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Letztlich geht es um den Glauben

1945 1960 1980 2000 2020

Das Konzil, als Erneuerungsprozeß der Kirche, ist auf Fortsetzung angelegt. Eine Revision mancher konziliarer Akzentsetzungen ist weder reaktionär noch restaurativ.

1945 1960 1980 2000 2020

Das Konzil, als Erneuerungsprozeß der Kirche, ist auf Fortsetzung angelegt. Eine Revision mancher konziliarer Akzentsetzungen ist weder reaktionär noch restaurativ.

Was charakterisiert das II. Va-tikanum? Das erste, was sich von ihm sagen läßt, ist: Es war ein höchst- und gesamtkirchliches Lehr- und Orientierungsereignis. Es fand statt zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt, unter ganz bestimmten Bedingungen. Es faßte bestimmte Beschlüsse, aber seine Wirkungen reichten nicht zuletzt auf Grund der hohen Erwartungen und der inneren Dynamik des Ereignisses selbst weit über diese — die Beschlüsse — hinaus. Sie haben das kirchliche Leben in fast allen Bereichen — nicht

grundlegend, aber substantiell — verändert. Es wollte in der Tat keine Lehren dogmatisch fixieren, sondern war pastoral ausgerichtet insofern, als es, wie es in der Botschaft der Synode heißt, gerade deshalb einberufen wurde, um „eine Erneuerung der Kirche besonders im Hinblick auf die Verkündigung in einer veränderten Welt zu ermöglichen“.

Es hatte dem Glaubensgut nicht neue Definitionen hinzuzufügen, sondern den von der Kirche geglaubten Glauben unter den heutigen Lebensbedingungen verständlich, zugänglich zu machen. Und dieses Zugänglichmachen, der eigentliche Sinn des vielzitierten,' von der Synode ebenfalls deutlich eingegrenzten, um nicht zu sagen zurückgenommenen „aggiornamento“ schloß von seiner Zielsetzung her die Erneuerung des gesamten kirchlichen Lebens ein, des Selbstverständnisses der Kirche, ihrer Strukturen, ihrer Liturgie, ihrer Theologie, ihrer Verkündigüngsmethoden und ihrer Umweltbeziehungen im konkretesten und zugleich weitesten Sinne von den Staat-Kirche-Beziehungen über die Ökumene bis zu den Religionen und kulturbegründeten Weltanschauungssystemen ein.

Aber natürlich konnte ein solches Programm nur im Fragment durchgeführt werden. Jede Kirchenversammlung wäre überfordert, wollte man von ihr erwarten, sie solle alle in einem solchen Beratungsprozeß sich stellenden Fragen umfassend und abschließend beantworten. Das Konzil ist also als Ereignis — von den Gesetzen seines Vollzugs her—auf Fortsetzung angelegt, nicht als Kirchenversammlung, aber als Erneuerungsprozeß der Kirche, der durch die Aufgabenstellung des Konzils angestoßen wurde.

Dies erhöht und relativiert seine Bedeutung zugleich. Erhöht, weil die Gesamtkirche auf eine dauerhafte Weise von den gefaßten Beschlüssen und den vom Konzil ausgehenden Wirkungen und von den Rückwirkungen dieser Wirkungen erfaßt wird; relativiert, wenn das Konzil nichts abschließend festlegt, sondern die Wirkungen der Beschlüsse und diese selbst immer auch etwas Vorläufiges, wenigstens im Prinzip Uberhol- oder auch Revidierbares an sich haben. Das heißt, Korrekturen, Akzentverschiebungen sind möglich, nach neuen Erfahrungen und neuaUftauchenden Problemen unter Umständen auch nötig.

Ich kann mir denken — dieser Frage wäre gesondert nachzugehen, daß eine gewisse Revision mancher konziliarer Akzentsetzungen durchaus eine Teilaufgabe der Konzilsverwirklichung heute sein könnte. Denken Sie nur an manche von Teilhardschem Optimismus durchtränkte Aussa-

gen von „Gaudium et spes“. Müßte die Pastoralkonstitution heute geschrieben werden, würde sie vermutlich nicht nur fortschrittskritischer, sondern in manchen Punkten auch deutlicher vom Widerstand der konkreten Lebenswelt und der in ihr herrschenden Gesetzlichkeiten gegen das Zeugnis von Christen und die Ausbreitung des christlichen Glaubens sprechen. Solche Revision, sollte sie vernünftig begründbar sein, wäre für mich weder reaktionär noch restaurativ, sondern hieße schlicht: der gründlicher erkannten Wirklichkeit Rechnung tragen.

Solche Revisionsarbeit scheint mir heute umso sinnvoller zu sein, als das II. Vatikanum in mehrfacher Hinsicht unter außergewöhnlichen Umständen stattfand, von denen der enorme Reformnachholbedarf der Kirche und der nicht minder große Einholbedarf gegenüber der zeitgenössischen kulturellen und gesellschaftlichen Umwelt die wich-

tigsten waren. Bei so viel Ein- und Nachholzwang könnte der Blick für die Wirklichkeit schon ein wenig getrübt sein. Dies müßte man im Rückblick sogar für die Liturgiereform als dem sichtbarsten Zeichen einer veränderten Kirchlichkeit gelten lassen. Hat man nicht sehr bald schon von der Reißbrettreform gesprochen, die den christlichen Kult anthropologisch verkürze?

Ein Stückweit relativieren kann man, muß man, das Konzil aber auch von seinen Ergebnissen her. Das II. Vatikanum war im wesentlichen ein Konzil über die Kirche. Dies ist auch 20 Jahre später nicht zu kritisieren. Es ergab sich aus dem inneren Fortgang des kirchlichen Lebens und der zunehmenden Verunsicherung angesichts der beherrschend werdenden säkularen Umwelt.

Daß die Kirchenlehre zur Herzmitte des II. Vatikanums wurde, war somit nicht nur die fast notwendige Folge des I. Vatikanums, insofern dessen Primatslehre einer Ergänzung durch die Kollegialitätslehre bedurfte. Die neue Selbstfindung der Kirche war im Blick auf die Zukunft des Christentums - Christentum katholisch und ökumenisch verstanden - geboten (und zugleich ein provi-

dentieller Akt, vielleicht der pro-videntiellste des Konzils).

Aber über der zukunftstiftenden Kraft der Kirchenlehre des II. Vatikanums darf nicht vergessen werden, daß die Kirchenfrage existentiell, von der gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Lebenslage der Menschen her gesehen, nicht deren zentrale und nicht deren bedrängendste Frage war. Und sie ist es 20 Jahre danach noch weniger. Die Grundfrage war schon damals wie heute die Glaubensfrage, gipfelnd in der Gottesfrage. Ohne den hohen Rang der Kirchenfrage leugnen zu wollen, es ging letztlich weder um die Kirche als (geistlicher) Lebensraum noch als Glaubensgegenstand, sondern um den Glauben der Kirche. Der Glaube selbst war und ist die eigentliche Existenzfrage der Kirche.

Die Synode beweist indessen von neuem, daß wir kirchlich über das Stadium kirchlicher Selbstschau immer noch nicht hinausgekommen sind. Wir waren bisher

trotz Konzil weder in der Lage, die Glaubensfrage selbst zum Kernstück unserer Debatten zu machen noch die moderne Lebenswelt als Bedingungsraum des Glaubens vor jeder anderen Frage zu thematisieren. Dies ist für mich persönlich einer der betrüblichsten Eindrücke kirchlicher Gegenwart.

Dennoch wären Konzil und Konzilsverwirklichung mißverstanden, wollte man das II. Vatikanum einfach mit seiner Kirchenlehre gleichsetzen. Das II. Vatikanum reicht wesentlich über diese hinaus. Seine Bedeutung ist um ein Unendliches größer. Die eigentliche Substanz seiner Ergebnisse bilden eine Reihe von Grundentscheidungen, die die Kirche und ihre Lebensbedingungen im gesamtgesellschaftlichen Umfeld grundlegend und bleibend verändert haben.

Diese Grundentscheidungen lassen sich nicht in sauber unterscheidbaren Kategorien katalogisieren. Ich beschränke mich deshalb darauf, nur einige besonders charakteristische zu nennen: die Entscheidung für die Stärkung des kollegialen Elements in der Kirchenführung war eine — damit ist natürlich noch nichts darüber ausgesagt, ob sich auf Dauer stärker dezentrale oder noch zentrali-stischere Modelle der Kirchenführung durchsetzen. Die Kennzeichnung der Kirche als weltoffene, sakramental grundgelegte Ge-

heimnisstruktur war eine solche.

Auf der gleichen Linie liegt ein nicht mehr, der Tendenz nach nicht mehr exklusivistisch an die Kirche gebundenes Verständnis des universalen Heilswillens Gottes und die entschiedene Kennzeichnung der Sendung der Kirche als Glaubens- und Heilsdienst am ganzen Menschen und an der ganzen Menschheit — im Grund der Kern von „Gaudium et spes“. Nicht minder wesentlich waren bzw. sind geworden: ein sehr viel personaleres Verständnis des Glaubensaktes (Erklärung über die Religionsfreiheit, Offenbarungskonstitution) als Bedingung der Möglichkeit eines wirklich persönlichen Glaubenslebens und eines glaubwürdigen Glaubenszeugnisses im säkularen Umfeld unter Verzicht auf politische Privilegien für die Kirche, das Setzen allein auf Religions- und Kirchenfreiheit ...

Eine Grundentscheidung des II. Vatikanums — in diesem Punkt besonders stark mitgetragen vom Pontifikat Pauls VI. — war auch die zum Dialog als einem Grundmuster kirchlicher Kommunikation nach innen und nach außen auf der Grundlage der Gewissens- und Religionsfreiheit, die nach außen sich öffnet und nach

innen rein disziplinaren Verfahrensweisen Grenzen setzt. Eine Grundentscheidung war schließlich auch die zugunsten eines innerkatholischen Pluralismus in allen Sachbereichsfragen, die eigenen Gesetzlichkeiten folgen und die auch für den Glaubenden zunächst allein der Vernunft unterworfen sind.

In allen diesen in sich modifizierbaren, aber nicht einfach revidierbaren Grundentscheidungen zusammen spiegeln sich zwei epochemachende Schritte der Gegenwartskirche. Zunächst ein klares Ja zur Moderne als eigenständige Kulturwelt. Die Kirche akzeptiert, wenn auch spät und nicht ganz freiwillig, diese Welt, die sie nicht mehr beherrscht, als Bedingungsrahmen ihres eigenen Existierens und Wirkens. Dazu gehört endlich auch das vorbehaltlose Ja zur Demokratie als Staats-- und soweit dadurch nicht „Verwirrung“ in den eigenen Bereich gebracht wird — als Lebensform.

Zugleich mit diesem Ja zur Moderne tat das Konzil de facto einen zweiten, nicht weniger epochalen Schritt: Es rüstete die Kirche auf ein christliches Leben in einer nachchristlichen Geschichtszeit zu. Die Einübung dieser „Lebensweise“ geht erst langsam vor sich, sie geschieht aber: durch die Bildung von Basisgemeinschaften als Oasen mitten in den säkularen „Wüsten“, im kirchlichen Sich-Sammeln neureligiöser Bewegungen, im bewußten Hinnehmen der eigenen Minderheitensituation als Chance christlichen Heilsdienstes.

Wenn also letztlich diese Grundentscheidungen über den Weg der Kirche das Wesentliche am II. Vatikanum sind, dann wird durch eine Quasi-Dogmatisierung ihrer Beschlüsse — soweit diese nicht ohnehin traditionelle Lehre wiederholen — das Konzil in seinem Kern mißdeutet, denn das Eigentliche an ihm waren gar nicht die Lehrsätze, sondern die von ihm entwickelten kirchlichen Lebensstrategien.

Der Autor ist Chefredakteur der „Herder-Korrespondenz“. Auszug aus einem Vortrag im Katholischen Akademikerverband im Februar in Wien.

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