7031443-1989_32_06.jpg
Digital In Arbeit

Unbewältigte Aufklärung

1945 1960 1980 2000 2020

Manche Vorgänge in der Kirche erfüllen viele mit Schmerz und Sorge. Um ihre tiefere Wurzel zu erkennen, ist ein geraffter Rückblick in die Geschichte nützlich.

1945 1960 1980 2000 2020

Manche Vorgänge in der Kirche erfüllen viele mit Schmerz und Sorge. Um ihre tiefere Wurzel zu erkennen, ist ein geraffter Rückblick in die Geschichte nützlich.

1. Alle Kirchen fußen auf dem Glauben daran, daß der Schöpfer der Welt in die Geschichte eingegriffen hat, um die dem Verderben preisgegebenen Menschen zu retten, zunächst durch die Erwählung Israels und dann durch die Menschwerdung seines Sohnes Jesus Christus. Als dieser von den damaligen Führern seines Volkes abgelehnt und zur Kreuzigung ausgeliefert wurde, schuf Gott in Verbindung mit der Auferstehung Jesu die Kirche als neues Volk Gottes aus den an Christus glaubenden Juden und den Heiden.

Dabei ist zu beachten, daß die Christen weithin Menschen ihrer Zeit blieben und die Botschaft des Evangeliums dem damaligen Vorstellungshorizont entsprechend auffaßten. Biblische Formulierungen wurden vielfach buchstäblich genommen.

Eine bis heute nachhaltige Wende deutete sich (nach Ansätzen bei den „Kirchenvätern“) im späten Mittelalter an, als viele Theologen sich mit den Schriften des griechischen Philosophen Aristoteles auseinandersetzten, „wissenschaftlich“ nach den Gründen von allem fragten und zum „Unterscheiden“ bei theologischen Aussagen anleiteten. In Verbindung damit wurden nicht bloß alte Urkunden und Reliquien als fromme Fälschungen entlarvt, sondern vor allem die Würde des einzelnen Menschen als Person betont und damit das Recht, ja sogar die Pflicht, dem eigenen Gewissen zu folgen.

Diese Anfänge der „Aufklärung“ - verwandt mit den Anfängen der griechischen Philosophie - bereiteten geistig das Klima vor, das den Reformatoren und ihrer Kritik an Mißständen in der Kirche großes Echo verlieh. Die katholische Kirche ging in der Gegenreformation zum Teil auf die Anliegen der Kritiker ein. So forderte sie auf dem Konzil von Trient die Behebung der Mißstände und trat besonders für eine bessere Ausbildung des Klerus ein, betonte aber auch seine stärkere Bindung an das kirchliche Lehramt.

Innerhalb des Protestantismus gab es übrigens um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert eine ähnliche Gegenbewegung, die „protestantische Orthodoxie“. Diese ur-gierte gegenüber einer freien Auslegung des Evangeliums die enge Bindung an den Buchstaben der Bibel, die sozusagen als „papierener Papst“ bewertet wurde, eine Auffassung, die vornehmlich die amerikanischen Aussiedler teilten. Auf ihre Nachfahren geht der in Auseinandersetzung mit der Evolutionstheorie Anfang dieses Jahrhunderts geprägte Begriff „Fundamentalismus“ zurück (Buchstabe der Bibel als „Fundament“ des Glaubens).

Die Erfolge der Naturwissenschaft schärften im 17./18. Jahrhundert den Blick für die Kritik an vielen Aussagen der BibeL Die Philosophen der Aufklärung genannten Epoche rufen auf, sich mutig durch das Denken (Kant: Sapere aude) von übernommenen naiven Auffassungen und darauf gründenden Lebensordnungen als „selbstverfertigten Zwängen“ zu befreien. Für Christen bedeutete dies mehr als bisher, die alten Texte der Bibel nicht naiv zu übernehmen, sondern „kritisch“ zeitbedingte Ausdrucksformen vom bleibenden Inhalt zu unterscheiden. Dieser Aufbruch in der Aufklärung führte aber nicht bloß politisch - als Symbol gilt der Sturm auf die Bastille 1789 -, sondern auch im kirchlichen Bereich zu manchen Exzessen: rationalistische Bestreitung der Wunder Jesu, Leugnung der Auferstehung und Gottessohnschaft Jesu. Wahr ist für viele jetzt nur noch das, was sich positivistisch beweisen läßt.

Wie deshalb in der Politik auf dem Wiener Kongreß eine „Restauration“ der früheren Zustände versucht wurde, so auch im kirchlichen Bereich: in der katholischen Restauration mit ihrer romantischen Begeisterung für das Mittelalter und völligem Abschirmen gegenüber den ungläubigen Aufklärern, mit ihrer Stärkung der päpstlichen Autorität (Ultramontanismus) und der neuscholastischen Philosophie. Die nicht mehr ganz zu verschweigenden kritischen Anfragen wurden innerhalb der katholischen Kirche leider durch päpstliche Erklärungen administrativ verdrängt, zum Beispiel pauschale Verwerfung der Religionsfreiheit in der Enzyklika „Mi-rari vos“ (1832), summarische Verurteilung neuerer Ansichten im „Syllabus“ (1864), den die „Papalisten“ 1870 zum Dogma erheben wollten, und „Antimodernisteneid“ (1910).

In Verbindung damit ist auch die Definition des 1. Vatikanums über den Primat des Papstes zu sehen: Es ging um die Festigung der Kirche. Deshalb wurde ihre Einheit betont (acies ordinata), jedes Abweichen von der „reinen Lehre“ bekämpft (Integralismus) und wurden Fehler der Kirche meist verschwiegen oder verharmlost (zum Beispiel die amtliche Lehräußerung von Papst Hono-riusl.,die681 vom Konzil von Konstantinopel als Häresie verurteilt wurde). In vieler Hinsicht brachte diese innere Festigung eine Blüte für die Kirche (psychologisch bewirkten die rationalistischen Fehlurteile oft eine kritiklose Übernahme ihrer Verwerfung): Ordensstiftungen, Mission, Konversionen; aus heutiger Sicht muß man allerdings sagen: „auf Kosten der Zukunft“.

2. Die Weitung des Horizonts im 19. Jahrhundert, die Entdeckungen der Archäologie und Psychologie zeigten nämlich, daß sich die Anliegen der Aufklärung nicht einfach durch administrative Maßnahmen verdrängen ließen. Schon Anfang dieses Jahrhunderts wurde darum von Einsichtigen darauf gedrängt, sich mit den Ergebnissen der Forschung emsthaft auseinanderzusetzen (Gründung der Bibelinstitute). Hinzu kam die liturgische Bewegung, die auf eine Erneuerung der alten Formen drängte.

Schließlich führten viele Begegnungen mit Angehörigen anderer Konfessionen, des Judentums und der östlichen Weltreligionen dazu, die eigene Abkapselung („Ghetto“) aufzugeben und sich dem Gespräch zu öffnen (nicht zuletzt unter dem Druck der Verfolgung durch Nationalsozialismus und Kommunismus). Auf der Linie dieser geistigen Bewegung hegt die Entscheidimg von Johannes XXIII. (25. Jänner 1959), ein allgemeines Konzil einzuberufen mit dem Ziel des „Aggiornamento“ und einer echten Öffnung der Kirche zur Welt hin. Letztlich sollte dieses Konzil die unbewältigten Probleme der Aufklärung lösen.

Auf dem Konzil (1962-196$) versuchten römische Theologen das Anliegen von Johannes XXTTT, ganz im Sinn der konservativen Abwehr von Zeitirrtümern durchzuführen. Dies scheiterte jedoch am Widerspruch der Mehrheit, die vor allem durch die Kardinäle Frings, König, Suenens und Döpfner bestimmt wurde (unter Mitwirkving von Theologen wie Henri de Lubac, Karl Rahner, Joseph Ratzinger).

Auf ihre Initiative geht es zurück, daß wichtige Anliegen der Aufklärung und kirchlichen Erneuerung aufgegriff en, diskutiert und schriftlich fixiert wurden: zum Beispiel bezüglich der Liturgiereform, der Ökumene, des Verhältnisses zum Judentum und zu den anderen Religionen, aber auch der Betonimg der Kirche als Volk Gottes und der Einbindung des päpstlichen Primats in das Bischofskollegium. Allerdings wurde diesen Erklärungen aus Rücksichtnahme auf konservative Konzils teilnehmer nicht selten eine abschwächende Note beigefügt, die wie jede Kompromißformel den Ansatzpunkt zu unterschiedlichen Interpretationen bietet.

Die Erklärungen des 2. Vatikanischen Konzils haben in weiten Kreisen ein sehr positives Echo gefunden und zu einer echten Erneuerung beigetragen: in dePLiturgie (Volkssprache; Preisgabe von Formen des kirchlichen Triumphalismus), durch die Einrichtung von Pfarrgemeinderäten, das große Engagement von Laien für diese Welt und die Entwicklungshilfe, nicht zuletzt durch die Förderung der Bibelwissenschaft und Bibelfrömmigkeit; vor allem in den ökumenischen Bestrebungen sowie in einem neuen Verhältnis zu den Juden und anderen Religionen.

Allerdings sind negative Auswirkungen nicht zu verschweigen:

• Viele traditionell eingestellte Katholiken (wie Marcel Lefebvre) sahen in den Neuerungen einen Abfall von der alten Liturgie, ja von der wahren Lehre (etwa betreffs Religionsfreiheit und positiver B eWertung evangelischer Christen sowie Angehöriger anderer Religionen).

• Schwerer wiegt, daß mancherorts-aber keineswegs überall! -aus Konzilstexten Folgerungen abgeleitet wurden, die nicht der Intention der Konzils väter entsprachen: Verwischving konfessioneller Unterschiede, Reduzierung der Kirche auf eine rein diesseitig orientierte Gemeinschaft; kritiklose Übernahme extremer Positionen bei der Bibelauslegung, in der Sakramenten- und Moraltheologie (wie zu Eucharistie, Ehescheidung, Homosexualität).

•Viele neuklingende Konzilstexte gaben - in Reaktion auf die frühere starre Praxis - Anlaß zu Verunsicherung (etwa betreffs Beichte, Auffassung von Ordensgelübde, Amts-priestertum, Zölibat und ghettoartiger Priesterausbildung).

Diese negativen Auswirkungen äußerten sich vor allem in den Jahren der politischen Unruhen zwischen 1960-1970. Wenngleichzeitig die Zahl der Kirchenaustritte stieg, die Zahl der Teilnehmer an den Gottesdiensten abnahm, sich in weiten Schichten eine Abwertung der Ehe und eine sexuelle Permissivitätzeig-te, war dies jedoch keineswegs eine direkte Folge des Konzils, sondern mehr des zunehmenden Wohlstandes und des damit verbundenen Wertewandels; denn dies gilt für die evangelische Kirche nicht weniger.

3. Diese negativen Erscheinungen sind sehr zu bedauern. Für konservative Kreise und wohl auch für den Papst sind sie ernste Alarmzeichen. Er und seine Berater stehen zwar grundsätzlich positiv zum Konzil, erwecken aber leider den Eindruck, diesen Fehlentwicklungen auf eine vork onziliäre Weise steuern zu wollen. Symptomatisch dafür sind: die starke Betonung des Primats im neuen Kirchenrecht, die geplante Abwertung der Bischofskonferenzen, die Mißachtung der Ortskirchen bei Bischofsernennungen, die Bevorzugung von Gemeinschaften und Bischofskandidaten, die sich undifferenziert auf päpstliche Enzykliken berufen und sich den Erkenntnissen der neueren Theologie sowie ihren Folgerungen für das Leben mehr oder minder verschließen.

Ganz auf dieser Linie liegt auch die Anordnung eines dem Antimodernisteneid entsprechenden Treueversprechens gegenüber päpstlichen Verlautbarungen. Dieser Tendenz entspricht schließlich, daß Johannes Paulus IL der Enzyklika „Huma-nae vitae“ ein besonderes Gewicht zuschreibt und j ede Diskussion darüber sowie jedes Abweichen davon fast als Abfall vom Glauben wertet.

Wie im 19. Jahrhundert wird offenbar wieder versucht, der echten Auseinandersetzung mit den Anfragen der Aufklärung auszuweichen. Wie lange diese neue „Restauration“ dauern wird, ist ungewiß. Gewiß aber ist, daß die katholische Kirche auf die Dauer nicht daran vorbeikommt, sich den uns Menschen der Neuzeit aufgegebenen Problemen offen zu stellen. Jedes Unterbinden der Diskussion und damit einer mutigen Wahrheitssuche wird, wie die Kirchengeschichte lehrt, der Kirche auf längere Sicht nur schaden.

4. Der Katholik braucht die Auseinandersetzung mit den durch die Aufklärung aufgegebenen Fragen nicht zu scheuen. Allerdings bedarf es dazu der Geduld. Die Bibel kennt hiereine wichtige Wegweisung (Eph 4,15): „die Wahrheit in Liebe tun“ (Wahlspruch von Kardinal König), das heißt die Wahrheit des Evangeliums nicht verbergen oder verkürzen, sondern durch unser Tun ans Licht bringen („ent-bergen“), und zwar in Liebe, nicht durch Zwang oder Üeblose Unterdrückung anderer, selbst wenn sie irren.

DerAutoristOrdinariusfürNcutatamentlidia Kbclwincnachaft an der Universität Wien.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau