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Vision einer neuen Kirche

1945 1960 1980 2000 2020

Jene noch machtvolle Min­derheit, die am alten Bild der Kirche als der Alleinin­haberin aller Wahrheiten festhält, wird sich - so der Theologe P. Bernhard Häring - nicht durchsetzen.

1945 1960 1980 2000 2020

Jene noch machtvolle Min­derheit, die am alten Bild der Kirche als der Alleinin­haberin aller Wahrheiten festhält, wird sich - so der Theologe P. Bernhard Häring - nicht durchsetzen.

Glauben Sie ja nicht, daß zu Ihnen ein Optimist redet, der die dunklen Seiten und Schatten der Kirche einfach nicht sehen will. Ich sehe sie und habe weltweit mit­geholfen, auf die Krankheitsbilder unserer gegenwärtigen Kirche hin­zuweisen - immer im Blick auf eine Heilung.

Ich sehe, wie sich im letzten Jahr­zehnt des zweiten Jahrtausends die kollektive, paternistische Neurose zuspitzt, jedoch beschränkt auf eine allerdings lautstarke Minderheit. Diese von Angstneurose geplagte, lautstarke Minderheit lebt noch gedanklich und affektiv im alten Bild der Kirche als der Inhaberin, ja der Alleininhaberin aller Wahr­heiten. Sie erneuert die Mentalität der Monopolgesellschaft, die glaubt, die Wünsche der Kunden ignorie­ren zu können. Da die Außenbezie­hungen deshalb gestört sind, kommt es unvermeidlich auch zu neuroti­schen Innenbeziehungen. Man mißtraut sich, belohnt Denunzian­ten und Ehrenstreber, behebte „Jasager".

Obgleich in den vielseitigen öku­menischen Dialoggruppen ein Auf­einanderhören und Voneinander-lernen blüht, so will die Gruppe, die sich um das Ex-Heilige Offi­zium schart und fest an den Bi­schof sernennungen mitmischt, we­nigstens den braven, „verunsicher­ten" katholischen Gläubigen das Monopol der Sicherheiten vor al­lem in der Sexualmoral und in vie­len anderen Dingen ihr Wahrheits­monopol anbieten, den kritischen Katholiken dagegen durch Straf­sanktionen und absolute Treueeide auch gegenüber nicht-unfehlbaren Aussagen die Anerkennung ihrer Monopolrechte in allen Glaubens­und Sittenfragen aufzwingen.

Ein Unternehmen, das sich nach Verlust der Monopolrechte so auf­führt, als ob es noch alle Monopole besäße, seine schöpferischsten Mit­arbeiter ausgrenzt, wird sehr schnell Kunden und wirksame Mitarbeiter verlieren. Die kollektive, paterni­stische Krise spitzt sich in diesen letzten Jahren des zweiten Jahr­tausends der Christenheit zu. Bi­schöfe wie Kurt Krenn, Johannes Dyba scheuen sich nicht, öffentlich kundzutun, wie skandalisiert sie durch den Anblick einer Ministran­tin sind, Symbol der Frauenwelt, die als Gleichberechtigte den Glau­ben leben, bezeugen und verkün­den will.

Doch laßt uns nicht übersehen, daß es sich um eine relativ kleine (wenn auch momentan scheinbar noch machtvolle) Gruppe handelt. Überspitzungen durch die Laut­stärksten verkleinern ihren Anhang.

Ich habe allen Grund trotz allem, ja gerade im Blick auf die Zuspit­zung der Krise mit großer Hoff­nung auf das erste Jahrhundert des dritten Jahrtausends zu blicken. Die Dynamik des Konzils wird durch die Exzesse der von Angst-, Sicherheits- und Macht-Neurosen ge­schüttelten Minderheit, die sich ihre Kirche immer noch, ja mehr als je als belagerte Wahrheitsfestung vorstellen, ganz neu wachgerufen. Wir sind heute wacher als vor 25 Jahren.

Was läßt uns der gläubige Blick auf die Verheißung Christi und auf die lebendigen Kräfte überall in der Kirche voraussagen? Nehmen Sie dies, bitte, als mein Glaubens­bekenntnis an die Verheißung Chri­sti, und zwar gemäß der Wertskala, die uns Christus selbst geschenkt hat.Wie könnten wir die letzten Worte, das Testament Christi an einen zweitrangigen Platz zurück­drängen! Christi Vermächtnis, sein feierliches Testament ist die Stif­tung der Eucharistie. Dankend nahm er das Brot und den Kelch, dankend gab er allen seinen Jün­gern seinen gnädigen letzten Wil­len kund: „Tut dies zu meinem Gedächtnis... alle."

Die Kirche des beginnenden drit­ten Jahrtausends wird allen Gläu­bigen, allen gläubigen Gemein­schaften, auch den kleinen und abseits gelegenen, ihre christlichen Geburtsrechte zurückgeben. Jede Gemeinschaft wird sich sonntäg­lich um den eucharistischen Altar scharen.Die Kirchenleitung wird dem starken Drängen aus Latein-Amerika, Afrika, Asien und teil­weise auch anderen Kontinenten nachgeben: sie wird nicht mehr an einem - sei es auch ehrwürdigen -Brauch, an einer bloß menschlichen Tradition festhalten: Annahme der Zölibatsverpflichtung als absolute Vorbedingung für den Vorsteher der eucharistischen Gemeinde, sondern treu das Vermächtnis ihres Mei­sters erfüllen. Allüberall wird jede Glaubensgemeinde in überschau­barer menschlicher Größe ihre eucharistischen Diener haben.

Ist durch die kirchliche Autorität diese Priorität gesichert und haben alle Gemeinden und alle weit abge­legenen kleinen Orte ihr Recht auf einen eucharistischen Diener des Altars aus ihrer Mitte oder gemäß ihren berechtigten Wünschen, so wird es uns allen auch leichter fal­len, all unseren gläubigen Schwe­stern und Brüdern klar zu machen, wie sehr sie sich und dem Reich Gottes schaden, wenn sie sich aus Trägheit und Oberflächlichkeit von der Eucharistiefeier fernhalten.

Man wird nicht mehr unter Ver­achtung der Vielfalt der Kulturen kleinlich eine Gleichmacherei in den Formen der Frömmigkeit und der Feier des Geheimnisses aufer­legen. Die alles prägende Geistes­art der Gemeinden und der einzel­nen wird das „dankbare Gedächt­nis" sein, das durch die Euchari­stiefeier wachgehalten wird...

Papst, Bischöfe, Priester, Lehrer und alle Gläubigen werden der Verkündigung und Weitergabe des Glaubens vor allem dienen durch diskrete Zurückhaltung in bezug auf begriffliche Festschreibung des Geheimnisses des Glaubens, wer­den aber der Glaubensfreude, dem Geist der Anbetung angesichts des Geheimnisses des Glaubens ein­trächtig in aller Vielfalt der Aus­drucksweisen dienen. Im Vorder­grund wird wieder der Glaube an den Heiligen Geist, den Lebens­spender, der auch die Propheten zum Sprechen bringt, den Ermun­terer zu allem Guten, stehen.

Der gelebte Glaube, daß der Geist des Herrn in allen, durch alle und für alle wirkt, wird befreiend wir­ken, den Glauben aller ständig vertiefen, Glaubensfreude und damit auch frohe Heilsverkündi­gung wecken. Von der in aller Viel­falt gefeierten und lebensnah erfahrenen Feier des Geheimnisses des Glaubens, des Vermächtnisses Christi, wird ein stets neues Erleb­nis des Pfingstereignisses weiter­hallen.

Die bußbereite Rückerstattung an alle Ortsgemeinschaften, auch an kleine, des Urrechtes auf die Feier des Testaments Christi durch ge­meindenahe und lebensnahe eucha-ristische Diener und Dienerinnen läßt die Kirche allüberall als Orts­kirche zusammenleben. Die Kirche von Rom (der Papst und seine zen­tralen Organe, Institutionen) wird sich gemäß urkirchlicher Überlie­ferung besser als „Vorsteherin des Liebesbundes" verstehen.

Verschiedenheiten werden nicht mehr Trotzreaktionen des paterni-stischen, kollektiven Neurosekom­plexes provozieren, sondern wer­den dankbar als Geschenk des Heiligen Geistes angenommen, als Bereicherung, als gegenseitige Ergänzung,-als quasi-sakramenta-les Zeichen des Immanuel, des uns allen in unserer geschichtlichen Welt nahen Gottes.

Der Bischof von Rom wird auf das erst in jüngster Zeit aufgekom­mene Privileg verzichten, im Ver­ein mit einer diplomatischen Grup­pe alle Bischöfe der Welt zu ernen­nen. Künftige Päpste werden sich nur wundern, warum die Kirche von Rom so lange daran festgehal­ten hatte, daß chinesische Bischöfe in Rom kreiert, „geschaffen" wer­den sollten. Alle Bischöfe der Welt werden dem Nachfolger Petri gern Gefolgschaft in der Stiftung ver-söhnter Einheit in der Vielfalt lei­sten. Der Austausch der Glaubens­erfahrung wird ständig die Anbe­tung des Geheimnisses vertiefen. Der Papst wird auch um der welt­weiten Sendung der Kirche und um des Dienstes an der Versöhnung der Christenheit willen auf sein nicht in der Schrift begründetes Privileg verzichten, die Wähler seines Nach­folgers alle allein und selbst zu ernennen (zu „kreieren").

Es wird wahr werden: „Neuer Wein in neuen Schläuchen." Alle Bemühungen um strukturelle Re­formen und der ganze Stil der Au­toritätsausübung werden gemessen werden an ihrem Dienst an der Versöhnung und Einheit der welt­weiten Christenheit verschiedener Traditionen und Kulturen.

So wird der Petrusdienst - gerei­nigt von allem unguten Erbe des in weltliche Machtkämpfe verwickel­ten Papsttums - ökumenisch ange­nommen und fruchtbar werden.

Aus einem am 9. Jänner 1990 in Georgsma­rienhütte (BRD) verlesenen Referat des deut­schen Moraltheologen und Redemptoristen.

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