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Appell an die katholischen Bischöfe, Einladung an getrennte Geschwister

1945 1960 1980 2000 2020

„Damit sie eins werden” steht über dem neuesten päpstlichen Lehrschreiben, zu dem hier vier Stimmen aus christlichen Konfessionen zu Wort kommen.

1945 1960 1980 2000 2020

„Damit sie eins werden” steht über dem neuesten päpstlichen Lehrschreiben, zu dem hier vier Stimmen aus christlichen Konfessionen zu Wort kommen.

Das zwölfte Apostolische Schreiben Papst Johannes Pauls II. „Ut unum sint”, gegeben am Hochfest Christi Himmelfahrt, 25. Mai 1995, ist vorwiegend von der pa-storalen Sorge geprägt, das Bemühen aller zu unterstützen, die für das Anliegen der Einheit tatig sind.

Das 103 Punkte auf 128 Seiten umfassende Dokument spricht nach einer Einführung von der unumkehrbaren „ökumenischen Verpflichtung der katholischen Kirche”, beschreibt „die Früchte des Dialogs” und mündet in die Frage: „Wie lange ist der Weg, der noch

vor um

liegt?”.

Eine besonders nachdrückliche Ermahnung an die Bischöfe am Schluß zeigt deutlich den appellativen Charakter dieser Enzyklika.

Der Papst gibt hier aus seiner Sicht einen Überblick ökumenischer Aussagen, Ereignisse und Entwicklungen der letzten 30 Jahre, die er als verpflichtend erfährt, um aus der bereits gegebenen realen - doch noch unvollkommenen - Einheit nach der vollen Einheit zu streben.

Taufe, Versöhnung, Gebet, Bekehrung, Dialog und Zusammenarbeit werden in ihrer grundlegenden Bedeutung benannt und entfaltet. Mit „Befriedigung” wird auf „das ausgedehnte Netz ökumenischer Zusammenarbeit” verwiesen und die „großartige Arbeit” des Ökumenischen Bates der Kirchen genannt. (43)

Der Papst wünscht „ein klares und für alle, auch unter den anderen Christen vorhandenen Werte offenes Kirchenbild” (10) und spricht mehrfach von der Bedeutung des gemeinsamen Zeugnisses der Heiligen und der Märtyrer. Ebenso wird klar gesagt, es sei „wegen der den Glauben berührenden Divergenzen noch nicht möglich, miteinander Eucharistie zu feiern” (45). Doch sollen auf dem Weg dorthin „keine weiteren Verpflichtungen über die unverzichtbaren hinaus” auferlegt werden (78).

Das Dokument erweckt den Eindruck, daß es nicht zuletzt im Blick auf die bevorstehende historische Begegnung mit dem Ökumenischen Patriarchen am 29. Juni abgefaßt wurde.

Kommt der Papst schon in den Abschnitten eins und zwei mehrfach auf seine Verantwortung und Autorität zu sprechen, so zeigt die ausführliche Beschreibung des Papstamtes im dritten Abschnitt die ganze ökumenische Konfliktgeladenheit dieser Frage. Aufhorchen lassen dann aber die folgenden Aussagen: „Der Heilige Geist schenke uns sein Licht und erleuchte alle Bischöfe und Theologen unserer Kirchen, damit wir ganz offensichtlich miteinander die Formen finden können, in denen dieser Dienst einen von den einen und anderen anerkannten Dienst der Liebe zu verwirklichen vermag.” (95)

Eine geradezu bewegende Einladung wird im folgenden Abschnitt ausgesprochen: „Eine ungeheure Aufgabe, die wir nicht zurückweisen können und die ich allein nicht zu Ende bringen kann. Könnte die zwischen uns allen bereits real bestehende, wenn auch unvollkommene Gemeinsamkeit nicht die kirchlichen Verantwortlichen und ihre Theologen dazu veranlassen, über dieses Thema mit mir einen brüderlichen, geduldigen Dialog aufzunehmen, bei dem wir jenseits fruchtloser Polemiken einander anhören könnten, wobei wir einzig und allein den Willen Christi für seine Kirche im Sinn haben und uns von seinem Gebetsruf durchdringen lassen,... sollen auch sie eins sein, damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast' (Joh 17,21)?” (96)

Da der Ökumenismus nicht nur eine Frage der christlichen Gemeinschaft ist, sondern die ganze Menschheit betrifft, ist zu hoffen, daß die Ermahnung und Verpflichtung zur Ökumene auf dem Weg zur Zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung gehört wird. Österreich kommt hier eine große Verantwortung zu, soll die Begegnung 1997 in Graz erfahren lassen, daß Versöhnung eine Quelle neuen Lebens ist.

Die Autorin ist

Ordensoberin (Frauen von Bethanien) und Ökumene-Beauftragte der römisch-katholischen Kirche in Wien

Ein Meilenstein in der Ökumene

VON GRIGORIOS LARENTZAKIS

Es ist immer erfreulich, wenn Aufrufe zur Wiederherstellung der kirchlichen Gemeinschaft gemacht werden, umso mehr, wenn diese Aufrufe vom Bischof von Born, dem Patriarchen des Westens und Papst der römisch-katholischen Kirche, kommen. Der neue Aufruf, durch die Enzyklika „Ut unum sint”, stellt sicherlich einen Meilenstein in der Ökumenischen Bewegung dar und sie soll nicht nur von den Angehörigen und den Amtsträgern der römisch-katholischen Kirche sehr ernst genommen werden, sondern auch von allen Christen, insbesondere von denjenigen, die sich mit diesem wichtigen

Anliegen intensiv beschäftigen.

Bei diesem wichtigen Dokument spürt man die große Spannung des Papstes, der sich vorgenommen hat, an der Schwelle zum dritten Jahrtausend einen entscheidenden Akt für die Bealisierung der kirchlichen Gemeinschaft zu setzen. Er wiederholt zwar klassische Positionen der Kirchenlehre und des Papsttums der römisch-katholischen Kirche, die in der jetzigen Form und Praxis von den anderen Kirchen nicht akzeptiert werden können, er versucht auch diese ihm bekannten Probleme zu entschärfen, wie zum Beispiel: sein Amt kommt aus der Barmherzigkeit Gottes, er versteht es als Dienst an der Kirche und der Einheit und nicht als autoritäre Machtstruktur, er betont aber auch, daß es zu den wesentlichen Bedingungen der Kirche und deren Einheit gehört.

Zugleich aber versucht der Papst, neue Wege zu zeigen, in denen ein intensiver, ökumenischer Dialog einsetzen kann. Er wiederholt auch bei dieser Enzyklika, daß die Formen des Petrusdienstes, also des Papsttums, neu und gemeinsam, also ökumenisch, gefunden werden können. Das erste Mal sagte er dies am 6. Dezember 1987 vor dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel Dimitrios während seines Besuches in Rom. Das zweite Mal wiederholte er es am 26. Juni 1988 beim Ökumenischen Gottesdienst in der Evangelischen Christuskirche, anläßlich seines Besuches in Österreich.

Diese Äußerungen des Papstes nehme ich als seinen sehr ernsten Willen, dieses ihm wohlbekannte größte ökumenische Problem lösen zu helfen. Die Sprache ist sehr deutlich, es müssen die konkreten Schritte folgen. Eine zusätzliche Hilfe dazu bildet der ebenfalls sehr deutliche Hinweis auf die Situation der Gesamtkirche Christi, des Ostens und des Westens, während des ersten Jahrtausends, als Ausgangsposition für die Entwicklung der einen Kirche an der Schwelle zum dritten Jahrtausend.

Der zusätzliche Verweis auf die große Bedeutung der gemeinsamen Ökumenischen Konzilien des ersten Jahrtausends für die Einheit im Glauben in der Vielfalt, also die Bedeutung der echten Synodalität und Konzi-liarität der in Autonomie, jedoch in Glaubensgemeinschaft existierenden Schwesterkirchen, wie auch der Vorschlag, die Problematik des kirchlichen Lehramtes unter anderem intensiv zu studieren, sind konkrete Inhalte dieser Enzyklika von großer ökumenischer Bedeutung. All das kann sofort in Angriff genommen werden. Und wenn der Papst seine Brüder im Bischofsamt so intensiv auffordert, dem ökumenischen Anliegen „jede nur erdenkliche Aufmerksamkeit zu schenken”, können doch ökumenische Maßnahmen auf Lokalebene sofort gesetzt werden. Und gerade auf solche konkreten Schritte warten wir alle.

Der Autor ist

Professor für Orthodoxe Theologie an der Universität Graz

Weder Schritt nach vorn noch zurück

VON JOHANNES DANTINE

Emphatisch plädiert der Papst für die Ökumene. Das Ökumenismus-Dekret des II. Vatikanischen Konzils wird ausführlich zitiert. Neues wird aber nicht gesagt. Was also soll's? Ist es nur die Zusammenfassung, die Krönung der ökumenischen Äußerungen dieses Papstes auf seinen zahlreichen Beisen, die er hier ausführlich in Erinnerung ruft? Ist es das Herannahen der Jahrtausendwende, das für ihn offenbar eine besondere Bedeutung hat und für das er das gemeinsame Bedenken und Vorbereiten der ganzen Christenheit erwartet und wünscht?

Andererseits wird nicht oft genug, nicht zu oft jedenfalls, von einer notwendigen Fortsetzung der konziliaren Arbeit gesprochen, also einer Bevisi-on? Wurde nicht immer wieder gerade die ökumenische Öffnung in Frage gestellt? Ist es nicht so, daß noch immer nicht überall die, nunmehr verbindlich vorgeschriebenen, Ökumene-Kommissionen der Diözesen eingerichtet sind? Dann allerdings hat

diese Enzyklika ihren Sinn darin, daß diesen revisionistischen Tendenzen eine eindeutige Absage erteilt wird.

Aber nun doch: Das Ökumenismus-Dekret ist ein wichtiger Schritt gewesen, aber noch vieldeutig. Jede weitere Äußerung des Vatikans wird danach zu befragen sein, ob hier ein Schritt weiter gegangen wird oder nicht. Die Antwort ist: Es wurde kein Schritt zurückgesetzt, aber auch keiner voran.

Dann: Es gibt eine Reihe von Übereinkommen in der Lehre, wo Theologen die kaT tholische Lehre in bestimmter, konsensfähiger Weise präsentiert haben. Es geht nun darum, daß das katholische Lehramt . eindeutig erklärt, ob diese Interpretation

tatsächlich die katholische Lehre wiedergibt. Diese Frage stellt sich notwendigerweise den evangelischen Kirchen so nicht. Aber das katholische Lehramt äußert sich nicht verbindlich und eindeutig. Das wäre notwendig, nicht weitere Beteuerungen.

Schließlich: Eines der wichtigsten Hindernisse an der Einheit ist der päpstliche Primat. Daran hat auch die Weise der Ausübung durch den heutigen Papst Schuld. Aber gleichzeitig macht sich dieser Papst zum Anwalt der Ökumene, auch in bezug auf die anderen Kirchen. Das heißt, er bewahrt seinen Anspruch eindeutig. Ökumene, Einheit der Kirche aber heißt eines sicherlich: Verzicht auf Ansprüche einer Kirche gegenüber anderen. Von solchem Verzicht ist nichts zu merken. Der Autor ist

Professor an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien und gehört dem Evangelischen Ober kirchenrat A.B. an

Vorbehalte - aber ein ermutigender Text

VON HELMUT NAUSNER

Die Enzyklika ist zunächst eine Botschaft an die Gläubigen, die Priester und Bischöfe der römisch-katholischen Kirche. Das darf nicht vergessen werden. Aber natürlich rechnet der Verfasser damit, daß Gläubige und Amtsträger anderer Kirchen diesen Text mit Interesse lesen.

Kurz einige Beobachtungen: Was auffällt, ist die positive, sehr persönlich gehaltene Würdigung ökumenischer Arbeit seit Beginn dieses Jahrhunderts. Der Ökumenische Bat der Kirche in Genf und die Abteilung „Glaube und Kirchenverfassung” werden lobend und zustimmend erwähnt. Anerkennend wird von den geistlichen Gütern im Leben der anderen Kirchen gesprochen. Die Leidenschaft für die Ökumene ist im Text spürbar.

Die Gläubigen in der römisch-katholischen Kirche werden aufgefordert, sich der ökumenischen Aufgabe zuzuwenden und die Brüder im Bischofsamt werden, sogar mit Hinweis auf das kanonische Becht, verpflichtet, die Einheit aller Christen zu fördern. Das gehört zur bischöflichen Aufgabe aus der Treue zu Christus,

dem Hirten der Kirche. Das kann ich nur zustimmend lesen und hoffen, daß die Ermahnung Johannes Pauls II. auf bereite Ohren und Herzen trifft. Es ist ebenso zustimmend zu unterstreichen, was Johannes Paul II. hervorhebt, daß der Ökumenismus nicht nur eine interne Frage der christlichen Gemeinschaft ist. „Er betrifft die Liebe, die Gott in Jesus Christus der ganzen Menschheit zugedacht hat.” In diesem Zusammenhang höre ich auch die Aufforderung Johannes Pauls IL, „um der vollen Gemeinschaft willen in der Erfahrung der Wahrheit bis zum Äußersten zu gehen”. Das sind mutige und offene Worte. Werden sie von der Wirklichkeit gedeckt?

In seiner Bezugnahme auf die orthodoxe Kirche ist Vertrautheit zu spüren und die Hoffnug, daß die volle Gemeinschaft in greifbare Nähe gerückt ist. Den Kirchen der Befor-mation gegenüber ist Johannes Paul II. befangen, obwohl er positive Erfahrungen berichtet. Hier spüre er immer noch Ablehnung. Die Vielfalt kirchlichen Lebens ist verwirrend und schwer einzuordnen.

Johannes Paul II. versucht eine offene Deutung des Papstamtes, das er ein „immerwährendes und sichtbares Prinzip der Einheit” nennt, und lädt zu einem geduldigen und brüderlichen Dialog mit sich selber ein. Das ist ein ungewöhnliches Angebot. Nur: Die Frage des Petrusamtes wird in allen Dialogen mit Rom intensiv studiert und beraten. Kann hier ein persönliches Gespräch mit dem Papst mehr bringen als die Bemühung vieler Theologen und Bischöfe? Steht hinter diesem Angebot die ökumenische Ungeduld Johannes Pauls IL, durch persönlichen Einsatz an der schwierigsten Stelle des theologischen Gespräches, dem Petrusamt, bis zum Jahr 2000 doch etwas zu bewirken? Vielleicht wirklich die Einheit aller Christen?

Diese Hoffnung spricht Johannes Paul II. aus, daß das dritte Jahrtausend sowie das erste Jahrtausend eine geeinte Christenheit erleben möge, wenn möglich zu seinen Lebzeiten. Das halte ich für eine Illusion. Ich kann die Faszination Johannes Pauls II. im Blick auf das Jahr 2000 nicht teilen Viel wichtiger erscheint mir, daß Bom seine Bedingung für die volle und sichtbare Gemeinschaft: Gemeinschaft der Teilkirchen mit der Kirche von Bom und Gemeinschaft der Bischöfe mit dem Bischof von Bom, glaubhaft als eine spirituelle Bealität ausweist. Jahrhundertelange Versuche, diese Forderung mit Gewalt durchzusetzen, lasten immer noch wie eine dunkle Wolke über allen Dialogen. Erst wenn diese inneren Vorbehalte und Ängste überwunden sind, werden die Kirchen der Befor-mation, vielleicht auch die Orthodoxen, unter neuen Voraussetzungen mit Bom über den Petrusdienst reden können.

Trotz mancher Vorbehalte: diese Enzyklika ist ein ermutigender Text.

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