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Warum wir das Konzil noch brauchen

Nicht normal und einigermaßen erstaunlich ist, dass das II. Vatikanische Konzil uns immer noch beschäftigt. Sicher: Ein ökumenisches Konzil ist, zusammen mit dem Papst, die höchste formale Autorität in der Kirche und Konzilien sind ein Jahrhundertereignis. Aber formale Autorität genügt auch in der katholischen Kirche nicht mehr und Jahrhundertereignisse verblassen mittlerweile schnell.

Das II. Vatikanische Konzil ist bis heute die bestimmende Bezugsgröße der katholischen Kirche geblieben. Richtungskonflikte der Kirche werden immer noch als Konflikte um das Konzil ausgetragen, und Konflikte um das Konzil sind Konflikte um die Zukunft der Kirche. Der Grund hierfür ist einfach. Das Konzil bietet die Lösung für ein Problem, das bis heute unausweichlich ist: Wie kann man sich auf Gott, den Ewigen und Absoluten, glaubhaft beziehen, wenn alles geschichtlich und relativ wird?

II. Abschied von Kirche als Festung wider die Zeit

Aber die katholische Kirche hatte sich vor diesem Problem ab der Mitte des 19. Jahrhunderts in eine sehr eigenartige Lösung hineingerettet. Sie hatte es einfach in einem kirchlichen Binnenraum stillgestellt und ausgeschaltet. Kirche entwarf sich als Fels in der Brandung der tobend-unsicheren Zeit. Diese Institutionsfestung schützte die Gläubigen vor den Infragestellungen einer vielfältig und beweglich gewordenen Moderne.

Auf die Entdeckung und die Erfahrung der Geschichtlichkeit von allem, auch der Kirche, reagierte man mit dem Aufbau eines Raumes, in dem diese Geschichtlichkeit gerade nicht gelten sollte. Man wollte die Absolutheit dessen, worum es einem ging, also Gott, in der Geschichte sichern, indem man es gegen sie tat und baute dazu einen Raum auf, der sich geschichtsenthoben wähnte.

Nun hat die Kirche in dieser Institutionsfestung lange Zeit und gar nicht einmal schlecht überlebt. Aber wie das in Festungen so ist: irgendwann ist es vorbei damit. Etwa dann, wenn unübersehbar wird, dass die Bewohner dieser Festung ein Doppelleben führen, gleichzeitig innerhalb wie außerhalb von ihr.

Und wenn klar wird, dass es auf Dauer nicht genügt, einfach einen abgeschlossenen Raum zu schaffen, in dem jene Probleme, die man nicht lösen kann, weggedrückt oder für gelöst erklärt werden. Man entzieht sich so nämlich nicht nur der Gegenwart, sondern auch der Vergegenwärtigung der eigenen Tradition.

III. Die Entdeckung der Pastoral

Das reißt die alte Festung nieder: Die Geschichte der Welt außerhalb der Kirchenfestung wird zur "Lehrmeisterin des Lebens" und ist nicht mehr länger etwas, vor dessen Relativierungen man Angst haben muss; die Geschichte der Kirche selber aber wird zu einem Ort, an dem der gelebte Glaube und der Geist des Christentums durchaus auch gefährdet sind.

Das II. Vatikanum findet schließlich eine neue Lösung des alten Problems, formal wie inhaltlich. Formal: Man verabschiedet sich davon, das Problem einfach auszublenden und entwickelt die eigene Lehre weiter. Inhaltlich: Man findet diese neue Lehre in einer neuen Auffassung von der Pastoral. Das war der entscheidende "dogmatische Fortschritt" (so der Würzburger Fundamentaltheologe Elmar Klinger) des Konzils.

Denn die Pastoral wird jetzt als jener Ort entdeckt, an dem Diesseits und Jenseits, Absolutes und Relatives, Göttliches und Menschliches, Glaube und Geschichte verbunden sind. Und zwar grundsätzlich wie konkret. Pastoral geschieht immer hier und heute, ist orts- und zeitbezogen und eine absolut konkrete Herausforderung. Sie ist gerade darin der alles entscheidenden Ort, an dem die Kirche ihren Glauben in seinem Sinn darzustellen, in seiner Bedeutung zu erweisen und nach seinen Konsequenzen zu handeln hat.

Pastoral ist nicht mehr (nur) die heilsorientierte lebenslange Seelenführung von Laien durch Kleriker, sondern das Wagnis der kreativen Konfrontation von Evangelium und heutiger Welt um des Heiles eben dieser Welt willen. Pastoral, das ist der Versuch, das konkrete Leben vom Evangelium her zu befreien und das Evangelium vom konkreten Leben her zu entdecken. Damit ist aber die Welt nicht mehr der relativistische Abgrund, vor dem die Kirche sich um ihrer ewigen Botschaft willen zu hüten hat, sondern der vielfältige Ort, an dem sich diese Botschaft bewähren muss.

Das Konzil verändert damit fundamentale Haltungen der vorkonziliaren Kirche. Es nimmt die Welt nicht mehr einfach als etwas Feindliches wahr, sondern als Ort, der Solidarität braucht und auch ein Recht auf diese Solidarität hat. Die Kirche hat sich nicht trotzig-triumphalistisch in der Welt zu behaupten, sondern für das Heil der Welt, ihr irdisches wie ihr ewiges, zu verausgaben. Der Glaube ist so für das Konzil nicht mehr zuerst eine überlegene Lehre, sondern ein Gottesgeschenk, das sich im Leben der einzelnen wie der Völker zu bewähren hat - aber auch bewähren kann.

Das Konzil ist darin ein wirklicher Neuanfang und wer es als naives Arrangement mit der Moderne verleumdet, verspielt die Kraft seines Glaubens. Er kann nicht sehen, wie treu die Kirche mit diesem Neuanfang Jesus, ihrem Gründer, bleibt.

IV. Wie das II. Vatikanum nachwirkt

Nichts, worauf die katholische Kirche nach dem II. Vatikanum stolz sein kann, hätte es ohne das II. Vatikanum gegeben, und sehr vieles, womit sie immer noch nicht zurecht kommt, hat mit seiner unzulänglichen Rezeption zu tun.

* Die Kirche kann stolz sein auf die große Friedensautorität der nachkonziliaren Päpste in den religionspolitischen Konflikten der Gegenwart. Ohne die Anerkennung der Religionsfreiheit als Menschenrecht aller - und nicht nur als Minderheitenrecht der Katholiken in nicht-katholischen Staaten -, wäre das auch nicht im Ansatz denkbar gewesen.

* Die Kirche kann stolz sein auf ihre Autorität als Kämpferin für die Menschenrechte, als Schützerin des Lebensrechts und der Würde aller, ganz unabhängig von ihrem gesellschaftlichen und ökonomischen Status. Ohne die Anerkennung der Menschenrechte als von Gott geschenkter Berufung - und nicht als Konkurrenz zur Souveränität Gottes - wäre das nicht möglich gewesen.

* Die Kirche kann stolz sein auf die spirituelle Ausstrahlung ihrer Liturgie, die dort, wo sie authentisch, ehrlich und aufmerksam gefeiert wird, Menschen anzieht und sie erfahren lässt, wie sehr sie der Gnade Gottes bedürfen. Ohne den konziliaren Schritt vom ängstlich geregelten zeremoniellen Ritus zur Liturgie als Gottes liebevollen Gnadendienst am Menschen und des Menschen Antwort auf diese Gnade wäre dies nie möglich geworden.

Aber auch das, was der Kirche Probleme bereitet, hat mit dem Konzil zu tun: mit seiner halbherzigen oder gar verweigerte Rezeption.

* Die Kirche hat zum Beispiel in den westlichen Gesellschaften, wo der Klerus seinen früheren Bildungs-, Macht- und Statusvorsprung verloren hat, ein Problem mit ihrem Weihepriestertum. Es fehlt ihm an Nachwuchs und es hat Identitätsprobleme. Die Kopplung von Macht und Spiritualität wendet sich seit einiger Zeit gegen jene, die sie stabilisieren wollte.

Das Konzil war hier weiter. Es teilt Geistliches und Säkulares nicht auf verschiedene Personengruppen in der Kirche auf, sondern macht die Verbindung von beidem zu einer Aufgabe für alle Christinnen und Christen. Es denkt das Weihepriestertum von der pastoralen Aufgabe der Kirche her und nicht die Kirche vom Weihepriestertum her. Es geht ihm nicht um Über- oder Unterordnungen, sondern um den jeweiligen Beitrag zum kirchlichen Auftrag. Die wirkliche Realisation dieses Ansatzes steht noch weitgehend aus.

* Die Kirche hat auch ein Problem mit dem fundamentalen Umbau der Geschlechterverhältnisse. Mit dieser zentralen kulturellen Revolution der Gegenwart kann sie offenkundig nicht kreativ umgehen.

Johannes XXIII war hier weiter. Er hatte die Emanzipation der Frauen als eines der "Zeichen der Zeit" erkannt. Er sieht in ihr keine Verfallsgeschichte einer alten Ordnung, sondern eine Entdeckungsgeschichte der "Würde der Person", ja von Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit.

* Und die Kirche hat, zumindest in unseren Breiten, ein Problem mit ihrer sozialen Gestalt. Dass sie unter den permanenten Zustimmungsvorbehalt ihrer eigenen Mitglieder geraten ist, dass sie dabei zunehmend marginalisiert wird, auf diese Herausforderung sucht sie zwischen trotzigem Triumphalismus und verschämter Resignation noch eine Antwort.

Die alten institutionalistischen Sicherungsstrategien kirchlicher Identität sind brüchig geworden, aber man traut sich nicht, sie wirklich zu verlassen. Das Konzil war hier weiter, es sah die Kirche zuallererst pastoral konstituiert, weswegen man die kirchlichen Sozialformen nach diesem pastoralen Grundauftrag ausrichten muss und nicht umgekehrt.

V. Grundhaltung: Offensive, nicht Defensive

Das II. Vatikanum war viel mehr als bloß ein Reformkonzil, das an der einen oder anderen innerkirchlichen Stellschraube in Richtung Liberalität gedreht hat. Es geht dem Konzil vielmehr um die Grundlagen gläubiger Existenz heute und morgen.

Das Konzil will der Versuchung entgehen, die "reine" Lehre jenseits der Geschichte zu definieren und Praxis nur als mehr oder weniger unwichtigen Anwendungsfall dieser Lehre zu begreifen. Es entdeckt die Pastoral als jenen Ort, an dem es um die Kirche geht, weil es hier um die konkrete Bedeutung ihrer Botschaft geht. Ohne diese Entdeckung säße die Kirche heute in der Falle rechthaberischer Selbstisolierung - und wo sie in dieser Falle sitzt, hat sie das Konzil noch nicht entdeckt.

Die Grundhaltung des Konzils ist nicht die Defensive, sondern die Offensive. Das Konzil organisiert keine trotzige, latent gewaltbereite Gegenoffensive des Glaubens, sondern eine selbstgewisse, selbstkritische und solidarische Heilsoffensive.

Sein Optimismus ist nicht Zeitgeist, sondern das Vertrauen, dass der Glaube auch heute bestehen kann, dass er etwas bedeutet und auch wirklich gebraucht wird. Der Ort aber, die vielen Orte, an denen sich das entscheidet, das ist die Pastoral.

In einer bewegenden Formulierung nennt das Konzil die Kirche das "allumfassende Sakrament des Heiles ..., welches das Geheimnis der Liebe Gottes zu den Menschen zugleich offenbart und verwirklicht" (Konzilskonstitution "Gaudium et Spes" Nr. 45). Man kann das als theologische Selbststilisierungsfolklore lesen oder als triumphalistische Aussage. Das Konzil tut beides nicht. Es nimmt diesen Satz als Selbstverpflichtung.

Wir brauchen das Konzil, weil wir diese Kirche des Konzils brauchen. Und wir brauchen diese Kirche des Konzils, weil wir auf Gottes Liebe und Gnade angewiesen sind und auf Orte, an denen wir sie erfahren.

Der Autor ist Professor für Pastoraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz.

Nächste Woche in der Furche-Konzilsserie:

Konzil und Liturgie

Bert Groen, Liturgiewissenschafter in Graz, über die Liturgiereform, das Zeichen des konziliaren Umbruchs, und die Liturgiekonstitution "Sacrosanctum concilium", das erste Dokument des II. Vatikanums.

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