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Verschleierte Unversöhntheit

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Die Fortsetzung der Reformation geht nicht nur Protestanten an: Sie ist heute die unteilbare Aufgabe aller Kirchen

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Die Fortsetzung der Reformation geht nicht nur Protestanten an: Sie ist heute die unteilbare Aufgabe aller Kirchen

In Osterreich ist die Lage der Ökumene besser als ihr internationaler Ruf. Das gemeinsame Engagement, mit welchem die im Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich vertretenen Kirchen die Zweite Europäische Ökumenische Versammlung in Graz vorbereiten, und die Einmütigkeit, die auf dem Weg nach Graz unter ihnen herrscht, sind eine ermutigende Erfahrung lebendiger Ökumene. Auf europäischer Ebene dagegen sind die Vorbereitungen für Graz keineswegs spannungsfrei verlaufen.

Wie labil gegenwärtig die Lage der Ökumene ist, wurde offenkundig, seit ein mögliches Treffen des Papstes mit führenden Vertretern der Orthodoxie am Rande der Grazer Versammlung bekannt wurde. Die Vorgänge um diese separate Treffen brüskierten die übrigen Kirchen und fügten der Absicht der Grazer Versammlung, zur Versöhnung zwischen allen Kirchen beizutragen, großen Schaden zu.

Die kirchendiplomatischen Irritationen, welche der nun doch nicht stattfindende Papstbesuch in Österreich ausgelöst hat, werfen ein Schlaglicht auf den Zustand der Ökumene insgesamt. Das gegenwärtige Erscheinungsbild der Ökumene ist äußerst zwiespältig. Einerseits wird von Berufsökumenikern seit Jahren der Eindruck verbreitet, als mache die Annäherung der Kirchen große Fortschritte und stünden historische Durchbräche in den strittigen Fragen der kirchlichen Lehre unmittelbar bevor. Bilaterale Kommissionen warten mit immer neuen Konsensdokumenten und Erfolgsmeldungen auf. Doch andererseits verhält sich der Ausstoß an Papieren umgekehrt proportional zur tatsächlichen Entwicklung der ökumenischen Bewegung. Die Aufbruchsstimmung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist inzwischen verflogen, und auch der in den achtziger Jahren initiierte Konzilare Prozeß für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung, auf dessen Weg die Grazer Versammlung ein neuer Schritt sein soll, hat seine Schwungkraft verloren.

Die ökumenische Bewegung ist von tiefer Ratlosigkeit und Unschlüssigkeit, was ihr Selbstverständnis, ihre künftigen Ziele und ihren weiteren Kurs betrifft. Offizielle Stellen sprechen freilich lieber von einer notwendigen Konsolidierungsphase als von Stagnation. Doch wen an der gemeindlichen Basis - von der Gesellschaft insgesamt ganz zu schweigen -interessiert schon der feine Unterschied zwischen Konsolidierung und Stagnation der Ökumene? Ist die immer noch beschworene sichtbare Einheit der Kirchen und Konfessionen überhaupt noch ein öffentliches Thema? Die kirchliche Presse mag sich dafür interessieren, ob die wechselseitigen Lehrverurteilungen des 16. Jahrhunderts heute noch kirchen-trennend zwischen der römisch-katholischen und der evangelischen Kirche stehen. Doch ob es in dieser Frage demnächst zu einer offiziellen Verständigung kommt oder nicht, dürfte den meisten Zeitgenossen, selbst vielen Kirchenmitgliedern einigermaßen egal sein. Ihnen mögen die kirchenamtlichen Bemühungen um eine Einigung in der Rechtfertigung (siehe oben „Worum es geht”) wie die Frage eines Autohändlers vorkommen, ob man einen Trabi lieber als Limousine oder als Cabrio kaufen möchte, wo es sich doch bei beiden Versionen um einen Ladenhüter handelt, der bestenfalls noch etwas für Liebhaber oder für's Museum ist.

Gerade was das Thema der Rechtfertigungslehre betrifft, läßt sich feststellen, daß die intensive fachtheologische Diskussion der letzten Jahre keinerlei praktische Folgen für die kirchliche Verkündigung oder den Unterricht der Kirche hat. Das ökumenische Gespräch dient offenbar nur dem Ziel, kirchenpolitisch hinderliche historische Altlasten zu beseitigen. Aber Impulse für eine zeitgemäße Interpretation und Vermittlung der christlichen Heilslehre sucht man hier vergebens. Abgesehen von etlichen Fragwürdigkeiten der methodischen Vorgehensweise in den bisherigen Lehrgesprächen muß die Behauptung beunruhigen, wonach die Bechtferti-gungslehre heute kontroverstheologisch „kein Problem mehr” sei. Sollte das zutreffen, so wäre vom Skandalon der Rechtfertigung des Gottlosen, welches Paulus und die Reformatoren* selbst empfunden haben und am eigenen Leibe zu spüren bekamen, offensichtlich nicht mehr viel übrig geblieben.

Angesichts der zu beobachtenden Orientierungslosigkeit darf daran erinnert werden, daß de ökumenische Bewegung einst aus einem großen Leidensdruck geboren wurde. Die konfessionellen Spaltungen wurden von ihren Gründergestalten als Skandal, ja als Sünde empfunden, welche die Glaubwürdigkeit des Christentums in der Moderne erheblich beeinträchtigte. Die Ökumene war und ist die Hoffnung all jener, welche unter den Trennungen leiden, die nach wie vor bestehen und in der offiziellen Verweigerung der Abendmahlsgemeinschaft ihren augenfälligsten Ausdruck finden. Doch wer spürt heute in den Kirchen überhaupt noch den Schmerz des Trennenden?

Im Zeichen fortschreitender Ent-kirchlichung spielen konfessionelle Lehrunterschiede für den persönlichen Glauben vieler Menschen kaum noch eine Bolle. Und mit dem Skandal der Trennung der Christen am Tisch des Herrn haben wir längst zu leben gelernt, üben doch nicht nur evangelische Gemeinden ganz offiziell eine konfessions-überschreitende eucharistische Gastfreundschaft, sondern toleriert es auch so mancher Priester, wenn Angehörige einer anderen Konfession bei der katholischen Eucharistiefeier kommunizieren. Wozu also noch die ganze Aufregung über die Trennung der Konfessionen und der Aufwand an theologischem Scharfsinn und kirchlicher Diplomatie?

Die ökumenische Theologie der

Gegenwart deutet den Mentatlitäts-wandel als Paradigmenwechsel und macht so aus der Not der Ökumene eine Tugend. Sie lehrt uns, die Vielzahl der Kirchen weniger als Ergebnis menschlicher Schuld denn als bunte Vielfalt geistlichen Lebens zu betrachten. Gibt es im Hause Gottes, wie man das griechische Wort oikou-mene übersetzen kann, nicht viele Wohnungen, sodaß es eher mit einer Villa Kunterbunt als mit einem tristen Gemeindebau zu vergleichen ist, wo eine Wohnung wie die andere ausschaut? Oder mit einer bunten Blumenwiese, die wir ja auch viel schöner finden als die Monokultur in irgendeinem Gewächshaus? Hat man sich die Ökumene der Zukunft also wie eine Schrebergartenkolonie vorzustellen?

Manche Tendenzen sprechen für diese Prognose. Doch wäre es ein Hohn, solche Zukunftsaussichten mit einer ökumenischen Vision zu verwechseln. Die an sich bedenkenswerte Formel von der Einheit in versöhnter Verschiedenheit muß momentan dafür herhalten, faktische Formen der Unversöhntheit zu verschleiern und eine fragwürdige Politik der gegenseitigen Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten der Partnerkirchen zu legitimieren. Dabei müßte sie doch eigentlich das Becht einer ökumenischen cor-rectio fratrum begründen! Sollte das Grazer Motto von der Versöhnung als Gabe Gottes nur in der Weise interpretiert werden, als bezeichne es einen angeblich bereits zwischen den Kirchen und innerhalb derselben erreichten Zustand der Glückseligkeit, dann wäre die Grazer Versammlung an ihrer theologisehen Aufgabe schon gescheitert, bevor sie überhaupt begonnen hat. Die Kirchen müssen neu begreifen, daß sie selbst der Versöhnung bedürfen, bevor sie in den Konflikten der heutigen Welt Versöhnung stiften können.

Als Zustand der Verzweiflung hat der dänische Philosoph Seren Kierkegaard die Sünde beschrieben. Kierkegaard unterscheidet drei Formen der Verzweiflung, nämlich den Wunsch, verzweifelt man selbst sein zu wollen, den Wunsch, verzweifelt nicht man selbst sein zu wollen und schließlich einen Zustand der Geistlosigkeit, die ihre tiefe Verzweiflung schon gar nicht mehr wahrnimmt. Auch in der Ökumene begegnen uns jene von Kierkegaard beschriebenen Formen der Verzweiflung. Jeder Konfessionalismus und jeder Fundamentalismus ist eine Gestalt des verzweifelten Wunsches, die eigene Identität nicht zu verlieren und durch extreme Abgrenzung zu verteidigen. Andererseits gibt es einen ökumenischen Relativismus, aus welcher der verzweifelte Wunsch spricht, die geschichtliche

Herkunft des eigenen Glaubens abzuschütteln und das konfessionelle Moment auszuschließen, welches doch unaufgebbar zu jeder Gestalt des Christentums gehört. Und schließlich trifft man auf eine ökumenische Geistlosigkeit, welche aus der Not der Trennungen eine Tugend macht und das mit der Formel von der versöhnten Verschiedenheit doch eigentlich angesprochene Konfliktpotential der Kirchen ausblendet.

Es bleibt zu wünschen, daß die Ökumene aufs neue von einer heilsamen Unruhe erfaßt wird. Die fortschreitende Entkirchlichung Europas sollte Anlaß genug sein. Doch statt sich in dieser Lage auf ihre Sendung und ihren Auftrag in der Welt von heute zu besinnen, bangen die Kirchen vorwiegend um ihren Mitgliederbestand, ihre politischen Privilegien und den Machterhalt bestehender Leitungsstrukturen. Die Zukunft der Kirchen wird ökumenisch sein, oder sie wird nicht mehr sein. Dabei zeigt sich immer deutlicher, daß die Zukunft der Ökumene von der Frage einer Reform der Kirchen nicht zu trennen ist. It's time for a change: Die Fortsetzung der Reformation, zunächst einmal die historische Verpflichtung der protestantischen Kirchen, ist heute die unteilbare Aufgabe aller Kirchen.

Der Autor ist

Professor für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

VERSÖHNTE VERSCHIEDENHEIT

Ökumenische Theologie im Zeichen des Kreuzes. Von Ulrich II. J. Könner. Luther-Verlag, Bielefeld 1997 126 Seiten, Paperback, öS 218,-

WORUM ES GEHT

Rechtfertigungslehre

■ Aus dem Wissen des Alten Testamentes: „Gott ist gerecht”, folgt für das Judentum, daß der göttlichen Gerechtigkeit durch die menschliche Erfüllung des Gesetzes Genüge getan wird.

■ Die Rechtfertigungslehre Martin Luthers, theologischer Schlüssel der Reformation, argumentiert mit dem Römerbrief („Der Gerechte lebt aus dein Glauben”; Rom 1,17): Nicht durch gute Werke und moralische Anstrengung ist der Mensch gerechtfertigt, sondern ausschließlich durch den Glauben an die bedingungslose Gnade Gottes. Unter anderem warf Luther der römischen Kirche vor, sie mache die Menschen glauben, durch gute Werke könne Gottes Gnade „erkauft” werden (konkretes Beispiel dafür: der Ablaßhandel).

■ Das Konzil von Trient (1545-63), das die Gegenreformation einleitete, betonte ebenfalls die Rechtfertigung aus Gnade, grenzte sich aber von Luther ab, indem es daran festhielt, daß auch der Mensch moralisch handeln müsse, um der göttlichen Gerechtigkeit Genüge zu tun.

■ Seit Anfang 1997 liegt ein von offiziellen katholischen und lutherischen Theologen erarbeitetes Dokument zur Rechtfertigungslehre vor, in dem versucht wird, von den unterschiedlichen theologischen Aussagen zu einer gemeinsamen Position zu kommen. Dieses Dokument wird zur Zeit vor allem in den evangelischen Kirchen heftig diskutiert (vgl. auch das Interview in dieser FURCHE, Seite 17).

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