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Kardinal Königs Kirchenbild

Kardinal König war auch in seinem Kirchenbild durch und durch vom II. Vatikanum geprägt. Auszug aus einem Buch, das die (Glaubens-)Weite des Kardinals weitergeben will.

Das Kirchenbild von Kardinal König hatte seinen festen und sicheren Grund in den Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils. Wann immer er zu den Menschen sprach, in Predigten oder Vorträgen, dann fehlten nie bewusst und präzise eingesetzte Aussagen dieser universalen Kirchenversammlung, gerade auch zum neuen Bild einer Kirche auf dem Weg in das dritte Jahrtausend. Viele Menschen, die ihm anlässlich eines Pfarrbesuches oder einer anderen kirchlichen Festlichkeit begegnet sind, werden noch das eine oder andere Zitat aus dem Schatz des Konzils im Gedächtnis haben - dies vor allem im Zusammenhang mit dem konkreten Leben der Menschen innerhalb der katholischen Kirche mit ihrer einzigartigen Struktur und Erscheinungsform.

Wanderndes Gottesvolk

In einem Vortrag an der Universität Passau im Dezember 1999 ortete er als eine mögliche Ursache eines heute zunehmend beklagten "Abschieds von Gott" die Schwierigkeit, die die Kirche in unserer Zeit mit der Weitergabe ihrer Botschaft mit ihrem wandelbaren und nicht-wandelbaren Aspekt habe. Den Grund dafür ortet er im rechten Verständnis des Kirchenbegriffes - wörtlich: "Dazu kommt auch hier, wie immer bei schwierigen Fragen, die Notwendigkeit der Klärung von Begriffen: Was meinen wir, wenn wir von Kirche reden? Hier ist zunächst wieder die Antwort des Konzils, LG 8; sie lautet: Die Kirche Gottes als christliche Glaubensgemeinschaft besteht nicht aus zwei verschiedenen Größen, sie bildet vielmehr - wörtlich -, eine einzige komplexe Wirklichkeit, die aus menschlichem und göttlichem Element zusammenwächst.' - Dies ist zugleich ein Hinweis auf die beiden Naturen in Christus, eine menschliche und eine göttliche, zu einer Person in Christus verbunden. Jede Einseitigkeit führt zu Missverständnissen. Wenn man nur den menschlichen Aspekt - in Christus, wie der Kirche - wahrnimmt, geht etwas vom Geheimnis, von der Faszination verloren. Etwas Ähnliches gilt auch von der Kirche. Als humanistische Institution allein ist sie einseitig und verliert das Geheimnis ihres Wurzelgrundes. […]

Was heute nottut, ist: ein wiederholtes und vertieftes Hinweisen auf das, was Kirche, was christliche Glaubensgemeinschaft wirklich ist. Das in der Öffentlichkeit transportierte verkürzte und subjektiv adaptierte Bild der Kirche muss in die Irre führen.

Kirche, und ich spreche jetzt wieder als katholischer Christ, ist Weltkirche und Ortskirche. Sie umfasst, mit allen ihren Schwächen, als Glaubensgemeinschaft Frauen und Männer, Priester und Laien, Papst und Bischöfe. Sie ist das, wandernde Gottesvolk' durch Welt und Zeit, zusammengewachsen aus menschlichem und göttlichem Element; sie ist nicht nur eine hierarchisch-kirchenrechtlich geordnete Struktur. - Welt und Zeit ändern sich fortwährend. Dementsprechend ist die Kirche geographisch, geschichtlich und gemeinschaftlich vielfältig. In Vergangenheit und Gegenwart zeigt sie sich in ihrer Einheit und Vielfalt; sie umfasst eine mögliche Vielfalt in der notwendigen Einheit. Allein Christus als das menschgewordene Gotteswort ändert sich nicht. Das gibt der Kirche Sicherheit im Wandel der Zeiten.

Aus diesem Grund ist auch menschliche Angst in der obersten Kirchenführung vor einer zu großen kirchlichen Vielfalt nicht angebracht; dies hat im Laufe der Zeit zu einem überspannten defensiven Zentralismus und Bürokratismus geführt. Seit dem letzten Konzil wird überdies immer deutlicher: Hier steht die katholische Kirche vor einem Zukunftsproblem besonderer Art: Das katholische Volk in Pfarrgemeinde und Diözese wird entmutigt, wenn von der zentralen Kirchenführung keine ermutigenden, tröstenden Worte kommen, wenn in den zahlreichen Dokumenten - hier möchte ich aber ausdrücklich die persönlichen Dokumente und Rundschreiben des Papstes ausnehmen - nur Warnungen vor Irrtümern und Irrwegen dominieren. Das katholische Volk erwartet sich Zeichen des Vertrauens und gegenseitige Information im Zeichen der Einheit und der Vielfalt."

[…] Mit Gott an seiner Seite kann sein Volk sicher und vertrauensvoll durch die Zeiten wandern - so, wie die katholische Kirche sich von alters her verstand als ecclesia peregrinans, als pilgernde Kirche, mit all ihren Fehlern und Grenzen des irdischen Daseins unterwegs zum verheißenen Gottesreich. Dem Kardinal, der sich selbst zeit seines Lebens - "Woher kommen wir und wohin gehen wir?" - als Wanderer auf der Durchreise durch diese Welt verstand, war die Definition vom "wandernden Gottesvolk" daher sehr vertraut. […]

Zukunft der Volkskirche

Und für die Zukunft der Volkskirche, an die er Zeit seines Lebens geglaubt hat, nennt er zwei Voraussetzungen. Zum einen müssen "jene religiösen Gemeinschaften allerorten und in großer Zahl aufgebaut werden. Sie müssen der heiße Kern der Kirche sein, der Ofen, der das ganze Klima der Kirche wärmt, durchglüht, lebendig macht. Die zweite Bedingung für eine echte Volkskirche von morgen wird der Aufbau einer echten Seelsorge an jenen, die der Seelsorger nicht namentlich kennt, sein, die ihm fremd sind von Angesicht zu Angesicht, die er daher nur als, Masse' ansprechen kann, obwohl er jeden einzelnen von ihnen meint."

Wie diese Seelsorge vor sich gehen sollte, legte er im Mai 1963 in der FURCHE in einem Beitrag mit der Überschrift "Seelsorge in der Krise der Zeit" dar: "Die Zeiten einer nach Amtsstunden geregelten, einer bloß bereiten, präsenten Seelsorge sind für immer vorüber. Die neue Seelsorgemethode muss die einer nachgehenden, aufsuchenden Seelsorge sein. Wir dürfen nicht aufhören bei der kleinen Schar derer, die mit der Kirche leben. Die am Rande stehen, die uns fernbleiben, die uns nicht mehr kennen, oft nicht mehr kennen wollen - die zu suchen, ist uns heute aufgetragen. Wir müssen die Mauer, die durch Selbstgenügsamkeit, unbewusste Vorurteile und Ängstlichkeiten, wie sie manche Traditionen der Vergangenheit aufgerichtet haben, sprengen. Wir müssen Zeit haben zum systematischen Hausbesuch. Wir müssen den Katholiken, die nicht zu uns kommen, nachgehen in ihre Wohnungen und Häuser, nicht zuletzt an ihre Berufsstätte und dort, wo sie ihre Freizeit verbringen. Dazu braucht der heutige Seelsorger nicht nur den guten Willen, sondern ein Umdenken. Dazu braucht er vor allem aber auch Zeit. Diese Zeit müssen wir ihm geben, indem wir ihn von allem befreien, was andere tun können oder was bei näherem Zusehen vielleicht gar nicht unbedingt gemacht werden muss."

Und abschließend fasst er zusammen: "Ob der Aufbau der Volkskirche von morgen gelingt, wird weitgehend von uns allen abhängen. Es wird wie eine Volksabstimmung sein: ob sich die Menschen zur Verfügung stellen und ob sie auch die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung stellen … Nur, wenn sich unser Volk dazu entschließt, mehr als bisher mitzuhelfen, wird diese, Volksabstimmung' die Volkskirche von morgen ermöglichen."

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