraussetzung der missionarischen Aktion geworden, unter deren Stern unser kirchliches Zeitalter steht. Hunderte von Laien, die sich als Katechisten der Kirche zur Verfügung gestellt haben und damit dem außerordentlichen Priestermangel der österreichischen Diözesen zu Hilfe kommen, brauchen diese theologische Ausbildung

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