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80 Jahre nach dem „Vaticanum“

Der 18. Juli 1870 stieg trüb und kühl über Rom herauf. Leichter Regen rieselte vom Himmel, als um 7.30 Uhr die Tore von St. Peter geöffnet wurden und die Schweizer Garde ihre Posten bezog, wie es das Reglement vorschrieb, anscheinend unberührt von der Wichtigkeit des Tages, dieses wichtigsten Tages des Allgemeinen Vatikanischen Konzils, das Pius IX. am 8. Dezember 1869 eröffnet hatte.

Gewitterwolken hatten sich am Himmel zusammengezogen, als die Wagen der Konzilsteilnehmer, kirchlichen Würdenträger aus mehreren Kontinenten, vorzufahren begannen. Unter den ersten Ankömmlingen sah man Kardinal Pecci, Bischof von Perugia, und Msgr. Manning, den katholischen Erzbischof von West-minster. Hinter der gedrungenen Gestalt des Erzbischofs Lavigerie von Algier betrat Erzbischof Tarnoczy von Salzburg den Petersdom. Ihm folgten alsbald der gelehrte Kanonist Bischof von St. Pölten, Joseph Feßler, der Generalsekretär des Konzils; berühmt als Lateiner und ob seiner Arbeitskraft, die es ihm erlaubte, 16 Stunden im Tage bei schwerer Geistesarbeit zu sein. Zu ihm gesellte sich der Österreicher Gasser, Bischof von Brixen, einer der Gelehrtenköpfe dieser illustren Versammlung.

Um neun Uhr begann im rechten Seitenschiff des Domes, der zur „Aula conciliaris“ umgebaut worden war und in dem seit Monaten die Beratungen und Diskussionen des Konzils stattfanden, die Session. Nach einer stillen Messe, die ein Kardinal las, wurde die massige Gestalt Pius' IX. hereingetragen, und aus seiner Hand empfing einer der Väter die seither historisch gewordene Konstitution „Aeternus Pastor“ — in der von dem Universalepiskopat des Bischofs von Rom in der Kirche und von der Unfehlbarkeit des Papstes die Rede ist — und begann sie vorzulesen. Nach der Verlesung schritt man zur Abstimmung. Sie dauerte über einundeinhalb Stunden. Uber Rom war inzwischen ein heftiges Gewitter hereingebrochen, Blitz folgte auf Blitz, der Sturm peitschte den Regen gegen die Scheiben von St. Peter. Mühsam kämpften sich die Stimmen der Prälaten durch das Heulen des Wetters und das Donnern des Gewitters. Um 11 Uhr war die Abstimmung zu Ende. 533 Prälaten hatten mit „Ja“ gestimmt, nur zwei Stimmen hatten auf „Nein“ gelautet. Eine Entscheidung war gefallen, um die es gewittert hatte, wie jetzt draußen am Firmament, das Konzilsvotum für die päpstliche Infallibität.

Die Finsternis war inzwischen so groß geworden, daß man einen riesigen Leuch-ier neben Pius IX. aufstellen mußte, damit er überhaupt etwas sehen könne. Mit seiner hellen klaren Stimme, die dem Papst bis zum Tode eigen war, verkündete und bestätigte er den Beschluß des Konzils, daß der Bischof von .Rom nicht nur einen Ehrenvorrang innerhalb der Kirche genieße, sondern unmittelbarer und ordentlicher Bischof aller und jedes einzelnen sei (episcopus omnium et sin-gulorum), neben dem allerdings auch die rechtmäßigen Bischöfe eine unmittelbare und ordentliche Jurisdiktion besäßen, und daß vor allem von nun an als Glaubenssatz zu gelten habe, daß der Papst, wenn er-in seiner Eigenschaft als oberster Lehrer der Kirche „ex cathedra“ eine Entscheidung in Sachen des Glaubens und der Sitte für die ganze Welt treffe, durch den besonderen Beistand des Heiligen Geistes unfehlbar sei. Und zwar unfehlbar sei schon von sich aus und nicht erst durch Zustimmung der Kirche, „ex consensu ecclesiae“. Kaum hatte Pio nono seine Rede beendet, da kam es zu einer Szene, wie sie sich in der Weltgeschichte nicht oft wiederholt: Bischof Fitzgerald von Little Rock in den USA, einer der beiden „Nein“-Sager dieser Abstimmung, hatte sich von seinem Platz erhoben, war zum Thron des Papstes geschritten und hatte kniend die Worte gesprochen: „Modo credo, sancte Patre — Jetzt aber glaube ich, Heiliger Vater.“ Und unmittelbar nach ihm kniete sich auch Bischof Riccio von Cajazzo in Sizilien — der zweite „Nein“-Sager — vor dem Papst nieder und sprach ebenfalls sein „Credo“ zum neuen Dogma. Mit ihnen zur Seite stimmte Pius IX. das Tedeum an. Das Gewitter grollte nur mehr in der Ferne, als der Papst noch einige Worte zu den Prälaten sprach und sie dann entließ. „Wären alle Dekorateure der Welt in “ Rom in Dienst genommen worden“, so schrieb der Sonderkorrespondent der „Times“, „nichts, was an feierlichen Glanz dieses Gewitters heranreichte, hätte vorbereitet werden können, und niemals werden die, welche es sahen und erlebten, diese Verkündigung der Konstitution über die Kirche vergessen.“

Bereits 1864, zwei Tage vor Veröffentlichung des berühmten Syllabus gab Pius IX. in einem geheimen Konstisto-rium seinen Plan bekannt, ein allgemeines Konzil einzuberufen. Sein Zweck sollte ebenso wie der Syllabus die Bekämpfung der modernen Zeitirrtümer sein, daneben aber auch eine Reihe von Verbesserungen der kirchlichen Gesetzgebung bringen. Von den Kardinälen sprach sich die Mehrzahl günstig für den Plan aus, nur wenige, darunter Kardinal Antonelli, waren dagegen. Der Papst setzte sogleich eine Kommission von fünf Kardinälen ein, welche sich mit allen Fragen des kommenden Konzils befassen sollten. Ein Jahr darauf wurde eine große Anzahl von Bischöfen im strengsten Geheimnis ebenfalls von dem Plan des Papstes unterrichtet und sie aufgefordert, eine Ubersicht über alle jene Gegenstände einzureichen, die nach ihrer Ansicht am Konzil behandelt werden sollten.

1867 endlich fand in einem öffentlichen Konsistorium die Ankündigung des Konzils statt. Aber noch ein Jahr ließ der Papst verstreichen, ehe er am 29. Juni 1868 mit einer Bulle für den 8. Dezember 1869 das 20. allgemeine Konzil in den Vatikan einberief. Geladen wurden insgesamt 1050 stimmberechtigte Prälaten, von denen allerdings nur über 770 erschienen. Auch an die Nichtunierten und protestantischen Christen ließ der Papst Einladungen ergehen, in beiden Fällen allerdings erfolglos.

Am 8. Dezember 1869, jenem Feiertag, den Pius IX. selbst eingeführt hatte, fand unter seinem persönlichen Vorsitz die Eröffnung des Konzils statt. Nur dreimal noch führte der Papst selbst den Vorsitz, die andern 85 Beratungen und Sitzungen des Konzils — so viele wurden in der Zeit zwischen 8. Dezember 1869 und V. September 1870 abgehalten —wurden von den ernannten Vorsitzenden geleitet.

Obwohl eine große Anzahl von Glaubens- und Disziplinarfragen auf diesen Beratungen durchgenommen wurde, war doch die Unfehlbarkeit des Papstes „die große Frage“, welche das ganze Konzil ständig überschattete. Wohl auch deshalb, weil die ganze Welt an dieser Frage brennendes Interesse zeigte.

War die Öffentlichkeit schon durch die Ankündigung eines kommenden allgemeinen Konzils überrascht gewesen, so wandelte sich da und dort die Stimmung in Mißtrauen und Gegnerschaft, als Anfang Februar 1869 in der „Civiltä catto-lica“ erklärt wurde, einer der wichtigsten Punkte des kommenden Konzils werde die Frage der Unfehlbarkeit des Papstes sein. Man muß sich die damalige geistige Situation Europas vorstellen. Seit Jahrzehnten war die Loge im Verein mit dem rationalistischen Freisinn und der Liberalismus der damaligen Fassung im Angriff gegen Rom. Die Kirche wurde als Hort des Despotismus, als Feind der Freiheit, als Gegner der Wissenschaft hingestellt. Schon verkündeten die Angreifer ihre Hoffnung, dieser Papst werde der letzte sein. „Rom“, erklärte Gladstone im britischen Unterhaus, „hat seine rostigen Waffen, von denen man allzu wohlwollend meinte, sie seien endgültig in der Rumpelkammer verschwunden gewesen, wieder ausgegraben.“ Und der bayrische Minister Hohenlohe wollte die Regierungen Europas auffordern, gemeinsame Schritte gegen das Konzil und den Papst zu unternehmen. In der Schweiz lärmten Protestdemonstrationen in höhnischen Maskenumzügen. Schließlich berief die Großloge für den Tag der Eröffnung des Konzils ein „Gegenkonzil“ nach Neapel ein, um — wie der Vorsitzende sagte — „durch einen heiligen Bund aller Aufgeklärten aller Nationen die neuen Anstrengungen des unversöhnlichen Feindes der Freiheit zunichte zu machen“.

Dieser Ansturm gab zu denken, er schüchterte auf kirchlicher Seite manchen Mann ein und ließ die Bedächtigen zur Vorsicht raten. Auch vornehme Repräsentanten der Kirche hielten die Definition der Unfehlbarkeit für „nicht opportun“, ohne damit einen sachlichen Einwand zu erheben. Nur eine relativ geringe Anzahl machte sachliche Bedenken geltend. Unter ihnen der Münchner Theologieprofessor Ignaz von D ö 11 i n-ger. Seit 1827 Inhaber des Lehrstuhles für Kirchenrecht, war Döllinger ursprünglich ein Vertreter der absoluten päpstlichen Autorität. Erst seit 1860 machte sich bei ihm ein Abschwenken von seiner bisherigen Haltung bemerkbar, die ihn besonders seit dem Syllabus zu einem immer stärkeren Gegner der päpstlichen Rechte werden ließ. Und als das Konzil angekündigt wurde, legte er sich endgültig auf eine Haltung entschlossener Gegnerschaft fest und wurde so das „Sturmzentrum“ rund um das Konzil. Die Gegnerschaft vieler Bischöfe gegen eine Definition der Unfehlbarkeit entsprang auch der Besorgnis, es könnte durch sie eine unübersteigbare Barriere gegenüber allen Protestanten und nicht-unierten Christen errichtet weiden. Aus diesen praktischen Gründen und nicht aus glaubensmäßigen — die Unfehlbarkeit des Papstes wurde innerhalb der Kirche seit Jahrhunderten gelehrt —, widersprach auf dem Konzil eine ansehnliche Anzahl von Bischöfen der Definition, auch der Wiener Kardinal Doktor Rauscher, die Mehrheit des ungarischen Episkopats. Als diese Opposition am 13. Juli 1870 bei der Probeabstimmung mit 88 gegen 451 Stimmen unterlag, versuchten mehrere Kirchenfürsten nochmals durch Briefe und durch mündliche Vorsprachen den Papst zu bestimmen, es nicht zur Abstimmung kommen zu lassen. Der Bischof Ketterl von Mainz soll sich bei dieser Audienz Pius IX. zu Füßen geworfen und ausgerufen haben: „Heiliger Vater, retten Sie die Kirche Gottes!“ Doch Pius blieb unbewegt, er könne nicht in den Gang des Konzils eingreifen, man möge sich nicht an ihn, sondern an das Konzil wenden. Um nicht der Welt das Schauspiel einer Opposition innerhalb der Kirche zu geben, reisten die meisten Mitglieder der Opposition noch am 16. und 17. Juli ab und blieben so der Abstimmung, auf der sie in jedem Fall unterlegen wären, fern. Alle von ihnen aber folgten dem Beispiel des Bischofs Fitzgerald von Little Rock und des Bischofs Riccio von Cajazzo: sie alle gaben über kurz oder lang ihr Bekenntnis zum Dogma ab, denn in ihnen allen war ja zutiefst die Überzeugung verankert, daß ein Konzil nidit irren könne und daß seine Definitionen jeden Katholiken im Gewissen verpflichten. Viele von diesen Mitgliedern der „Opposition“ erhielten in den folgenden Jahren den Purpur, wie Melchers, Erzbischof von Köln. Auch der Agramer Erzbischof Doktor Stroßmayer, der vehementeste Gegenredner des Konzils, war für die Berufung in das Kardinalskollegium ausersehen, und nur der Widerspruch der ungarischen Regierung, die diese Ehrung des Kroaten nicht zulassen wollte, brachte sie zu Falle.

Die Definitionen des vatikanischen Konzils erfolgten im Schatten von gestern und morgen. Denn durch die Bestimmung, daß der Papst nicht nur einen Ehrerivorrang in der Kirche genieße, sondern unmittelbare Gewalt über alle Gläubigen besitze, ein „Universalbischof“ sei, wurde allen gallikanischen, febronianischen, josephinischen Tendenzen Innerhalb der Kirche der Kopf abgeschlagen. Was alte kirchliche Tradition und Lehre war, das war nun feierlich verbrieftes Gesetz. Guizot, dieser noble französische Protestant, der 1869, als Pius IX. das Konzil einberief, die Bedeutung des Ereignisses voraussah, pries das Vorhaben als einen bewunderungswürdigen Akt der Weisheit: „V i e 1-leicht nimmt die Rettung der Welt von diesem Konzil ihren Ausgang.“

In seinem Vorwort zu dem grundlegenden Werke des vornehmen englischen Kirchenhistorikers E. C. Butler „Das Vatikanische Konzil“, schrieb dessen Übersetzer H u g o. L a n g O. S. B. zu Ostern 1 933 das heute nach 17 Jahren beinahe prophetisch anmutende Wort: „Heute, nach zwei Menschenaltern. lebt kaum mehr eine Erinnerung daran, daß um das Vatikanische Konzil ein Sturm ging. Das spricht aber nicht für eine Bedeutungslosigkeit des Konzils, im Gegenteil, es spricht für seine durchgreifende Wirkung. Wenn man damals befürchtete, ein unfehlbares Papsttum werde den Fortschritt der zivilisierten Menschheit und die Grundlage der modernen Staaten gefährden, so sieht heute kein vernünftiger Mensch unter den Schreckgespenstern, die den Fortbestand der menschlichen Gesellschaft überhaupt bedrohen, das unfehlbare Papsttum. Jeder, der sehen will, merkt heute, daß sich zwei Fronten formieren: Hie Moskau — hie Rom. Nur. als Auswirkung der vatikanischen Dekrete verstehen wir die rasche Überwindung des innerkirchlichen Modernismus, die Standfestigkeit der Kirche gegenüber äußeren Stürmen, in Kriegs- und Revolutionszeit Durchstraffung der Organisation und Stärkung der Zentralgewalt, das neue Selbstgefühl und die neue Weltgeltung.“

Das ist die Bedeutung des Vatikanums. Dabei mag es dem Laien merkwürdig erscheinen, daß von der unter Donner und Blitz verkündigten Inf allibilität seit 80 Jahren kein Papst mit einer dogmatisierenden Erklärung ex cathedra Gebrauch gemacht hat, wohl aber in einem nicht abreißenden grandiosen Strom von En-yvklikpn und oäDstlichen Kundqebungen das Lehramt des Papstes sich entfaltete, richtunggebend nicht nur dem Leben der Kirche und des einzelnen Christen, sondern auch tiefeingreifend in das soziale und völkerrechtliche Gebiet, in Lebensfragen für die ganze Menschheit. Während das Papsttum sich mit der in seiner Wesenheit verankerten Autorität und geistigen Macht begnügen konnte, sind weltliche Machthaber aufgestanden, die für sich Unfehlbarkeit beanspruchten und praktizierten. Jeder dieser „Unfehlbaren“ hat in rascher Katastrophe sein Ende gefunden. In der Unfehlbarkeit wirkt nicht menschliches Werkzeug.

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