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Morgenrot, nicht letztes Gefecht

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Wer vor Monatsfrist in der von technischer Sensibilität und einem Hauch konziliarer Mystik durchstrahlten Audienzhalle neben St. Peter dem Oberhaupt der katholischen Christenheit begegnete, erlebte einen „testis fidelis“.“ Einen glaubensfesten Zeugen seiner Kirche, keinen geistlichen „Hamlet“. Einen zielsicheren, von opfernder Liebe motivierten Bischof auf Petri Stuhl, keinen ästimablen, doch zeitentrückten Papst, dessen einziges Kriterium die Schwäche wäre. Man erlebte einen Papst, der an der Schwelle eines Gedenktages, den abergläubische Menschen als „verflixte 13“ etikettieren würden, mit einer Sprache, die ihn als wahrhaft bedeutenden Nachfolger eines Leo XIII., eines Pius XII., eines Johannes XXIII. ausweist.

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Wer vor Monatsfrist in der von technischer Sensibilität und einem Hauch konziliarer Mystik durchstrahlten Audienzhalle neben St. Peter dem Oberhaupt der katholischen Christenheit begegnete, erlebte einen „testis fidelis“.“ Einen glaubensfesten Zeugen seiner Kirche, keinen geistlichen „Hamlet“. Einen zielsicheren, von opfernder Liebe motivierten Bischof auf Petri Stuhl, keinen ästimablen, doch zeitentrückten Papst, dessen einziges Kriterium die Schwäche wäre. Man erlebte einen Papst, der an der Schwelle eines Gedenktages, den abergläubische Menschen als „verflixte 13“ etikettieren würden, mit einer Sprache, die ihn als wahrhaft bedeutenden Nachfolger eines Leo XIII., eines Pius XII., eines Johannes XXIII. ausweist.

Wenn Paul VI. am 30. Juni dieses Jahres des dreizehnten Jahrestages seiner Krönung gedenkt und mit ihm die Weltkirche eher betet denn jubiliert, dann darf man das Raunen und Deuteln, das Protestieren der Linken sowohl wie das Kontestieren der Rechten im Grenzbereich der „Ultras“, ruhig vom Tisch schieben.

Wo lokalisiert nun der „Pontifex aus Erwählung“ seinen Standort im Dunkel der Zeitennacht? Wie denkt der Papst, dem die Lehrbücher des Völkerrechts doppelte Ausfaltung zuerkennen: nämlich, oberstes Organ der Kirche und zugleich Gewissens-Instanz einer pluralisierten Völkergemeinschaft zu sein —? Zu behaupten, der Montini-Papst sei, gleich manchem seiner erlauchten Vorgänger, im Endeffekt doch — salva reve-rentia — ein politischer „Versager“, sofern es um Mittlerdienste Im Ringen um den lieben Frieden gehe, hieße, die Rolle des Petrusepigonen, ja das Selbstverständnis des römischen Bischofs gründlich mißverstehen. Spätestens im Plenarsaal des Glaspalastes am East River wurde es Papst Paul VI. bewußt, daß die Menschheit, deren Sozialmächte Johannes XXIII. so trefflich mit „Mater et Magistra“ profilierte, zur Wirklichkeit einer überschaubaren Familie herangewachsen ist. Daß deren Konflikte und Zerrissenheit, ihre schwelenden und aufflackernden Brände Symptome des dichten Beisammenseins, des „Zusammenrückens auf Hautnähe“ sind. Daß dieses „bo-num commune humanitatis“, das Gemeinwohl der Menschheit eines unermüdlichen Engagements wert ist. Nicht Alibi-Schalmeien „pro pace“, nicht Spiegelfechtereien in papaler Selbstgefälligkeit sind die alljährlich zelebrierten „Welttage des Friedens“, nicht effektlose Festivitäten mit anschließenden Champagnertoasts die regionalen Feiern des „1. Jänner“, sondern vielmehr Beschwörungen jenes Friedens für eben diese Menschheitsfamilie, der so ganz anders beschaffen ist als die Pergamente, die da paraphiert werden zu Saigon oder Jerusalem, zu Genf oder New York. Oder vielleicht morgen in Beirut, Damaskus, Salis-bury und Johannesburg. Keine deklamatorischen Floskeln, keine Resolutionen nach sinnloser Debatte wollen die päpstlichen Appelle zur Brüderlichkeit, zur Versöhnung, zur Liebe sein, sondern — wer es fassen kann, der fasse es— gnadenvermittelnde Ausspendung des heiligen Geistes Christi, der fortlebt im Gottesvolk auf der „ Wanderschaft, in Seinem geheimnisvollen Leibe, der Kirche.

„Halt“, hört man an dieser Stelle die Kommentatoren einwenden, „man höre doch auf mit diesem ku-rial stilisierten Barock vatikanischer Enuntiationen.“ In Wahrheit dokumentiere sich doch die Unfähigkeit und Hilflosigkeit päpstlicher Diplomatie von Mal zu Mal. Man sehe doch auf den gequälten, blutenden Libanon. Man blicke in die Kneipen nordirischer Nebengassen, wo Bomben explodieren und der Tod Zechgenosse ist. Demaskiere sich nicht die Ohnmacht des Papstes da und dort drüben in sinnfälliger Blamage? Habe nicht Kardinal Bertoli, ad exemplum, Emissär des Heiligen Stuhles in versöhnender Spezial-mission, eklatant bewiesen, wie bedeutungslos auch ein Sondernuntius des Papstes in der „Schweiz des Nahen Ostens“ sei? Wo unreflektierter Unmut diesseitsverkrampfter Politiker ansteht, ist auch ein Urteil abschließenden „Abtuns“ rasch zur Hand. Als ob es dem spirituellen Dienstamt des Petrusnachfolgers gegeben wäre, mit ordnender Hand militärisch zu pazifieren und nicht schon Generalissimus Josef Stalin, der Extheologe aus Tibilissi, die Frage nach den Legionen des Papstes gestellt hätte! Als ob es nicht dem Kurialbischof in Beirut einzig und allein obliegen würde, dort, wo der Haß entbrannte, versöhnende Gesten der Liebe, Versuche der brüderlichen Begegnung zu setzen. Zu mäßigen, wo die Waffen sprechen, Vertrauen zu erwecken, wo dieses verschüttet wurde in den Trümmern der ferngesteuerten Intrigen.

Die einen hegen matunter Zweifel um die sogenannte „Ostpolitik“ des Heiligen Stuhles, die anderen — und bei Gott, es dürfte die Mehrheit sein — akklamieren den apostolischen Sprung über einen langen Schatten, den Sichel und Hammer werfen. Denn die grenzenlose Naivität jener, die von einem baldigen Zusammenbruch des Staatenblocks mit marxistisch-leninistischer Gesellschaftsordnung schwärmen, muß doch einmal beim Namen genannt werden. In Wahrheit nämlich etabliert sich der Osten unter Moskaus Hegemonie aus so stark wie nie zuvor. Die Kirche aber, die keine Politik als raffiniertes System von Rankünen kennt, jene Kirche, für die Politik einfach folgerichtiges Handeln nach Gewissensnormen bedeutet, muß in dieser roten Hemisphäre überleben; als Gottesvolk, als Institution, mit Bischöfen und Pfarrern und offenen Kirchenhäusern, die „arbeiten“, um im sowjetischen Jargon zu sprechen; ihre Präsenz, durch Christi Verheißung garantiert, kann nicht päpstlicher Hirtensorge und eines Weitblicks zur Jahrtausendwende hin entarten. Damit das Wasser der Taufe ströme, die Kraft des Heiligen Geistes wirke, der Leib des Herrn im eucharistisehen Opfer dargebracht werde. Auch morgen. Auch übermorgen.

Da gibt es doch jene, die mit journalistischem Masochismus Konflikte zaubern zwischen die führenden Prälaten des Staatssekretariates, zwischen Giovanni Benelli und Ago-stirio Casarali. Wünsche sind allzuoft die illegitimen Väter von Gedanken, die sich als Bastarde erweisen. Denn Erzbischof Casaroli, pastoralpolitische Intention für das Überleben und Überdauern der Kirche, steht mitnichten im Widerspruch zu Benellis Gedankenführung entlang den Grenzen des. möglichen und unmöglichen Dialogs zwischen dem Vatikanischen Hügel und den Mauern des Kreml. „Ecclesiam suam“ ist nicht auszuspielen gegen die Inh'umanisten und die Naivität der katholischen Kreml Jäger nicht gegen Komnuunistendekrete mit den Folgen der Exkommunikation. Denn niemals noch war des Papstes Sprache wider den gottlosen Kommunismus so klar, so unbestechlich, so überzeugend, so mahnend und so beschwörend wie vor diesem 20. Juni, der Italien und Europa zum Schicksal wurde. Und niemals noch versuchten Sendboten des Oberhirten so eindringlich und deutlich Verträge mit Regierungen sozialistischer Staaten zu arrangieren. Ein Widerspruch? Mitnichten. Tantum quan-tum. So weit es nur möglich ist, möge man gehen: Uberleben müssen als tschechischer oder ostdeutscher Christ, bedeutet keinen Tribut an den Pseudomessi as im Mausoleum an der Kremlmauer. Warnungen vor einer kommunistischen Machtergreifung sind kein Widerspruch zu Verhandlungen mit machtausgestatteten Staatsführern marxistisch-leninistischer Observanz. Und Bewahrung vor dem Kommunismus ist allemal besser als ein notwendiger modus vivendi mit den regierenden Ersten Sekretären der Zentralkomitees. Vermag man denn wirklich nicht mehr zu distinguieren, nicht mehr der königlichen Kunst besserer Zeiten wissenschaftlichen Strebens zu dienen?

Dem Feierlichen öffentlichen Konsistorium der Kardinäle war ein Geheimes vorangegangen. Warum dieses umschweigen, wenn die Allo-kution des Papstes über die Telexverbindungen des Erdballs gelaufen ist? Warum denn vom Kommunismus reden, wenn doch „die Krise liegt so nah“? Die von Outsidern lustvoll eskalierte Polarisierung zwischen den Extremen, die der Papst mit Namen im engsten Sinn des Wortes nennt, liegt einer Welt schwer im Sinne,, die den Leih der Kirche mit soziologischen Canones mißt. Da geläng es der internationalen Presse in glänzender Manier, die Introduktion der päpstlichen Rede zu verschweigen: die hochgemute Freude des Lehrers, Hirten und Priesters auf dem Stuhle Petri über das zunehmende Engagement des Gottesvolkes „in tiefer Solidarität mit den Armen, den Ausgestoßenen, den Wehrlosen“.

Von Johannes XXIII. wird berichtet, er habe einmal in väterlich-gütigem Wohlwollen Erzbischof Montini, den Ordinarius auf dem Stuhle des hl. Ambrosius, mit dem römischen Fabius Cunctator, dem Zögerer von Berufs wegen, verglichen. „Mio Amleto“ habe er ihn genannt. Nun, diese liebevolle Sorge sei zerstreut. Denn Paul VI. vom 24. Mai anno Domini 1976 hat nun nichts, aber schon gar nichts mehr mit Shakespeares unentschlossenem Dänenprinzen gemein. Er hat die Extreme der Kirche in ihre Schranken gewiesen und Erwartungen des metaphysischen Untergrunds, vernichtet. „Motive zur Bitterkeit“ — ein langersehntes Einbekenntnis — bewegen den Papst. Er will sie „nicht verbergen, nicht verharmlosen1'. Oberflächliche Unreife, hartnäckiger Starrsinn sind ihr Nährboden. Die Extremisten um Erzbischof Marcel Lefebvre demaskiert der Heilige Vater: sie verweigern Gehorsam unter dem Vorwand einer größeren Treue zum Lehramt; sie ignorieren das Konzil, seine Beschlüsse, seine Reformen, sie sondern sich ab von der Weltgemeinschaft der Kirche, von Rom, das sie so gern und so oft beschwören. Auf der anderen Seite des mächtigen Stromes, der Kirche, stehen jene, die dem Papste „tiefen Schmerz verursachen“: die, dm irrigen Glauben, die Linde des Konzils fortzuführen, eine Haltung vorgefaßter und mitunter unbeugsamer Kritik an der Kirche und ihren Einrichtungen eingenommen haben. Jene, die ihre eigene Liturgie schaffen, „die mitunter das Meßopfer reduzieren auf die Feier ihres eigenen Lebens oder Kampfes, oder es auf das Symbol der Brüderlichkeit einschränken“. Jene, die in der Verkündigung die Lehre herabmindern auf ihren eigenen Geschmack, entsprechend den Interessen, dem Druck, den Forderungen der Menschen. Jene, die eine neue Gnosis schaffen, Traditionen der Kirche, deren Lehramt, die Evangelien, seine „geistlichen “Realitäten“, wie die Gottheit Christi, die Auferstehung, die Eucharistie, neu interpretieren. Jene, die in der Kirche gewissermaßen die „freie Prüfung“ (liberum examen) einführen wollen und die spezifische Funktion des Priesteramtes leugnen. Jene, und der Papst sagt es unmißverständlich, die auch das Gesetz der Kirche und die von ihr aufgezeigten ethischen Forderungen übertreten, die das Leben aus dem Glauben so verstehen, als handle es sich hier darum, die irdische Gemeinschaft zu ordnen und auf politische Aktionen zu reduzieren. Sollte aber irgendeiner unter den Trabanten marxistisch inspirierter Illusionäre noch immer nicht begreifen, interpretiert für sie der Papst seinen verbindlichen Standort: „Dabei wird die Botschaft des Evangeliums, die Verkündigung des Reiches Gottes, sein Gesetz der Liebe unter den Menschen, die in der unaussprechlichen Vaterschaft Gottes gründet, mit Ideologien vermischt, die eine solche Botschaft von ihrem Wesen her verneinen durch eine völlig entgegengesetzte Lehre; man propagiert einen widernatürlichen Bund zwischen zwei Welten, die selbst nach der Meinung der Theoretiker der anderen Seite miteinander unvereinbar sind.“

Und in diesem Punkte dünkt dem Verfasser dieser Überlegungen doch die Meinung des Lehrstuhlinhabers am Atheismus-Institut der Moskauer Lenin-Universität redlicher, als die emphatische Floskel des roten Mar-chese Berlinguer von der historischen Zusammenarbeit zwischen Katholiken und Kommunisten. Jener erklärte nämlich dem Autor - im September 1973 in Moskau, daß Christentum und Marxismus stets unvereinbar gewesen seien und es bleiben würden, dieser erkämpfte sich mit einer Lüge den 20. Juni 1976.

Der Papst proklamiert die Kirche als die „stets versöhnende Wirklichkeit“ und warnt die sich polarisierenden Gruppen vor der „Untreue gegenüber dem Heiligen Geist“, dem sie fassungslos gegenüberstehen. Er ermahnt die Bischöfe mit den klassischen Worten des hl. Johannes Chrysostomus, Autorität und Kraft zur Reinerhaltung der Lehre zu mobilisieren, verwirft den theologischen Pluralismus, den dogmatischen Relativismus, die „individuellen Erfindungen“ gleichermaßen wie den „Gruppengeist“ (Apostolisches Schreiben „Über die Versöhnung in der Kirche“ vom 8. Dezember 1974). Und er legitimiert seinen Mahnruf im Geheimen Konsistorium dieses „Frühlings der dunklen Wetterwolken“: „In der Tat besteht das Wesen des prophetischen Charismas, für das uns der Herr den Beistand Seines Geistes verheißen hat, darin, zu wachen, auf die Gefahren hinzuweisen und die Zeichen der Morgendämmerung am dunklen Horizont der Nacht zu erforschen. Wächter, wie weit ist die Nacht? legt uns der Prophet die Frage in den Mund (Jes. 21,11).“

Wächter, wie weit ist die Nacht?, scheint auch die Kulmination der Fragestellung zwischen dem 20. Juni 1976 mit seiner dunkelbrennenden Morgenröte zu sein, mit den gefährlichen Perspektiven auf Europas Freiheit, und dem 30. Juni, dem Jubiläumsdatum des paulinischen Pon-tifikats; aber der Papst ist zu einem Bekenner, einem glaubenstreuen Zeugen gereift: „Es gibt keinen Grund zur Fahnenflucht!“ ruft er den Mitbrüdern im Konsistorium, ruft er einer in Ungewißheit und daher Unsicherheit bangenden Christenheit zu.

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