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Beide Beine auf der Erde

1945 1960 1980 2000 2020

Die ökumenische Gemein- schaft von Taize feiert. Vor 50 Jahren, am 21. August 1940, gründete der heute 75jährige Roger Schutz in diesem burgundischen Dorf „seine" Communautö.

1945 1960 1980 2000 2020

Die ökumenische Gemein- schaft von Taize feiert. Vor 50 Jahren, am 21. August 1940, gründete der heute 75jährige Roger Schutz in diesem burgundischen Dorf „seine" Communautö.

FURCHE: Das Interesse junger Menschen der Kirche gegenüber scheint überall im Schwinden zu sein. Wie könnte man die Begeiste- rung der Jugend, wie man sie hier in Taize erlebt, auch an anderen Or- ten erwecken?

FRERE ROGER SCHUTZ: Man begeistert sich nicht nur in Taiz£ für die Kirche. Aber es stimmt, daß sich seit dem Zweiten Weltkrieg besonders die Jugend von der Kir- che abgewandt hat. Das Gleichgül- tigwerden der Jugend bleibt uner- klärlich. Viele Überlegungen wer- den angestellt, wie man bei jungen Menschen die Sehnsucht nach der Kirche wecken könnte. Doch Rat- schläge provozieren leicht einen noch größeren Rückzug. Damit würde man sie nur noch mehr iso- lieren. Viele Junge wollen auf ihre Weise suchen...

FURCHE: Unter der jungen Ge- neration scheint es sehr viele Su- chende zu geben, aber wie kann die Institution Kirche glaubwürdige Worte zur Jugend sprechen, die diese auch annimmt?

SCHUTZ: Auf der ganzen Welt, nicht nur in Europa und in den Vereinigten Staaten, finden plötz- lich spirituelle Aufbrüche statt, eine Art religiöse Esoterik, bei der man sich auf viele Dinge bezieht - unter denen Christus auch seinen Platz hat. Gerade in dieser Situation müssen die Gläubigen Zurückhal- tung üben und dürfen die Jugendli- chen nicht bevormunden. Gott zwingt niemanden. Würde man von Gott als einem Tyrannen, einem Richter sprechen, könnte das Ab- lehnung herausfordern. Wenn Gott sich nicht aufdrängt, dann dürfen wir es auch nicht tun.

FURCHE: Glauben Sie, daß sich für das dringliche Anliegen der Jugend, die Erde für alle Völker bewohnbar zu machen, eine Ant- wort finden lassen wird?

SCHUTZ: Für viele, die hierher- kommen, gehören die tägliche Su- che eines spirituellen Weges und der Wunsch, die Erde für alle be- wohnbar zu machen, zusammen. Auch mit geringen Mitteln suchen diese Gläubigen die Solidarität auszudrücken, die sie für ihren Nächsten empfinden. Der Wunsch nach Solidarität mit den Armen hat in den letzten 5 0 Jahren stark zuge- nommen. Jedoch fordert der Ver- such, die Erde für alle bewohnbar zu machen, die ganze Kraft der Selbsthingabe. Nicht jeder muß das Evangelium in dieser Weise leben. Jemand, der alt oder krank ist, kann in seinem Herzen einen Strom flie- ßen lassen, der ein Gebet ohne Worte ist. Dieses Gebet kommt von Gott und kehrt zu Gott zurück, es bleibt niemals ohne Wirkung für die Erde.

FURCHE: Sie haben des öfteren gesagt: „Wäre das Vertrauen des Herzens aller Dinge Anfang, Du kämst weit, sehr weit." Wie kann man, in einer Welt, in der es sehr viel Pessimismus gibt, aus diesem Vertrauen leben?

SCHUTZ: Wir wollen mit der Lebensweise unserer Gemeinschaft kein Vorbild sein. Man kann uns nicht kopieren. Man erschafft nichts ohne die stete Mühe, den Schwie- rigkeiten und Widerständen immer wieder die Stim zu bieten. Bequem- lichkeit regt nicht an, in kreativer Weise tätig zu sein. Überfluß an Geld erstickt das Schöpferische.

FURCHE: Wie können Christen in den großen Fragen der Zeit eine Vorhut bilden, statt wie es meistens der Fall ist, hinterher zu hinken?

SCHUTZ: Bilden sie eine Nach- hut oder eine Vorhut? Ich glaube, man kann das nicht beurteilen. Der Gläubige lebt vor allem die Wirk- lichkeiten des Reiches Gottes, die sicher offenkundig sind, die man aber nicht ermessen kann. Oft er- scheinen sie als Verzögerungen, weil sie nichts anderes als die schlep- penden Probleme des Augenblicks beinhalten, wie zum Beispiel die Notwendigkeit der Solidarität, des Teilens der Güter in großer Freige- bigkeit. Sie setzten sich langsam

durch, anfänglich mit etwas Zu- rückhaltung. Aber sie folgen kei- nem Stundenplan, die Wirklichkei- ten Gottes lassen sich nicht ver- messen.

FURCHE: Das heißt, wenn man mit einem Bein im Reiche Gottes und mit dem anderen auf der Erde lebt...

SCHUTZ: Nein, Nein! Wir hink- ten ziemlich, wenn wir uns so vor- wärts bewegen würden. Nein, wir stehen mit beiden Beinen auf der Erde. Und mit beiden Beinen auf der Erde, denken und handeln wir... Die Beine auf der Erde haben wir auch in dem Sinn, daß wir einen festen Tagesablauf haben, nach dem wir uns richten. Morgens, mittags und abends treffen wir uns zum Gebet und versäumen die Gebets- zeiten niemals. Sehen Sie, wir sind sehr menschlichen Gegebenheiten unterworfen. Wir befolgen einen Tagesablauf, wir kalkulieren sorg- fältig, sonst wäre unser materielles Leben unmöglich. Wenn man beide Beine auf der Erde hat, kann man auch hinknien und beten. Und so-

gar mit der Stirne den Boden be- rühren. Wie die Jünger bei der Auferstehung Christi im Lukas- evangelium. Das Gebet mit dem ganzen Körper auszudrücken, ist eine sehr alte Tradition. Sie besteht seit den Anfängen der Menschheit.

FURCHE: Wenn man die Ent- wicklung der Ökumene betrachtet, kann man sich fragen, ob es nicht immer gute Gründe geben wird, parallele Wege, die sich nie treffen, beizubehalten. Glauben Sie, daß man einmal bereit ist, wieder zu- sammenzukommen?

SCHUTZ: Es gibt zahlreiche kirchliche und ökumenische Strö- mungen, jedes Jahr kommen neue hinzu. Sie sind wie Schienen, die nebeneinander herlaufen. Wird sich aber das ursprüngliche Ziel der Versöhnung der Kirchen, wie es Johannes XXIII. vorschwebte, ver- wirklichen lassen? Man kann das vielleicht mit den leiblichen Augen gar nicht sehen - warum also soll man sich sorgen? Es ist sicher, daß eine erneute Festigung der konfes- sionellen Identität eine Versöhnung unter den Kirchen nicht beschleu- nigt. Aber Gott verschließt niemals die Wege. Er öffnet immer neue. Wir müssen daher glauben, daß andere Wege der Versöhnung noch

„Ich glaube nicht, daß ich weiß, wie eine versöhnte Kirche sein wird"

wichtiger sind und daß wir sie ent- decken werden. Besonders die der inneren Versöhnung. Diese ande- ren Wege werden sich finden, sie werden bereits täglich gefunden.

FURCHE: Welche Rolle wird dem Papst in einer versöhnten Kirche zukommen?

SCHUTZ: Ich glaube nicht, daß ich weiß, wie eine versöhnte Kirche sein wird. Man kann auf diesem Gebiet nicht genug träumen. Poe- sie und Träume sind etwas Schö- nes. Aber es ist nicht richtig, träu- mend Voraussagen über die Kirche zu machen. Ich beziehe mich lieber auf einige Texte, aus denen ich lebe, die einen festen Fels bilden, auf dem man bauen kann. So hat zum Beispiel Johannes XXIII. zu Be- ginn seines Amtes einen Eckstein gesetzt, als er Ende Jänner 1959

sagte: „Wir werden keinen histori- schen Prozeß aufrollen, wir wollen nicht herausfinden, wer recht hatte und wer sich irrte, wir sagen nur: .Versöhnen wir uns!'."

FURCHE: Glauben Sie, daß die Kirche ein Oberhaupt wie den Papst braucht?

SCHUTZ: In der römischen Kir- che hat es von Anfang an einen Nachfolger Petri gegeben. Und wenn man den Heiligen Augusti- nus liest, der ja ein Mann des Glau- bens war, sieht man, daß er den inneren Aufbau der Kirche für ein Bild der Heiligen Schrift hält. Und er war der Ansicht, daß sich die Kirche mit dem Nachfolger Petri in Rom, dem universalen Hirten, ver- wirklicht.

FURCHE: Sie sind in Genf mit Perez de Cuellar zusammengetrof- fen und haben ihm Vorschläge für den Frieden, die Gerechtigkeit, die Menschenrechte und die Bewah- rung der Schöpfung unterbreitet. Glauben Sie, daß sich diese Anlie- gen in der von Ihnen gewünschten Richtung entwickeln werden?

SCHUTZ: Wir haben eine Ver- dichtung dessen ausgedrückt, wor- auf viele Jugendliche warten. Ich habe diese Texte Perez de Cuellar im Beisein von Kindern über- bracht. Diese Kinder sollten die Jugend der Welt symbolisieren. Ich hatte zwei Begegnungen mit dem Generalsekretär der Vereinten Nationen. Er schickte uns darauf- hin Botschaften zum europäischen Treffen der Jugend. Es ist für uns wesentlich, mit Experten zusam- menzuarbeiten, oft laden wir sie nach Taize ein. Wir wollen von ihnen informiert werden. Zum Beispiel hat uns der Prinz Saddru- din Aga Khan besucht, der das Hochkommissariat für das Flücht- lingswesen in Genf geleitet hat. Es

war ein Gewinn, ihm zuzuhören.

FURCHE: Sie betonen immer wieder die Schönheiten der heuti- gen Welt. Wie kann man eine solche Vision der Schönheit finden? Es hat den Anschein, daß die Menschen heute vergessen haben, daß wir in einer Welt leben, die schön ist.

SCHUTZ: Eine solche Schönheit kann man beispielsweise in der Kompetenz von Männern und Frau- en sehen, die als Experten in den großen Organisationen arbeiten. Es liegt eine Schönheit in der mensch- lichen Kompetenz, vor allem wenn sie sich anderen zur Verfügung stellt.

Wir können uns freuen, daß das menschliche Gewissen am Ende dieses Jahrhunderts aus dem Schlaf erwacht ist. Und in menschlichen Beziehungen hat auch das Vertrau- en den Platz des Mißtrauens einge- nommen. Eine Ära des Vertrauens hat begonnen. Ja, es gibt eineSchön- heit, auf dieser Erde zu leben, so wie es eine Schönheit im ewigen Leben geben wird. Wir wissen nicht, wie es sein wird. Aber sicher wird das Wesentliche in uns dann zur Entfaltung kommen.

Sehen Sie sich diesen Kalender auf meinem Tisch an. Er soll mich daran erinnern, daß dieser Tag unersetzlich ist. Es gibt nur einen

„Es ist für uns wesentlich, mit Experten zusammen- zuarbeiten"

einzigen Tag wie den heutigen, und er ist ein Geschenk Gottes, er isi sein Heute. An diesem Tag wird man vielleicht zu einer nöuen Er- kenntnis gelangen. Man wird auf- merksam gegenüber anderen sein. Besonders gegenüber den Kindern. Jeden Tag kommen Kinder und beten ganz nahe bei mir in der Kir- che. Manchmal kenne ich ihre Fa- milie, ihre Lebensgeschichte. Am Ende des Gebetes, das dreimal am Tag stattfindet, segne ich sie, in- dem ich ihnen ganz einfach ein Kreuzzeichen auf die Stirne ma- che. Was morgen sein wird, weiß ich nicht, aber das Heute ist ein Geschenk.

FURCHE: Bei Ihrem gemein- schaftlichen Gebet in der Kirche ist die Musik eine große Hilfe.

SCHUTZ: Das gemeinschaftliche Gebet lebt natürlich von den Wor- ten, aber es wird dabei auch viel gesungen. Es gelingt nicht immer, den Worten die gleiche Aufmerk- samkeit zu schenken. Manchmal ist man über Worte, die vielleicht nicht besonders gut gewählt wurden, nicht glücklich. Manchmal sind diese Worte vielleicht für die Ju- gend unverständlich. Kommt der Gesang hinzu, so ist es als würde sich über dem Unbeschreiblichen der Schleier Gottes heben.

Das Gespräch führte Felizitas von Schönborn.

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