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Wie steht es um die Ökumene?

Außer daß die Konzile der alten Kirche ökumenische Konzile genannt werden (die katholische Kirche nennt die Konzile der- Neuzeit ebenfalls ökumenisch) sagt das Wort Ökumene den Nichttheologen eigentlich nichts. Ert als 1919 der Erzbischof Söder-hiom aus Uppsala zum ersten Mal einen „ökumenischen Kirchenrat“ zu bilden vorschlug, setzte der Drucker „ökonomischer Kirchenrat“, weil er der Auffassung war, daß im Manuskript des Erzbischofs ein Tippfehler vorliege.

Heute wird das Wort „Ökumene“ in allen Sprachgebieten, in fast allen Kirchen nicht nur benützt, sondern vielmehr auch gelebt. Untersucht man die Geschichte des Wortes, so stößt man auf Herodot, der darunter „die bewohnte Welt“ verstand. All-

mählich findet dieser geographische Begriff auch Anwendung auf die Menschen, die in dieser mehr oder weniger zivilisierten Welt wohnen. Aber diese Menschheit wird erst von Alexander 1 und später 'von- den Römern''als Reich ' organisiert. So kann natürlich Ökumene auch Weltreich bedeuten.

Laut Matthäusevangelium (24, 14) soll das Evangelium in der ganzen Ökumene gepredigt werden, das heißt der ganzen Menschheit. In der Geburtsgeschichte im Lukasevangelium hingegen bedeutet Ökumene in dem Gebot, das von Kaiser Augustus ausging, daß die ganze Ökumene geschätzt werde, nur das Römische Reich.

Diese geographisch und politisch bestimmte Bedeutung der Ökumene ist immer wirksam geblieben. Aber schon bald kam eine andere Bedeutung auf. So beschreibt der Kirchenvater Origines die Kirche selbst als eine Ökumene. Was heißt das?

Die Kirche vertritt die neue Welt, die neue Menschheit, in ihr gibt es keine völkischen Unterschiede mehr, sie verwirklicht vielmehr das, was auf politischem Gebiet nur sehr provisorisch geschieht: die Bildung einer weltweiten Gesellschaft. Und so wird in der griechischsprechenden Welt Ökumene immer deutlicher zum Begriff für die ganze christliche Familie, und ökumenische Konzile sind also Konzile, in denen die ganze

Kirche vertreten ist. ökumenische Glaubensbekenntnisse sind demnach solche, die in allen Kirchen angenommen werden.

Es kommt aber auch noch eine dritte Bedeutung auf. In dieser geht es um die innere Haltung und Gesinnung. Diese Gesinnung findet man zuerst in den fünziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Kein Geringerer als Henri Dunant, der Begründer des Roten Kreuzes, war es, der von einer ökumenischen Gesinnung, die über die Grenzen von Nation und Sprache, von Denominationen und kirchlichen Fragen, Klassen und Beruf hinausreicht, spricht. Er versucht den Glaubensartikel zu verwirklichen: „Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen und die heilige allgemeine christliche Kirche“. Damit gab er

dem Begriff „Ökumene“ eine neue Dimension, eine neue Kraft. Man begann von der Sünde der Spaltung und der Isolierung zu sprechen und von der von Christus verbreiteten Einheit.'.-Zur richtig« rintung kam der Gedanke aber erst “im Jahre 1925 auf der Stockholmer Konferenz für praktisches Christentum als Erzbischof Söderblom den Begriff „ökumenische Bewegung“ in Umlauf brachte.

Das an verschiedenen Dimensionen reiche Wort „ökumenisch“ ist für die Einheitsbewegung wichtig geworden.

Hat die Ökumene, hat die ökumenische Bewegung heute noch Zukunft? Nach einem Aufbruch ohne Gleichen scheint es etwas still um die Ökumene geworden zu sein. Früher, vor zirka 25 Jahren, füllten die Ansätze dieser Bewegung nicht nur die kirchliche, sondern auch die Boulevardpresse. Hörfunk und Fernsehen brachten Kommentare und Interviews. Das 2. Vatikanische Konzil und die damit verbundene Öffnung der katholischen Kirche zum Gespräch mit den getrennten Brüdern unter dem unvergeßlichen Papst Johannes XXIII. waren Anlaß zu solchem Interesse. Wie steht es heute? Den großen Hoffnungen, utopischen Vorstellungen und einer ■nicht ungefährlichen Romantik ist schließlich Resignation und Enttäuschung gefolgt.

„Es besteht die Gefahr, daß das

Wort „ökumenisch“ ein Modewort wird, das allzuleicht gebraucht oder auch mißbraucht wird“, schrieb der frühere Generalsekretär des ökumenischen Rates der Kirchen, Dr. W. A. Visser't Hooft. „Es wird allzuleicht gebraucht, wenn jede Arbeit, jede Begegnung, die von Mitgliedern einiger verschiedener Kirchen getragen wird, ökumenisch genannt wird.

Der ökumenische Rat der Kirchen, dessen Zentrale in Genf ist, wurde im Jahre 1948 gegründet. Heute, 25 Jahre später, hat dieser Rat ein ganz anderes Gewicht als damals. Auf der 1. Vollversammlung des ökumenischen Rates der Kirchen in Amsterdam 1948 klagte man traurig: „Wir bleiben voneinander getrennt, nicht nur in Fragen der Lehre, der Ordnung und der Überlieferung, sondern auch durch unseren sündigen Stolz der Nation, Klasse, Rasse und des Geschlechts.“

Die 2. Vollversammlung in Evan-slon, 1954, vereinte die Delegierten unter dem Thema „Jesus die Hoffnung der Welt“. So bekannte man: „Wir erkennen mehr und mehr, daß wir einander brauchen, um die Heiligkeit, die Apostolizität und die Einheit der Kirche aus ihrer Verborgenheit ans Licht zu bringen.“

Und die 3. Vollversammlung in Neu-Delhi erhielt ihre große Bedeutung durch den Beitritt der Kirchen der Orthodoxie. Man stellte fest: „Wir entdecken nicht nur andere Kirchen, sondern andere Völker, andere Kulturen, andere Hoffnungen, andere politische Systeme, andere Sprachen.“

Der Kirchenbund war nun zu einem großen Kirchenkörper mit Ausnahme der römisch-katholischen Kirchs, geworden«... .»• ^w.-.

Und in Uppsala 1968 war man unter dem Thema „Siehe, ich mache alles neu“ vereint und mußte einsehen:

„Wenngleich wir miteinander Nachbarn geworden sind, sind wir von Unterschieden und Spannungen zerrissen und wissen noch nicht, wie wir zusammenleben können. Deshalb muß jeder an seinem Platz für die Gemeinschaft mit Menschen anderer Rasse, Klasse, Altersgruppen oder religiöser und politischer Überzeugungen eintreten und sich verpflichten, die Menschenrechte für eine gerechte und friedliche Weltgemeinschaft zu verteidigen, zu schützen und zu vertreten.“

Die Nöte der dritten Welt setzten einen neuen Schwerpunkt, man sprach von einer Theologie der Revolution.

Neu-Delhi war sicher ein Wendepunkt in der ökumenischen Bewegung. In den Jahren nach Neu-Delhi kam es häufiger zu einer Kritik an -der neuen Haltung des ökumenischen Rates, besonders an dessen souveräner Handhabung von Plänen zur Umgestaltung der heutigen Welt. Der lutherische Bischof Hermann Dietzfelbinger warnte ebenso wie einige Delegierte aus Norwegen und Schweden vor dieser Entwicklung. Sicher, das Gespräch über die Stellung des Christen zur Rassismusfrage ist, so formulierte Bischof Dietzfelbinger, erwünscht. Da setzte aber die Genfer Zentrale Dezember 1970 Taten, indem sie ein Jahresprogramm in der Höhe von 800.000 Schweizer Franken zur Unterstützung jener USA-Bürger bereitstellte, die sich der Einberufung in die Armee durch eine Flucht nach Kanada entzogen. So vollzog sich, versicherten die Mahner, eine Verlagerung der Aktivitäten des ökumenischen Rates der Kirchen aus dem Bereich des Glaubens in das Gebiet der Politik und Wirtschaft. Es häuften sich die Stimmen, die dem ökumenischen Rat Untreue an der in Amsterdam 1948 aufgestellten Grundlage vorwarfen, ja das in den siebziger Jahren entworfene interkonfessionelle Einheitsgebilde sei in eine andere Richtung gelenkt. Neuerdings erhob der ökumenische Patriarch Demetrius I. seine warnende Stimme. Zur weiteren Zusammenarbeit mit dem Weltkirchenrat in Genf sei er jederzeit bereit, allerdings könnten sich die Orthodoxen nicht alle Tendenzen des Weltkirchenrates zueigen machen, insbesondere solche nicht, „die eine horizontale Orientierung“ aufweisen, erklärte der Patriarch. „Als besonders wichtig betrachten wir das Hauptanliegen des Weltkirchenrates: die Vertikale der theologischen Orientierung, deren Ziel die Vorbereitung der christlichen Einheit ist.“

Der englische Historiker A. J. Toynbee hat, wie der Schweizer Pressedienst berichtet, die Formel vom „Niedergang Europas und Aufstieg der Flügelmächte Amerika, Rußland und China“ geprägt. Der Ausspruch war politisch gemeint: Europa hat aufgehört, Mittelpunkt der Welt zu sein. Die Welt- und Kolonialpolitik wird heute von anderen Zentren aus gemacht. Ursache äieses Niedergangs der Alten Welt waren die Selbstzerfleisehung Europas in zwei Weltkriegen und sein useinanderbrechen in zwei sich argwöhnisch in Schach haltende Gesellschaftssysteme. Die abendländische Christenheit hat Mühe, aus ihr die fälligen Konsequenzen zu ziehen. Dies mit einem gewissen Recht! Die von der Substanz des christlichen Glaubens mitgeprägte abendländi-dische Kultur war und ist eine geistige Macht, die über Jahrhunderte hinweg auch politisch und wirtschaftlich in der Welt dominierte. Heute hingegen hat sich nicht nur politisch die Landkarte verändert. Mit ihren Rohstoffquellen, ihren Nahrungsmittelerzeugnissen und ihrem Arbeitspotential könnten die Entwicklungsvölker uns auch wirtschaftlich einholen. Innerhalb der Ökumene scheint das abendländische Christentum seine beherrschende Stellung eingebüßt zu haben. Damit haben wir uns im Westen noch nicht recht abgefunden. Hat man einerseits diesen geschichtlichen Wandel zustimmend zur Kenntnis genommen, so lassen sich anderseits kritische Fragen an den Weltkirchenrat nicht verdrängen. Fragen, die sich nicht auf das politische Grundkonzept des ökumenischen Rates beziehen, da dieses zweifellos auf der Linie der geschichtlichen Entwicklung liegt; aber Fragen, bezogen auf die Taktik im einzelnen, etwa auf die „Selectiv Indignation“ der Ökumene, den verschiedenen Unrechts- und Unterdrückungssystemen gegenüber. Und vor allem: es stellt sich die schwerwiegende Frage nach dem richtigen Verhältnis zwischen der theologischen Grundlagenarbeit und dem gesellschaftspolitischen Engagement des Weltkirchenrates. Hat der ORK nicht die Vertikale vernachlässigt zugunsten einer zu starken Betonung der Horizontalen?

Die Gemeinschaft der Kirchen ist sicher noch sehr unvollständig. So haben die Kirchen nicht nur in Fragen von Glauben und Kirchenverfassung verschiedene Uberzeugungen, sondern auch auf dem Gebiet des Sakramentsverständnisses und der missionarischen Aktionen. Daher heißt auf diesem Gebiet ökumenisch sein, nicht müde zu werden, nach

neuen gemeinsamen Antworten zu suchen, um dem Ziel der Gemeinschaft näher zu kommen. Die Sorge, die man des öfteren hört, daß die ökumenische Bewegung, die universal und umfassend sein will, in einem großen, uferlosen Mischmasch enden könnte, ist nicht begründet, denn die äkumenische Bewegung darf nur ein Zentrum haben: den gemeinsamen Herrn, und dieser ist die sogenannte Basis, die sich der ökumenische Rat äer Kirchen selbst gesetzt hat.

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