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Kirchenleitung à la FRANZISKUS

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Die Entlassung des Chefs der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller, könnte das Ende der zentralisierten Glaubensmacht markieren.

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Die Entlassung des Chefs der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller, könnte das Ende der zentralisierten Glaubensmacht markieren.

Diese Nachricht schlug ein: Der Papst verlängert die Amtsperiode von Kardinal Gerhard Müller nicht. Am Ende des letzten Gesprächstermins Ende Juni teilte Franziskus dem Präfekten der Glaubenskongregation mit, dass er auf seine Dienste zukünftig verzichten werde. Was laut Müller gerade einmal "eine Minute dauerte", geschah freilich nicht nebenher. Gerüchte über ein Zerwürfnis gab es schon länger und Gründe für die Entlassung genug. Der Kardinal stand in wichtigen Fragen nicht an der Seite des Papstes. Änderungen in der Frage des Kommunionempfangs für wiederverheiratete Geschiedene hatte er ausgeschlossen.

Gescheiterte Form der Kirchenleitung

DabeisahsichderPräfektineinerRolle, die ihm der Papst nicht zugestand: als Chefdenker, der beanspruchte, die theologischen Linien dieses Pontifikates zu bestimmen. Dem persönlichen Selbstbewusstsein des Kardinals entsprach sein institutionelles. Insofern handelt es sich beim Abschied Müllers um mehr als einen bloßen Personalwechsel.

Der Papst rückt die Funktion des obersten Glaubenswächters mit seiner Entscheidung in ein anderes Licht-und mit ihr die Form der Kirchenleitung. Unter Kardinal Ratzinger hatte die Glaubenskongregation nicht nur das lange Pontifikat Johannes Paul II. theologisch instrumentiert, sondern auch ein strenges Regiment geführt. Der polnische Papst hatte auf der Linie des 2. Vatikanischen Konzils zwar das synodale Element in der katholischen Kirche verstärkt, aber letztlich blieb die Form seiner Kirchenführung zentralistisch-und in der Auseinandersetzung mit kritischen theologischen Stimmen autoritär.

Vor allem gegenüber der lateinamerikanischen Befreiungstheologie und den verschiedenen kontextuellen Theologien trat RatzingermitentschiedenerHärteauf. Esgab zahlreiche Verfahren vor der Glaubenskongregation, prominente Verurteilungen und Bischofsernennungen, die vor allem die Kirche in Südamerika disziplinierten. Die Kirche vor Ort wurde auf römische Linie gebracht-theologisch wie personell. Zu den Langzeitfolgen gehört pastoral nicht nur das Abschmelzen von Basisgemeinden und kirchenpolitisch ein stark vom Opus Dei bestimmter Rechtsruck, sondern religionssoziologisch auch der Aufstieg der Pfingstkirchen und ein dramatischer Mitgliederverlust der katholischen Kirche. Auch wenn dabei viele Faktoren eine Rolle spielen: Diese Form der kirchlichen Leitung ist gescheitert.

Dazu gehört auch die Frage, wie sich die Kirche moraltheologisch und dogmatisch bedrängenden menschlichen Problemen stellt. Sie spielen vor Ort. Sie fordern pastorale Lösungen, die sich an der Lebenswirklichkeit des Evangeliums bemessen und danach fragen, wie sich die unbegrenzte schöpferische Lebensmacht Gottes unter den Bedingungen von existenzieller Armut, aber auch unter anderen kulturellen Vorzeichen erfahren lässt. Beide Probleme spielen Hand in Hand. Sie betreffen die Koordination der Glaubenslehre und ihre institutionelle Verortung. Sie rücken die Frage in den Vordergrund, wie die Kirche geleitet werden kann-und wovon sie sich leiten lässt. Diese Frage hat sich mit dem "Papst vom anderen Ende der Welt" perspektivisch verschoben. Der Blick aus der Peripherie dringt in das Zentrum ein und verändert es. Was als Mangel an theologischer Gesamtregie bei Franziskus beklagt wird, erweist sich als Ausdruck einer anderen Organisation des kirchlichen Glaubens.

Dogmatik an die Pastoral gekoppelt

Der argentinische Papst denkt von den Herausforderungen her, vor denen Menschen stehen, und begreift die Dogmatik nicht als einfache Vorgabe des Glaubenslebens, sondern sieht sie in Wechselwirkung mit dem gelebten Glauben. Die kirchliche Lehre bietet Orientierung, und sie hat eine normative Seite, die sich nicht aufgeben lässt-das sonntägliche Glaubensbekenntnis der Kirche spiegelt dies. Aber die Bedeutung seiner Artikel muss im alltäglichen Transfer immer wieder neu geleistet werden. Damit ist das Verständnis der Dogmatik an die pastorale Situation der Gemeinden gekoppelt, in denen sich der Glaube historisch von seinen Anfängen her entwickelte. Das entspricht dem Zueinander der beiden Kirchenkonstitutionen des Konzils, die Innen-und Außenperspektiven, die Welt des Glaubens und die modernen Lebenswelten aneinander vermitteln.

Es ist diese Glaubensgrammatik, die das Programm dieses Pontifikates bestimmt. Wenn Papst Franziskus in der Barmherzigkeit die pastorale Herausforderung des Evangeliums für die Gegenwart ausmacht, verlangt er der Dogmatik ab, den Glauben in den Zeichen der Zeit zu bestimmen. Sie haben einen Ortsbezug. Sie stellen unter konkreten Problemdruck und verlangen Übersetzungsarbeit angesichts der globalen Transformationsprozesse, die in den verschiedenen Weltregionen nicht nur die Religionsgemeinschaften verändern, sondern auch die Glaubensformen. Gerade der pentekostale Umbruch des Christentums, wie er sich exemplarisch in Lateinamerika vollzieht, führt eine Spiritualisierung mit sich, die sich kirchlich kaum kontrollieren und jedenfalls nicht zentralistisch beherrschen lässt.

Es sind die Auswilderungen von religiösen Kulturen, nicht zuletzt die Überschneidungen von konfessionellen Identitäten in der katholischen Kirche, die für ihre Leitung kaum absehbare Herausforderungen darstellen. Mit dem alten Glaubensregiment, für dessen Tradition der von Benedikt XVI. ernannte Präfekt der Glaubenskongregation stand, lassen sich diese Probleme nicht nur nicht bewältigen-sie lassen sich dogmatisch nicht einmal angemessen erfassen. Weil sie nur vom Standpunkt einmal erreichter Glaubenspositionen in den Blick kommen und beurteilt werden. Das aber reicht nicht mehr. Der Glaube verändert sich. Das betrifft auch die Spielräume kirchlicher Leitung. Sie greift faktisch kaum mehr durch, wenn sie Glaubensvorschriften ausgibt. Die pastorale Praxis, der gelebte Glaube geht über sie hinweg.

Damit droht eine Einrichtung wie die Glaubenskongregation seltsam ortlos zu werden. Als Kontrollinstanz hat sie spätestens mit der DynamikderletztenBischofssynodeanAutorität verloren, als sich genau die Perspektive durchsetzte, die Kardinal Müller vorab ausschloss. Nicht nur seine Theologie, sondern auch die Form, in der die Glaubenskongregation ihre Wahrheitsmacht kirchenpolitisch ausspielt, ist kommunikativ gescheitert. Sie ist an ein Ende gekommen. Der Wechsel an der Spitze der Glaubenskongregation weist in eine Zukunft, die kirchlich von massiven Umbrüchen bestimmt ist. Das zeigt sich in Mitgliederzahlen, mehr noch in kirchliche Zugehörigkeitskulturen, aber vor allem in neuen Formen, in denen christlicher Glaube künftig gelebt und kirchlich verortet wird.

Reformatorischer Umbruch

Während das Jahr des Reformationsgedenkens dem Ende zugeht, befindet sich die katholische Kirche in einem reformatorischen Umbruch. Der Papst forciert ihn auf seine Weise. Das macht er durchaus widersprüchlich, denn er öffnet seine katholische Kirche auch mit autokratischen Mitteln: im Bewusstsein der Macht, die ihm sein Amt gibt. Wohin dieser Weg führt, ist nicht abzusehen. Es handelt sich um einen emergenten Prozess. Er verläuft unübersichtlich, schon weil es mitten in solchen Umbrüchen mit ihren Fliehkräften keinen Masterplan gibt, der auf einen Ausgang festlegen könnte.

Der erscheint offen, wie es das reformatorische Geschehen im langen 16. Jahrhundert war. Eine vergleichbar dramatische Situation zeichnet sich 500 Jahre später christentumsgeschichtlich ab-zwischen neuen Aufbrüchen, aber auch Abbrüchen von Glaubensbiographien und kirchlichen Identitäten. Für die römisch-katholische Kirche markiert dies später vielleicht einmal, als eine signifikante Randnotiz der Geschichte gelesen, die Entlassung des Chefs der Glaubenskongregation im Sommer 2017.

Der Autor ist Professor für Fundamentaltheologie an der Universität Salzburg

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