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Um Breite und Tiefe

Vor einigen Wochen wurde in einem von der „Furche” veröffentlichten Aufsatz die geistig Lage der österreichischen Jugend von heute, drei Jahre nach Kriegsende, gezeichnet. Manches davon scheint wert, es noch weiter auszuführen und in seinen konkreten Auswirkungen zu untersuchen.

Da ist vor allem eine Tatsache, die jedem, der selbst bereiten Herzens ist, heute offenbar wird: die jungen Menschen des „zahlenmäßig schwächsten dritten Kreises”, von dem der erwähnte Aufsatz spricht, „der sich um das echte Welt- und Menschenbild und die sich aus dieser Erkenntnis ergebende Lebenshaltung bemüht” — sie stehen einander im gesamten menschlichen Bereich um sehr viel näher als dem Großteil ihrer übrigen Altersgenossen, die nach Erziehung, politischer Einstellung usw. ihnen verwandten nicht ausgenommen: obwohl gerade innerhalb dieses „dritten Kreises” weltanschauliche Gegensätze’ am deutlichsten werden, ja oft überhaupt erst ins Gewicht zu fallen beginnen. Dies bedeutet keine Verwischung dieser Gegensätze — im Gegenteil: die Standpunkte sind — und nicht nur bei Menschen, die den Krieg noch mitgemacht haben — viel klarer geworden, als das früher bei einem nennenswerten Teil so junger Menschen der Fall sein konnte. Aber man findet auf allen Seiten ein ehrliches Ringen um die Wahrheit, die ein tiefernstes Anliegen ist, eine große Bereitschaft zum Anhören des anderen, zum Wegräumen eigener Vorurteile; immer wieder im Gespräch mit jungen Sozialisten wie mit ehemaligen Nationalsozialisten, zwischen Katholiken und Protestanten kann man das erleben. Mit der Anerkennung dieser Haltung des Gegners ergibt sich auch die Achtung vor seiner Überzeugung: und man spürt eine Gemeinsamkeit mit ihm schon allein daraus, daß er eine solche hat, auch wenn es nicht die eigene ist. Mehr als bei den anderen tritt uns diese Haltung vielleicht bei einem Teil der ehemaligen Nationalsozialisten entgegen, weil sie am wenigsten heute eine eigene feste Stellung haben: sie haben längst keine Bindungen mehr zu einem politischen Nationalsozialismus, aber sie wollen und können sich auch mit alten Formen nicht zufrieden geben und suchen viele mit einer bestimmt tiefsten Wurzeln entspringenden Sehnsucht, nach etwas Neuem,- von- dem sie, wie sie selber sagen, noch nicht wissen, was es sein wird, an da sie aber unerschütterlich glauben können möchten.

Es würde den Christen zum Pharisäer stempeln, wollte er dieser Haltung gegenüber mit der Geste des Bekehrers auf- treten, hinter der im Fall der ehemaligen Nationalsozialisten noch der unausgesprochene Triumph steht, daß der Gegner von gestern nun zu Kreuz krieche; es zeigte darüber hinaus eine völlige Verkennung der wirklichen Lage. Es sind doch auch von Seite des Christen Positionen zu überprüfen, und muß er doch von sich selber die gleiche unbedingte Ehrlichkeit fordern, die ihm von anderer Seite heute entgegengebracht wird. Es wird sich dabei zeigen, daß die Verteidigung mancher bislang mit Erbitterung gehaltener Stellungen gar nicht seine Sache ist, daß manches nur zeitbedingte Erscheinung war, was er aus Erziehung und liebgewordener Tradition zum Wesen rechnete, ja daß gar viele solcher Formen unwesentlich sind, aber ein ernstes Hindernis bilden dafür, daß die ehrlich suchenden jungen Menschen unserer Generation das Neue, an das sie glauben, als ein Uraltes im Christentum finden. Man sage nicht leichtfertig, dies sei eine Utopie: zu viele Fälle in dieser, letzten Jahren haben das Gegenteil bewiesen und auch gezeigt, wieviel das Christentum durch solche Mensehen gewinnen kann, die von draußen kommen und ein tieferes Gespür haben für unsere Zeit und das ihr Gemäße als die meisten, die immer im christlichen Raum gestanden sind. Man kann freilich auch daran sehen, durch welchen Wall von Vorurteilen auch der Christen, von groteskem Mißverstehen, Ablehnung und Angst vor der Aktivität des „Außenseiters” die meisten dabei durchstoßen- mußten. Von hier gesehen ist es also auch für die Missionsaufgabe der Kirche sehr wesentlich, wenn die junge christliche Generation sich heute um einen neuen Stil ihres Lebens und ihrer Frömmigkeit müht; wenn wir unsere Hauptaufgabe in Erziehung und Selbsterziehung zum mündigen Christen sehen. Die grundlegenden Ideen des Christentums werden von den Menschen, um die es hier geht, fast durchwegs bejaht; auch der Totalitätsanspruch und die hierarchische Ordnung der Kirche sind eher Anziehungspunkte denn Hindernisse. Immer wieder scheitert die Begegnung an der Wirklichkeit — in einem zweifachen Sinn: an der Wirklichkeit der Christen, die diese Menschen antreffen (mehr als drei Viertel aller Einwände fallen hierher) — und an der metaphysischen Wirklichkeit: das Mitgehen ist leicht, solange man sich auf ethischem Gebiet bewegt, die Entscheidung ist dort, wo es sich darum handelt, die Wirklichkeit des Geglaubten — Schuld, Erlösung, Gnade, Eucharistie usw. — zu erkennen und anzuerkennen. Und ein gewichtiges Hindernis ist es dabei, daß wir meist nicht imstande sind, diese Wirklichkeit in der Sprache unserer Zeit einem Menschen nahezubringen, sondern immer wieder auf Formeln zurückgreifen müssen, die dem im christlichen Raum Aufgewachsenen ehrwürdig sein mögen, für den anderen aber unverständlich und seinem Lebensgefühl fremd sind.

Nun ist es ja gewiß richtig, daß in den vergangenen zehn Jahren in kleinen Gruppen und Freundeskreisen man di es gewachsen ist von einem solchen neuen Stil des Lebens und der persönlichen Frömmigkeit wie auch der Frömmigkeit der Gemeinschaft; manchmal wurde dabei eine seltene Tiefe von Leben und Gemeinschaft erreicht. Es hat sich jedoch gezeigt, daß die so entstandenen Formen sich nicht einfach auf große Gemeinschaften übertragen lassen; und ebenso, daß ganz neue und diesen gemäße Formen in solchen großen, mehr oder minder amorphen Gemeinschaften nicht „von selber” wachsen. Daß aber solche unserer Zeit und unserer Jugend eigene Formen noch immer weithin fehlen, das ist — neben vielem anderen — ein wichtiger Grund dafür, daß die katholische Jugendarbeit (und ebenso die Jugendarbeit aller anderen Richtungen) in Österreich noch immer nicht jene Breitenwirkung erreicht hat, die wohl die meisten sich vor drei Jahren schnell erhofften. Natürlich ist dem nicht so abzuhelfen, daß man Stil und Formen „macht” und von oben der Jugend aufzudrücken sucht: es bedeutete Erstarrung und Ende jedes organischen Wachstums. (Nebenbei s daran erinnert: genau an diesem Fehler krankte auch die HJ, lang vor dem Ende des Dritten Reiches.) Er weist aber vieles an den Erfahrungen dieser letzten Jahre darauf hin, daß neue innere Formen nur dort wachsen, wo eine gewisse äußere Form und Gliederung der Gemeinschaft vorgegeben ist: neuer Stil wächst nur in einem festen Rahmen, der ihn auch tragen kann. Ein allgemeiner „Stil der Jugend von heute” ist aber eine Abstraktion, die es nicht gibt und nicht geben kann: was konkret werden kann und soll, ist immer nur der Stil einer bestimmten Jugend, nämlich einer bestimmten Altersstnfe in einer bestimmten Umwelt.

Schrittweise ist in den letzten Jahren die Bedeutung der Umwelt für die gesamte Jugendarbeit — nicht nur für Lebens- und Gemeinschaftsformen, sondern für alle wichtigen Fragen — immer deutlicher, die Notwendigkeit ihrer Berücksichtigung immer unabweisbarer geworden. Auch sonst ist in dieser Zeit manches gereift, wurden Vorbedingungen geschaffen, die früher fehlten, und so konnte die katholische Jugend Österreichs mit der St.-Pöltener Tagung im April dieses Jahres die entscheidenden Folgerungen ziehen: sie gliedert sich nunmehr nach den drei großen Bereichen der Jungarbeiter, der Landjugend und der Stu denten, womit eine seit eineinhalb Jahren laufende Entwicklung ihre offizielle Bestätigung erfahren hat. Gleichzeitig ist noch eine andere lange Entwicklung zu einem vorläufigen Abschluß gelangt: von den nach dem Krieg weiterbestehenden und neugebildeten losen, engen Kreisen zu einer immer strafferen Bindung, Gliederung und Abgrenzung der Gruppen — was keineswegs gleichzu setzen ist mit Abschließung, etwa einer Beschränkung auf einen den entsprechenden Anforderungen genügenden „gut christlichen” Kreis; dies wäre, nach den Worten Kardinal Su- hards, ein „Zerrbild des Evangeliums”. Sondern ganz im Gegenteil soll durch das Ansetzen an der natürlichen Lebensgemeinschaft wie durch die straffe Zusammenfassung und Gliederung der Vorstoß in die Masse der Jugend ermöglicht werden. Aus beiden ergibt sich notwendig auch eine gegenüber 1946 vervielfachte Organisation und damit auch einige Gefahren, die ganz klar gesehen werden müssen, um ihnen wirksam begegnen zu können.

Wir wollen durch eine verstärkte Organisation nach der Masse greifen. Aber auch die beste Organisation kann immer nur einen Rahmen abgeben, kann das Feld abstecken, auf dem die Entscheidungen letztlich immer in Begegnungen zwischen einzelnen Menschen fallen. Somit hängt alles davon ab, ob die jungen Führer und Aktivisten für diese Arbeit da sind. Masse muß immer von einer Elite getragen werden und je weiter der Kreis gezogen wird, der sie umfaßt, um so tiefer muß diese Elite sein. Die alte Frage zwischen Massenarbeit und Auswahl hat sich überlebt. Beides ist heute nötig: eine Elite aus der Masse und in der Masse und das müssen nicht die Fähigsten und die am besten Geschulten, und nicht einmal jene sein, die sich am meisten einsetzen, aber unter allen Umständen und ausnahmslos solche, die ihre Arbeit aus einem ganz tiefen persönlichen Innenleben ausführen.

Wenn wir uns dessen bewußt bleiben, dann haben wir Hoffnung, aus der Tiefe auch wahrhaft in die Breite wirken zu können, daß wir hineindringen werden in die große Masse unserer Generation, an die wir nach den Schlußworten jenes Aufsatzes zutiefst gebunden sind. Dann werden wir der Verantwortung gerecht werden können, die jeder Sehende heute für die Jugend unseres Landes trägt.

Leopold Rosenmayr: „Junge Ge- neration”, „Die Furche”, Folge 17.

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