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Die Krise in der Kirche

1945 1960 1980 2000 2020

Corriere della Sera, Le Monde und Süddeutsche Zeitung brachten dieser Tage einen - hier leicht gekürzten - aufsehenerregenden Text des früheren Wiener Erzbi-schofs.

1945 1960 1980 2000 2020

Corriere della Sera, Le Monde und Süddeutsche Zeitung brachten dieser Tage einen - hier leicht gekürzten - aufsehenerregenden Text des früheren Wiener Erzbi-schofs.

Elf Jahre vor dem Anbruch des dritten christlichen Jahrtausends sind in der katholischen Kirche starke Spannungen festzustellen, die das historisch geläufige Ausmaß übersteigen. Die Kirche, die ein Zeichen für die von Gott gewollte Einheit des Menschengeschlechts sein soll, erscheint dem oberflächlichen Betrachter selbst als eine Zerrissene.

Woher rührt dieses Krisenbild? Einerseits sind manche Spannungen in der Kirche sozusagen natürliche Begleiterscheinungen einer Wachstumskrise. Denn die Kirche befindet sich - zumindest auf der Südhalbkugel - in einem Sturmi-

sehen Ausbreitungsprozeß. In Lateinamerika, in Afrika, in Ostasien ereignet sich ein neues Pfingsten. Die Pastoralreisen Papst Johannes Pauls II. führen es auch dem europäischen und nordamerikanischen TV-Zuseher, Radiohörer, Zeitungsleser eindrucksvoll vor Augen, daß die katholische Kirche wahrhaft Weltkirche geworden ist. Das altvertraute europäische Kleid ist dieser Kirche längst zu eng.

Andererseits rühren viele Spannungen aber auch daher, daß die Zeichen der Zeit nicht immer richtig gedeutet werden. Es kommen die „Unglückspropheten“ in den Sinn, von denen Papst Johannes XXIII. bei der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils gesprochen hatte. Sie sehen in den „modernen Zeiten“ nichts „als Unrecht und Untergang“. Besorgniserregende Entwicklungen in einzelnen Kirchengebieten - vor allem in der westlichen Welt - deuten sie als allgemeine Symptome des Verfalls der Kirche. Und sie meinen, diesem Verfall nur dadurch zu Leibe rücken zu können, daß sie alles zurückdrängen, was im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils in der Kirche gewachsen ist.

Das heißt nicht, daß Krisenzeichen, wie sie in der allzu satten Wohlstandsgesellschaft der westlichen Industrieländer festzustellen sind, übersehen werden sollen. Die „Verdunstung“ des Glaubens - oder zumindest der christlichen Tradition - in breiten Gesellschaftsschichten, eine Art Agnostizismus in weiten Teilen der jungen Generation, die Auflösungserscheinungen im Bereich von Ehe und Familie, die Ausbreitung einer „Do ityourself “-Religiosität, die ihre Bestandteile auf dem Markt der neuen pseudoreligiösen Welle der übersinnlichen Phänomene, des Okkultismus, des Schamanismus und so weiter buchstäblich einkauft, sind schrille Alarmzeichen. Die Sorge um die Identität des katholischen Glaubens

inmitten dieser radikal im Wandel begriffenen Welt ist ernstzunehmen. Ungezählte katholische Laien, Ordensleute, Pfarrseelsorger, Theologen teilen sie mit dem Papst und den Bischöfen...

Was alles ist im Geist des Konzils in der Kirche aufgebrochen: lebendige Pfarrgemeinden, Laien, die ihren Auftrag aus Taufe und Firmung ernst nehmen, ungezählte Initiativen zum Einsatz für eine gerechtere, dem Plan Gottes und der von Gott gegebenen Würde des Menschen entsprechende Welt...

Wenn dem sinkende Priesterzahlen, steigende Scheidungsziffern, die furchtbare Wirklichkeit der Abtreibung entgegengestellt werden, als ob das Konzil diese Entwicklungen ausgelöst hätte, dann ist zu fragen, wie die Kirche erst aussehen würde, wenn es das Konzil nicht gegeben hätte...

Und was bedeutet „Tradition“?... Wahre Tradition bedeutet nicht Unif ormität, Schema tische Unwandelbarkeit, sondern dynamische Entwicklung, wie wir Gläubige meinen, unter dem Antrieb des Heiligen Geistes. Wahre Tradition schei-

Selbstverständliches wie Treue zum Papst ist zu einem Kampfwort geworden“

det Bleibendes von Vergänglichem. Viele Beispiele aus der Kirchengeschichte ließen sich anführen, daß auch das Lehramt der Kirche diesem Wesensgesetz gehorcht. Wie stark hat sich etwa die Haltung der Päpste zur Demokratie innerhalb der letzten 150 Jahre gewandelt. Wie sehr sind in der Lehre von den Ehezwecken neue Aspekte zutagegetreten, wenn seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Offenheit für Nachkommenschaft und das Wachstum in der gegenseitigen Liebe der Ehegatten auf gleicher Ebene nebeneinander stehen.

Rückgriffe auf eine überholte kurzfristige Phase der Kirchengeschichte helfen nicht weiter. Die Kirche, die Weltkirche geworden ist, kann nicht mehr mit den Methoden des eurozentrischen 19. Jahrhunderts leben. Aber das richtige Verhältnis von Zentralisierung und Dezentralisierung in dieser weltumspannenden Kirche, von notwendiger Einheit und zulässiger Vielfalt, hat sich noch nicht eingependelt. Das gilt auch für die von Papst Johannes Paul II. immer wieder betonte Notwendigkeit der Inkulturation.

Wenn das Erste Vatikanische Konzil die Vollmacht des Papstes betont hatte, dann stellte das Zweite Vatikanische Konzil in notwendiger Ergänzung dazu den Papst in das Kollegium der Bischöfe des ganzen Erdkreises, so wie Petrus als von Christus beauftragter „Erster“ in der Gemeinschaft der Apostel stand. Mit dieser Akzentsetzung - die gleichzeitig eine Besinnung auf die Tradition der ungeteilten Christenheit des ersten Jahrtausends darstellt - ist der Weg frei geworden, damit die anderen christlichen Kirchen wieder erkennen können, daß der Bischof von Rom

als Nachfolger des Heiligen Petrus einen besonderen, unverzichtbaren Dienst an der Einheit der Kirche leistet.

Freilich ist die Umsetzung der bischöflichen „Kollegialität“ in das praktische Leben der Kirche erst im Werden, die Verbindung von vertikaler (Papst und römische Kurie) und horizontaler Autoritätsstruktur (Bischöfe) ist noch unaus-gegoren, manche aktuellen Spannungen haben hier ihre Wurzeln. Aber es gehört zu den eher beschämenden Aspekten der Krise in der Kirche, daß etwas so Selbstverständliches wie Treue zum Papst heute zu einem Schlagwort, ja Kampfwort geworden ist, mit dem sich kleine Gruppierungen als die allein Papsttreuen darstellen wollen. Die Vergiftung der Atmosphäre rührt nicht zuletzt von solchen Ausgrenzungsversuchen unerleuchteter Eiferer her, die gern als die „besseren Katholiken“ erscheinen wollen, möglicherweise nicht zuletzt deshalb, um Macht und Einfluß zu erringen. Ähnliches gilt von denen, die sich ausschließlich von einem antirömischen Affekt leiten lassen.

Es ist bedauerlich, daß in diesem Zusammenhang ernste Fragen gleichsam „instrumentalisiert“ werden. Dabei ist etwa an das Verhältnis von Lehramt und Gewissen zu denken, wie es durch die Auseinandersetzung um die Enzyklika „Humanae vitae“ immer wieder zur Diskussion steht, wobei von allen Seiten dieses großartige - aber oft zu wenig lebensnah dargestellte -Dokument Papst Pauls VI. über die Ehe in christlicher Sicht auf wenige Sätze reduziert wird.

In dieser Diskussion, die immer wieder neu aufbricht, erscheint es bisweilen so, als erstrecke sich die päpstliche Unfehlbarkeit, wie sie vom Ersten Vatikanum definiert worden ist, auf alle päpstlichen Lehräußerungen. Aber die Irrtums-losigkeit ist dem Papst nach katholischer Lehre dann zugesichert, wenn er den Glauben der ganzen Kirche verantwortlich („ex cathedra“) zum Ausdruck bringt. Bisher hat erst ein einziger Papst - Pius XII. 1950 bei der Verkündung des Glaubenssatzes von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel

- auf diese Irrtumslosigkeit ausdrücklich Bezug genommen.

Und auch dieser feierliche Akt erfolgte nicht in der Einsamkeit eines päpstlichen Schreibtisches, denn der Verkündung dieses Glaubenssatzes ging eine umfassende Befragung der Bischöfe in aller Welt voraus. Papst Pius XII. hat dann gleichsam gebündelt, was immer schon in der Glaubensüberzeugung des Volkes und sehr vieler Theologen vorhanden war. Unfehlbarkeit bedeutet, daß die Kirche, obwohl es in ihrer Geschichte so viel Verrat am Evangelium gegeben hat, in zentralen Fragen nicht vom Weg abkommen kann.

Von der Unfehlbarkeit zu unterscheiden ist das authentische Lehramt, wie es der Papst und die Bischöfe ausüben, wenn sie mit Entscheidungskraft lehren. Was sie sagen, muß der Christ bei seiner Gewissensbildung und seinen Gewissensentscheidungen besonders beachten. Diesem Lehramt ist

- so hat es auch das Zweite Vatikanische Konzil gelehrt - ein religiös begründeter Gehorsam zu leisten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wer also nach sorgfältiger Prüfung und in der Bereitschaft zu weiterem Ringen zu einer anderen Auffassung gelangt, fällt nicht aus der Rechtgläubigkeit. Gleichzeitig darf der Katholik aber die Erklärungen dieses authentischen Lehramts nicht einfach beiseiteschieben, wie es leider heute auch oft und oft geschieht.

Dabei ist es eine traurige Tatsache - darauf wird von manchen Seiten hingewiesen -, daß oft jene, die dem Papst in der Sexualmoral folgen wollen, weniger bereit sind,

seinem authentischen Lehramt in sozialen Fragen zu gehorchen und umgekehrt. Eine Lösung ist hier nur durch Nüchternheit des Denkens auf allen Seiten zu erreichen: Der Unterschied zwischen unfehlbarem und authentischem Lehramt darf nicht eingeebnet werden, die abweichende Gewissensentscheidung muß möglich sein, gleichzeitig darf aber auch nicht der Anspruch erhoben werden, daß diese abweichende Haltung zur allgemeinen Norm wird.

Die Lebenspraxis ist an den Prinzipien, den Normen zu orientieren, nicht umgekehrt. Das Lehramt kann den Anspruch des Evangeliums nicht auf die Ebene des modernen Meinungsmarktes reduzieren, es kann Dekadenz und Permissivi-tät nicht „heiligsprechen“, aber es muß die Nöte der Gläubigen ernst nehmen...

Die Menschen in der Welt von heute haben Hunger nach dem Evangelium, viele stellen mit neuer Schärfe die uralten Menschheitsfragen nach woher, wohin und wozu des Lebens. Sie stellen im Grunde die Frage, wer ist Christus? Ein großer Mensch, ein bedeutender Religionsstifter, oder der Erlöser, wie ihn die Kirche bekennt, die menschgewordene Liebe und Barmherzigkeit Gottes. Dabei geht es nicht um die Verkündung von abstrakten Thesen, sondern darum, die Sprache zu finden, die die Menschen von heute verstehen.

Die Botschaft von der Erlösung wird nur glaubwürdig, wenn im Leben der Kirche jene Worte des Heiligen Augustinus aufstrahlen, die das Zweite Vatikanische Konzil in „Gaudium et spes“ zitiert hat: „Es gelte im Notwendigen Einheit, im Zweifel Freiheit, in allem die Liebe“.

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