Digital In Arbeit

Ein Häretiker der Barmherzigkeit?

"Wenn das Konzil tatsächlich im Sprung gehemmt war, dann nimmt der Heilige Geist mit Papst Franziskus einen neuen Anlauf.

Wir befinden uns in einem Transformationsprozess, den das II. Vatikanische Konzil auslöste und den Karl Rahner als Übergang in die dritte kirchengeschichtliche Epoche zu begreifen suchte.

Die eigentliche Gefahr für die Kirche erkennt Franziskus aber nicht in der Begegnung mit der modernen Kultur und dem Programm des Konzils, die Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums zu lesen."

Der Papst vom Ende der Welt bewegt. Einige werfen ihm Lehrbruch vor. Zehntausende haben sich aber mit ihm solidarisiert. Um zu verstehen, was geschieht, ist ein Blick in die Geschichte der Kirche nötig. Wir befinden uns in einem Transformationsprozess, den das II. Vatikanische Konzil auslöste und den Karl Rahner als Übergang in die dritte kirchengeschichtliche Epoche zu begreifen suchte. Wenn das Konzil tatsächlich im Sprung gehemmt war (Bischof Krätzl), dann nimmt der Heilige Geist mit Papst Franziskus einen neuen Anlauf.

Christlicher Glaube im Prozess der Moderne

Mit der unglücklichen Spaltung zwischen Ost-und Westkirche und der revolutionären Auseinandersetzung zwischen geistlicher und weltlicher Macht im Investiturstreit lässt sich der Weg der katholischen Kirche im zweiten Jahrtausend als Entgegensetzung und Selbstbehauptung begreifen. In Abgrenzung zur Reformation wird die Identitätsbildung durch Entgegensetzung selbstverständlich. Nach der Französischen Revolution, die nicht nur Menschenrechte, sondern auch Terror und napoleonische Militärdiktatur mit bürgerlichen Freiheitsbonbons brachte, wandelte sich der Wille zur Selbstbehauptung in einen Antimodernismus, der alle modernen Freiheitsrechte verwarf.

Doch dieser Antimodernismus bediente sich höchst moderner Mittel. Auf der Suche nach unbezweifelbarer Gewissheit wandelte sich der Glaube von einer mystischen Grundorientierung in satzhafte Doktrin, deren Basis jene Autorität des Lehramtes wurde, die göttliches Wissen in der Geschichte zu garantieren versprach. In der Vorstellung spätabsolutistischer Souveränität wurde der Glaube nun zum Gehorsam gegenüber der kirchlichen Autorität. Dadurch konnte ein Lehrgebäude errichtet werden, das in sich als vollendet erschien.

Die doktrinäre Zentrierung wird von einer Moralisierung des Glaubens begleitet, die alles Handeln in einer umfassenden Kasuistik katalogisierte. Dadurch wird das Leben am entsprechenden Ideal messbar und pastoral beurteilbar. Als Auslegerin eines für alle Menschen verbindlichen Naturrechts empfahl sich die Kirche den Herrschenden zudem als Garantin staatsbürgerlicher Treue.

Ich sehe diese Entwicklung unter den Bedingungen des 19. Jahrhunderts fast als unausweichlich an. War die Kirche in Europa unter Napoleon nicht am Ende? Und hätte sich die Kirche ohne ultramontane Treue gegen die staatlichen Eingriffe behaupten und so frühe Formen zivilgesellschaftlicher Freiheiten etablieren können? Zudem: In einem Punkt hat die "Theologie der Vorzeit" von Joseph Kleutgen zutreffend geurteilt: Der mit der Französischen Revolution als Ersatzreligion etablierte Nationalismus wurde als Götze zum Totengräber Europas. Zu lange aber hatte die Kirche an der Monarchie gegen die Demokratie und an autoritären Systemen gegen die Liberalität festgehalten.

Das Konzil -ein neues Pfingsten der Kirche

Das II. Vatikanische Konzil hat diese Entwicklung auf den Prüfstand gestellt und nicht nur in der Anerkennung der Religionsfreiheit und seiner Theologie des Judentums und der Religionen neu ausgerichtet. Papst Franziskus ist nur aus der Dynamik dieses Konzils zu verstehen. Ich werde sein Profil dadurch zu erläutern versuchen, indem ich, sicher etwas schematisch, auf Gemeinsamkeiten und Differenzen mit seinen Vorgängern verweisen werde.

Das Vermächtnis von Johannes XXIII. bleibt der Ruf in die Erneuerung mit seiner anhaltenden Provokation des Aggiornamento. Paul VI. vollendete für mich das Konzil in großartiger Weise. Um die Einheit der Kirche zu wahren, kam er im Konzil den Kritikern weit entgegen. Aber er neigte nach dem Konzil zu Entscheidungen, die von der Kirche nicht rezipiert worden sind. "Humanae vitae" und die Liturgiereform bewegen daher bis heute. Die verwickelten Lernprozesse der Kirche lassen sich von oben nicht abkürzen. Benedikt XVI. hat dies gespürt und mit seiner Liturgiereform gegenzusteuern versucht. Wie schon sein Vorgänger hat er dabei die Bischofskonferenzen eher als Beratungsgremium verstanden. Papst Franziskus setzt dagegen auf die Verantwortung der ganzen Kirche und ihrer Bischöfe und erklärt, dass der Papst nicht für alles zuständig sei.

Eine epochale Initiative von Paul VI. ist für Franziskus und den ganzen Jesuitenorden besonders wichtig geworden. Am Ende des Konzils wurden die lateinamerikanischen Bischöfe aufgefordert, ihre Pastoral am Konzilsdokument "Gaudium et spes" auszurichten. Das zugesicherte "lateinamerikanische Konzil" fand in Medellín 1968 statt und begründete eine befreiungstheologische Entwicklung, die Franziskus als Erzbischof von Buenos Aires in Aparecida (2007) weitertrug: Die Option für die Armen, der Blick von den Peripherien und der Einsatz für Gerechtigkeit. Sein jüngstes Schreiben zur theologischen Bildung spricht von einer Revolution, die die Trennung von Glauben und Leben, Theologie und Pastoral überwinden müsse.

Ignatianische Mystik

Die genannte Verengung des Glaubens kann auch am wechselnden Verständnis des Ignatius von Loyola verdeutlicht werden. Die Exerzitien werden ab dem 17. Jahrhundert zu asketischen Übungen, Ignatius zu einem gehorsamen Soldaten und die Jesuiten zu einer (nur) militärisch gedachten Elitetruppe. Erst das 20. Jahrhundert hatte den Mystiker Ignatius wieder entdeckt, mit seinen Kirchenkonflikten und seiner Orientierung am Individualwillen Gottes für jeden Menschen. "Den Seelen helfen", so das Leitmotiv des Ordens, bedeutet in der Einmaligkeit jeder einzelnen Biografie der Person dadurch zu dienen, dass sie mit Gott in seinem je eigenen Leben in Berührung kommen kann; - in jedem Leben, und sei es noch so schräg oder gar "hoffnungslos". Deswegen muss die Barmherzigkeit Gottes, wie in der Tradition der orthodoxen Kirchen, in der Mitte der Verkündigung und des Handelns der Kirche stehen. Die darin liegende Mystik einer Gottsuche in allen Dingen und Lebenssituationen möchte dieser erste Jesuit als Bischof von Rom seiner Kirche generell ans Herz legen.

Die mystische Erneuerung der Kirche teilt Franziskus mit seinen Vorgängern. Mit Benedikt XVI. ist er der Überzeugung, dass Gott "Liebe/Agape" ist. Mit Johannes Paul II. geht er in den Dialog nach außen, weil er die Überzeugung des Konzils teilt, dass der universale Heilswille Gottes in Christus alle umfasst. Diese Orientierung nach außen führte zu Spannungen, wie z. B. beim Friedensgebet in Assisi 1986. Diesen Konflikten begegnete Johannes Paul II. mit einem straffen Regiment nach innen. Franziskus aber weiß, dass der Dialog nach außen ohne Dialog nach innen nicht gelingen kann. Auch deshalb sagt er, dass sein Amt die Verantwortung aller zu stärken hätte.

Diese "Entmythologisierung des Papstamtes" als Dienst in der Kirche hatte Benedikt XVI. mit seinem Rücktritt eingeleitet. Doch weil der bayerische Papst von der tiefen Sorge geprägt blieb, dass in diesen Zeiten die Kirche Wertvolles, ja vielleicht sogar Entscheidendes verlieren könnte, versuchte er gegenzusteuern. Mit der Stärkung der traditionellen Liturgie suchte er Kontinuität zu stiften. Zur Absicherung der Eigenkultur der Kirche forderte er ihre "Entweltlichung". Franziskus setzt dafür Zeichen: kein Palast, scharfe Kritik an höfischen Intrigen, politische Einmischung um der Armen willen, sowie konkreter Dienst an den Armen auch im Vatikan. Die eigentliche Gefahr für die Kirche erkennt Franziskus aber nicht in der Begegnung mit der modernen Kultur und dem Programm von "Gaudium et spes", die Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums zu lesen. Er ermuntert vielmehr zum Experiment: Eine verbeulte Kirche sei ihm lieber als eine unbeschadete, die nichts wagt.

Fürchtet euch nicht!

Die Gefahr in Kirche und Gesellschaft beschreibt er hingegen als Narzissmus. Damit meint er eine um sich selbst kreisende Sorge, die dadurch trostlos werde, weil sie die Erfahrung verloren habe, dass unsere Lebensfreude immer nur mit, nie ohne oder gar gegen die anderen wachse. Deshalb ist neben "Barmherzigkeit" das Wort "Freude" das Stichwort dieses Pontifikats. Deren Quelle entspringt in der Begegnung mit dem Evangelium Jesu Christi. Das Papstschreiben "Evangelii gaudium" drückt das zu Beginn aus: Alle mögen ihre Beziehung zu Jesus Christus jetzt erneuern, oder sich dazu entschließen, sich von ihm finden zu lassen. So sollen wir zu Mitarbeiter der Freude werden.

Ein Häretiker der Barmherzigkeit auf dem Stuhl Petri? 5 Jahre Papst Franziskus. Vortrag von Roman Siebenrock, Innsbruck. Do. 15.3., 18.30,1010 Wien, Stephanspl. 3. www.theologischekurse.at

FURCHE-Navigator Vorschau