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Die Christen Europas sollten näher zusammenrücken

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Die Europäische Ökumenische Versammlung 1997 in Graz warf bei einem Treffen nahe Bratislava ihre Schatten voraus.

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Die Europäische Ökumenische Versammlung 1997 in Graz warf bei einem Treffen nahe Bratislava ihre Schatten voraus.

Mitte Mai trafen sich Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche aus Schweden, Österreich und der Slowakei in einem kleinen Stadtchen nahe Bratislava zu Beratungen über die ökumenischen Probleme zwischen Minderheits- und Mehrheitskirchen. Eingeladen hatte der Generalbischof der evangelischen Kirche A.B. in der Slowakei, Julius Filo, zur Zeit auch Vorsitzender des Ökumenischen Bates der Kirchen des Landes. Die angeschnittenen Themen waren vielschichtig. Kinig wurde man sich darüber, daß Mehrheit und Minderheit gegenseitige Verantwortung tragen, und einander herausfordern sollen. „So setzen sie den bewegenden Geist Gottes um in eine Dynamik für die Welt.” Zwischen ausführlichen historischen und aktuellen Darstellungen gab es einige bemerkenswerte „Schlaglichter”.

Die Slowakei ist nach wie vor ein katholisches Land, mehr als 60 Prozent der Bevölkerung sind dem Taufschein nach katholisch. Dennoch wurde beklagt, daß die katholische Kirche oft machtlos sei, das Geschehen im Leben der Gesellschaft zu beeinflussen. Kämpfte der Kommunismus offen gegen die katholische Kirche, was ihr Geschlossenheit, aber bei vielen auch. Ansehen gab, so hat die Kirche heute neue Gegner gefunden. Äußern sich ihre Vertreter zu gesellschaftspolitischen und moralischen Fragen, befürchten sogar gläubige Menschen einen wachsenden politischen F,influß, eine „schwarze Totalität”. Es scheint, als habe die katholische Kirche ihre Position in einer plu-ralen, „freien” Gesellschaft noch nicht gefunden.

Anderseits beklagt die evangelische Kirche als „Minoritätskirche”, daß die große Zahl der Katholiken immer noch Macht bedeute und Anspruch auf Vertretung, aller erhebe. Als Beispiel wurde angeführt, daß F>zbischof Sokol den Papst 1990 im Namen des „ganzen slowakischen Volkes” willkommen hieß.

Doch scheint das Selbstbewußtsein der evangelischen Kirche vor allem durch den zuletzt gewählten Generalbischof F^ilo zu wachsen. F,r arbeitete fünf Jahre im Lutherischen Welt-' bund in Genf, ist international sehr bekannt, und spricht die wichtigsten europäischen Sprachen. Schließlich hat gerade er die Tagung einberufen und sie vorbildlich mitbrüderlich und versöhnlich geleitet. Die Ökumene, die vor der Wende schon besser war, wird wieder wachsen, wenn jede Kirche weniger auf sich schaut, sondern auf die gemeinsamen Aufgaben in der dem Christentum sich entfremdenden Gesellschaft.

Zur Kirche von Schweden, als „Nationalkirche”, gehören nahezu 90 Prozent der Einwohner, denn zugehörig wurde man nicht durch die Taufe, sondern durch Geburt in einer schwedischen Familie. Ungefähr 500.000 Schweden zählen derzeit als Kirchenmitglieder, ohne jemals getauft worden zu sein. Seit 1. Jänner 1996 gibt es ein neues Gesetz, daß endlich doch die Taufe als das „Tor zur Kirche” festlegt. Die geistliche Identität scheint man aus zwei Quellen schöpfen zu wollen: zum einen aus einem wachsenden Kontakt mit der Anglikanischen Kirche schon seit der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts. Das führte etwa dazu, daß die Gottesdienste immer häufiger Biten und Formen annehmen, wie sie in der „High-Church” üblich sind. Für Touristen sind diese feierlichen „Hochämter” äußerlich von der römisch-katholischen Liturgie kaum mehr zu unterscheiden. Selbst an Wochentagen wird in feierlicher Form Abendmahl gefeiert.

Eine zweite Quelle sind die vor allem seitdem Zweiten Vatikanischen Konzil gesuchten Kontakte zur katholischen Kirche. Zwei Ereignisse machten dies zuletzt besonders deutlich: der Papstbesuch in Schweden, dem auch die schwedischen Lutheraner (ganz im Gegensatz zu jenen in Dänemark) besondere Aufmerksamkeit zollten; und das Birgittajubiläum, das in Rom vom Papst gemeinsam mit dem schwedischen und finnischen lutherischen Erzbischof um einen Altar geschart gefeiert wurde.

Das Verhältnis zur römisch-katholischen Minderheitskirche, der nur zwei Prozent der Bevölkerung angehören, ist von besonderer Art. Zunächst ist die katholische Kirche vor allem „Ausländerkirche”. Dort sammeln sich die vielen Immigranten. In einer katholischen Pfarre zum Beispiel treffen sich Gläubige, die 50 verschiedene Muttersprachen sprechen. Es geht also hier nicht um die Selbstbehauptung gegenüber einer starken Majorität, die noch dazu Staatskirche ist, sondern um besondere Aufgaben, die auch für die Gesellschaft hinsichtlich der Integration der Ausländer wichtig sind.

So hat die katholische Kirche in Schweden trotz ihrer kleinen Zahl einen relativ großen Einfluß auf Volk und Gesellschaft.

Alle Kirchen, ob in Majorität oder Minorität, haben heute ähnliche Problemen. Das öffentliche Leben wird immer mehr säkularisiert, die Kirchen verlieren an Einflußmöglichkeiten. Die Mitgliederzahl der Kirchen sinkt durch Kirchenaustritte, selbst christliche Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr immer taufen. Es fehlen im Aktivsegment der Kirchen auffällig die 20- bis 40jährigen. Innerhalb der Kirchen bilden sich polarisierende Gruppen, oft rigoristischer Art.

Die Unterschiede können so groß sein, daß sich Gruppierungen aus verschiedenen Kirchen manchmal ideologisch näherstehen, als solche innerhalb der eigenen Kirche. (Wäre das nicht auch ein neuer Ansporn für die

Ökumene?) Die Christen aller Konfessionen, mißt man sie an der Zahl der engagierten Mitglieder, werden allmählich zur Minorität in einer andersdenkenden Gesellschaft.

Die neue Herausforderung der Christen wäre nun, in Gemeinsamkeit auf die brennenden Fragen der heutigen Gesellschaft Antworten zu suchen und verständlich und glaubwürdig anzubieten. Es sind die existentiellen Fragen nach dem Woher und Wohin des Menschen, nach Sinn im Leben, vor allem, wo es um Versagen und Scheitern geht. Gemeinsamer Auftrag in der Ökumene ist, die Sehnsucht nach dem Transzendenten zu wecken, die Beziehung zu Gott durch Jesus Christus in einer säkularen Welt zu eröffnen und die Menschen das Beten und religiöse Fun wieder zu lehren.

Eine ganz neue Verantwortung erwächst der Ökumene durch das zusammenwachsende Europa. Ihm gilt es gemeinsam eine „Seele”, eine Welt- und Lebensdeutung auf dem Fundament christlicher Botschaft zu geben. Die oft vordergründige Berufung auf die christliche Vergangenheit Europas erinnert allzubald auch an das unselige Erbe von Glaubensund Kirchenspaltung. In einem gemeinsamen Europa, das sich gerade mit den vielen neuen multikulturellen und multiethnischen Problemen so schwer tut, kann nur ein geeintes Christentum Beispiel und taugliche Hilfe sein. •

Bei der erwähnten Tagung ist uns die Bolle Österreichs erneut bewußt geworden. Obwohl wir die oft leidvolle Geschichte von christlicher Minorität und Majorität in unserem Land ungeschminkt dargestellt haben, kam doch Bewunderung auf, was alles bei uns schon im Miteinander der Kirchen gewachsen ist.

Vor allem aber wird man im kommenden Jahr nach Österreich schauen, genauer nach Graz, wo die Zweite Europäische Ökumenische Versammlung zum Thema „Versöhnung - Gabe Gottes und Quelle neuen Lebens” stattfinden wird. Eine Tagung übrigens, deren Vorbereitung bei allen Gesprächen in Bratislava immer wieder im Hintergrund stand.

Am Schluß der Tagung wurde formuliert: „Wir erkennen heute eine gemeinsame Verantwortung, den Menschen auf ihre Lebensfragen zu antworten, und in den vielen Stimmen der Gesellschaft die Botschaft Jesu mit einer Stimme zu Gehör zu bringen.” Wohl eine wichtige Erkenntnis auf dem Weg der Ökumene.

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