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Mit, aber nicht unter dem Papst

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Wie ist derzeit das ökumenische Klima in Österreich? Was könnte das angestrebte „ökumenische Friedenskonzil“ - wie immer man es letztlich nennt - bewirken?

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Wie ist derzeit das ökumenische Klima in Österreich? Was könnte das angestrebte „ökumenische Friedenskonzil“ - wie immer man es letztlich nennt - bewirken?

FURCHE: Herr Bischof, die katholische Kirche klagt in letzter Zeit zunehmend über Probleme — Stichworte: Säkularisierung, Verfall der Sitten, Kirchenaustritte —, wie sieht das bei der evangelischen Kirche aus?

BISCHOF DIETER KNALL: Vielleicht ist es so, daß im römisch-katholischen Raum die Problematik der Vielstimmigkeit innerhalb der Kirche erst seit dem Konzil bewußter wird. Dadurch ist ein Phänomen in Erscheinung getreten, mit dem man weniger lange zu leben gewohnt war als im evangelischen Raum. Mit allen Schwierigkeiten, die dadurch auch gegeben sind. Denn eine Kirche, in der Vielstimmigkeit so möglich ist, muß natürlich sehen, daß trotz der Vielstimmigkeit auch die Einheit der Kirche gewahrt bleibt.

Sicher haben Sie auf ein Problem hingewiesen, das uns im evangelischen Raum ähnlich Sorge bereitet: Kirchenaustritte. Die Ursachen der Kirchenaustritte

„Hierarchische Struktur: Hier ist die römische Kirche sehr empfindlich.“ sind sicher ganz unterschiedlich zu sehen. Manche Leute treten wegen des Kirchenbeitrages aus. Haben wir diesen Menschen das Leben in der Kirche wirklich klargemacht, die Türen geöffnet, daß sie überhaupt einmal in die Kirche eintreten konnten und gemerkt haben — in einer existentiellen Betroffenheit —, was Kirche ist? Hier haben wir sicher an vielen, vielen getauften Gemeindemitgliedern viel, viel versäumt.

FURCHE: Wie beurteilen Sie derzeit das ökumenische Klima in Österreich?

KNALL: Lediglich auf Österreich bezogen würde ich sagen, daß wir noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft haben, die tatsächlich gegeben sind. Aber ich sehe auch die Grenzen und habe den Eindruck, daß man katholi-scherseits da und dort etwas zurückhaltender geworden ist in letzter Zeit.

Wenn ich Vermutungen anderer, die sich bei meinen Beobachtungen zu bestätigen scheinen, aufnehme, dann wage ich zu sagen, daß es irgendwie mit dem Pontifikat des jetzigen Papstes zusammenhängen mag. Der jetzige Papst kommt aus Polen. Er kann natürlich seine Erfahrungen, die er dort gemacht hat, nicht von heute auf morgen abstreifen. Aus einer gewissen Sorge um das Auseinanderklaffen in dieser anfangs genannten Vielstimmigkeit versucht er nun sehr stark, die römisch-katholische Kirche in einer strukturierten Einheit beisammenzuhalten.

Und hier zeigt sich, spürbar bis nach Österreich, doch eine gewisse Zurückhaltung in einer schon stärker dagewesenen Öffnung gegenüber den anderen christlichen Kirchen. Und davon wird auch das ökumenische Klima bestimmt.

Es gibt auch in der nachkonzi-liaren Entwicklung Erfahrungen im römisch-katholischen Raum, die nicht unbedingt der Ökumene förderlich waren. Zum Beispiel die Erlebnisse mit Hans Küng. Oder Leonardo Boff — nicht wegen seiner Befreiungstheologie, denn über die kann man sicher auch innerhalb der römisch-katholischen Kirche sprechen, sondem es ist sein neues theologisches Denken vom Neuen Testament her und insbesondere seine Anfrage in Richtung der hierarchischen Struktur der Kirche. Hier ist die römische Kirche sehr empfindlich.

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FURCHE: Liegen nicht die größten Hindernisse in der Ökumene im dogmatischen Bereich?

KNALL: Nicht nur die reformatorischen Kirchen, sondern auch die orthodoxe Kirche stoßen sich an den Dogmen des 19. und 20. Jahrhunderts als einer Weiterentwicklung dogmatischer Formulierungen, die die anderen Kirchen nicht mehr nachvollziehen können.

Die beiden Mariendogmen von 1854 und 1950 spielen natürlich eine erschwerende Rolle in ökumenischen Gesprächen. Sie sind allerdings, wie die Papstfrage selbst, noch nicht wirklich ins theologische Gespräch aufgenommen worden.

Die Papstfrage muß aufgenommen werden. Paul VI. hat sie ja ganz offen als größtes Hindernis zwischen den Konfessionen bezeichnet. Ob es in Zukunft möglich wird, daß der Papst seinen Petrusdienst im neutestamentli-chen Sinn versteht und damit eine gewisse Revision der Aussagen des Ersten Vatikanums möglich ist, wage ich nicht zu prophezeien. Ich habe des öfteren schon geäußert, eine evangelische Kirche mit dem Papst kann ich mir gut vorstellen, aber unter dem Papst in der jetzigen dogmatisch festgelegten Weise, also unter dem Jürisdiktions- und Lehrprimat, kann ich mir nicht vorstellen.

FURCHE: Auf der Bischofssynode in Rom, die gerade tagt, soll auch das Thema ,J?riedenskon-zil“, um den von Carl Friedrich von Weizsäcker geprägten Namen zu verwenden, zur Sprache gebracht werden. Sehen Sie hier eine Möglichkeit, daß über die Konfessionen hinweg eine gemeinsame weltweite Aktion der christlichen Kirchen zustandekommt?

KNALL: Ich möchte es mir sehr wünschen, gerade in dieser Weltstunde. Weizsäcker ist nicht der Erste gewesen. Wir wissen, daß Dietrich Bonhoeffer schon 1934 einen Vorschlag in dieser Richtung gemacht hat, aber seine Äußerung ist in der politischen Entwicklung der damaligen Jahre untergegangen. Und wie heilsam wäre es damals gewesen, sich mit gerade dieser Friedensfrage ernstlich, und zwar weltweit, zu befassen. Vielleicht hätte dieser Welt großes Unglück erspart bleiben können.

Das Stichwort „Friedenskon-zil“ bereitet einigen ein wenig Beschwerden, da der Ausdruck „Konzil“, etwa in der römisch-katholischen Kirche oder auch in den orthodoxen Kirchen, rechtlich fixiert ist für einen bestimmten Vorgang. Man müßte überlegen, ob nicht der Ausdruck verändert werden kann, damit nicht Schwierigkeiten dieser formalen Art auftreten. Die sollte es ja gar nicht geben, sondern wir sollten zum Eigentlichen hindurchstoßen, was hier gemeint ist: daß die christlichen Kirchen ein gemeinsames Zeugnis in der Welt ablegen können zu der lebenswichtigen Frage, die uns alle betrifft.

Ich meine, es sollte nicht an einem Begriff die Frage scheitern, sondern wir sollten miteinander über die Sache, über den Inhalt reden können und vielleicht, vielleicht, wenn wir das zuwegebringen, es auch erleben, wenn nun die Kirchen einmal weltweit mit einer Stimme sprechen können, daß ihr Zeugnis von größerem Gewicht sein wird. So etwa, wie Jesus ja gesagt hat: „Damit die Welt glaube.“

Meine Hoffnungen sind gegeben, ich sehe gewisse Schwierigkeiten, aber ich wäre dabei, mitzuarbeiten, um diese Schwierig-

„Das Miteinander ist die einzige Zukunftschance für die Kirchen.“ keiten zu überwinden und miteinander in dieser Richtung zu gehen. Uberhaupt: Das Miteinander ist, glaube ich, die einzige Zukunftschance für die Kirchen. Ich gebe zu, daß die Unterschiede dogmatischer Art, im Rechtssystem, in der Struktur bestehen und wahrscheinlich auch in Zukunft bestehen bleiben, aber dieses Faktum darf uns nicht hindern daran, als Brüder miteinander unterwegs zu sein, um den Herausforderungen dieser Welt von heute gerecht zu werden, gemeinsam, als christliche Kirchen. Wir könnten viel mehr gemeinsam machen, auch heute schon, als wir tatsächlich machen.

FURCHE: Was könnte man mehr gemeinsam machen?

KNALL: Die ökumenische Dia-konie, also das, was wir in Richtung sozialer Hilfe, humanitärer Hilfe für die Welt und in der Welt tun, noch mehr und noch besser abstimmen und uns hier noch mehr herausrufen lassen. Immerhin taucht jetzt, je nachdem, wie die Zahlenverhältnisse in den einzelnen Ländern in konfessioneller Hinsicht aussehen, einmal die Caritas mehr auf, in einem anderen Land das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche.

An diesen Ecken könnten wir uns besinnen und dem österreichischen Volk, in anderen Ländern anderen Völkern, deutlich machen: Hier sind die Kirchen wirklich gemeinsam unterwegs und können mit einer Stimme sprechen, um nur ein Beispiel zu nennen.

Das Gespräch führte Heiner Boberski.

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