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Bunt und verworren

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Kaum ein Ereignis war so wenig faßbar wie Graz '97. Gedeiht die Ökumene oder zerbricht sie an der neuen Ost-West-Spannung?

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Kaum ein Ereignis war so wenig faßbar wie Graz '97. Gedeiht die Ökumene oder zerbricht sie an der neuen Ost-West-Spannung?

In einer der Arbeitsgruppen kam es zur Konfrontation einer orthodoxen Delegierten aus Rußland mit einem Methodisten aus dem Westen: Das Problem der als aggressiv empfundenen Missionierung durch „ausländische" Kirchen - von russischer Seite immer wieder benannt - brach auch gegenüber dem Methodisten auf. Seine Replik, Methodisten hätte es in Rußland schon vor 1917 gegeben, wurde mit der Bemerkung quittiert, dies sei falsch. Auch Insistieren half wenig, die Teilnehmerin aus dem Osten ließ von ihrer Sicht nicht ab. Viele solcher Geschichten waren in Graz zu hören.

Kaum ein Ereignis blieb so unfaßbar wie Graz '97: Fest, Gottesdienst, Happening - so kann die Versammlung beschrieben werden, aber auch durch das Aufbrechen von Gräben. Auch die Ebenen, auf denen Begegnung stattfand, waren völlig unübersichtlich und kaum bewertbar. An der Basis funktionierte die Ökumene gut - so allgemeiner Konsens, zumindest waren praktisch die unzähligen Initiativen und Veranstaltungen gut besucht. Auch über Zueinanderfinden wird berichtet: Zum Beispiel vom orthodoxen Metropoliten und seinem griechisch-katholischen Kollegen, die - zu Hause in schwere Konflikte verwickelt - bei nächtlichem Umtrunk entdeckten, miteinander doch reden zu können. Daneben gab es, wie Martine Millet, Presbyterianerin aus Frankreich, erzählte, die Begegnung mit orthodoxen Delegierten, die das erste Mal theologische Fragen mit einer Frau diskutierten (und sich damit sehr schwer taten). Oder das unter Protestanten verbreitete Gefühl, neben der „katholisch/orthodoxen" Präsenz gar nicht bemerkt zu werden und bei einigen Orthodoxen überhaupt nur als „Sekte" zu gelten: Graz '97 war bunt und verworren, eine ungeahnte Bandbreite von Bewertungen ist möglich (auch in dieser FURCHE, Seite 3 und 5).

Im Vorfeld von Graz ging es alles andere als geglückt zu: Der Streit der Patriarchen belastete; Jean Fischer, Generalsekretär der Konferenz Europäischer Kirchen, sprach gar davon, die Patriarchenbegegnungen vor der Versammlung wären ein „Hijacking", also eine gewaltsame Entführung, gewesen.

Die Patriarchen trafen einander bekanntlich nicht, nur Rußlands Aleksij II. und Ka-rekin L, armenischer Katholi-kos, kamen; das russische Kirchenoberhaupt redete Klartext: Zwischen Ost und West drohe nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ein „silberner"; neben den wirtschaftlichen Problemen würde der „Proselytis-mus" anderer Kirchen größte Verärgerung hervorrufen.

Ist also die Ökumene in Schwierigkeiten? Auch hier blieb Graz eindeutige Antworten schuldig. Der armenische Katholikos sprach vom halbvollen oder halbleeren Glas: je nach Sichtweise sei die Ökumene viel oder zu wenig vorangekommen. Immerhin sei es heute, so Karekin L, für einen Katholikos kein Problem mehr, eine Pressekonferenz gemeinsam mit vier Frauen zu bestreiten.

In Rußland ist man nicht einmal so weit: Beim Empfang für Aleksij II. mußte es einen eige-' nen Frauentisch geben ...

Auch abseits des Protokolls blieb die Frauenfrage heißes Eisen - im Westen lebendig, vom Osten ignoriert. Eine Frauendemonstration vor dem Plenarsaal der Delegierten war farbiges und schrilles Lebenszeichen, in den Dokumenten finden sich Frauenanliegen nur teilweise. In einem Plenum wurde Jugendvertretern das Pult überlassen: Fünf Minuten Stille statt einer Rede muteten die Jugendlichen den Delegierten zu - und berührten sehr.

„Die Erfahrung von Graz ist das

Wissen um die Ungleichzeitigkeit der Ökumene"

Bitter merkten viele Teilnehmer und Kirchendelegierte an, daß es zu keiner theologischen Diskussion kommen durfte: Kardinal Vlk aus Prag, katholischer Versammlungspräsident, wurde nicht müde zu betonen, die theologischen Streitfragen seien auszuklammern. Metropolit Michael, griechisch-orthodoxer Vorsitzender des Österreichischen Kirchenrates, bezeichnete es sogar als „ökumenischen Terrorismus" seiner Kirche gegenüber, wenn Teilnehmer oder Kirchen theologische Ergebnisse einmahnten - etwa zur Frage gemeinsamer Eucharistie.

Die katholisch/orthodoxe Allianz in dieser Hinsicht konnte sich durchsetzen, auch wenn gerade für Katholiken die Frage der gemeinsamen Eucharistie ein brennendes Thema war. Der Leidensdruck von unten ist groß: In „ökumenischen" Lebensgemeinschaften wie Mischehen wächst mehr zusammen als in einer Plenarversamm-lung der Kirchenvertreter. Der Mainzer Bischof Karl Lehmann, Vorsitzender der deutschen Bischöfe, bezeichnete denn auch konfessionsverschiedene Ehen als „Motor der Ökumene"; Vertreter der Hierarchie mahnten so den Druck der Basis ein. Und die ließ sich auch in Graz nicht bitten: Knapp 400 Teilnehmer kamen am Sonntag zum gemeinsamen Abendmahl zusammen, das von einem katholischen, einem evangelischen und einem altkatholischen Pfarrer geleitet wurde.

Lautet die Erkenntnis von Graz somit, die Ökumene an der Basis funktioniere, an der Kirchenspitze sei der Weg noch weit? Auch das blieb nicht eindeutig. Es war Kardinal Martini aus Mailand, der darauf hinwies, daß „Ökumene des Volkes" erst eines der Ergebnisse der Vorgängerveranstaltung in Basel 1989 gewesen sei. Denn frühere Versuche waren oft Ökumene der Hierarchen, die „unten" nicht rezipiert wurde.

Die Erfahrung von Graz ist das Wissen um die Ungleichzeitigkeit von Ökumene auf allen Ebenen - nicht nur bei den Kirchenspitzen. Damit umzugehen scheint die ökumenische Herausforderung der nächsten Jahre. Die zweite Erkenntnis lautet, daß auch die Kirchen Spiegel ihrer Gesellschaften sind. Es ist ja nicht so, daß Gräben zwischen Ost und West ein kirchenspezifisches Problem wären. Das letzte Jahrzehnt hat

(neben dem Untergang des Staatsmarxismus) gesellschaftlich auch eine neue Unübersichtlichkeit gebracht. Die aktuellen Konflikte in Europa entstanden daraus. Kirchen sind dabei Akteure wie Getriebene.

Ökumene nach Graz bedeutet somit zum einen die selbstverständliche Fortführung des Erreichten. Auf anderer Ebene geht es aber um neuen Anfang. Der durchaus mühevoll ist.

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