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Wunsche von Arbeitern an die Kirche

Gelegentlich der „Maiandadit der Arbeiter“ in Wien, die einen Versuch darstellte, mit den der Kirche fernstehenden Arbeitern ein Gespräch aufzunehmen, wurden mündlich und schriftlich bestimmte Wünsche geäußert, deren Inhalt außerordentlich bemerkenswert ist *. Auf den ersten Blick sind sie meist verblüffend einfach, und man staunt, daß sie so wenig oft erfüllt wurden. Danach wäre nämlich die Arbeiterseelsorge gar nicht so kompliziert, wie es in Diskussionen manchesmal den Anschein hat. Diese Arbeiter verlangen von der Kirche keine leibliche Fürsorge. Diese erwarten sie vom Staat und von dem Betrieb, dem sie ihre Arbeitskräfte zur Verfügung stellen. Sie anerkennen dankbar die Fürsorge der Kirche in leiblichen Dingen, aber sie wissen, daß dies, wenigstens in normalen Zeiten, nicht ihre erste Aufgabe ist. Die Kirche kann ja trotz größter Anstrengungen nur verhältnismäßig wenig von dem Elend lindern, das eine unsoziale Welt- und Gesellschaftsordnung verschuldet hat.

Bezeichnend ist, daß in den Briefen der Arbeiter nachdrücklich die Forderung erhoben wurde, man solle ihnen in diesen gegenwärtigen bitteren und ratlosen Stunden eine Möglichkeit und einen Ort geben, an dem für sie allein gepredigt werde. Wenn die Kirdie diesen Leuten überhaupt noch etwas zu sagen hat und ein entscheidendes Wort in diese Zeit hineinsprechen will, dann muß sie es heute tun und rechtzeitig, bevor es überhaupt zu spät ist. Die Arbeiter wünschen ihre Probleme in ihrer Sprache, das heißt offen, frei und kühn behandelt, nicht oberflächlich, sondern gründlich und doch verständlich. Sie wünschen eine Arbeiterkirche, in welche Arbeiter aus allen Bezirken Ju ihrem Gottesdienst kommen können. Gibt es eigene Gottesdienste für Akademiker und Studenten, warum nicht auch für Arbeiter? Dort soll in Predigt und Vortrag

alles zur Sprache kommen, wobei keinem Problem aus dem Weg gegangen werden darf. Audi die Arbeiterin meldet sich in einem Brief zum Wort: „Wer löst die Probleme der Arbeiterin? Wir stehen an derselben Stelle wie der Mann, haben dieselben Gefahren und Sdiwierigkeiten. Wer nimmt sich um die erwerbstätige Frau an?“

Da der Mai zu kurz war, schlug ich vor, in Diskussionsabenden in einem Saal die schriftlichen Anfragen zu beantworten. Der Vorschlag wurde entschieden abgelehnt. „Wir halten es für das beste, in der Kirche zur Masse zu sprechen. Es braucht nur mitgeteilt werden, daß wieder für die Arbeiterschaft Vorträge stattfinden, und wir kommen alle wieder.“ Eine ganze Reihe ließ Ende Mai ihre Adresse zurück, und manche gaben Telephonnummern an.

Was dürfen wir nun aus diesen Tatsachen folgern? Wir haben in Wien wie in vielen Provinzstädten ausgesprochene Arbeiterpfarren. Diese müssen als erste die Krise der heutigen Predigt überwinden. Kardinal Saliege von Toulouse sagte am 10. Jänner 1947 zu seinem Klerus: „Es gibt ein Problem, das zu lösen die Ereignisse zwingen werden: die Predigt. Unsere Predigt packtnichtmehr. Wir halten fest an einer veralteten und unverständlichen Redeweise. Unsere Zeitgenossen lieben eine gerade Sprache, keine weitschweifigen Abhandlungen, sie lieben eine kernige Sprache, die etwas sagt, und nicht eine leicht dahinfließende.“

Das Haupterfordernis für einen Prediger der Arbeiterschaft ist vor allem ein gründliches theologisches Wissen, ja, ich möchte behaupten, noch gründlicher als bei einem Akademikerseelsorger. Ein solcher Prediger hat nicht wie der Akademikerseelsorger Jaspers, Heidegger und die ganze Existenzialphilosophie zu beherrschen und theologisch dazu Stellung zu nehmen, dafür aber fragt der Arbeiter nach dem Vortrag Dinge, auf die kein theologisches Handbuch im voraus eine Antwort zurechtgelegt hat, sondern man muß die einschlägigen Traktate beherrschen, um zur Beant wortung dieser Frage eine neue selbständige Lösung zu geben. Dazu bedarf es nicht nur eines fundierten theologischen Wissens, sondern auch der Kenntnis von verwandten Disziplinen.

Außerdem ist ein gründliches theoretisches und praktisches psychologisches Wissen erforderlich. Manche Predigt erfordert mehr einen logischen, manche mehr einen psychologischen Aufbau, entsprechend dem gesteckten Ziele und dem, was in der großen und kleinen Welt vorgeht. Es ist ja die Arbeiterschaft von heute, die aufgeklärt, aufgerüttelt heimgeführt werden soll.

Wir predigen so viel zum Volke, haben aber so wenig Volksprediger. Freilich muß hinter dem Prediger eine ganze Persönlichkeit stecken: Poeta nascitur, orator fit. Von Ciceros „de oratore“ ist mir ein Satz all der wesentlichste im Gedächtnis, der heißt: „Nur ein großer Mensch ist auch ein großer Redner.“ So ist das Problem der Arbeiterseelsorge zunächst das Problem des Arbeiterseelsorgers. Alles andere rückt an zweite und dritte Stelle.

Ein weiteres Anliegen der Arbeiter ist noch verblüffender — wenigstens für den Außenstehenden: es ist das Verlangen nach Arbeiterbeichtvätern. Ein ganz großer Prozentsatz stellte sdiriftlich diese Forderung auf. „Wir hätten schon lange beichten sollen. Wir haben Gott immer um Verzeihung gebeten. Die Geistlichen sind sehr nett und freundlich, aber da ist eine Sdieu und eine so unübersteigliche Mauer, die uns immer absdireckt. Gibt es schon so einsichtsvolle Menschen und Priester, denen man sich in diesen Dingen anvertrauen kann? Wir wollen ganz rein dastehen.“

Wie ist dies zu erklären? Es mag einerseits daher gekommen sein, daß ich eine Woche auf Wunsch der Zuhörer das sexuelle Problem behandelte, ein Lebensgebiet, auf dem der Krieg die größten Sdiäden zurückgelassen hat. Dazu kommt bei vielen Menschen noch die Zerrüttung der Nerven, die mangelnde seelische Beherrschung und Widerstandskraft, gesdiwächter Lebenswille —i eine seelische Leere. Das Aussprechen im Beichtstuhl hat eben auch einen bedeutenden psydiotherapeutischen Wert. Es erscheint im jetzigen Menschen tatsächlich etwas von jener Daseinsangst, welche die Existenzialphilosophen schon oft dargelegt haben und die die Welt heute noch ebenso wie im Krieg beherrscht. Sie ist auf das arbeitende Volk nicht nur übergegangen, sondern offenbart sich auch in der Unsicherheit des Lebens und Arbeitsplatzes. Der Arbeiter fühlt, wie bedingt seine Existenz ist. Er weiß es ganz deutlich, und manche Sozialisten spredten es auch unverblümt aus, daß sie das irdische Paradies des Arbeiters nicht mehr erleben werden, daß es in weite Ferne gerückt ist und kein Lebensziel bedeutet, das man für sich selber er-reidien wird. Katholizismus und Sozialismus sind da insofern einander nähergerückt, weil das Paradies des Sozialismus für den Arbeiter von heute auch ein jenseitiges geworden ist. Nur ist dieses Paradies des Sozialismus weltimmanent und das des Katholizismus transzendent. Der Arbeiter wird für dieses Leben Vorsorgen, soweit es möglich ist, er will aber auch bereit sein, wenn er plötzlich abberufen wird, um nach dem Glauben aller Völker der Erde Rechenschaft ablegen zu müssen über dieses Erdenleben vor dem ewigen Gott.

Vielen ist noch ein gesundes Sehnen nach seelischer Ausgeglichenheit, nach innerer Stärke, nach Reinheit geblieben und der Wunsch, nach der Vergebung der sittlichen Schwäche und Schuld wieder neu beginnen zu können. Reife, um das Leben wissende, wahrhaft väterliche Priester als Beichtväter zu haben, ist ihr Anliegen.

Das „Was“ und „Wie“ des Bekenntnisses muß jedoch in feiner Weise gelehrt werden. Die Leute müssen die Überzeugung gewinnen, daß sie nach allem fragen können. Die ganze Qual der Mensdiheit, die bloßgelegten Wunden der Seele bedürfen des kundigen Arztes. Junge Arbeiterfrauen, die erst den Schritt aus der Mädchenzeit in die Ehe gemacht haben, wollen vielfach gerade im Beichtstuhl sich Klärung und Wegweisung holen. Eine Reihe von Briefen erwähnt eigens dieses Bedürfnis.

So ergibt sich aus diesen Wünschen, die von der Arbeiterschaft herangetragen wurden, von selber, daß Kanzel und Beichtstuhl die wichtigsten Arbeitsstätten des Arbeiterpriesters sind. Es kommt bei jedem Beruf soviel darauf an, daß man auf dem richtigen Arbeitsplatz steht. Dem Arbeiterseelsorger werden seine zwei wichtigsten „Arbeitsplätze“ vom arbeitenden Volk selber angewiesen.

Eine letzte Forderung betrifft die Jugend. Hier waren die Erwachsenen um die Jugend in einer direkt ergreifenden Weise besorgt. Bei dieser Gelegenheit sind die „phänomenologischen“ Untersdiiede zwischen „katholischer Pfarrjugend“ und „fernstehender Jugend“ deutlidier geworden, die nun allmählich auch in das hellere Bewußtsein berufener Kreise bei Tagungen und Konferenzen treten. Der Unterschied wurde mir bei einem Aufklärungsvortrag klarer. Die katholische Jugend empfand die Offenheit der Darstellung gelegentlich „allzu revolutionär“. Sonst Fernstehende wunderten sidi, daß darüber von einem Priester wissenschaftlich und religiös zugleich gesprochen wurde. Psychologisch war mir die Sadie verständlich, aber ich wollte unsere jugendlichen Gäste nicht verletzen. Die katholische Jugend hat in der Zeit der Bedrängnis durch den Nationalsozialismus treu zur Kirche gestanden, hat sich religiös sehr vertieft. Es war die Katakombenzeit dieser Jugend, schön trotz alledem. Diese Jugend hat sich eine Reinheit, Disziplin und eine gewisse Würde erworben und verlangt eine andere Art der Behandlung eines solchen Themas. Pfarrhelfer, die anwesend waren, erfaßten die Situation. Sie sahen hier eine Art, mit der vielleicht die fernstehende Jugend ihrer Pfarre gewonnen und ein Kontakt hergestellt werden könnte. Einer tele-phonierte mich an: „Hochwürden, kommen Sie drei Abende zu uns. Wenn Sie es unter hundert Jugendlichen nicht machen wollen, die garantieren wir Ihnen. Wir werden jeden Burschen und jedes Mädchen sdiriftlich einladen.“

Die Frage um die Jugend ist die wichtigste der Arbeiterseelsorge. Wir spürten es alle ganz deutlich. Die Jugendfrage ist immer der Kern jeder Weltgestaltung und jeder Bewegung. Die ganz fernstehende Jugend ist derzeit im seelischen Sinne unerreichbar. Es fehlt ihr jedes Organ für seelische Fragen Wir brauchen darum eine Mittelgruppe zwischen den absolut Kirdrentreuen, der Pfarrjugend, und den ganz Fernstehenden. Diese Mittelgruppe wäre die Jugend, an die wir noch ein Mindestmaß von religiösen Forderungen stellen könnten. Früher haben Reichsbund und Mädchenverband viele solcher jungen Menschen erfaßt und ihnen einen Halt gegeben. Solche haben den kirchlichen Lebenskreis niemals ganz verlassen, auch wenn es zunächst äußerliche Dinge, wie Sport, Wandern und dergleichen, waren, die sie zu uns führten.

Bedenken wir dazu: In Wien sind 24.000 Lehrlinge. Wie viele von ihnen sind bei der Pfarrjugend? Der Großteil von ihnen ist doch katholisch. Wir müssen traditen, daß ein Minimum religiöser und moralischer Erziehung ihnen zuteil wird, sonst verlieren sie sich im Chaos. Noch hat diese Jugend keinen eigenen Raum im „Verband“ der Kirche. Noch ist für diese jungen Menschen die Pfarrjugend „zu religiös“, „zu gebunden“. Auch für diese Masse müßte von der Kirche gesorgt werden.

Briefe und Äußerungen der Jugend zeigen noch ein weiteres Bedürfnis, das wir vor lauter Demokratie und „Eigenständigkeit der Jugend“ vielleicht gar nicht beachtet haben. Nach den ersten Jahren der Befreiung nimmt der Vergnügungstaumel merklidi ab. Die Jugend verlangt selber, nicht nur „betreu t“, sondern auch „e r-zogen“ zu werden. Sie hält Ausschau nach kraftvollen Erzieherpersönlichkeiten, die es auch ungeniert wagen, in der eigenen Gruppe gelegentlich unpopulär zu sein. Gerade daran spüren sie aber zuinnerst die Hirtensorge ihres Jugendseelsorgers. Solche Priester sind nicht nur die geachtetsten, sondern im tiefsten Grunde auch die beliebtesten.

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