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Weltgestaltung aus dem Glauben

1945 1960 1980 2000 2020

Viele von ihnen sind auf „die Kirche" gar nicht gut zu sprechen. Manche sehen in ihnen - den Laientheologen - eine „Zivilisationskrankheit". Wo ist ihr Platz in der Kirche?

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Viele von ihnen sind auf „die Kirche" gar nicht gut zu sprechen. Manche sehen in ihnen - den Laientheologen - eine „Zivilisationskrankheit". Wo ist ihr Platz in der Kirche?

Ich hatte mich als Laientheologenseelsorger vorgestellt. „Laientheologen sind ja eine Zivilisationskrankheit", hat da mein Gegenüber gemeint. „Die gibt es doch nur in diesen kirchlich überzivilisierten Ländern wie Deutschland, Österreich und der Schweiz."

Mit der Entwicklung unserer Zivilisation hat die Situation schon zu tun. Denn rein von den Zahlen her ist das Theologiestu-

dium immer gefragter. Rund 1700 Studenten sind derzeit an der theologischen Fakultät in Wien inskribiert. Vor einiger Zeit ist die Psychologie von einem ähnlichen Boom heimgesucht gewesen. Die Welt und den Menschen vor allem galt es zu verstehen. Jetzt ist gleichsam ein bißchen ein metaphysischer Zug dazu gekommen: Welt, Mensch und Gott gilt es zu ergründen.

Kardinal John Henry Newman wäre erfreut gewesen. Seine Vorstellung war ja, daß die Universität die Denkfähigkeit stärkt und Wachstum im Wissen bewirkt. Heute steht aber die Berufsausbildung im Vordergrund. Wie sieht es da aus? Knapp 200 Studenten beginnen .jedes, Jahr in Wien an der theologischen Fakultät. Ihr Studium schließen rund 60, bis 70 jährlich ab. Etwa fünf pro Jahr gehen in Wien in den pasto-ralen Dienst in einer Pfarre, um die 20 gehen in den Schuldienst.

Das waren Zahlen. Aber die sagen ja noch nichts aus über den Stellenwert der Laientheologen. Sind sie tatsächlich nur eine Zivilisationskrankheit, die hoffentlich wieder vergehen wird? Sind sie die Hoffnung der Kirche, auf die man setzen muß?

Daß kaum einer weiß, was genau mit den Laientheologen anzufangen ist und wohin cfer Weg mit ihnen führen wird, ist nicht beunruhigend. Weder bei Franz von Assisi und seiner Bewegung noch bei den Katharern und Wal-densern hat man anfangs so genau gewußt, wohin das führen soll, wer zum Heil oder Unheil ist. Aber umgehen mußte man zu jeder Zeit mit Entwicklungen. Wie soll man mit Laientheologen umgehen, wie sie einordnen, welchen Platz in der Kirche für sie sehen? Ein paar Beobachtungen möchte ich zu den Überlegungen beisteuern.

Erste Beobachtung. Ein Gespräch mit Pastoralassistenten, die in einer Gemeinde ohne Priester am Ort angestellt sind. In ihren Erzählungen wird deutlich, wie sehr sie darunter leiden, daß sie mit den Christen am Ort nicht Eucharistie feiern dürfen. Sie kennen die Menschen, leben mit ihnen — warum muß da zur Messe ein anderer kommen? Der eine Pastoralassistent feiert mit dem zuständigen Pfarrer die Messe in einer Art Quasi-Konzelebration mit und ist todtraurig, wenn im Sommer eine Urlaubsvertretung kommt, die ihn in die Bank zum Volk schickt.

Bei Paulus ist einmal die Rede von einer Vielzahl von Ämtern, Diensten, Aufgaben und Charismen. Wenn es nicht gelingt, die Differenzierung auf diese vielfältigen Aufgaben zu schaffen, gibt es wohl nur eine Neuauflage des „klerikalen Schwammes" (Paul Zulehner), der alles an sich zieht und aufsaugt.

Szenenwechsel. Eine Diskussi-

on mit Studenten, die überlegen, in den kirchlichen Dienst zu gehen. Die Unsicherheit um die Beziehungen, die man eingeht, die Ungewißheit, ob das eigene Lebens- und Liebesprojekt gelingen wird, trifft auf die Kirche, die da eindeutige Anforderungen stellt. Und aus der Angst, ob das gutgeht, resultiert eine gewisse Aggressivität. „Die Kirche zwingt mich zur Unehrlichkeit", „Die Kirche verhindert die Selbstverwirklichung" sind dann häufig geäußerte Vorwürfe. Sie verlangt zu leben, wie ich nicht will oder kann.

Daß im Umgehen mit dem Einzelnen die Spannung zwischen Norm und Subjekt, zwischen Recht und liebender Zuwendung deutlich werden kann, ist klar. Aber der Blickwinkel stimmt nicht. Es geht nicht um die Kirche, die mich zur Unehrlichkeit zwingt. Was gefragt ist, ist die Ehrlichkeit gegenüber dem Anspruch Jesu und seiner Nachfolge.

Ein bißchen habe ich auch das Gefühl, daß in diesen Diskussionen ein (mehr oder weniger versteckter) Narzißmus mit im Spiel ist. Die Umwelt ist offenbar verpflichtet, mich in allen Angelegenheiten unbedingt zu unterstützen. Ich suche mein Glück direkt, unter Ausschluß der sozialen Situation. Und wenn es nicht klappt, steige ich in passive Erwartungshaltung um. So eine Art verlängerter Narzißmus: Die Kirche wird benutzt, sie muß für mich da sein. Symptomatisch in diesem Zusammenhang: Eine Diskussionsrunde „Wie kirchlich soll ein Religionslehrer sein?" endete mit Pragmatisierungspro-blemen.

Aber Arbeit im Reich Gottes geschieht nicht, wenn ich direkt auf Glücksgewinn ausgerichtet bin, sondern immer nur, wenn ich auf rechtes Tun ausgerichtet bin. Das Glück kommt auf dem Rücken der Tat, nicht an seiner Spitze. Das ist wohl auch der tiefere Sinn der Bibelstelle, daß der, der sein Leben hebt, es verlieren wird (Jo 12,25).

Was noch auffällt: Es gibt kaum ein Gespräch, in dem nicht irgend-

einer mit einem gekonnten Seitenhieb auf „die Kirche" Szenenapplaus heischt oder wenigstens jemand beklagt, daß er sich mit dieser Kirche nicht identifizieren kann. Ich halte es für eine entscheidende Frage der Zukunft, daß die, die in der Kirche stehen, die Kirche lieben.

Neue Betätigungsfelder

Mir ist klar, daß die Kirche eine Ideal- und eine Erscheinungsgestalt hat. Mir ist auch klar, daß das Ideal geschichtlich erscheinen muß. Das jetzige geschichtliche Erscheinungsbild muß ich nicht voll akzeptieren. Aber ich bin mir bewußt: Ich selber gehöre ja auch (noch) nicht zur Idealgestalt, ich selber verdiene ja auch nur bedingte Zustimmung und will dennoch geliebt werden, weiß mich dennoch geliebt.

Die Kirche hat damit begonnen, daß die Apostel hinausgezogen sind und die Großtaten Gottes verkündet haben. Wenn ich heute hinausziehe, muß ich mich immer fragen: Verkünde ich Seine Großtaten? Trete ich in Seinem oder in meinem Namen auf?

Was mich noch bewegt hat: Ein paar engagierte Studenten entwickeln gemeinsam mit Professoren und Assistenten den Plan eines Projektstudiums. Es sollte eine Chance werden, ausgefahrene Studiengeleise zu verlassen. Die Inhalte des Projektstudiums sollten die Studenten auf Grund ihrer Interessenlage mitbestimmen, das Schablonendenken sollte durch die Zusammenarbeit verschiedener Institute durchbrochen werden. Die Studenten erreichten in Verhandlungen mit dem Wissenschaftsministerium die Bewilligung dieses neuen Studienvorganges. Dann luden sie ihre Kollegen zur Inskription ein. Fazit: Trotz zweier Anläufe mußte das Projektstudium abgeblasen werden — mangelndes Interesse.

Was mir noch auffällt: Es gibt eine Reihe von Studenten, die so-

zial-karitative Betätigungsfelder suchen und finden. Im Haus der Barmherzigkeit, in Jugendhäusern der Caritas, in Obdachlosenheimen versuchen sie, ihre Vorstellung von einer besseren Welt mit der Wirklichkeit zu messen. Der Schnitt der Wahlbeteiligung liegt an der theologischen Fakultät in Wien erkennbar über dem Durchschnitt der Gesamtbeteiligung an ÖH-Wahlen. Auch das gibt Hoffnung, daß Weltgestaltung aus dem Glauben nicht nur Phrase bleiben muß.

Neben den traditionellen Betätigungsfeldern wie Schule und Pfarrpastoral suchen zunehmend mehr Studenten nach weiteren Betätigungsfeldern. Die Suche geht zwar zögernd vonstatten, aber Krankenhauspastoral und Gefangenenpastoral sind erste Anzeichen für neue genuine Laientheologenbereiche. Die Medien (von Zeitung über Rundfunk bis Fernsehen), die Arbeit in Verlagen, Sozialberufen — all das erfordert meist eine zusätzliche Ausbildung und ist vom Berufsbild her erst mühsam zu entwickeln.

Man darf auch den Blick für die Weltkirche nicht verlieren. Mit welchem Recht will man ein Spe-zialproblem von ein paar Ländern („Zivilisationskrankheit") als Problem der Gesamtkirche aufnötigen?

Genug der Beobachtungen und Diagnosen. Das Faszinierende an unserer Welt ist, daß sie erkannt hat, daß schöpferische Kräfte in jedem Menschen stecken, nicht nur in privilegierten Schichten oder bestimmten Institutionen. Diese Erkenntnis hat ja zu arbeitsteiligen Prozessen mit enormen Leistungssteigerungen geführt.

An sich war das der Kirche immer schon bekannt, dieses „Ihr alle aber seid Brüder". Daß die Umsetzung noch immer auf sich warten läßt, sehe ich nur als Herausforderung. Im Volk Gottes steckt ein noch lange nicht ausgeschöpftes Potential von Bereitschaft.

Wenn ich denke, zu welchen Einsichten über die Aufgabe der Frau in der Kirche mich Studentinnen gebracht haben. Weniger die radikalen Feministinnen, denn Druck erzeugt immer Gegendruck. Aber die, die in einer geduldigen Beharrlichkeit das Gespräch immer wieder weitergeführt haben — die haben mich zu neuen Einsichten gebracht.

Wenn ich denke, wie engagierte Studenten (engagiert für die Sache Jesu, nicht ihre eigene) mich zum Nachdenken gebracht haben: Uber den (oft unbewußten) Kampf um die eigene Machtposition, über die Auf gabenverteilung in der Kirche, über die eigene Wichtigkeit, die so oft das einzig Wichtige ist... wenn ich daran und so manches andere denke, bin ich eigentlich — allem vorher Geschriebenen zum Trotz — voller Zuversicht.

P. Pedro Arrupe, der ehemalige Jesuitengeneral, hat auf die Frage nach der Ursache seiner optimistischen Grundhaltung gemeint: „So nahe war uns der Herr vielleicht noch nie, weil wir noch nie so ungesichert waren."

Wir dürfen diese Nähe nur nicht verspielen, indem wir uns auf schnelle Sicherheiten zurückziehen.

Der Autor ist Vorsitzender der Seelsorger und Referenten der Laientheologen Österreichs.

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