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Atheismus im Christentum

1945 1960 1980 2000 2020

Priester zu kritisieren, ist leicht. Die FURCHE hat statt dessen zwei von ihnen eingeladen, aus ihrer Sicht über ihre Schwierigkeiten und Probleme zu schreiben - einen Großstadt-und einen Landpfarrer. Wir hoffen auf Echo und Diskussion.

1945 1960 1980 2000 2020

Priester zu kritisieren, ist leicht. Die FURCHE hat statt dessen zwei von ihnen eingeladen, aus ihrer Sicht über ihre Schwierigkeiten und Probleme zu schreiben - einen Großstadt-und einen Landpfarrer. Wir hoffen auf Echo und Diskussion.

Drei Dinge machen einen Theologen", soll Martin uther gesagt haben, „die Meditation, das Gebet und die Anfechtung." Von letzterer soll hier die Rede sein, näher hin von den Problemen priesterlicher Existenz heute.

Spricht man von den zu geringen Zahlen beim Priesternachwuchs und von Amtsniederlegungen, dann fällt meist sogleich das Stichwort Zölibat. Diesbezüglichen Schwierigkeiten soll nicht ausgewichen werden, doch gibt es gewiß tiefere Wurzeln der Problematik.

Die wichtigste scheint mir der bekannte Theologe Karl Rahner

angesprochen zu haben, als er am 10. Dezember 1981 in Wien zum Thema „Spezifische Eigenart des christlichen Gottesbegriffes" sprach. Man müsse um eine Entwicklung auch des christlichen Gottesbegriffes im Verlauf der Geschichte wissen, sagte er, und weiter: „Wir müssen damit rechnen, daß die Geschichte dieses Begriffes weitergeht und noch manche Überraschung bringen wird".

Wenn ich mich nicht irre, wird eine solche Entwicklung dem immer dringender werdenden Dialog mit dem Atheismus neue Perspektiven eröffnen. Der Atheismus spielt nämlich im Denken und Leben der Menschen eine weit größere Rolle, als der oberflächliche Betrachter meinen möchte. Besonders angesichts der in der Stadt in größerer Zahl lebenden Studenten, Professoren, Intellektuellen wird hier eine gründliche Auseinandersetzung immer unumgänglicher.

Die Priester, Kinder ihrer Zeit, sind den Strömungen des Zeitgei-

stes auch in diesem Punkte ausgesetzt, und die Tatsache, daß vieles davon, aus welchen Gründen auch immer, in ihrem Unterbewußtsein verbleibt, macht die Sache eher noch gefährlicher.

Ist es nicht symptomatisch, daß ein Mann wie Ernst Bloch ein ganzes Buch zum Thema „Atheismus im Christentum" geschrieben hat? Was da an Unauf-gearbeitetem vorliegt, halte ich für den größten Störfaktor priesterlicher Existenz.

Zum zweiten ist die Erscheinungsform der Kirche zu nennen. Viele gute Ideen des letzten Konzils haben sich bisher nur sehr anfanghaft durchgesetzt. Wie steht es etwa mit dem Ideal von

der Kirche im Dienste der Menschen? In der Liturgie zum Beispiel, in der viele wohl am häufigsten Kirche erleben?

Wie steht es um die Klarheit und Verständlichkeit der Riten? Reden nicht viele Gebete auch im neuen Meßbuch und viele Predigten haarscharf an den Sorgen der Menschen von heute vorbei? Ist es nur Schuld der Gottesdienstbesucher, wenn sie sich oft wenig angesprochen fühlen?

Und wie weit ist das Prinzip „Kirche für die Menschen" in den moraltheologischen Wegweisungen realisiert? Zweifellos erfahren beispielsweise viele kirchlich getraute Eheleute als wenig hilfreich, was sie aus Rom zur Empfängnisregelung hören, ganz zu schweigen von den ungelösten Problemen der wiederverheirateten Geschiedenen. Sensible, pastoral orientierte Priester sind da großen Spannungen ausgesetzt.

Hier muß auch die Konzilsaussage von der Kirche als Volk Gottes zur Sprache gebracht werden. Nach ihr wäre die Kirche Sache aller Getauften: Jeder trägt für sie Verantwortung, wenn auch in verschiedener Weise. Leider ist diese Sicht von Kirche erst wenig in Herzen und Köpfe der Christen eingedrungen, was sich besonders in Großstadtpfarren, vor allem in solchen mit nur mehr ei-

nem Priester, sehr bedrückend auswirkt.

Somit wird dann auch die zöli-batäre Lebensform des Priesters gravierend, denn selbst eine gute Haushälterin ist nur schwer zu finden und für manche auch schwer zu bezahlen. Viele schlagen sich irgendwie ohne sie durch. Was die Humanwissenschaften zur Bedeutung zwischenmenschlicher und zwischengeschlechtlicher Beziehungen zu sagen haben, kommt hiebei noch gar nicht ins Blickfeld.

Und doch soll ein Priester wohl als erster das Katholikentagsthema „Hoffnung leben, Hoffnung geben" verwirklichen. Wie können die Schwierigkeiten aufgearbeitet werden? Wo liegen Chancen?

Zur Problematik des Gottesbegriffs und vieler Glaubensfragen meine ich, daß die Sensibilität dafür langsam wächst. Herbert Madinger, Leiter der Katholischen Glaubensinformation, betonte bei der letzten Sitzung des Wiener Priesterrates die Wichtigkeit des Gesprächs unter Priestern über den ganz persönlichen Glauben an Gott.

Selbst in kirchenferneren Kreisen stellt sich angesichts der nun sichtbar werdenden Grenzen des Fortschritts und manch neuer Bedrohung der Menscheit die Frage nach dem Sinn des Lebens, nach festen Werten, in neuer Intensität. Ich halte es für eine faszinierende Aufgabe, das übernommene Glaubensgut in unsere Zeit hinein neu zu verkünden und auch wertvolles Kulturgut kommenden Generationen weiterzugeben.

Zum Problemkreis Kirche konstatiere ich mit großer Freude, daß Papst Johannes Paul II. im-

mer wieder entschieden den Menschen in die Mitte stellt, nicht zuletzt in seinen Enzykliken. Vieles scheint mir dabei noch nicht konsequent genug durchgezogen zu sein, doch der Anfang ist gemacht.

Mag auch mit der Liturgie noch manches im Argen liegen, die Fortschritte gegenüber früher sind unübersehbar. Es gilt hier einfach konsequent weiterzumachen. Auf dem Gebiet moraltheologischer Wegweisung, wie ich es oben nannte, ist den österreichischen Bischöfen für manch mutiges Wort sehr zu danken.

Zur Pastoral an wiederverheirateten Geschiedenen hat der Wiener Priesterrat zusammen mit Weihbischof Krätzl eine sehr brauchbare Handreichung erarbeitet. Und in den Gemeinden darf man hoffen, daß die Neuwahl der Pfarrgemeinderäte im April 1982 ein weiterer Schritt hin zur gemeinsamen Wahrnehmung von Verantwortung sein wird.

Was priesterliche Lebensformen anlangt, zeichnen sich zunächst keine neuen Entwicklungen ab. Zeichen der Hoffnung sind aber die vielen neuen Formen kirchlichen Dienstes: Diako-ne, Pastoralassistentinnen und -assistenten, Religionslehrerinnen und -lehrer usf., verheiratet oder nicht verheiratet, sind ein wertvolles Potential für eine Erneuerung der Kirche im Dienst an den Menschen.

Den Priestern heute muß man, so scheint mir, mehr als Priestern zu anderen Zeiten empfehlen, daß sie das Gebet mit eifrigem Studium verbinden und geistige Offenheit mit Zuversicht auf Gottes Führung.

Der Verfasser ist Pfarrer und Dechant in Wien.

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