6784351-1970_06_09.jpg
Digital In Arbeit

„Nicht mehr katholisch und kaum noch christlich“

19451960198020002020

Professor Dr. Gerhard Fittkau, der von den deutschen Nachbardiözesen beauftragte Beobachter des Niederländischen Pastoralkonzils, hat an den Generalsekretär der Zen-tralkommission des Konzils vor dessen letzter Plenarsitzung einen Brief gerichtet, den wir im folgenden, mit geringen Kürzungen, abdrucken. Das Schreiben ist von Bischof Franz Hengsbach von Essen auch allen deutschen Diözesan-bischöfen zur Kenntnis gegeben worden.

19451960198020002020

Professor Dr. Gerhard Fittkau, der von den deutschen Nachbardiözesen beauftragte Beobachter des Niederländischen Pastoralkonzils, hat an den Generalsekretär der Zen-tralkommission des Konzils vor dessen letzter Plenarsitzung einen Brief gerichtet, den wir im folgenden, mit geringen Kürzungen, abdrucken. Das Schreiben ist von Bischof Franz Hengsbach von Essen auch allen deutschen Diözesan-bischöfen zur Kenntnis gegeben worden.

Aus den mir dankenswerterweise übersandten Unterlagen sowie aus den niederländischen Presseberichten bezüglich der bevorstehenden Plenairversammlung in Noordwijker-hout vom 3. bis 7. Jänner 1970 drängt sich der Eindruck auf, daß sich unter Ihrer sehr maßgeblichen Führung das Pastoralkonzil nicht nur einem „riskanten“, sondern in seinen Folgen nicht absehbaren katastrophalen Höhepunkte nähert. Im Sinne der Botschaft des Heiligen Vaters wie wiederholter Erklärungen des Herrn Kadinals Alfrink zu Beginn des Pastoralkonzils wie auch vor den einzelnen Sitzungen hat vor der ersten Plenarversammlung Ihre Kommission von Theologen und Ka-nonisten in ihrer Grundsatzerklärung zu Stellung und Aufgabe des Pastoralkonzils in 3 der endgültigen Fassung erklärt: „Das Suchen nach zeitgemäßer Gestaltung der katholischen Kirche in Holland muß

■ mit der Sorge zusammengehen, die ^'-'Einheit mit der einen über- die ganze'

““Weit verstreuten katholischen Kirche zu verwirklichen. Der Friede der Ortskirche mit der universalen Kirche ist und bleibt ein grundsätzlicher Auftrag“ (Lumen gentium, 23).

Entgegen diesen feierlichen Beteuerungen und diesen für jede verantwortliche katholische Kirchenleitung selbstverständlichen Grundsätzen halt die Amitskommission des Pastoralkonzils einen Vorlagenentwurf (Ont-werp-Rapport) als Grundlage dringlicher, den verschiedenen Gremien der Pastoral- und Priesterräte sowie für die „Allgemeine Priesterberatung“ und für die Plenarversammlung zur Annahme. vorgelegter „Empfehlungen“ unterbreitet, die von einem Glaubens-, Kirchen- und Amtsverständnis ausgehen, das eindeutig nicht mehr katholisch und kaum noch christlich ist, sondern von einem rein humanwissenschaftlich inspirierten Modell gesellschaftlicher Gruppenbildung beherrscht ist.

Zerstörung des Grundcharakters

Die „Empfehlungen“, deren praktische und taktische Durchführung allein Gegenstand der Beratungen der Plenarversammlung sein soll, führen nicht nur praktisch zur eigenmächtigen Ablehnung veränderlicher kirchlicher Strukturen, sondern zur Zerstörung der unaufgebbaren sakramentalen und hierarchischen Grundstruktur der katholischen Kirche und damit eines ihrer Wesenszüge, wie sie zuletzt verbindlich f ün die Kirche auf dem II. Vatikanum verkündet wurden. Bereits auf der 4. Plenarversammlung im vergangenen April „erfüllte“ nach einem freimütigen Bericht von Professor Frans Haarsma, einem Wortführer der Kommissionen und der Plenarversammlungen, „die offizielle Lehre der Kirche“ wie auch „die ursprüngliche evangelische Botschaft“ ... „kaum eine Funktion, und wenn sie funktionierte, dann als fremdes Element“. Nach dem gleichen unverdächtigen Zeugen bestimmte die „übergroße Mehrheit des Konzils“ allein „die moderne Existenzerfahrung“ auf der „Suche nach einem neuen Kirche-Sein in der säkularisierten Welt. Das Konzil

suchte nicht eine Reform der bestehenden Gestalt der Kirche. Das offizielle Kirchenbild (mithin also auch des II. Vatikanums: meine Hinzufügung) diente nicht mehr als Ausgangspunkt für die Erneuerung, sondern als Kontrast, gegen den man sich absetzte. Es ging nicht mehr um eine Reform innerhalb der Kirche ...“

In der Vorlage „zu dem erneuerten und fruchtbaren Funktionieren der

Amtsbedienung“ und in den „Empfehlungen“ wie auch weithin in der Vorlage über „Die Ordensleute“ werden aus dieser Grundeinstellung für die neue „Amtsbedienung“ Konsequenzen gezogen, die der gesamten katholischen und apostolischen Uberlieferung hohnsprechen, insbesondere die Entbehrlichkeit der „traditionellen Amtsweihe“ zugunsten eines „Gemeinde- oder Gruppenauftrags“ für die Leitung einer Gemeinde und „zum Vorangehen bei der Eucharistiefeier“ für alle Gemeindefunktionäre, Katecheten, Gruppendynamiker und Pastoralhelfer einschließlich der Frauen, denen nach allmählicher „Mentalitätsveränderung“ und Überwindung des zu erwartetenden Widerstands in den Gemeinden nach sorgfältiger „Motivforschung“ und mit allen modernen Methoden der öffentlichen Meinungsbildung der Zugang zu allen Ämtern in der Kirche zu bahnen sei. Eine so fundamentale Neuerung widerspricht nicht nur der katholischen Gesamtüberlieferung, sondern auch der ganzen orthodoxen, ja auch eines großen Teils der protestantischen Welt, die sich nach apostolischen Überlieferungen verpflichtet weiß, einschließlich vieler Lutheraner der Augsburgischen Konfession, wie neulich noch der führende dänische lutherische Dog-matiker Regin Prenter nachgewiesen hat

Um so unbegreiflicher ist es mir, daß Sie wie auch Kardinal Alfrink auf der „Allgemeinen Priesterberatung“ in Doorn am 24. und 25. November 1969 die Diskussion der nicht vorhandenen theologischen Grundlagen der Vorlage wie insbesondere der unerhört weittragenden „Empfehlungen“ abgelehnt und Ihre Entschlossenheit zum Ausdruck gebracht

haben, sie auch auf der bevorstehenden Plenarversammlung zu verhindern bzw. auf gewisse Punkte einzuschränken und lediglich die rechten Methoden und „geeigneten Wege zu suchen, um die Wünsche zur Wirklichkeit zu bringen“. Gerade für die unentbehrliche theologische Grundsatzdiskussion haben im vergangenen Jahr die deutschen und die französischen Bischofskonferenzen wertvolle Arbeit geleistet, die im

Geiste der kollegialen Mitverantwortung aller Berücksichtigung verdient.

Mit Entsetzen habe ich in Ihrem bekannten „Offenen Brief“ an den ehemaligen Studentenpfarrer Jos Vrijburg in „De Bazuin“ gelesen, mit welch unerbittlicher Entschlossenheit Sie sich ohne irgendwelche spirituelle Erwägungen und Bedenken für die Aufhebung der geltenden Ordnung des priesterlichen Zölibats einsetzen und bei aller Würdigung des von den Amsterdamer Studentenpfarrern bevorzugten „kurzen“, d. h. des Wegs unmittelbaren Konflikts, für den „langen, hierarchischen Weg“ plädieren, um mit Hilfe des Episkopats sowie durch intensive Meinungsbeeinflussung, z. B. durch die große Priester-Enquete, die sich in der Fragestellung wie insbesondere in ihrer Ausdeutung auch nach holländischem Fachurteil als wissenschaftlich zumindest fragwürdiges, wenn nicht wertloses Unternehmen durch ihre einseitige propagandistische Zielsetzung erwiesen hat, sowie durch weitreichende ausländische „Solidarisierung“ von interessierten und propagandistisch dauerbearbeiteten Priestergruppen Ihre für die Gesamtkirche so verhängnisvollen Forderungen via facti durchzusetzen. Sie tun dies, obwohl Sie sehr wohl wissen, daß das II. Vatikanische Konzil und Papst Paul VI. wie auch in Chur und Rom der Episkopat eindeutig dieses Ansinnen abgelehnt haben und auch weiter ablehnen werden. Mit einer die Dinge auf den Kopf stellenden Unrnnterpretation der Kollegialität der Bischöfe in ihren „Empfehlungen“ muten Sie Ihren und den übrigen Bischöfen, aber insbesondere dem Heiligen Vater einen offenen Konflikt zu, wie er auf

dem Pastoralkonzil und auf anderen Versammlungen von Pastoral- und Priesterräten bereits offen gefordert worden ist, ohne daß ein mannhaftes Wort des Widerspruchs von den „Hütern des Glaubens und der Einheit der Kirche“ gesprochen worden wäre. Nach De Tijd vom 23. Dezember 1969 hat der Diözesan-Priesterrat des Bistums s'Hertogen-bosch am 22. Dezember im Hinblick auf die bevorstehende Sitzung des Pastoralkonzils sich für die „Entkoppelung“ des Zölibats erklärt und seinen Willen bekundet, „zu rund 63 v. H. darüber einen Konflikt mit Rom zu riskieren“, ganz abgesehen von den Forderungen der „Jugendsektion des Pastoralkonzils“, die ausgerechnet bei der Beratung über die priesterliche Amtsführung und das Ordensleben noch stärker als bisher vertreten sein wird.

Lediglich im Ausland scheint es Ihnen wohl noch opportun, etwa durch den Beauftragten des Holländischen Pastoralkonzils für den Kontakt mit den „deutschen interessierten Kreisen“, den Jesuiten-superior Dr. Wim Boelens, laut „Kirche und Leben“ noch neulich in Münster zu erklären, „das Pastoralkonzil sei lediglich die folgerichtige Weiterführung des II. Vatikanischen Konzils auf nationaler Ebene... Die maßgeblichen Mitarbeiter legten großen Wert darauf, daß nicht gegen Papst und Bischöfe, sondern mit ihnen ... über die weitere Entwicklung... beschlossen werde.“

Da uns Beobachtern benachbarter Bischofskonferenzen im Gegensatz zu nichtkatholischen, ja nicht-christlichen Teilnehmern und Gästen nie eine Gelegenheit gegeben wurde, auch einmal ein Zeugnis abzulegen, bitte ich Sie, mir zu diesem Zeitpunkt und aus diesem Anlaß diese ebenso freimütige wie aufrichtig besorgte Stellungnahme abzunehmen, die keineswegs im Gegensatz zu stehen braucht zu meiner Dankbarkeit für vielseitige Anregung und für alle mir von Ihnen erwiesene liebenswürdige Aufmerksamkeit und Gastfreundschaft. Ich darf das gleiche Recht der Offenherzigkeit und Ehrlichkeit in Anspruch nehmen, wie es die Teilnehmer des Pastoralkonzils so erfreulich und eindrucksvoll auszeichnet Ich darf daran erinnern, daß auch mein Kollege Prälat DDr. Wölfl offen dem Kardinal und Ihnen gegenüber seine Besorgnis und Enttäuschung über den Verlauf des Pastoralkonzils ausgesprochen hat.

Unechte Repräsentanz

Wenn Sie in der kommenden Sitzung, wie aus der neuen Teilnehmerliste hervorgeht, bei einem so schwierigen und wichtigen Thema die ohne-

hin stets von vielen Seiten in den Niederlanden offen in Frage gestellte Repräsentativität des angeblich „ganzen Gottesvolkes der niederländischen Glaubensgemeinschaft“ wie auch die Kompetenz der Delegierten unbegreiflicherweise durch den Ausschluß eines bisher völlig unzureichend repräsentierten wesentlichen Teils der kirchentreuen Priester und Gläubigen vermindert haben und die Versammlung noch mehr als bisher zu einer sich selbst dafür haltenden „progressistischen Gesinnungsgemeinde“ haben machen lassen, besteht die Gefahr, daß Sie trotz aller gegenteiligen Beteuerungen in Rom und anderswo den Weg des alten Utrechter Schismas gehen und unsägliches Leid über Priester und Gläubige weit über die Grenzen Ihres Landes hinaus bringen. In jedem Fall muß ein solches Vorgehen dag mit so viel Elan und Erwartung begonnene Pastoralkonzil als Kontrastmodell mißlungener nachkonziliarer Erneuerung kompromittieren. Sie schaffen eine neue „Synode von Pistoia“, die unter dem Einfluß niederländischer Jansenisten und jose-phinisticher Aufklärer mit verblüffend ähnlichen Parolen berechtigte Anliegen pastoraler Erneuerung in Italien und anderswo um Jahrhunderte zurückgeworfen hat, weil sie in wesentlichen Punkten ihre Kompetenz überschritt und sich gegen die Kirche Roms stellte. Ich wünsche Ihnen von Herzen das Gelingen eines wirklichen Werkes des Friedens und der Versöhnung der immer offenkundigeren schmerzlichen Gegensätze in Ihrer Kirchenprovinz, der Überwindung des nach allen gerade Ihnen als Religions-soziologen'wohlbekahnteh und durch keine Gesundbeterei wegzudeufen-den Symptomen rapiden Schwunds des lebendigen Glaubenslebens in Ihrer einst so blühenden Kirchen-provina... Bedenken Sie, ehe es zu spät ist, die Folgen eigenmächtigen, wenn auch noch so geschickten Handelns wie ein verantwortungsvoller Astronautenkapitän, der bei aller Kühnheit und allem eigenen Können auf das zentrale Steuerungssystem am Boden nicht verzichten darf, soll sein Schiff nach all dem ungeheuren Aufwand nicht wie eine Rakete verbrennen und alle Erwartungen zu Asche und Rauch verglühen lassen. Ich kann mir nicht denken, daß die Kirche der Niederlande, deren Glaubenskraft und Treue ich seit meiner Studentenzeit bewundert habe, den Kelch, den der Heilige Vater Herrn Kardinal Alfrink zu Beginn des Konzils für den Eröffnungsgottesdienst als Zeichen der gemeinsamen Verbundenheit mit der wahren Quelle unseres Heils geschenkt hat, mit Galle und Essig füllen lassen und nach Rom zurückschicken wird.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau