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Eigener Weg der Orthodoxie

Die vorjährige Generalversammlung des Ökumenischen Rates in Neu-Delhi wurde unter anderem dadurch gekennzeichnet, daß fast nahezu die ganze Orthodoxie diesem Ökumenischen Rat beigetreten ist. Sie bildet darin die stärkste, geschlossenste und profilierteste Gruppe. Die Bedeutung und das Gewicht dieser Gruppe wird sich bald bemerkbar machen.

Die Kommentatoren dieses Ereignisses und seiner Tragweite heben meistens dabei den politischen Aspekt hervor und übersehen die Tatsache, daß alle Konfessionen hinter dem Vorhang die gleichen politischen Tendenzen vertreten und daß deren führender Denker und Sprecher eher der evangelische Prager Theologieprofessor Hro-madka ist, der erst in diesen Tagen wieder eine grundsätzliche Rede vor einem protestantischen Forum im Westen hielt. Wenn auch der größere Teil der Rechtgläubigen im „sozialistischen Friedenslager“ wohnt, so lebt doch eine eine nicht unerhebliche Zahl derselben, mit durchaus eigenem Gewicht, in der freien Welt. Ohne die Fährnisse der Ost-West-Spannungen bei der Überfahrt des ökumenischen Schiffes zum angestrebten Hafen der sichtbaren christlichen Einheit mißachten zu wollen, soll hier doch das Geistliche aus dem Politischen herausgehalten werden. Für die Kommunisten existiert keinerlei Autonomie oder Transzendenz der religiösen Kategorie. So wird auch im Endeffekt die von diesen versuchte Instrumentalisierung der nur politisch-soziologisch verstandenen Kirche leer ausgehen. „Der in euch ist (das ist Christus), ist größer als der in der Welt ist (das ist der Widerchrist)“. 1. Joh. 4, 4. Trotzdem sollte den Interventionen des politischen Ostens auch in den Gremien und auf der Plattform des Ökumenischen Rates mit klareren theologischen Begriffen und nicht zuletzt mit einem gelasseneren Humor begegrWt' werden,'.als dies bfslansr bei den „todernsten' Westlern“ zu . beobachten war.

Aber die eigentliche Belastungsprobe für den Ökumenischen Rat ist die Konfrontierung der Protestantismen (Anglikanertum, Luthertum, Kalvinismus, Freikirchen und Sekten) und ihrer afrikanischen und asiatischen Neupflanzungen mit der Orthodoxen Kirche. Diese Kirche versteht sich, wie die römische Kirche, als die Kirche Christi, die eine, die ihre sichtbare Einheit in der Fülle der apostolischen Tradition ungetrübt und ungeschwächt durch die Jahrhunderte auch heute besitzt. (Siehe den Wortlaut der Botschaft der allorthodoxen Bischofskonferenz auf Rhodos: 1. Oktober 1961, „Christlicher Sonntag“, Herder-Verlag, 17. Dezember 1961.) Dieses orthodoxe Verständnis der Kirche weiß sich identisch mit dem Kirchenverständnis der morgen- und abendländischen Kirchenväter und Konzilien. Die Orthodoxen glauben, daß durch bestimmte Akzent-und Gewichtsverschiebungen dieser patristischen Auffassung der Kirche im lateinischen Mittelalter die Problematik der Reformationen des 16. Jahrhunderts und was daraus entstand erst begreiflich und möglich wurde Ferner vertritt die Orthodoxe Kirche ein vom Lehramt der Kirch« (Bischöfe) getragenes, typologisches und pneumatisches, ebenfalls der Arl der Alten Kirche und Väter teugeblie-benes Schriftverständniiis. Gerade auf diesem Gebiet hütet die Orthodoxe Kirche kostbarste Schätze, vor allem in ihrem Kult. Weiter begegnen die Evangelischen einer kultischen (Marien-, Heiligen-, Ikonen- und Reliquienverehrung mit einer Dichte und Tiefe, welche die lateinische noch

übertrifft), einer mystischen, einer monastischen, einer kirchenrechtlichen. Tradition, deren Grundlinien von ihnen kaum erkannt, geschweige denn theologisch (nicht bloß schwärmerisch-literarisch) wirklich ernst genommen würden.

So äst es zu verstehen, daß die gesamte orthodoxe Vertretung auf der erwähnten Versammlung in Neu-Delhi bei einer Entschließung über die Definition der christlichen Einheit in gemeinsamer Sitzung eine eigene Deklaration ausarbeitete und festlegte, „daß die Orthodoxen die Einheit der Kirche nicht in einer Gesamtheit der verschiedenen Konfessionen, sondern An der Orthodoxie, welche selbst die Kirche ist, erblicken“ (Seite 24 von Nr. 2 der „Stimme der Orthodoxie“ 1962, Organ des mitteleuropäischen Exarchats des Moskauer Patriarchats). Früher schon hatten die Orthodoxen bei ähnlichen Anlässen ähnliches gesagt. Denn, wenn die Orthodoxie an den Bestrebungen des Ökumenischen Rates teilnimmt, so sicher nicht um sich den reformatorischen Prinzipien anzupassen, geschweige denn zu unterwerfen. Das kann nicht klar und deutlich genug gesagt werden, weil immer wieder falschen Vorstellungen von interessierter oder nicht informierter Seite Raum gegeben wird. Die Gründe der orthodoxen Mitarbeit liegen in den verschiedenen Vorfeldern der eigentlichen Bezeugung der in der Orthodoxie vorgegebenen Einen Kirche Christi. Auch werden die Orthodoxen mehr noch und zäher auf die Arbeiten der Sektion „Glauben, Verfassung und Kult“ innerhalb der Genfer Organisation drängen als auf das daraus entfließende gemeinsame Handeln in und an der Welt.

Um die orthodoxe Partnerschaft in Genf ganz zu verstehen, müßte, man der schon genannten allorthodoxen Bischofskonferenz auf Rhodos (Herbst 1961) eingehendere Aufmerksamkeit geschenkt haben, was leider bisher nicht gerade der Fall war. Diese Konferenz, die gewiß die autorisierte Meinung der orthodoxen-Bischöfe darstellt, formulierte für die, das orthodoxe Ökumenische Konzil (die Bedeutung dieser Ankündigung ist kaum publizistisch gewürdigt worden) vorbereitende Prosynode das zu behandelnde Schema: „Studium der theologischen und anderen Fragen, welche die Voraussetzungen der orthodoxen Mitwirkung im Ökumenischen Rat bilden; Wichtigkeit einer solchen für die Ausrichtung des ökumenischen Gedankens und des ökumenischen Handelns.“

Die Konferenz hat das orthodoxe Selbstbewußtsein ungemein gestärkt und kündet ein bestimmteres und geschlosseneres Auftreten der Orthodoxie überhaupt an. Man darf sicher sein, daß die stärkste und in sich gefestigte Konfession innerhalb der Ökumene auch entsprechend in der Führung vertreten sein will. Was das für die bisher praktisch panprotestantische Bewegung bedeuten wird, ist von den meisten noch kaum bedacht worden

Schon schickt sich die Orthodoxe Kirche an, die monophysitische Christenheit (Äthiopier, ägyptische und sudanesische Kopten, Armenier, syrische Jakobiten und Malabresen), seit dem 5. Jahrhundert getrennt, mit sich wieder zu vereinigen. Auch die 100.000 ostafrikanischen Neuorthodoxen weisen auf die Vitalität der Orthodoxie hin.

Die Stelle der Botschaft von Rhodos, welche die „westlichen Brüder“ begrüßt, ist in diesem Zusammenhang bedeutsam. „Mit den westlichen Brüdern haben wir nie aufgehört zusammenzuwirken im Hinblick auf die Erfüllung des Herrengebetes ,daß alle eins seien', wofür unsere Kirche nie aufgehört hat zu beten.“ Über den näheren Sinn dieses Passus befragt, erklärte der Generalsekretär besagter Bischofsversammlung, der Metropoliit Chrysostomus von Myra: „Wir wollen nicht als Objekt, als Gegenstand ökumenischer Einigungsbestrebungen betrachtet werden. Wir sind selbst Subjekt, Täger diese Bestrebungen.“

Hierin kommt zum Ausdruck, was die Orthodoxen heute weiterhin schok-kiert: Vieles im Verhalten westlicher Enthusiasten (oder auch kühler Kirchenpolitiker) gleicht geradezu einem „Flirten“ mit der Orthodoxie, um sie für diese oder jene, ökumenisch genannte, Zielsetzung zu benützen, um zu versuchen, sie sozusagen gegen die eine oder die andere Seite auszuspielen. Es gibt evangelische Theologen und Kirchenpolitiker, die gegen bestimmte römisch-katholische Positionen, wie Meßopfer, Unfehlbarkeit der Kirche, Heiligenkult usw., leidenschaftlich ankämpfen und gleichzeitig, aus offenbar nicht-theologischen Gründen, ein Bündnis, vornehmlich mit den russischen Orthodoxen, anstreben, die doch im wesentlichen die gleichen Positionen wie Rom einnehmen. Bei solchen Angriffen fühlen sich die Orthodoxen gleichermaßen verletzt wie die römischen Katholiken. Und wenn die einen früher glaubten, in der Orthodoxie so etwas wie ein kirchliches Kolonialgebiet (siehe gewisse Formen des Unia-tentums) sehen zu können, so gibt es heute im evangelischen Raum solche, die die Orthodoxen Kirchen (die man gefließentlich in der Mehrzahl sieht, wo sie sich doch als Eine Kirche wissen), glauben als unterentwickelt betrachten zu können und so etwas wie ein reformatorisches Prinzipienkapital investieren zu sollen, um den Orthodoxen zu „Fortschritten“ in Richtung der reformatorischen Synthese verhelfen zu müsssen.

Zum mindesten Rhodos hätte solche Naivitäten zerstreuen müsssen. Die Orthodoxie ist und will sein ein sei b-ständiger Partner mit eigener „taktischer“ Verantwortung bei den zeitgenössischen Bemühungen um die christliche Einheit. Deren Endziel, wie Erzbischof Nikodim, der Leiter des Außenamtes der russischen Kirche, es in einem Interview auf Rhodos sagte, kann nur die volle, lehrmäßige, sakramentale und kanonische Gemeinschaft der einen Kirche sein.

Für die... Orthodpxen sind die Protestantismen eine innertateini-s c h e Angelegenheit, während das Verhältnis der Orthodoxen zur römischen Kirche eine innerkatholische Angelegenheit ist. Die Orthodoxie kann also mit den Evangelischen im letzten nur im Zusammenhang mit ihrem lateinischen Kontext sprechen. So vertritt sie den Reformationen gegenüber die katholische Grundhaltung, wie dies einer der katholischen Beobachter auf der Versammlung von Neu-Delhi, P. Le Guillou, in seinem Bericht (Istina, 1961/62 Nr. 3, Paris) hervorhebt. Man kann also nicht gut von zwei ökumenischen Lagern sprechen: hier die nichtrömische Christenheit, in Genf gruppiert, und dort die katholische Gemeinschaft, um Rom geschart. Schließlich ist die Bemühung um die Reintegration der geschichtlichen Einheit der Christen und alles Christlichen unteilbar.

Eine erste Gruppe meint, weil Orthodoxie und Katholizismus sich innerlich so nahe stehen, sollten diese sich zunächst wiedervereinigen, die Protestanten seien isoliert und müßten folgen. Eine zweite Gruppe denkt, weil die Reformationen aus der römischen Kirche entstanden und, psychologisch gesehen, westliche Verwandte sind, sollte zunächst die lateinische Einheit wiederhergestellt werden, die Orientalen müßten sich dann anschließen.

Eine dritte Gruppe glaubt, weil Orthodoxe und Evangelische die sogenannte Papst-Kirche ablehnen und in einer gefühlsmäßigen Abwehrstellung stünden, könnte eine nicht-römisch geeinte Christenheit entstehen, die Rom zur Kapitulation brächte. Aber eine christliche Versöhnung, wie sie Johannes XXIII. will, kann niemals eine Versöhnung von zweien ohne oder gegen einen Dritten sein. Alle drei Partner des ökumenischen Gespräches müssen aktiv zusammenwirken, um dem Einheitsvermächtnis des Einen Herrn treu zu sein. In dieser Schau hat die Orthodoxie ihren ökumenischen Weg vorgezeichnet.

Jenseits aller geschichtlichen Not und jeder Bedrängnis von außen, betet die Orthodoxie um eine Erneuerung des Pfingstmysteriums und hält sich auch heute für sie bereit.

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