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Ein Anwalt des Konzils

1945 1960 1980 2000 2020

Die Zeit für eine „Gewissenskirche“, in der man nicht nur auf Weisungen von oben wartet, hält der Schweizer Kapuziner Walbert Bühimann jetzt für angebrochen.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Zeit für eine „Gewissenskirche“, in der man nicht nur auf Weisungen von oben wartet, hält der Schweizer Kapuziner Walbert Bühimann jetzt für angebrochen.

Wer sich vom neuen Buch Walbert Bühlmanns eine kircheninterne Abrechnung erwartet, kommt nicht auf seine Rechnung: „Dieses Buch kreist… nicht in erster Linie um kircheninterne Strukturen und Streitereien — das kann man in meinen zwei vorausgegangenen Büchern ,Weltkirche’ imd ,Von der Kirche träumen’ nachlesen. Jetzt geht es um die Sendung der Kirche in die Welt.“ Es geht ihm um das Konzil, doch nicht als das „Heute der Kirche“ (Kardinal Josef Ratzinger): „Ich würde sie (die Texte des Konzils) lieber als das ,Gestern der Kirche’ bezeichnen, das freilich im Sinn der guten kirchlichen Tradition für das Heute und Morgen eine unschätzbare Bedeutung behält.“

Die Texte des Konzils eröffnen eine Perspektive von der Gegenwart in die Zukunft des dritten

Jahrtausends. In diesem Sinn will dieses Buch ein „Lesebuch der Zeitgeschichte“ sein oder ein „Handbuch des zeitgemäßen Denkens und Handelns im Sinn eines progressiven Christentums“.

Selbst bei diesen Reizworten „progressiv“ und „konservativ“ vermeidet Bühlmann die Auseinandersetzung mit innerkirchlichen Polarisierungen. Er greift diese Begriffe fast naiv unbekümmert auf, um die Haltung zum Konzil zu fixieren: „*rogressiv und konservativ sind im kirchlichen Bereich zwei Haltungen, die sich beide auf das Konzil berufen, aber es je nachdem weit oder eng, dynamisch oder statisch, gemäß den Impulsen oder gemäß den Buchstaben auslegen und anwenden: Sie machen die Vorhut und Nachhut der Kirche aus.“

Etwas anders ist die Ideologie, die hinter diesen Begriffen steht: „ J’rogressismus’ und ,Konserva-tismus* hingegen bezeichnen Extrempositionen, die entweder hinter das Konzil zurückgehen oder ihm sprunghaft vorauseilen, womit sie die Einheit spalten und dem Weg der Kirche schaden.“

Diesen Weg der Kirche möchte Bühlmann aufzeigen:

• „Die neue Konstellation“ unserer Zeit (Teü I)

• Die Probleme und Aufgaben in der Kirche (.JCirchenprobleme“) in allen Kontinenten (.JKontinen-tale Probleme“) und weltweit („Weltprobleme“) (Teü II)

• Ausblick in „Die neue Zukunft“ (Teü ni).

Die „neue Konstellation“ betrifft die Welt und die Kirche (Teü I). Erstmals tritt heute die ganze Welt auf die Bühne. Bühlmann bezeichnet diese Welt als „Weltwelt“: „Im guten wie im bösen leben wir in der ersten Phase der Weltgeschichte. Was man früher als Weltgeschichte studierte, beschränkte sich tatsächlich auf die europäische Geschichte… Inzwischen sind alle Völker auf die Weltbühne getreten und würfeln um ihr gemeinsames Glück und Schicksal.“

Gleichzeitig ist die Kirche erstmals wirklich „Weltkirche“. Dies gut von den Zahlen her („quantitativ“), denn die Hälfte der Christen lebt in der Dritten Welt (im Jahr 2000 werden es 70 Prozent sein). Auch „qualitativ“ ist es angebracht, von „Weltkirche“ zu sprechen, da „die wichtigsten Ideen und Inspirationen für die Gesamtkirche“ von den Christen, die auf der südlichen Hälfte unserer Erdkugel („Südkirche“) leben, kommen.

Der Wandel zur „Weltkirche“ steUt die tiefgreifendste Zäsur der Kirche dar seit ihrem Bestehen: „Wir sind also in die erste Phase der Weltkirche eingetreten, die das Büd der Kirche für die Zukunft bestimmen wird.“ Das bedeutet, daß „die katholische Kirche nicht mehr einfach eine Dritte-Welt-Kirche hat, sondern sie ist inzwischen selbst eine Dritte-

Welt-Kirche …“

Von daher die epochale Bedeutung des II. Vatikanums: „Die Vorsehung hat es so gefügt, daß gleich zu Begiim dieser neuen Kirchenepoche ein Konzil stattfand, das als .erstes Konzü der Weltkirche’ in die Geschichte eingehen wird. Das Zweite Vatika-num öffnete weit die Fenster und Tore zu den Laien, zu den Mitchristen, zu den Nichtchristen, zur Welt.“

Diese Kirche ist in diese Welt gesendet: „Darum redet man heute nicht mehr gern von Kirche und Welt als zwei sich gegenüberstehenden und sich beargwöhnenden Größen, sondern vielmehr von der Kirche der Welt, in der Welt, für die Welt, mit der Welt.“

Wie die Kirche ihre Sendimg in die Welt erfüUt, kann man an drei „jeitmotiven“, die das ganze Buch durchziehen und bestimmen, abmessen. Im ersten geht es um prophetische Gestalten: .^Als erstes drängt sich die Hoffnung auf, daß uns in unserer so schwierigen Zeit Propheten geschenkt werden, die uns den Ausweg zeigen und das Volk mutig voranführen.“ Bühlmann ortet nur zwei überragende („wenn auch nicht kritiklos hingenommene“) Gestalten: Papst Johannes Paul II. und Staatspräsident Michail Gorbatschow.

Der erste verfügt „nur über moralisches Gewicht“, der andere „über politische Mittel“, um seine guten Pläne allmählich in die Tat umzusetzen. Doch auf „dem Gebiet einer gerechteren Weltwirtschaft und eines wirksameren Umweltschutzes“ hält Bühlmann „umsonst“ nach Propheten Ausschau. Darum sein AppeU an uns alle: „Werm uns aber ,große Propheten’ fehlen, sollen wir umso mehr als ,kleine Propheten’ in diesem Sinn reden und handeln.“

Das zweite Leitmotiv beinhaltet eine negative Feststellung, nämlich „die Sparmung zwischen Dokumenten und Taten“: „Je mehr man dies in Theorie betont, desto weniger läßt man es in der Praxis zu… So erweist sich das Weltkirchen-Prinzip, statt zum Motiv und ModeU der legitimen Pluri-formität zu werden, plötzlich als Bremsklotz. Stimulierende Dokumente des Konzüs, die den Weg ins dritte Jahrtausend weisen, werden purgiert; Stellungnahmen der Kurie, die den Status quo bestätigen, zum Beispiel in Sachen GeburtenkontroUe, Zölibat, Priesterweihe von Frauen, werden urgiert. Das macht weitgehend das Leiden in der gegenwärtigen Kirchenzeit aus.“

Daraus ergeben sich als „drittes Leitmotiv“ die verpaßten Chancen. Es geht um den Preis, den die Weltkirche zu zahlen hat, um als Kirche wegweisend in das dritte Jahrtausend zu sein.

Bühlmann fragt sich, „ob Gott wirklich so ,unveränderlich’^ sei, daß er uns heute noch den 3000 Jahre alten Dekalog, die Zehn-Gebote-Formel, unverändert auferlegen würde, oder ob er, nicht

..Erwartungen für eine echte Konnpetenz der Ortsbischöfe null und nichtig“

zur Aufhebung, aber zur Ergänzung, uns nicht ,neue’ zehn Gebote nahelegen würde…, um die neue Optik des Handelns der Kirche in der Welt und mit der Welt in konkrete neue Gebote umzusetzen“.

Die „neuen“ zehn Gebote stehen im Futur „Ihr werdet…“ als Verheißung: „Wenn ihr mich, den Befreier, und euch, die Befreiten, ernst nehmt, dann werdet ihr gewiß das und das tun, dann schuldet ihr es mir und euch, so zu handeln. Gott zwingt nicht, er lockt, er mutet uns zu, und wir werden als reife Menschen seine Sprache verstehen.“

Im letzten Teü (III) wendet sich Bühlmaim von den weltweiten Problemen wieder der Kirche zu und betreibt „Kirchenfuturologie“. Wie sieht die Kirche des dritten Jahrtausends aus?

• Das 2. Jahrtausend war noch eine Kirche der Hierarchie, das 3. Jahrtausend wird, gemäß der Weichenstellung des Konzüs, die Kirche des Volkes Gottes sein, in welcher „das Charisma aller Gläubigen“ zum Tragen kommt.

• Das 2. Jahrtausend war durch Kirchenspaltungen gekermzeich-net, „das 3. Jahrtausend wird wieder die eine Christenheit sehen“.

• Nationalismen und Kriege bestimmten das 2. Jahrtausend, ,idas 3. Jahrtausend wird aUmählich den Universalismus erleben, die eine Welt und die eine Menschheit …“, man wird die Genies und Gelder nicht in Waffen investieren, sondern zur Bewahrung der Schöpfung.

• Das 2. Jahrtausend stand unter der Hegemonie Europas, „das 3. Jahrtausend wird nun ^att Monolog Dialog sehen“.

• „Das 2. Jahrtausend war gekennzeichnet durch die religiösen Institutionen und ihre Machtstrukturen“, im 3. Jahrtausend wird „nur noch soviel Institution übrigbleiben, wie nötig ist…“

Nach diesem Höhenflug in die „SateUitenperspektive“ kehrt Bühlmarm wieder in die Wirklichkeit der kirchlichen Gegenwart zurück und zieht eine eher pessimistische Bilanz: „AUe vom Zweiten Vatikanischen Konzil geweckten Erwartungen für eine echte Mitverantwortung des Volkes Gottes, für eine achte Kompetenz der Ortsbischöfe, sind null und nichtig geworden. Alle demokratischen Strukturen - vom örtlichen Pfarrgemeinderat bis hin zur Bischofssynode der katholischen Weltkirche - haben sich als

Schaumschlägerei, als Attrappe, als Fata Morgana erwiesen.“

Darum der Rat: Die Menschen müssen wie Jesus nach ihrem Gewissen handeln. Das gilt zuerst für die Bischöfe: „Sie sind wirklich die verantwortlichen Hirten ihrer Kirchen, wie es das II. Vati-kanum gesagt hat, also rücht bloß ausführende Instanz der römischen Behörde. Sie sollen gewiß das Kirchenrecht und die römischen Erlässe ernst nehmen, aber dann auch in eigener Verantwortung entscheiden, was für ihre pastorale Notlage das Richtige ist und, werm nötig auch durch Konflikte hindurch, daran festhalten.“

Und für die Basis: „n einer Notstandssituation kann man nicht immer warten, bis die Weisung von oben kommt.“ Nun ist die Zeit für die „Gewissenskirche“ angebrochen: „Eine solche Gewissenskirche käme dem ModeU der Urkirche viel näher als die Volkskirche… So schlägt jetzt die Stunde der Wahrheit. Jetzt können wir nicht mehr länger mit dem Finger auf die Kirchenspitze, also auf die anderen, deuten… Jetzt müssen wir die Hauptaussage des Konzüs ernst nehmen, daß wir, daß ich Kirche bin, daß… alle Hoffnung für die Kirche bei mir begiimen muß.“

Walbert Bühlmann, der Schweizer Kapuziner und Missi.-onswissenschaftler, bezeichnet sein jüngstes Buch „als eine Art Lebenszeugnis“. Er begeht damit ein „sübernes Jubüäum“, denn es ist das 25. Buch aus seiner Feder. Grund genug zu ,3ückschau und

Manöverkritik“. Vor genau 50 Jahren, im Jahr 1939, begann er seinen theologischen Weg, damals im „Tridentinismus“, in jener starren, statischen Kirche, die glaubte, „daß Gott im Himmel throne, uns von dorther seine ewigen Wahrheiten verkünde…. daß folglich auch die Kirche für ihre Lehren und Gebote blinden Gehorsam fordern dürfe und solle …“.

Nachdem er sich 20 Jahre lang „fraglos mit diesem System“ abgefunden hatte, kam er „dank der

,.Widerspruch erregen vor allem Kirchenkritik und Heilshoffnung“

Gestalt Joharmes’ XXIIL, der Texte des Zweiten Vatikanischen Konzüs, der Schriften von Karl Rahner, auf die Fährten der ,neu-en Theologie*, die er als echte ße-freiungstheologie’ empfand, als einen Astronautenflug, der umso faszinierender wurde, je mehr man in den theologischen Weltraum vorstieß - ohne je an dessen Ende zu gelangen“.

Da ihm das Konzü neuen Sinn verliehen hat, ist es kein ZufaU, daß er sein 25. Buch am 25. Järmer 1989, am 30. Jahrestag der Ankündigung des Zweiten Vatikanischen Konzils durch Papst Jobannes XXIII., abgeschlossen hat. Diesem Konzü und seinem Geist gilt seine Aufmerksamkeit, sein Kampf und Leiden.

Walbert Bühlmann w’eiß dies sehr wohl: „Widerspruch erregen vor aUem zwei meiner Gedankenkreise: die Kirchenkritik und die Heüshoffnung. Ich kann aber nicht schweigen und brav gehorchen, werm der rönüsche Zentralismus, LegaUsmus, Konservatismus wichtigste Impulse des Konzüs, gerade im Blick auf die Welt-kü-che, einfach überfährt.“

Die Weltkirche wird Dir Deinen Einsatz, Walbert Bühlmarm, einmal danken.

WER AUGEN HAT ZU SEHEN. Was Gott heute mit uns Christen vorhat. Von Walbert Bühlmann. Verlag Styria, Graz-Wien-Köln 1989. 224 Seiten, kart., öS 198,-.

Der Autor ist Generalsekretär der Päpstlichen Missionswerke Österreichs.

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