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Vom Kirchenzorn zur Tempelreinigung

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Wie kann die jetzige Stimmung in der Kirche zu einer etwas bewegenden Kraft werden?

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Wie kann die jetzige Stimmung in der Kirche zu einer etwas bewegenden Kraft werden?

Kirchenzorn ist im Augenblick angesagt. Leicht kann er zur beifallssicheren Kirchenschelte werden, im Gezänk der Tagesmeldungen ermatten oder in kirchlicher Selbstbefangenheit versanden. Meine folgenden Überlegungen sollen dazu dienen, daß der augenblickliche Kirchenzorn zu einer Kraft wird, die in der Kirche von Osterreich (nach Art der Weizer Pfingstvision) etwas bewegen kann.

Zuerst ist Ernüchterung notwendig. Damit Österreich innerkirchlich nicht zu einer „Versuchsstation für Weltuntergänge” (Karl Kraus) wird, genügt ein Blick über den alpenländi-schen Zaun. Wagt man ihn, kann man erkennen, daß die nichtkatholischen Kirchen in anderen deutschen Ländern weit mehr von innerer und äußerer Auszehrung betroffen sind als die katholische Kirche, obwohl sie weder Sorgen mit dem Papst und seiner sogenannten Sexualmoral noch mit Bischofsernennungen, Frauenordinati-on oder demokratischen Elementen in der Kirche haben. Aber nicht nur über den alpenländischen Konfessionszaun, sondern über den Kirchenzaun als solchen muß geschaut werden, um entdecken zu können, daß innerkirchlich wichtige Dinge (wie zum Beispiel Bischofsernennungen oder Zölibat) gegenüber den Dingen in der Welt als zweitrangig erscheinen.

Außerkirchliche Zeitdiagnostiker scheinen den Stand der Zeitläufte weit schärfer zu sehen und auch zu benennen als es innerkirchlich geschieht, wenn sie kurz und bündig von den Aporien der Moderne sprechen, die in den mental-praktischen Schizophrenien eines sich überdrehenden, zwar religiös gebliebenen, aber gottlos gewordenen Menschen zu fassen sind. Es geht in der heutigen Zeit um mehr als die Kirche, um mehr als Groer oder Krenn, es geht darum, ob wir verstehen, wozu wir als Kirche heute da sind. Nicht medial vermittelte Kirchengeschäftigkeit, sondern von der Botschaft des Evangeliums her gefordertes Apostolat ist dringlich. Dabei muß unterschieden werden zwischen öffentlicher Sorge um die Glaubwürdigkeit der Kirche und der Versuchung zu lustvoller Selbstdarstellung unter dem Deckmantel der Kirchenreform. Man kann auch benutzt werden, wenn man die Öffentlichkeit benutzt.

Ich erwähne als Beispiel für angestauten Zorn die Haltung der Kirche zur menschlichen Sexualität. Unbestritten ist die Not der Zeitgenossen in sexualibus groß. Nun sagt man, man möchte vom Lehramt etwas Positives dazu hören. Gestehe ich mir mit dieser Forderung womöglich ein, daß ich in meiner Sexualität Orientierung und Hilfe brauche? Jedenfalls werde ich ein klärendes Wort von den Bischöfen nicht erwarten, nur um in meinem Verhalten bestätigt zu werden. Wenn ich Weisung durch das Lehramt in be-zug auf die Gestaltung der Sexualität verlange, muß ich damit rechnen, daß ein Hirtenbrief oder eine Enzyklika unbequem sein können. Manchmal ist der Verdacht nicht ganz unbegründet, daß man mit demselben Atemzug, mit dem man lehramtliche Äußerungen anmahnt, ausdrückt: Eigentlich wollen wir nichts hören beziehungsweise Gesagtes nicht hören.

Wer lehramtliche Dokumente kennt, wer die neuzeitliche Theologie kennt, weiß, daß viel Positives zur menschlichen Sexualität gesagt ist. Ein wirklich strittiger, nicht geklärter Sachverhalt bleibt die lehramtliche Einstellung zu künstlichen Mitteln . beziehungsweise Methoden der Empfängnisregelung. Ich frage aber, wer sich heute wirklich an die Weisung von Humanae vitae hält? Theologie-Studenten von heute können oftmals nicht einmal den Namen der Enzyklika schreiben. Die manchmal auch hauptamtliche Larmoyanz, mit der Humanae vitae für alle Kirchen-Schwierigkeiten haftbar gemacht wird, schwimmt in Krokodilstränen.

Hinter dem Beispiel „Sexualität” scheint eine grundsätzlichere Problematik auf: Es geht um die Herausforderung für Hierarchie wie Kirchen-volk in gleicher Weise, auch in den sensibelsten Bereichen unseres Lebens zu einer lebensgerechten Balance zwischen Bespekt vor Autorität und Bespekt vor der Frei-heitsver-antwor-tung gegenüber dem eigenen Gewissen zu finden. Bei diesem Balanceakt muß ein Vorgang des gegenseitigen Aufeinanderhörens Zustandekommen. Autorität muß sich argumentativ legitimieren können, und das je eigene Gewissen muß bereit sein, sich zu bilden. Die Spannung zwischen Autorität und Gewissen ist sowohl vom Lehramt als auch vom Kirchenvolk auf beide Seiten hin auszuhalten und durch zurückhaltende und behutsame Sprache fruchtbar zu machen.

Wenn auch im Horizont der heutigen gesellschaftlichen Probleme viele pastorale und kirchenpolitische Fragen kleine Scharmützel sind, die im Kasernenhof ausgefochten werden können, gibt es einige Herausforderungen, denen wir uns zu stellen haben, um die Botschaft des Evangeliums heute glaubwürdig zu verkünden:

Demokratie in der Kirche darf kein Abklatsch von Parteiendemokratie werden

■ Es muß auf theologisch-praktische Weise um Verwirklichungsmöglichkeiten von Demokratie in der Kirche gerungen werden, ohne Kirche zu einem Abklatsch von Parteiendemokratie zu machen, in der es oftnur um Mehrheiten, nicht aber um Wahrheiten geht. In der Kirche sind das hierarchische (nicht das feudale) und das brüderlich-schwesterliche Moment keine Gegensätze. In ihr gibt es immer noch einen Herrn (Jesus Christus), dem gegenüber wir zur Nachfolge verpflichtet sind. Das Bingen um demokratische Elemente in der Kirche bis hinein in die Problematik von Bischofsernennungen muß auf dem Boden theologischer (zumal kirchengeschichtlicher, dogmatischer und kirchenrechtlicher) Kompetenz erfolgen. Ein Projekt an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz ist diesbezüglich richtungweisend.

■ Es muß endlich das quantitativ-qualitative Verhältnis von Amt und Gemeinde festgelegt werden. Wieviele Seelsorger brauchen wir für wie große

Gemeinden? Bei diesem eher pastoraltheologischen Vorgang sind sowohl die Klerikalisierung der Gemeinden als auch die funktionalisie-rende Aushöhlung des Amtes zu vermeiden. Von einem wie auch immer bestimmten Verhältnis von Amt und Gemeinde her ist notfalls das Amt neu zu gestalten. Das Neue Testament und der gegenwärtig wirkende Heilige Geist geben uns die Freiheit dazu. Eine echte Beform der Pastoral wird an einer Beform des Amtes und an der Beform der Ausbildung zum Amt nicht vorbeigehen können (vergleiche dazu mein neuestes Buch „Seel-sorge neu gestalten”).

Die Kirche muß wissen, wer sie ist, wenn sie für die Menschen da ist

■ Einer Verschlankung der Kirche vor allem im hauptamtlichen Bereich wird man sich stellen müssen. Nicht nur die finanzielle Seite von Kirchen-sein, sondern vor allem die Gefahr der „Professionalisierungsfalle” (Ulrich Bätz) zwingen zu diesbezüglichen Überlegungen. Tendenzen zur Überverwirklichung aller Lebensbereiche ist zu wehren. Es ist nichts gewonnen, wenn sich alles um Kirche dreht. Hinter mancher scheinbar progressiven Forderung kommt oft dieser insge-heime Drang zur Überverwirklichung zum Vorschein. Gemäß dem Vaticanum II muß die Weltwirklichkeit in ihrer Eigenwertigkeit ständig neu durchdacht und dezidierte Kirchlichkeit in ihrem sakramentalen Dienstcharakter gegenüber der Welt betont werden.

■ Die Kirche ist für alle, aber nicht für alles da (Christian Möller). Wer zur Kirche kommt, muß wissen, daß er kommen kann, und muß erkennen können, wohin er kommt. Die Kirche ihrerseits muß sich bewußt sein, daß sie zu den Menschen gesandt ist, und gleichzeitig wissen, wer sie ist, wenn sie für die Menschen da ist. Damit eine in der jeweiligen Zeit relevante Kirche auch identisch bleibt, ist daher auch immer wieder nach den Kriterien von Kirchesein zu fragen. Eigentlich sind es nur wenige Dinge, die einem abverlangt werden, wenn man Kirche sein will: Man muß das Credo sprechen können, die Zehn Gebote halten wollen, Jesus als den Christus bekennen. An die Kirche Forderungen zu richten, wird jedenfalls in dem Maße glaubwürdig, als ich ganz persönlich die tägliche Beziehung mit dem Gekreuzigten und Auferstandenen suche, in meinem Alltag gerecht sein möchte und bereit bin, den weltlichen Sonntag mit einem Korn christlichen Salzes zu gestalten.

■ Die großen Orientierungspunke für die Seelsorge heute lauten: Die Übersetzung des Wortes Gottes in die Zeit erfolge (auch durch an den Universitäten notwendige theologische Fakultäten) kompetent, der Kult sei lauter, die Nächstenliebe (caritas) leuchte zweckfrei. In allem aber hat die Kirche einfach einfacher zu werden.

An einer Stelle im Neuen Testament wird Jesus zornig: bei der Tempelreinigung. In meinem Kirchenzorn wünsche ich, daß diese Reinigung heute geschehe. Sie hat in der Verkündigung Jesu einen beständigen Hintergrund: Umkehr. Billiger als durch Umkehr ist auch die Erneuerung der Kirche von Österreich nicht zu haben. Jeder - ob Laie oder Bischof - fange bei sich selber damit an.

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