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Sie träumen von Taten …

1945 1960 1980 2000 2020

„Was erwarten Sie sieh vom Katholikentag 1983?“ fragte die FURCHE acht Personen, die nicht zu jenen gehören, die das Ereignis seit Monaten geschäftig vorbereiten. Hier nun ihre Antworten …

1945 1960 1980 2000 2020

„Was erwarten Sie sieh vom Katholikentag 1983?“ fragte die FURCHE acht Personen, die nicht zu jenen gehören, die das Ereignis seit Monaten geschäftig vorbereiten. Hier nun ihre Antworten …

Als ahnungslosen Elfjährigen nahm mich mein Großonkel und Firmpate zum 23. Eucharisti- schen Weltkongreß mit; als k. k. Hofoberwerkmeister in Schönbrunn dem Kaiser direkt zugeteilt, hatte er Vorzugsstehplätze. Von 6 Uhr früh warteten wir stehend, knieend, betend, singend auf die Pracht und Herrlichkeit des Festzuges.

Schwerer Regen verzögerte, näßte die kaiserlichen Prunkwagen Später studierte ich die Li

teratur zum Kongreß. Er war ahnungslos in bezug auf den bevorstehenden Ersten Weltkrieg.

In der Zwischenkriegszeit waren die Katholikentage nicht weniger ahnungslos, daß ein Weltkrieg bald wieder möglich wäre …

Nach dem Revisionswerk „Weltkirche und Weltfriede“ (1924) des deutschen Dominikaners Stratmann erhoffte ich eine Friedenstheologie, Absage an den „gerechten Krieg“, Praxis für Kriegsverhinderung und Friedensbewegung.

„Keiner“ der bisherigen 13 allgemeinen österreichischen Katholikentage war „ohne gesellschaftspolitischen, ja tagespolitischen Bezug“, stellt das Jahrbuch 1982 der Erzdiözese fest.

Der im September 1933 „leitete den christlichen Ständestaat ein“. Aber Christentum und Kirche als größtes Friedenspotential, als Zentralaufgabe des Jahrhunderts war dabei genau so wenig erfaßt wie beim ersten Nachkriegskatholikentag 1952, obwohl gleich nach Hiroshima die totale Tödes- rüstungsspirale, einsetzt.

Trotzdem erwarte ich vom Katholikentag 1983, daß er von den Erklärungen des Kardinal König, speziell in letzter Zeit, von der christlichen Politik des Friedens und der Kriegsverhütung geprägt ist.

VIKTOR MATEJKA

Wiener Kulturstadtrat i. R.

Im Grunde mehr, als derzeit möglich erscheint, kann es ein Katholikentag im eigentlichen Sinn dieses Wortes werden oder bleiben die römischen Christen wieder und immer noch wesentlich unter sich? Inwiefern lassen sie sich vom Anspruch, katholisch zu sein, echt herausfordern?

Zu sehr hat sich in Österreich eingebürgert, das Wort „katholisch“ mit einer einzigen Konfession, nämlich der römischen, zu verbinden, ja sogar allgemein von „Kirche“ zu sprechen und lediglich die römisch-katholische zu meinen.

Sollte es gelingen, den Blick für jene, die eigene Konfession stets transzendierende katholische Kirche zu schärfen, wäre ein ökumenischer Sieg errungen, wie es ihn bislang nicht gegeben hat. Alle hätten Anlaß, miteinander Christus zu preisen, dem allein und ausschließlich ein Absolutheitsanspruch in seiner „katholischen“ Kirche zukommt, der sich alle Protestanten zugehörig wissen. Ich hoffe, daß der Papstbesuch diese Wirklichkeit nicht verdeckt.

Von der römischen Kirche wird viel erwartet, sofern sie es wagt, sich den anderen Christen als gleichwertigen Weggefährten - „par cum pari“, heißt es im öku- menismusdekret - in der Nachfolge Jesu zu öffnen, um mit ihnen zusammen über das gemeinsame Zeugnis nachzudenken, das Christen ihren Mitmenschen in dieser Weltstunde schulden.

Eine zahlenmäßig so dominierende Kirche, wie es die römische in Österreich ist, hat es schwer, die kleineren nicht nur im Blickfeld zu behalten, sondern ihnen die gleiche Existenzberechtigung zuzubilligen wie der eigenen. Ich träume vom Katholikentag, der um Christi willen Einheit wie Vielfalt seiner Kirche als Gabe und Aufgabe zu erkennen vermag.

DIETER KNALL

Superintendent A.B. Steiermark, gewählter künftiger Bischof

Meine Überlegungen dazu sind weit gestreut: von „nichts“ bis „Er soll Zeichen sein“. Meine Gedanken zum „nichts“: Er wird viel Geld kosten. Können wir uns das leisten in einer Welt, wo so viel Armut ist, für die wir doch auch verantwortlich sind? Jesus selbst ist so arm gekommen

Andererseits: Er ist nicht nur in die Wüste gegangen, sondern in der Bergpredigt auch vor viele hingetreten, um sie zu Gott zu führen. Vom Ort bei Kafarnaum bis zum Heldenplatz, in das Praterstadion und in den Donaupark Ist es ein weiter Weg.

So komme ich zu denen, für die christliches Leben nichts bedeutet: Könnten sie durch so eine Veranstaltung nicht wenigstens hören und sehen, daß Christen lebendige Gemeinschaft sein können, daß sie doch noch aktionsfähig sind?

Das ist aber für die, die sich um das christliche Leben mühen, eine große Verantwortung. Ihr Katholikentag kann nicht groß, gut, schön und strahlungskräftig genug sein. Daher müssen viele Gedanken schon jetzt, vorher, gedacht werden … Die Verharmlosung der Hoffnung in die allgemeine Erwartung, „daß alles doch noch einmal gut ausgeht“ und daß wir „mit Gottes Hilfe einigermaßen heil davonkommen können“, ist nicht schon christliche Hoffnung (Emminghaus).

Die Botschaft der Bergpredigt wird bei Matthäus anschließend durch die Taten Jesu beglaubigt. Daß auch wir alle etwas tun, erwarte ich mir vom Katholikentag.

GERDA DAVY

Studentin der Theologie

Möglich wäre es, bei dieser Gelegenheit eine Sammlung der Katholiken anzubahnen und damit ein Erstarken des katholischen Selbstverständnisses; in diesem Sinne auch eine Ordnung falsch verstandener Pluralität; die Anbahnung eines echten Dialogs zwischen den einzelnen Gruppierungen, um den’ eigenen Standpunkt klar vor Augen zu haben und zeigen zu können; eine versöhnende Geste verdienten Männern der Kirche gegenüber wie z. B. Erzbischof Lefebvre, dadurch wieder mehr Glaubhaftwerden, wenn man in der Kirche Hände schüttelt, von Versöhnung redet und über den Austritt Tausender Katholiken aus der Kirche verzweifelt ist.

Da ein Astheniker nicht nach Datum zu einer kraftvollen Erscheinung wird, ist zu befürchten, daß der ganze Katholikentag im Äußerlichen hängen bleibt und der Hintergrund „300 Jahre Türkenbelagerung“ zu einer Erinnerung an das erste Wiener Kaffeehaus statt an den kraftvollen Behauptungswillen der damaligen Christen wird.

Dann werden auch Basisgemeinden und „Antidemo“ auftre- ten, und vielleicht ist dann sogar eine Barbara Engel in Wien, die dem Papst ins Gesicht sagt, wieviel Freiheit die Jugend von ihm verlangt.

Zusammenfassend: Noch ist der Katholikentag 1983 eine große Unbekannte. Ich erwarte jedenfalls von den Organisatoren, daß entweder nur die Kirchenspitze maßgeblich zu Worte kommt oder, wenn alle, dann jedenfalls auch konservative Kräfte.

ROBERT GEISCHLAGER

Abgeordneter zum Nationalrat a. D.

Ich träume von einem Katholikentag, der Hoffnung nicht abstrakt faßt, sondern präktisch umsetzt. Der die Hoffnungen, Sehnsüchte unserer Brüder und Schwestern, die zu kurz gekommen, an den Rand gedrängt, ausgebeutet sind, im Geiste des Evangeliums widerspiegelt, aufnimmt, weiterträgt: die Hoffnung des türkischen Gastarbeiters auf menschenwürdige Behandlung durch alle Österreicher und ihre Behörden, die Sehnsucht der Fabriksarbeiterin im Mühlviertel nach angemessenem Lohn; die Hoffnung des Bauern in Guatemala, El Salvador, Honduras, der mit seinen compaheros um das nackte Überleben gegen die Militärs kämpft; die Sehnsucht der Friedensbewegung in Ost und West nach einem Ende des Rüstungswahnsinns.

Ein solcher Katholikentag würde Theologie politisch begreifen, würde den Glauben in keinen privaten Herrgottswinkel stellen, sondern ihn an der Seite der biblisch Armen bewähren.

Es wäre kein Fest des Triumphalismus, der Platitüden und vorschnellen Harmonisierungen. Es wäre ein Katholikentag, der weh täte: all den Satten, Bequemen unter uns, all jenen, die einer privatistischen Sicherheitsreligion verhaftet sind.

Es wäre ein prophetischer Katholikentag, eine Frage nach einer Theologie der Befreiung unter europäischen Verhältnissen.

Anfang September 1983 werde ich wissen, ob ich bloß geträumt habe.

GERHARD STEGER

Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Christentum und Sozialismus CACUS)

Wie jeder Kirchenbesucher durch eigenen Augenschein feststellen kann, bilden Frauen in der katholischen Kirche einfestliches Fundament: das getreue Fußvolk.

Trotzdem ist das Verhältnis Frau—Kirche seit jeher nicht unproblematisch gewesen. Viele frauenfeindliche Autoren konnten und können sich auf Zitate bei den Kirchen-„Vätern“ stützen, und lange Zeit galt das Wort „mu- lier tacet in ecclesia“.

Dieses Schweigegebot ist heute insoferne etwas gelockert, als Frauen zumindest in der Laienarbeit aktiver werden konnten. Das große Tabu des Zugangs zum Priesteramt für Frauen ist trotz einiger teils belächelter, teils beargwöhnter Bestrebungen nach wie vor unangetastet.

Freilich: Die Herbstkonferenz des österreichischen Episkopats berichtete, daß „in der Praxis von heute Frauen in hohem Maße aktiv und auch verantwortlich in der Kirche tätig“ seien, daß es aber nicht immer gelänge, ihre Präsenz auch sichtbar zu machen. So stünden in der Steiermark an der Spitze von 30, Prozent der Pfarrge- meinderäte Frauen.

Realistischerweise könnte man vom Katholikentag erwarten, daß dieser zumindest eine Plattform bildet, auf der die vermißte Präsenz von Frauen in kirchlichen Funktionen einmal sichtbar gemacht wird.

Dies könnte ein kleiner Schritt sein in Richtung des Abbaus der Vorurteile und Ängste, die im bezug auf eine aktivere Rolle der Frau in der Kirche zweifellos immer noch existieren.

EVA DEISSEN

Kolumnistin der „Kronen-Zeitung“

Wenn Kardinal König die Repräsentanten der Weltreligionen zu einer Konferenz gegen die Irrsinnsrüstung und den Frieden ladet, ist das ein Grund zur Hoffnung. Wenn wir uns gemeinsam den Kopf darüber zerbrächen, weshalb uns 26.000 da- vonlaufen, wäre das ein Grund zur Hoffnung.

Wenn sich Menschen von Mat- tersburg bis Bregenz in Gebetskreisen zusammenfinden und die Schrift neu entdecken, dann ist das ein Grund zur Hoffnung. Wenn Sich Nächsten-, Feindesliebe und Barmherzigkeit auch auf wiederverheiratete Geschiedene und auf Priester, die Familien gegründet haben, beziehen würde, wäre das ein Grund zur Hoffnung.

Wenn sich Christen in Selbstbesteuerungsgruppen zusammenschließen und sich um Menschen am Rande unserer Gesellschaft kümmern, ist das ein Grund zur Hoffnung.

Wenn sich Pfarrgemeinderäte und engagierte Laien den Kopf zerbrächen, wie sie ihre Gemeinden erneuern könnten, ist das ein Grund zur Hoffnung. Wenn Bischöfe und führende Laien unseres Landes den Mut hätten, sich vor unserem Brüder Karol, dem Papst, nicht nur höflich zu verbeugen, sondern ihm auch zu sagen, in aller Liebe, daß wir keine Priester haben, aber sie haben könnten, wenn wir nur alle umdenken und mehr auf den lebendigen Geist Gottes als auf verstäubte Gesetze setzen würden, und wenn wir uns außerdem aufrafften, eine dynamische Kirchenstruktur durch bewußt erweckte und geförderte Basisgemeinschaften zu schaffen, dann wäre das ein Grund zur Hoffnung.

Ich brauche, um Hoffnung zu leben und Hoffnung zu geben, nicht unbedingt einen Katholikentag. Er ist für mich ein Überbleibsel einer triumphalistischen Ara der Kirche. Aber er wird nun eben stattfinden. Machen wir das beste aus ihm !

RUDOLF SCHERMANN

Pfarrer in Reisenberg, Nö

Meine Erwartungen richten sich sowohl an die Kirche, an alle Katholiken, an die eigene Organisation und an mich persönlich.

Vordringlich erwarte ich von allen Verantwortlichen eine Konkretisierung des Mottos „Hoffnung geben — Hoffnung leben“. Wir Katholiken können uns keine Schaumschlägerei erlauben, sondern müssen Zeichen setzen, die unsere Hoffnung erlebbar macht.

Z. B. könnte der Katholikentag arbeitslose Jugendliche zu Hilfsdiensten heranziehen und diese vom durchaus notwendigen Uberstundengeld der kirchlichen Angestellten bezahlen. Das wäre familiengerechter und ein konkretes Zeichen. Weiters erwarte ich von der Kirche klare Aussagen zu Frieden und Abrüstung. Die Kirchenleitung muß darauf drängen, daß echte Verhandlungen für den Weltfrieden durchgeführt werden. Kardinal König gibt uns schon jetzt klare Wegweiser für die kirchliche Friedenspolitik.

Persönlich wünsche ich mir mehr Anerkennung der Frau in der Kirche, bewußtere Aufteilung der Verantwortungsbereiche; Frauen müssen ihren sicheren Platz im Altarraum haben, nicht nur in der Pflege der Kirche.

Die Jugend erwartet sich eine pluralistische, und doch sehr klare, solidarische Kirche.

ELISABETH AICHBERGER

Bundessekretärin der Arbeitsgemeinschaft katholischer Jugend Österreichs

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