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„Wir laisierten Priester...“

Mit dem „Wir“ bekennt sich der Verfasser dieses Artikels als Mitglied einer sehr problematischen Gruppe in der Kirche.

„Ich war Priester.“ Das ist zunächst für mich eine nüchterne Feststellung und doch zugleich ein Bekenntnis zu dem, was ich war und im Innersten noch bin. Ich war Priester, weil ich keine kirchliche Jurisdiktion mehr besitze; ich bin Priester, weil ich nach dem Dogma der Kirche Priester auf Lebenszeit bin. Vorerst gilt: Ich war Priester. Ich selbst habe mich aus freien Stücken in den Laienstand zurückversetzen lassen. Ich bereue diesen Schritt auch heute nicht. Seitdem man den Laien in der Kirche wieder aufgewertet hat, kann ich in der Laisierung keine Degradierung mehr sehen. Nur eines bedrückt mich heute noch, vier Jahre nach meiner Laisierung, daß ich damals zum Schweigen verpflichtet wurde. Ich mußte schweigen und mußte es in Kauf nehmen, daß mir dieses Schweigen als Feigheit ausge-

legt wird. Ich mußte schweigen und mußte es riskieren, daß viele meiner Freunde, und vor allem der mir Vertrauenden, durch meinen Schritt, aber mehr noch durch mein Schweigen; irre werden, nicht nur an mir, vielleicht auch an der Kirche. Trotzdem hielt ich dieses Schweigen, weil ich nicht Publizität suchte und weil ich dem Wunsch der kirchlichen Obrigkeit nachkommen wollte. Ich erfüllte auch den dringenden Wunsch der Obrigkeit, aus der Diözese auszusiedeln. Damit habe ich allerdings auch meine Heimat aufgeben.

Nach vier Jahren des Schweigens drängt es mich, mit zwei Fragen an die kirchliche Öffentlichkeit heranzutreten. Die grundsätzliche Frage um den Zölibat soll dabei ausgeklammert sein.

Die erste Frage:

„Wo ist unser Standort in der Kirche?“

Wir waren Priester und sind jetzt Laien. Aber wir bringen das Gefühl nicht los, daß wir als Laien minderer Qualität angesehen werden. Schon 1966 hat Prof. Dr. Domanig (Salzburg) in einem Diskussionsbeitrag in der „Furche“ (Nr. 35) geschrieben: „Ebenso falsch, ja ungerecht und unmoralisch und schließlich auch unzweckmäßig ist die — man möchte sagen — bis ins Mark gehende Diskriminierung austretender und ausgetretener Priester. Sie ist wirklich mittelalterlich und hat mit christlicher Freiheit und Achtung der Persönlichkeit nichts gemein.“ Es mag sein, daß sich seither einiges geändert hat, aber das Gefühl, wenigstens vollwertige Laien zu sein, besitzen wir noch nicht. Schon die päpstliche Dispens zur Heirat ist mit einer gewissen Minderbewertung

verbunden. Die Hochzeit, so heißt es im Dispensschreiben, muß erfolgen „sine pompa et sine festes“. Keiner von uns laisierten Priestern hat wahrscheinlich Wert gelegt auf eine pompöse und besonders feierliche Hochzeit, und schon gar nicht auf eine öffentliche Zurschaustellung. Aber daß man sogar auf die sonst im Kirchenrecht vorgeschriebenen Zeugen verzichten mußte, macht eine solche Trauung nahezu fragwürdig. Ebenso die Tatsache, daß uns der im Rituale vorgesehene Brautsegen verweigert wurde. Von der Möglichkeit einer Trauung innerhalb einer Messe und mit dem Empfang der Kommunion unter beiden Gestalten sind wir laisierten Priester, die wir so oft „den Kelch des Herrn“ getrunken haben, natürlich völlig ausgeschlossen. Bei unserer Trauung wurde uns erstmals völlig bewußt, daß wir Laien minderer Qualität geworden sind.

Dieses Bewußtsein wird durch verschiedene Tatsachen immer wieder

neu bestärkt. Man sucht in der Kirche den aktiven Laien, aber die Aktivität laisierter Priester wünscht man offensichtlich nicht. Wahrscheinlich traut man uns nicht oder man schämt sich mit uns. Einmal in den vier Jahren meines Laienstandes durfte ich Vorbeter bei einer Betsingmesse sein, weil niemand anderer zur Verfügung stand. Gut, die österreichischen Bischöfe haben kürzlich die Empfehlung ausgesprochen, laisierte Priester wieder als Religionslehrer einzustellen und dies sogar in der eigenen Diözese. Vor vier Jahren stieß man allgemein noch auf schroffe Ablehnung. Lieber ließ man Religionsstunden ausfallen, bevor man einen von uns als Religionslehrer eingestellt hätte. Eine Ausnahme unter den österreichischen Bischöfen gab es allerdings,

• Der Ordinarius für Kirchengeschichte an der Wiener Evangelischtheologischen Fakultät, Professor Dr. Wilhelm Kuhnert, beging am 28. Februar seinen 70. Geburtstag. Professor Kuhnert ist nicht nur als Forscher und akademischer Lehrer tätig, sondern hat sich auch in reichem Ausmaß der evangelischen Kirche zur Mitarbeit zur Verfügung gestellt. Seit Jahren führt er den Vorsitz im Religionsunterrichtsausschuß der Wiener Gemeinden A. B. und H. B., er ist Vorsitzender der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus in Österreich und Schriftleiter des Jahrbuches, er gehört dem Lehrkörper der evangelischen Frauenschule in Wien an und zeichnet auch als Schriftleiter für „Amt und Gemeinde“. Auch die „Furche“ konnte wiederholt Artikel von Prof. Kuhnert veröffentlichen.

und zwar den damaligen Weihbischof und jetzigen Erzbischof von Salzburg, Dr. Macheiner. Das sei gerne und mit Dank gesagt.

Wie weit sind die kirchlichen Oberen in Österreich darüber hinaus bereit, unsere Bereitschaft zum Dienst in der Kirche in Anspruch zu nehmen? Grundsätzlich besteht heute ja die Möglichkeit, daß Laien Wortgottesdienste halten und die Kommunion reichen, und soviel ich weiß, wird dies auch schon gelegentlich praktiziert. Hält man auch uns laisierte Priester dafür geeignet und würdig? In einigen österreichischen Diözesen werden in Kürze die ersten verheirateten Diakone geweiht und in den Dienst gestellt. Kommen wir für dieses Amt wirklich nicht mehr in Fra-

ge? Wir wären auch gerne bereit, an der außerschulischen katholischen Bildungsarbeit mitzuwirken. Kann man uns dazu brauchen oder sieht man in uns verdächtige Häretiker? Das sind Fragen, die wir an die Bischöfe richten und an die Pfarrer, die das Kreuz unserer Anwesenheit tragen und schließlich auch an die aktiven Laien. Vor allem an letztere ist die Frage gestellt: „Wollt ihr uns wenigstens als euresgleichen betrachten?“ Die zweite Frage:

„Wie denkt die kirchliche Obrigkeit über die soziale Situation der laisierten Priester?“

Jeder von uns laisierten Priestern mußte sich nach der Entlassung aus dem kirchlichen Dienst um einen Brotberuf umsehen, um sich und die neugegründete Familie zu erhalten. Das war für die meisten von uns sehr schwierig, da uns die Ausbildung für andere Berufe- fehlte. Irgendwie und irgendwo fanden wir schließlich Arbeit und Verdienst. Es ging uns dabei besser als unseren italienischen Kollegen, die sich zum Teil als Straßenkehrer und Schuhputzer und in ähnlichen Berufen ihr Brot verdienen müssen. Aber auch für uns war die berufliche Umstellung mit finanziellen Einbußen verbunden. Wir mußten zumindest wieder von vorne beginnen. Und was uns am schwersten trifft, ist die Tatsache, daß wir in unserer kirchlichen Dienstzeit keinerlei sozialrechtliche Sicherung hatten. Damit ist, uns die Möglichkeit einer vollen Pension genommen; zumindest jenen, die im neuen Beruf nicht mehr die für die Vollpension nötigen Dienst jähre zusammenbringen.

Haben sich unsere.kirchlichen Oberen darüber schon ernsthaft Gedanken gemacht? Die Kirche fühlt sich doch sonst als Anwalt der sozial Benachteiligten! Wie wäre es, wenn sie sich auch einmal derer annehmen würde, die vielleicht lange in ihren Diensten gestanden und dabei die besten Jahre des Lebens verbraucht haben? Wäre es nicht zugleich eine teilweise Wiedergutmachung begangenen Unrechtes an den Priestern? Seit der Staat ab 1950 wieder die Besoldung der Religionslehrer übernommen hat, hat sich die Kirche große Summen an Besoldüngsgel-dern erspart. Sie hat Bezüge einbe-

halten und damit gerechten Lohn vorenthalten. (Auch hier liegt jeder Fall anders. Es dürfte nicht übersehen werden, daß viele, wenn nicht die meisten Priester ihre Studien von der Mittelschule angefangen ganz oder wenigstens teilweise auf Kosten der Diözese, das heißt der Gläubigen gemacht haben. Die Red.) Denn schließlich muß auch in der Kirche gelten, daß der größeren Leistung größerer Lohn gebührt und daß „der Arbeiter seines Lohnes wert ist“. Müßte die Kirche nicht zuerst in ihrem eigenen Bereich die soziale Gerechtigkeit verwirklichen, damit sie mit ihrer sozialen Botschaft glaubwürdiger wird?

Es ist Sache unserer aktiven Mitbrüder, ihre berechtigten Erwartungen an die verantwortlichen Stellen heranzutragen. Uns laisierten Priestern bleibt nur die Frage, ob man sich über unsere soziale Situation wenigstens Gedanken macht. Einer der jüngsten österreichischen Bischöfe tut es bereits. Aber wird er im Alleingang eine Lösung finden? Was man für uns tun könnte? Eine Nachzahlung der Sozialversiche-

rungsbeiträge ist offensichtlich nach der derzeitigen Rechtslage nicht möglich. Wohl aber könnte die Kirche sich zu einer Abfindung nach freiwillig gelöstem Dienstverhältnis bereit finden, wie es öffentliche Institutionen tun. Dies wäre vielleicht ein diskutabler Vorschlag. Jedenfalls ist das Problem damit allein noch nicht gelöst, daß man uns die Möglichkeit gibt, wieder als Religionslehrer tätig zu sein. Denn nicht für alle kommt ein neuerlicher Berufswechsel in Frage, da ein solcher Wechsel wieder mit einer finanziellen Benachteiligung verbunden wäre. Man möge uns nicht mit dem Hinweis abtun: „Ihr habt euch die Suppe selbst eingebrockt, löffelt sie jetzt auch selber aus!“ Solches Denken wäre unfair und zugleich unchristlich.

Ich habe Fragen aufgeworfen im Namen der laisierten Priester; ich muß aber betonen, daß ich keinen Auftrag dazu habe und daß keine diesbezügliche Absprache stattgefunden hat. Aber ich glaube, daß meine Kollegen mir nachträglich ihre Zustimmung geben werden.

Laisierte Priester stellen heute, da ihre Zahl beträchtlich gewachsen ist, ein neues Problem in der Kirche dar. Abgesehen davon, daß objektiv der Gründsatz: ein gegebenes Versprechen ist zu halten, nicht einfach gestrichen werden kann, muß zweitens auch anerkannt werden, daß die Laisierung eines Priesters niemals als allgemeiner Normalfall behandelt werden kann. Jeder Fall bleibt eine Ausnahme von der Norm.

Trotzdem müssen die nun einmal vorhandenen Fälle unabhängig ven der persönlichen Verantwortung, die letztlich jeder einzelne vor Gott und vor seinem Gewissen zu bedenken hat und über die wir niemals von außen her urteilen können, auch noch von der mitmenschlichen und mitchristlichen Seite her betrachtet werden. Das mitmenschliche Verhältnis zu laisierten Priestern ist nun ohne Zweifel sowohl bei ihren Amtskollegen wie auch bei den Gläubigen von Emotionen belastet, denn sie sind durch die Amtsniederlegungen meist auch schmerzlich getroffen.

Diese Emotionen müssen respektiert werden, dürfen aber nicht dazu führen, daß das mitmenschliche und mitchristliche Verhältnis zu diesen Glaubensbrüdern verletzt wird. Wir müssen alle zusammenwirken, daß diese Mitchristen wieder in die Glaubensgemeinschaft integriert werden.

Dazu äußert sich im folgenden ein laisierter Priester. Wenn wir auch nicht einfachhin seine Meinung teilen, glauben wir dennoch, diesem Anliegen in unserem Blatt Raum geben zu dürfen.

„Die Furche“

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