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Kirche — oder nur mehr Sekte?

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Vor Jahren schrieb ich einen Aufsatz unter dem Titel „Kirche oder Sekte”. Er zog eine Resonanz nach sich, die von seiten theologischer Kreise alles eher als freundlich ausfiel. Das war damals den amtlichen Deutern und Vertretern der christlichen Kirchen, aber auch vielen jungen „Progressiven”, nicht zu verübeln. Heute stellt sich die Situation völlig anders dar. Die Kritiker von damals sind längst besorgte Mahner von heute geworden. Immer mehr Menschen suchen sich ihr eigenes Christentum, ja sie bemerken plötzlich, daß sie — aus einem fast geheimnisvollen Grunde — mit einemmal ohne ihre Kirche leben können. Warum sollten sie es auch nicht, wenn ihnen die Kirche keine Antwort mehr auf die Frage nach dem Sinn des Lebens gibt. Aus dieser Frage heraus aber drängen Menschen zum Religiösen. Seit dem Konzil wurde offenbar vieles niedergerissen, was zu den Fundamenten zählt. Vieles wurde überhaupt nicht durchdacht, so etwa der Begriff des Religiösen überhaupt, die Unterscheidung zwischen Essentiellem, Mythos und Konvention, auch nicht die Tatsache, daß eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens der Autorität bedarf, wenn sie befriedigen soll.

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Vor Jahren schrieb ich einen Aufsatz unter dem Titel „Kirche oder Sekte”. Er zog eine Resonanz nach sich, die von seiten theologischer Kreise alles eher als freundlich ausfiel. Das war damals den amtlichen Deutern und Vertretern der christlichen Kirchen, aber auch vielen jungen „Progressiven”, nicht zu verübeln. Heute stellt sich die Situation völlig anders dar. Die Kritiker von damals sind längst besorgte Mahner von heute geworden. Immer mehr Menschen suchen sich ihr eigenes Christentum, ja sie bemerken plötzlich, daß sie — aus einem fast geheimnisvollen Grunde — mit einemmal ohne ihre Kirche leben können. Warum sollten sie es auch nicht, wenn ihnen die Kirche keine Antwort mehr auf die Frage nach dem Sinn des Lebens gibt. Aus dieser Frage heraus aber drängen Menschen zum Religiösen. Seit dem Konzil wurde offenbar vieles niedergerissen, was zu den Fundamenten zählt. Vieles wurde überhaupt nicht durchdacht, so etwa der Begriff des Religiösen überhaupt, die Unterscheidung zwischen Essentiellem, Mythos und Konvention, auch nicht die Tatsache, daß eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens der Autorität bedarf, wenn sie befriedigen soll.

Die Kirchen zögern, vermauerte Gänge zu öffnen, aber ihre lautstärksten Vertreter scheinen mit Wonne die Stützmauern zu zerstören. Niemand braucht die Antwort der Kirche anzunehmen. Jeder kann sie ablehnen. Doch verliert alles Religiöse und Kirchliche den Sinn, wenn überhaupt keine Antwort gegeben wird. Man bleibt weiter dem Äußerlichen verhaftet, ohne die Folgen zu erkennen. Die Liturgiereform hat eine Büchse der Pandora geöffnet. Durch den Verzicht auch auf einen lateinischen Kern der Messe verlor die katholische Kirche ihr universelles Signum. Der Papst hat, wie es scheint, den Kompromiß zwischen den Traditionalisten und den Progressiven am falschen Ort geschlossen. Vorbehalte werden auch gegen die „Friedenspolitik” des Papstes geäußert, die ein vergeblicher Versuch sei, auf weltlichem Gebiet die Autorität zurückzugewinnen, die das Papsttum innerkirchlich verloren habe. Viele erschreckt die Vision eines Petersdoms als Museum,

immer mehr Christen aber scheint der Vatikan ein Dom im Auge zu werden. Die fundamentalen Probleme werden nicht ins Zentrum gerückt.

Stimme aus Holland

Die holländische Kirche, die so lange und gern als Vorbild der Modernität gepriesen wurde, steckt in Wahrheit in einer Krise, die noch schlimmer — ja wirklich tödlich — erscheint, als etwa die Beobachtungen in der Bundesrepublik, in der Schweiz oder Österreich ergeben. Die Ohnmacht nicht nur der katholischen Kirche zeigt sich in dem dilettantischen Versuch — um in der heutigen Welt noch mitreden zu können —, mit sicherem

Instinkt für das Falsche auf nackten Opportunismus zu setzen. Die inneren Gründe liegen nicht so sehr in der Krise des Glaubens etwa des Fußvolkes, sondern der Kirche selbst, die ihre Identität als Nachfolgerin Christi aufgegeben hat. Mit zunehmender Wissenschaftlichkeit hat sich die Theologie vom Glauben gelöst, über die Entmythologisierung bis zu jenen Femen, in denen Gott schließlich totgesagt wird. Damit haben sich die christlichen Kirchen selbst ausgehöhlt. Ihre beachtlichen Anstrengungen etwa im sozialen Bereich oder auf dem Sektor der Entwicklungshilfe sinid bei aller Würdigung ein Symptom jener falschen Betriebsamkeit, welche die Seelsorge ersetzen soll. Ein Pfarrer antwortet auf die Frage, was von seinem religiösen Gebäude noch übrigbleibe, wenn er die soziale Komponente heraushole: „Nichts bleibt übrig, was sollte denn auch übrigbleiben.” Dies hindert aber denselben Pfarrer nicht, in seiner Predigt das Wort vom Glauben phrasenreich abzuwandeln, daß nur der schale Eindruck eines Schlag- wortes übrigbleibt In selbstgerechter Weise klagen die Kirchen über die Abkehr der immer weltlicher werdenden Menschen von ihr. Ist das nicht eine Fehleinschätzung? Noch nie war der Bedarf der Menschheit nach echter religiöser Führung, das Streben nach Geborgenheit, größer als heute.

In Holland wird erwartet, daß die gegenwärtige Volkszählung mehr als 30 Prozent kirchenlose Bürger ergeben wird, die nicht nur von den

Reformierten, sondern mehr noch van den Katholiken stammen. Vor drei Jahren war der Besuch in den katholischen Kirchen in Holland noch geradezu vorbildlich. Sakramenten- empfang, mehrmalige Kollekte, das alles ist in dieser kurzen Zeit verschwunden. Die Gottesdienste sind so schlecht besucht, daß viele Kirchen in interkonfessionelle Gotteshäuser umgewandelt oder geschlossen werden. Allein im Bistum Rotterdam sind von 200 Gotteshäusern 70 nicht mehr zu halten. Manche Kirchen werden abgerissen, weil der Verkauf des Bauplatzes noch Geld einbringt. Mangels des plötzlichen Endes jeder Gebefreudigkeit der Gläubigen sind die finanziellen Sorgen riesengroß geworden.

In Amsterdam werden — wie wir in „Christ und Welt” lesen — Kirchen als Konzertsäle, Verkaufsausstellungen und Lagerräume benutzt. Auch viele Klöster, Einkehrhäuser, Internate und Seminare, verlieren ihren finanziellen Rückhalt und sind längst deziimiert. Mönche und Schwestern bilden Kommunen in kleinen Etagenwohnungen. Traditionelle Katholiken organisieren kleine Pfarrgemein- den unter gläubigen Priestern. Doch die große Mehrheit wendet sich immer mehr uninteressiert von den Altären ab. Da sie dabei durch die gesellschaftliche Stimmung noch bestärkt wird, endet der alte Glaube oft in einem Achselzucken. Das ist der Verfall jener Kirche eines Landes, die sich einst die progressivste nannte.

Niemand spricht davon, aber viele werden offenbar von einer geistigen Inferorität der Seelsorge gegenüber jenen Wissenschaftlern beeindruckt, welche über die Entstehung der Welt und des Menschen Thesen verbreiten, die keinen Platz für einen Gott mehr lassen. Tun sie dies aber wirklich? In Frankreich hat das Buch eines französischen Nobelpreisträgers der Molekularbiologie, Jacques Monod, vor kurzem Sensation gemacht. Dieses höchst wissenschaftliche Buch mit vielen Tabellen, eigentlich kaum für den biologischen Laien verständlich, hat bisher 140.000 Käufer gefunden, was allerdings nur in Frankreich möglich ist. Wie viele wären es in Österreich?

Der Mensch — ein Produkt des Zufalls

Was verkündet und lehrt also Monod? Er glaube, zwei Dinge nachweisen zu können. Erstens, daß es im Kosmos keine Zweckbestimmung, keine Entwicklungstendenz festzustellen gibt und zweitens, daß das menschliche Leben nicht im Biologischen „angelegt” war, sondern sich bis zum menschlichen Nervenzentrum und Bewußtsein als ein Zusammenspiel von vielen Zufällen und wenigen Notwendigkeiten verstehen läßt: „Das biologische Gesetz ist die jeweilige Reproduktion des Gleichen. Nur der Zufall ist das Prinzip der Veränderung, er schafft jene genetischen Mutationen, aus denen der Mensch hervorging.” Monod fährt fort, daß dieser Zufall sich möglicherweise nur dieses einzige Mal auf diesem einen Planeten begeben habe. Gemäß seinem sozialistischen Atheismus bekennt er sich weltanschaulich zur „Einsamkeit des Menschen”, von der Camus spricht, und lehnt jeden erklärenden Trost durch Religionen und Philosophien ab. So wendet er sich sowohl gegen die Entwicklungstheologie des Jesuiten Teilhard de Chardin wie den Marxismus als Versuch, den Menschen wissenschaftlich zu erklären und zu leiten. Das sind persönliche Bekenntnisse, die noch nichts mit wissenschaftlicher Folgerichtigkeit zu tun haben. Der „Zufall”, den er lehrt, ist ein Abgesang jener materialistischen Entwicklungslehre. Wer will, kann sich mit dem Zufall zufriedengeben, wer ‘anders will, kann in diesem Zufall die Einwirkung einer göttlichen Existenz erblicken.

Die physiologische Erbsünde

Die Thesen Monods setzen zum Teil die neurophysiologischen Hypothesen von McLean fort, der den Menschen eine „grandiose Fehlleistung” nennt. Der Mensch, wie er vor uns steht,, ist nach McLean das Ergebnis einiger — wieder heißt es — zufälliger Konstruktionsfehler, denn der Aufbau seines Gehirns macht ihn fähig zum Irrtum und treibt ihn zur Selbstzerstörung. Aber der Homo sapiens besitzt auch die einzigartige Fähigkeit, die Mängel seiner natürlichen Ausstattung zu kompensieren. So können wir eine durchgängige, symptomatische Disparatheit zwischen der wachsenden technischen Vervollkommnung auf der einen Seite und dem moralischen Verhalten auf der anderen beobachten, zwischen den Kräften des Intellekts und der fatalen Ohnmacht bei der Bewältigung der zwischenmenschlichen Beziehungen.

Der Mensch findet sich in der Lage, daß ihn die Natur im wesentlichen mit drei verschiedenen Gehirnen ausgerüstet hat, welche — trotz der großen Verschiedenheit ihrer Struktur — miteinander funktionieren und kommunizieren müssen. Das älteste gleicht dem eines Reptils, das zweite stammt von niederen Säugetieren ab, und das letzte von einer späten Säugetierentwicklung, die den Menschen eigentlich zum Menschen gemacht hat. Allegorisch gesprochen: wenn der Psychiater den Patienten auf die Couch bittet, müssen wir uns vorstellen, daß er ihn auffordert, sich neben eine Hyäne und neben ein Krokodil zu legen. „Während unsere intellektuellen Funktionen in dem neuesten, am höchsten entwickelten Teil des Gehirns stattzufinden scheinen, wird unser Gefühlsleben offenbar stets von einem relativ primitiven System bestimmt.” Der Irrtumsfaden in unserer Geschichte ist das Vorherrschen der irrationalen Affekte.

Die physiologisch begründete Unvollkommenheit des Menschen, die er durch Geist und Wille zu kompensieren vermag, entspricht genau der christlichen Lehre vom erbsündigen Menschen, der sich durch die Erlösung — durch den Impuls auf seine geistig-moralischen Energien — von der Last seiner Veranlagung befreien kann.

Wenn Gott tot ist

Viele Theologen überschwemmen uns noch immer mit ihrem Gerede über die Grenzen des Glaubens an den mythologischen Teil des Christentums. Von Adam und Eva über die Erbsünde, die Geheimnisse von Christi Leben und Tod, bis zu Himmel, Hölle und Fegefeuer, ziehen sich symbolische Aussagen hin, deren Sann und reale Bedeutung wir nicht zu begreifen vermögen. Warum sollten wir es auch? Ihre Aussage zielt auf die Überwindung der Naturgesetze, der „grandiosen” Fehlkonstruktion des Menschen, durch Christi Lehre. Warum soll es keinen Mythos geben? Was essentiell erscheint, ist der Glaube an den personifizierten Gott, an die Erbsünde (im früher angedeuteten Sinn), an die eigene Erlösungs- fähdgkeit, an das dunkle Glück des christlichen Todes, verbunden mit der steten Bereitschaft, die Kräfte der Bosheit, der Brutalität, der Täuschung und der Selbstzerstörung zu überwinden. Auf diesen Fundamenten kann auch die Frage und Antwort nach dem Sinn des Lebens gesucht und gegeben werden. Was aber tun so viele Theologen? Sie verkünden selbst all die vielen Torheiten, die seit fast 2000 Jahren über das Christentum ausgesagt wurden. Sie sind bereits sehr nahe der Gott- ist-tot-Lehre. Den Antichrist verkörpern heute diese Theologen, so wie einst die Schriftgelehrten und Pharisäer den Herrn gemordet haben. Doch ohne Gott gibt es keine Moral, keine Ordnung, ist alles erlaubt, auch jedes Verbrechen.

Wie sollen daher junge Männer entschlossen sein, sich dem Priesteramt zu widmen! Was hält sie ab? Nicht so sehr die Versuchung der Welt scheint es zu sein als die Sorge, daß sie sich einer sinnlos gewordenen Berufung widmen könnten. In den letzten fünf Jahren sind in Europa mehr als 20.000 Priester registriert worden, die wegen des Zölibates ihren Abschied nahmen. Für den einsam gewordenen jungen Priester ist die Sehnsucht nach Frau und Kind wahrscheinlich nur eine Folgewirkung. Immerhin hat schon vor genau eintausend Jahren die damals noch uns verbundene Kirche von Byzanz Wege gezeigt, die zwischen den in der praktischen Seelsorge und den in der Hierarchie tätigen Priestern unterschieden. Übrigens hatte die Ostkirche auch für das Eherecht, das heißt die Möglichkeiten der Wiederverheiratung, Praktiken eingeschlagen, die heute geradezu modern erscheinen mögen. Über all das wird viel zu wenig nachgedacht. So wie auch vergessen wurde, daß Johannes XXIII. vor allem die Orthodoxie als ersten Partner für die Wiedervereinigung im Sinn hatte.

Die Verantwortung der Kirchen ist heute besonders groß für die unstete, ringende Jugend.

Wir sind in ein Zeitalter getreten, das bisweüen als Endstadium des Termitenstaates bezeichnet wird. Der Mensch hat in demselben Maße, in dem er seine Religion verlor, die Fähigkeit gefunden, sich durch Atomenergie, Bestialität und Umweltzerstörung selbst abzuschaffen. Ist auch dies nur ein Zufall? Mit dem ungeheuren technischen Fortschritt und einer noch nie dagewesenen Bequemlichkeit des äußeren Lebens geht die Erahnung eines ebenso großen Leides vor sich. Toynbee hat zwar den Siegeszug des Religiösen als Folge jeder gescheiterten Epoche vorausgesagt. Aber er meinte dies schon 1945. Heute aber stehen nicht nur politische Systeme zur Debatte. Ich denke an die alte, kleine Dorf- kirche meiner Heimat und bin traurig.

Professor Dr. Emile Poulat, Paris, spricht am Montag, dem 10. Mai, 15 Uhr, über die neuesten Forschungen zum Modernismus und Integralis- mus um die Jahrhundertwende (Hörsaal 21 der Wiener Universität).

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