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Antriebe katholischer Filmarbeit

Zehn Jahre Bestand einer Einrichtung, wie es die Katholische Filmkommission für Oesterreich ist, geben noch keinen Anlaß, zu einem Jubiläum, wohl aber legen sie eine Art Rechenschaft nahe und vielleicht auch eine Gewissenserforschung.

L-Was uns Katholiken antrieb und immer noch antreibt, am zeitgenössischen Filmwesen nicht vorüberzugehen, sondern mit einer mehr oder weniger zielbewußten Arbeit einzusetzen, läßt sich vielleicht so darstellen: Der Film ist eine menschliche Erfindung, ein Werk — wie Pius XII. in der neuen Filmenzyklika „Miranda prorsus“ sagt: ein Werk des menschlichen Scharfsinns. Das interessiert uns als Menschen, die gerne jeden Fortschritt zur Kenntnis nehmen, das interessiert uns als Christen, da wir glauben und wissen, daß jeder solche Fortschritt den Kräften entspringt, die Gott in den Menschen und in die Dinge hineingelegt hat, und von denen Er will, daß sie sich nach dem Sinn des auf den ersten Seiten der Heiligen Schrift, im Buche Genesis, schon der Menschheit gegebenen Kulturgebotes entfalten: „Erfüllet die Erde und macht sie euch untertan." Das Licht, die Kraft, die Bewegung, Werte dieser Erde haben eine neue Verwendung gefunden, und dies in steigender Entwicklung. Was bedeutet an geistiger wie technischer Mühe und Arbeit die Entwicklung des Films vom ersten bewegten Bild über den Stummfilm zum Tonfilm, zum Farbfilm, zur Breitleinwand und »wie die Dinge alle heißen, die wir heute wie selbstverständlich benützen. Und es ist eine schöne Erfindung, köstlich in dem, was sie uns zu bieten vermag: Unterhaltung, Belehrung, Erziehung. Der Spielfilm, der Kulturfilm, der Lehrfilm, der wissenschaftliche Film: wieviel Freude, Erholung, aber auch wieviel sonst nicht gesehene oder beachtete Wunder zaubern sie im Spiel des Lichtes und der Bewegung, des Tones und der Farbe auf die Leinwand! Welche Wunderbarlichkeiten am Menschen und an den Dingen dieser Welt zeigen die Techniken, wie Großaufnahmen, Unterwasserkamera, Zeitlupe, Zeitraffer u. a. Und in all dem geht es für den gläubigen Menschen um ein intensiveres, gültigeres Herangeführtwerden an die Werke des Schöpfergottes, und manche Entschleierung eines bisherigen Geheimnisses deckt oft nur noch weitere größere Geheimnisse auf. Das Staunen über die Größe, die Weisheit, die Lebens- und Wirkfülle des Schöpfergottes wächst.

So wollen wir uns gerne dem Optimismus des Heiligen Vaters anschließen, der nun einmal fest und sicher auf den Sieg der Sache Gottes vertraut und daher bei aller Sorge doch einen neuen apostolischen Eifer auf diesem Felde erwartet, der beglückende und reiche Ernte verspricht.

In diesem Sinne wünsche ich der Veranstaltung den Segen Gottes und die Aufmerksamkeit aller Gutgesinnten, damit wieder viele Menschen Freude und Erbauung finden und den Mut gewinnen, sich für den guten und insbesondere für den religiösen Film einzusetzen. Gleichzeitig sei allen gedankt, die schon lange diesen Mut beweisen und im Rahmen der Katholischen Filmkommission Oesterreichs, die auf einen zehnjährigen Bestand und eifrige Tätigkeit zurückblicken kann, auf diesem Gebiet Pionierarbeit geleistet haben. Es ist nur billig, wenn Prälat Dr. Rudolf hier ausdrücklich genannt wird; Dank und Anerkennung gelten ihm, aber auch allen seinen getreuen Mitarbeitern. Mögen sie nicht nur den Segen Gottes, sondern auch den Erfolg ihrer Bemühungen zu spüren bekommen!

Von Anfang an waren es zwei Kreise, die in besonderer Weise vom Film angezogen, angesprochen wurden. Zwei Kreise, die auch immer zur besonderen Interessensphäre der Kirche gehörten: das breite Volk und die Jugend. Es ist noch nicht so lange her, daß die höheren Schichten der Bildung, des Geistes, der Kunst, des Adels am Filmwesen wenig Interesse zeigten. Erst in den letzten Jahren wird dies allmählich anders. Der Arbeiter, der kleine Angestellte, in neuer Zeit auch der Bauer füllen gewöhnlich die Kinosäle, und vor allem ist die Jugend dem Kino fast verfallen. Statistiken sagen, daß die 19- bis 20jährigen, also die jungen Menschen in der letzten Charakterentscheidung, prozentuell den größten Anteil am Kinopublikum stellen. Da kann es einem wahren Volksfreund und Jugendfreund nicht gleichgültig sein, was dort in der Eindringlichkeit der Umstände, unter denen es geschieht, dem Volke und der Jugend gezeigt wird. Ist es Nahrung für Geist und Herz und Seele — auch ein harmloser Unterhaltungsfilm kann das in seiner Weise sein — die aufbaut, erhebt, bereichert, beglückt — oder? Es soll nicht in Abrede gestellt werden, daß es in den mehr als 60 Jahren des Bestandes des Filmwesens auch immer wieder solche Filme gegeben hat, und ohne Frage ist hier, auf das Ganze gesehen, in der letzten Zeit manches besser geworden. Aber es ist jedenfalls noch nicht lange her, daß das Gros der in den Lichtspieltheatern gebotenen Filme nicht diese positiven Werte boten, sondern weithin Spekulationen auf niedrige Triebe waren, Spiel mit verwirrenden Ansichten, ohne Rücksicht, welch schweren Schaden sie damit in den Seelen von Volk und Jugend anrichteten. Ein Pariser Mittelschüler sagte noch vor einigen Jahren zu seinem Lehrer: „Sie wissen nicht, wie e i n Film alles niederreißen kann, was Sie in jahrelangem Bemühen in uns aufgebaut haben.“ Gewiß, die Jugend sucht Abenteuer, das Wagnis, den kühnen Einsatz von Kraft und Mut. Und sie hat ein R'eöht 'äa£u."“Aber ’efrfnüs8öfic Ächt Äböfiteüfer "sein, wo Mord “uRa Brand, Lüge”un"d' "Brutalität die entscheidende Rolle spielen. Nach der Zahl der Erschossenen wird nicht selten die Größe des Abenteuers gewertet. Und das breite Volk, oft genug noch in mißlicher sozialer und bedrängter wirtschaftlicher Lage, hat ein Recht, am Ende eines mühevollen Arbeitstages oder einer mühevollen Arbeitswoche im Film etwas zu sehen, was über den Alltag mit seinen Sorgen und Kümmernissen hinaushebt, was froh lachen oder still sich freuen läßt. Und wenn wir auch durchaus zugeben, daß der Film in einem guten Sinn auch Traumfabrik sein darf — Eintauchen in vielleicht irreale, aber schöne und ansprechende Geschehnisse —, so soll der Traum den Menschen nicht vom wirklichen Leben so wegführen, daß er die Freude daran verliert, daß er die Not seines Daseins nur noch ärger spürt, daß er zu einem falschen Lebensbild kommt, falsche Maximen zu bejahen lernt, die sein ethisches Verhalten in der Gemeinschaft, im Beruf, in der Familie untergraben. Und der Erlebnishunger der Jugend, das Bedürfnis nach Entspannung und Erholung im großen Volke wurde hier zum Teil rücksichtslos ausgenützt und mißbraucht. Der Film ist Ware, sagte man, und hat vor allem der Filmbranche in ihren Abstufungen Produktion, Verleih und Spielhaus, möglichst hohe Einkünfte zu bringen. Wir wurden von Vertretern der Filmbranche einigermaßen groß angeschaut, als wir zum erstenmal die These vertraten, daß der Kinobesitzer und seine Hintermänner sich doch nicht in erster Linie als Gewerbeleute, sondern als Volksbildner sehen sollten. Dabei übersehen wir nicht die Schwierigkeiten, die sich aus der heutigen Situation im Filmwesen ergeben. Da mußte der Volks-freund und der Jugendfreund, der in jedem bewußten Katholiken leben soll, lebendig werden und einsetzen, um zu bessern, was zu bessern ist.

3. Ein dritter, und für uns begreiflicherweise stärkster Antrieb zu aktivstem Einsatz kam von der konkreten Weisung der Kirche, von der Kirche, von der wir in den letzten Jahrzehnten gerne sagen, daß sich etwas Neues in ihr tut, was wir gerne nennen: Kirche tijitt jn die Welt. Das heißt: existentiell, als Erscheinung, steht sie seit bald zweitausend Jahren in der Welt, sie hat euch seit bald zweitausend Jahren Sendung in die Welt. So lautet ja der große Auftrag des Herrn nach Seiner Auferstehung an Seine Jünger: „Geht in die ganze Welt…“ Es gibt aber heute nicht mehr bloß Anzeichen, sondern eine Reihe von Tatsachen, die bezeugen, daß die Kirche unserer Tage in einer neuen Besinnung auf diese Sendung in die Welt in neuer Intensität, in neuer Initiative ihr Wirken in die Welt ausrichtet. Was ist aber in der heutigen Zivilisation mehr „Welt" als der Film? So mußte das Filmwesen auch in den Blick der Kirche treten, zumal es hier, wie gesagt, um Gruppen der Menschheit geht, die seit jeher besondere Sorge der Kirche waren: das Volk und die Jugend. Und so hebt nach mehreren vorausgehenden Enunziationen in Filmfragen Papst Pius XI. in der Enzyklika „Vigilanti cura“ vom Juni 1936 die Beschäftigung mit dem Filmwesen heraus aus einem bloßen Privatinteresse hinein in die offizielle kirchliche Disziplin.

Wir wissen, eine Enzyklika schreibt der Papst nicht wegen Kleinigkeiten. Wenn es große, weltbewegende Fragen der Lehre, der Sitte, der Disziplin zu entscheiden gilt, wenn es auf besonders drohende Gefahren hinzuweisen gilt, dann erhebt der Papst in einem feierlichen Rundschreiben an alle Primaten und Bischöfe der ganzen Erde, die mit dem Heiligen Stuhl in Frieden leben, seine Stimme als oberster Lehrer der Kirche in der Form einer „Enzyklika", eines autoritativen Hirtenschreibens. Zu einer so bedeutenden Sache wird hier also auch das zeitgenössische Filmwesen erklärt. In der Enzyklika „Vigilanti cura“ wird nicht nur die positive und negative Seite des zeitgenössischen Filmwesens überraschend klar und gültig gezeichnet. Es werden auch den Bischöfen bestimmte Aufgaben gestellt. Sie sollen mit den Filmproduzenten in Kontakt treten und sie bewegen, nur gute das muß gar nicht heißen: nur fromm-religiöse Filme zu drehen. Sie werden angewiesen, ein Filmbüro einzurichten in. jedem Land, in dem im Glauben bewährte, sittlich hochstehende und in der Filmkunde gut bewanderte Männer und Frauen die anlaufenden Filme beurteilen und diese Urteile in entsprechender Weise durch Presse und andere Möglichkeiten an das katholische Volk heranbringen sollen. Das ist der Ursprung der nationalen katholischen Film-kommissionen, die es heute in mehr als 40 Staaten gibt und die in einem zentralen Sekretariat, dem O. C. I. C. Office catholique international de cinema zusammengeschlossen sind. Und das Volk soll aufgerufen werden, in jeweils entsprechender Form in gewissensbindender Weise die Erklärung abzugeben: nur die guten Filme zu besuchen, die schlechten aber zu meiden. Durch seither ergangene Weisungen Pius’ XII. werden diese Gutachten der Filmkommission als normativ erklärt und die Christen im Gewissen verpflichtet, ihren Kinobesuch darnach einzurichten. Vom Ernst der kirchlichen Bemühungen um das Filmwesen zeugt, daß vor einigen Jahren in Rom eine eigene päpstliche Kommission für das Filmwesen, unter Leitung eines Bischofes, eingesetzt wurde, die die Entwicklung des Filmwesens überhaupt und in Sonderheit der katholischen Filmaktiön zu verfolgen und geistig zu lenken hat. Wie sehr unserem regierenden Papst das Filmwesen auch zu einem persönlichen Anliegen geworden ist, bezeugen viele seiner Aussprüche und Ansprachen an die Filmschaffenden und Filmaktivisten aller Grade, insbesondere aber seine zwei ausführlichen Reden im Mai und Juni 1956 über den idealen Film, in denen schon der Ton gar nicht mehr auf Abwehr des schlechten, sondern auf der bewußten und werkmäßig begründeten Pflege des guten Films liegt.

Im September d. J. nun hat Pius XII., wie er sagt, um den neuen Entwicklungen Rechnung zu tragen, wieder eine Enzyklika geschrieben, in der er das Pflichtgemäße der katholischen Filmaktion in den genannten Formen neuerdings urgiert und diese Weisungen auch noch ausdehnt auf Funk- und Fernsehen. Weil wir mit Freude Diener der Kirche sein wollen, die in schöner neuer Entfaltung und Wirkfreude in die Welt tritt, darum haben wir uns der katholischen Filmaktion verschworen, niemandem zu Trutz, allen ernsten Volks-, Jugend- und Kulturfreunden aber zu Nutz.

Alles, was wir in Oesterreich seit der Gründung der Katholischen Filmkommission durch die Bischofskonferenz im Oktober 1947 getan haben — von der ersten abgezogenen Begutachtung bis zur V. Internationalen Festwoche -des religiösen Films, die dieser Tage anläuft —, muß von diesen Antrieben her beurteilt und gewertet werden.

Eine Sondernummer der „Filmschau" des offiziellen Organs der Katholischen Filmkommission für Oesterreich, die aus Anlaß der V. Inter-nationalen Festwoche des religiösen Films erscheint, zeigt Organisation, Methoden, Erfolge, Mißerfolge und noch zu lösende Fragen dieser Arbeit ehrlich und gewissenhaft auf.

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