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Ende und Anfang

Eine lange Periode der Kirche geht mit diesem Konzil zu Ende; es werden nicht immer die formulierten, feierlich beschlossenen und promulgierten Texte sein, die das Wesentliche deutlich und klar enthalten. Vieles Wertvolle, Entscheidende liegt in seiner Atmosphäre, in den kühnsten Diskussionsbeiträgen, in den Arbeiten der Kommissionen, die nicht in die breite Öffentlichkeit gelangen, in Theologenvorträgen und -aufsätzen rund um das eigentliche Konzil. Die offiziellen Texte der III. Session — die „Dogmatische Konstitution über die Kirche”, das „Dekret über den Ökumenismus” und das „Dekret über die Ostkirchen” — stellen an vielen und entscheidenden Punkten dogmatische Kompromisse dar oder enthalten das Neue nur im Gestrüpp einschränkender und halb zurücknehmender Formulierungen. Wie könnte es auch anders sein? Die erleuchtete Mehrheit stand oft einer routinierten, hartnäckigen Minderheit gegenüber, die gut organisiert war, wichtige Stellen besetzt hielt und über gute Beziehungen verfügte, ihre konservative Gesinnung verband sich mit dem Fanatismus der Überzeugung, die Kirche vor modernistischen Einbrüchen retten zu müssen. Die hinhaltenden Widerstände dieser Gruppe hatten die Diskussionen der II. Session ins Endlose verlängert und werden daran schuld sein, daß vieles allzu gekürzt in der IV. verabschiedet werden wird. (Man erinnere sich übrigens an die Umtriebe, die Kirchenversammlung mit der III. Session in überhitztem Tempo abzuschließen.) Man bemühte zuletzt den Papst selbst, lockte ihn aus seiner überlegten Reserve und veranlaßte ihn zu einem, wenn auch zurückhaltenden und partiellen Eingreifen in letzter Stunde.

Trotz allem repräsentiert sich das Konzil als Abschluß einer kirchlichen Ära. Die Geschichte verläuft in Evolutionen und dialektischfen Umbrüchen; die Kirchengeschichte folgt sicher keinem hegelianischen oder marxistischen Schema. Sie kennt ihre ruhigen, konsequenten Entwicklungen, ihre Renaissancen, ihre antithetischen Bewegungen; nichts Menschliches ist ihr fremd, und der Geist Gottes weiß sich aller menschlichen Seelen- und Geistesstrukturen zu bedienen, um sein Ziel zu erreichen: Die Zurüstung der Gottesgemeinde für den jeweiligen geschichtlichen Augenblick, die Gottesstunde, die heute schlägt und heute verstanden werden muß. Die „Zeichen der Zeit” zu übersehen, kann fatal und verderblich sein. Die Kirche ist kein erratischer Block von ewigkeitlicher Unbeweglichkeit; sie ist ein Lebensgebilde, das auf Leben und Zeit reagieren muß.

Zu Ende ist das Zeitalter der Theokratie. Die Lehre von den zwei Schwertern des Petrus, dem der geistlichen und dem der weltlichen Gewalt, ist lange verlassen. Aber das Staatskirchentum, das mit Konstantin begann ymd mit Theodosius perfekt war, hat noch seine Relikte. Das zeigt der Kampf um das Toleranzedikt des Konzils. Jesus sagte zu Petrus: „Stecke dein Schwert in die Scheide; wer das Schwert zieht, wird durch das Schwert umkommen.” Er wies den Satan zurück, der ihm „alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit” anbot. Die Kirche versteht sich im Zeitalter größter Kirchenverfolgungen endlich, als die „kleine Herde”, der das Reich zu geben es dem Vater gefallen hat, sie versteht sich als pilgernde Kirche, die hier nicht ihre letzte Heimat hat und die nicht berufen ist, aus Steinen Brot zu machen. Wer die Kapitel I und II der „Dogmatischen Konstitution über die Kirche” liest, ist von dieser spirituellen, den Geist | der Schrift atmenden Sprache faszi- i niert: es ist die gleiche Sprache, die das ganze „Dekret über den Ökumenismus” durchzieht: eine Freudenbotschaft, ein Evangelium, empfin- ; det man (ganz im Gegensatz zu der : harten juristischen Sprache, die | Kapitel III der Konstitution durchsetzt und so schwer genießbar | macht).

Die Kirche enthält sich, als demütige Magd Gottes, jedes „Triumpha- lismus”. Sie weiß sich unter der Gnade, sie kennt ihre Unzulänglichkeit, sie fühlt sich unter dem Gericht, das beim „Haus Gottes” zuerst beginnt, sie weiß sich mit dem kommenden Reiche Gottes, um das sie täglich betet, nicht identisch, wenn sie auch bereits himmlische Schätze in ihren tönernen Gefäßen trägt und sich im neuen und letzten Aion befindlich begreift. Die ecclesia sem- per reformando wird auch wieder zur offenen Kirche. Sie spricht nicht mehr von Häretikern und Ketzern, sondern von getrennten Christenbrüdern Ohne einem falschen Ire- nismus zu huldigen, weiß sie sich verpflichtet, als erste den brüderlichen Schritt zu denen zu machen, die „draußen sind”, aber doch „in irgendeiner Weise zum Volk Gottes gehören” (1/3). Sie sagt von den Getrennten großherzig: „Nichtsdestoweniger sind sie durch den Glauben und die Taufe gerechtfertigt und dem Leibe Christi eingegliedert, darum gebührt ihnen der Ehrenname des Christen, und mit Recht werden sie von den Söhnen der katholischen Kirche als Brüder im Herrn anerkannt” (1/3).

Die Katholiken sollen neidlos anerkennen, was in den getrennten „Kirchen und Gemeinschaften” christlich ist: „Man darf auch nicht übersehen, daß alles, was von der Gnade des Heiligen Geistes in den Herzen der getrennten Brüder ge- wirkt wird, auch zu unserer eigenen Auferbauung beitragen kann. Denn, was wahrhaft christlich ist, steht niemals im Gegensatz zu den echten Gütern des Glaubens, sondern kann immer nur dazu helfen, daß das Geheimnis Christi und der Kirche vollkommener verwirklicht werde” (1/4). Das Konzil bedauert, daß Nuancen des Christlichen sich außerhalb der Catholica entwickelt haben,’weil sie dadurch an ihrer „Fülle” verkürzt wird: „Gerade die Spaltungen der

Christen sind für die Kirche ein Hindernis, daß sie selbst die Fülle der Katholizität, die ihr eigen ist, in jenen Söhnen, die ihr zwar durch die Taufe zugehören, aber von ihrer völligen Gemeinschaft getrennt sind, wirksam werden läßt. Ja, es wird dadurch auch für die Kirche selbst schwierig, die Fülle der Katholizität unter jedem Aspekt in der Wirklichkeit des Lebens einzuprägen” (1/4).

Die Kirche wird aus Unwesentlichem kein Hindernis der Einigung mehr machen, sie wird sich nicht in polemischer Theologie erschöpfen, sondern das Gemeinsame und Einigende in den Vordergrund rücken. Das betont apologetische Zeitalter gegenüber den Getrennten ist abgelaufen; es gilt, sich zu verständigen, nicht sich zu bekämpfen. Jede Diffamierung, jede Weiterschleppung von antiquierten, nicht stichhältigen Vorurteilen wird von den Vätern des Konzils desavouiert. Die Theologen müssen von nun an verstehen, daß es eine „Hierarchie der Wahrheiten” gibt und man die Einigung nicht an den kontroversen Punkten (die unter Umständen nicht die zentralen sind) beginnen kann, sondern vom gemeinsamen Erbe . her, vor allem aber von der gemeinsamen Heiligen Schrift, welche die Quelle des gemeinsamen Glaubens ist. Die Sprache unserer Theologie wird kein „Parteichinesisch” sein können, keine floskelhafte, erstarrte Schulsprache, man wird sich in der Sprache wie in der Sache treffen müssen.

Gegenüber den orientalischen Kirchen zeigt das Konzil großen Respekt; es billigt ihnen wahre Sakramente zu, ihren Bischöfen eine echte apostolische Sukzession und plädiert „unter gegebenen geeigneten Umständen” sogar für eine „Gottesdienstgemeinschaft” mit den Geein theologisches Spezialistentum oder ein Reservat der Hierarchie. Kirchenunion ist kein kirchenpolitischer Vertrag, der durch „Gipfeltreffen” realisiert werden könnte. Sie ist ein spiritueller’ Akt des gespaltenen Volkes Gottes, das zueinander will: widrigenfalls zerbricht sie an der Lüge eines diplomatischen Geschäfts.

Die III. Session hat sich eingehend mit der inneren Struktur der Kirche als soziale Größe und ihren Dienstfunktionen beschäftigt. Der hierarchische Aufbau der Kirche wird als Faktum vorausgesetzt, wenn auch dem allgemeinen Priestertum des Volkes Gottes Respekt gezollt wird. Der „Laie” ist dem Konzil kein Halbchrist, kein Unvollkommener per definitionem; alle sind zur Heiligkeit berufen, Hierarchie und Gottesvolk, Mönche und „Weltchristen’’, jeder in seiner Weise. Das Konzil kennt keine in Klassen oder Kasten gespaltene Kirche: es erteilt eine Absage an jede Form der Klerokra- tie. Amt wird als Dienst aufgefaßt. Amt und Gemeinde sind komplementäre Begriffe und Wirklichkeiten: keines kann ohne das andere sein. Das Amt repräsentiert Christus, es wird aber auch durch Christus relativiert, dessen vikarielle Repräsentation es ist.

Was die Hierarchie betrifft, ergänzt die Konstitution das Vaticanum I, dessen Aussagen über das Papsttum unterstrichen wiederholt werden, durch eine ausführliche Behandlung des Bischofsamtes: die Bischöfe in ihrer Gesamtheit gelten als Sukzessoren des Kollegiums der Apostel, in „Communion” mit dem Haupt und den Gliedern des Leibes Christi Übfeh sie ihre Amtsfunktionen aus. Nie ohne das Haupt, den Papst, aber mit ihm sind sie Träger der höchsten und vollen Gewalt über die Kirche. „Diese Gewalt kann nur mit Zustimmung des römischen Bischofs ausgeübt werden.” Sie besitzen aber das Binde- und Löseamt mit dem Papst zusammen. Ihre kollegiale Gewalt wird auf feierliche Weise im ökumenischen Konzil ausgeübt, das allerdings vom Papst einberufen, präsidiert, bestätigt oder wenigstens rezipiert werden muß. „Die gleiche kollegiale Gewalt kann gemeinsam mit dem Papst von den Bischöfen ausgeübt werden, wenn nur das Oberhaupt des Kollegiums sie zu einer kollegialen Handlung ruft, oder wenigstens die gemeinsame Handlung der Bischöfe billigt oder frei rezipiert” (III/22).

Die Einzelbischöfe sind mit der Sorge für die Gesamtkirche belastet. Diese Sorge wird allerdings nicht „in Form eines Jurisdiktionsaktes” (wie durch den Papst) ausgeübt Alles in allem: Das Dokument wahrt (etwas ängstlich) die Prärogativen des Papstes, leistet auch noch nicht die theologische Arbeit, die Gebundenheit des römischen Bischofs an das Bischofiskollegium und die Gesamtkirche zu umschreiben. Diese Aufgabe wird einem kommenden Konzil und seiner theologischen Vorbereitung zufallen. Die Grundidee der universalen Kirchenführung aber ist zweifellos in nuce beschrieben und wartet nun ihrer Exegese, die sie entfalten und in ihren Konsequenzen aufweisen muß.

Das Konzil hat sich tastend und bemüht dem Mysterium der Kirche genähert, in das wir selbst einbeschlossen sind; es hat seine volle Wirklichkeit noch nicht beschrieben, aber Aussagen gefunden, die als Ausgangspunkt kommender Entwicklungen und Entfaltungen dienen können. Die Tiefe des Mysteriums ist zu groß, seine Fülle zu reich, die zu beschreibende Wirklichkeit zu vieldeutig, als daß einer kirchlichen Generation eine umfassende Aussage gelingen könnte. Dieses katholische Konzil bedeutet viel für den Christen, für die Welt, wenn es ein Anfang ist. ,

trennten. Das Dekret bewundert die geistlichen Traditionen des Ostens, sein Mönchstum, und weist ressentimentlos darauf hin, daß in liturgischer und in spiritueller Hinsicht der Westen viel vom Osten gelernt und empfangen hat. Das Dokument spricht nicht von Union als Ziel, sondern von „völliger Wiederversöhnung der orientalischen und der abendländischen Christen” (III/15). Die Kirche verpflichtet sich, „keine Lasten aufzuerlegen, die über das Notwendige hinausgehen” (Apg 15, 28), wenn es sich um die „Wiederherstellung oder Erhaltung der Gemeinschaft und Einheit” handelt.

Den Protestanten wird bezeugt, daß sie zu Christus als Quelle und Mittelpunkt der kirchlichen Gemeinschaft streben und „Liebe und Hochschätzung, ja fast kultische Verehrung der heiligen Schrift” besitzen. „Unter Anrufung des Heiligen Geistes suchen sie in der Heiligen Schrift Gott, wie er zu ihnen spricht in Christus.” (Schade, daß hier nur vom Suchen, nicht vom Finden die Rede ist, wie der ursprünglich geplante Text sagte!) Durch die Taufe werden auch die Getrennten „in Wahrheit dem gekreuzigten und verherrlichten Christus eingegliedert und wiedergeboren zur Teilnahme am geistlichen Leben” (III/22). Und wenn ihre Eucharistiefeier „wegen des Fehlens des Weihesakramentes” auch die „vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt” hat, „bekennen sie doch bei der Gedächtnisfeier des Todes und der Auferstehung des Herrn im heiligen Abendmahl, daß hier die lebendige Gemeinschaft mit Christus bezeichnet werde, und sie erwarten seine glorreiche Wiederkunft” (11/22).

Ökumenismus ist für das Konzil das Gesamtanliegen der Kirche und jedes ihrer Glieder geworden, nicht

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