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Bekenntnis in Salzburg: Perspektiven der Hoffnung

1945 1960 1980 2000 2020

Über diese „Perspektiven der Hoffnung“ (hier gekürzt wiedergegeben) wird am Wochenende der Delegiertentag in Salzburg debattieren. Wir baten den bekannten Kulturphilosophen Friedrich Keer um eine erste Stellungnahme und laden die Leser zur Diskussion ein. Die endgültige Formulierung des Textes wird am 14. Mai vom Katholikentagskomitee beschlossen werden.

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Über diese „Perspektiven der Hoffnung“ (hier gekürzt wiedergegeben) wird am Wochenende der Delegiertentag in Salzburg debattieren. Wir baten den bekannten Kulturphilosophen Friedrich Keer um eine erste Stellungnahme und laden die Leser zur Diskussion ein. Die endgültige Formulierung des Textes wird am 14. Mai vom Katholikentagskomitee beschlossen werden.

Wenn eine Frau ein Kind erwartet, sagt man: Sie ist guter Hoffnung. Zu allen Zeiten und auch heute sind Kinder die Hoffnung ihrer Eltern, blicken die Großeltern voller Freude auf ihre Enkel. Das Kind holt uns in das Geheimnis des Anfangs und damit in das Geheimnis des Lebens und des Bleibenden zurück. Auch kranke und behinderte Kinder vermitteln durch das besondere Maß an Liebe und Zuwendung, das sie fordern und schenken können, eine tiefe Erfahrung von Lebenssinn.

Bei allem Wissen um die Vergänglichkeit der Dinge hoffen wir Mensche», daß das Grauen der Welt, Kr g und Konzentrationslager, die Angst vor ökologischen und ökonomischen Katastrophen von uns weichen, daß die bösen Träume den guten Träumen Platz machen müssen. Dieser Vision hat schon die Bibel poetischen Ausdruck gegeben: „Jauchzen sollen Wüste und Öde, frohlocken soll die Steppe und erblühen“ (Jes 35,1).

Wir übersehen nicht das Geheimnis des tragisch Gebrochenen dieser Schöpfung. Von alters her erklären sich die Menschen diese Gebrochenheit damit, daß durch den Sündenfall die Beziehung zwischen Gott und Mensch zerbrochen ist; diese Beziehung muß immer wieder neu hergestellt werden…

JESUS HAT DIE FREUDE VERKÜNDET. Er hat bei einer Hochzeit sein erstes Zeichen gesetzt: Wein gestiftet als ein Unterpfand des nahenden Gottesreiches. In seinen Gleichnissen spricht Jesus von der Freude eines Kaufmannes, der eine kostbare Perle erwirbt, von der Freude einer Frau, die ihr verlorenes Geld findet, von der Freude eines Gastmahles und von der Freude junger Frauen, die zur Hochzeit eilen.

Aber auch Jesus hat mit seiner Botschaft von Freude, Friede, Gewaltlosigkeit, selbstlosem Verzicht, von Teilen und Solidarität die Tragik menschlichen Schei- terns erfahren; in seinem Tod am Kreuz und in seiner Auferstehung hat sich Gott als der liebende Vater erwiesen, der das Leiden heilt und die Toten lebendig macht (vgl. Röm 4,17)…

DER MENSCH LIEBT DAS LEBEN. In immer neuer Hoffnung erwartet er die Erfüllung und sucht er, das Leben in dieser Welt glückhaft zu gestalten und ihm Dauer, ja Ewigkeit zu geben. Aber das Leben ist ein Leben zum Tod, voller Verwundungen, Bedrängnisse und Schuld. Dies anzunehmen fällt dem Menschen schwer; und er ist der Versuchung ausgesetzt, den Gedanken an Schuld und Tod zu verdrängen und im Leben vor dem Tod die Ziele aller seiner Wünsche zu erreichen. Indem er sich selbst zum Mittelpunkt dieses Lebens macht, verfehlt er den Sinn seines Lebens …

Der Christ weiß, daß das von Gott nach Seinem Bild geschaffene Leben eine unverletzbare Würde und einen aller menschlichen Verfügung entzogenen, unantastbaren Wert hat. Jede Verletzung und Kränkung eines Menschen ist eine Mißachtung Gottes. Die

Christen sollen Hirn und Herz anstrengen, um in schöpferischer Phantasie durch Sprache, Zeichen und Tun der Wahrheit Sinn und Ziel des menschlichen Lebens erfahrbar zu machen. Sie sollen sich mit allen Menschen verbünden, die bereit sind, dieses Leben zur vollen Entfaltung zu bringen. Die Lebensweisheiten, die den Christen anvertraut sind, sind so zu verkünden, daß der Mensch von heute sie erfassen kann.

Ausdruck der Würde und Freiheit des Menschen sind die Menschenrechte und Grundwerte. So hat geborenes und ungeborenes Leben Anspruch auf vollen rechtlichen Schutz und faktische Hilfe. Kindern und jungen Menschen ist Lebensraum und Spielraum zum Wachsen und Reifen zu geben. Die Menschen müssen genügend Raum zum Wohnen, hinreichende Arbeitsmöglichkeiten und eine unversehrte Umwelt haben. Menschliches Leben darf nicht nur nach seinem Produktionswert für die ökonomischen Ziele der menschlichen Gesellschaft beurteilt werden. Behinderte, kranke, leidende und alte Menschen sind vollwertige Mitglieder der Gemeinschaft.

Jedem Menschen ist ein menschenwürdiges Sterben zu ermöglichen. Die Unverfügbarkeit des Lebens schließt jegliche Form der aktiven Sterbehilfe aus …

MANN UND FRAU sind beide nach dem Bilde Gottes geschaffen: daraus leitet sich für den Christen die fundamentale Gleichwertigkeit von Mann und Frau ab. Die offene Haltung Jesu gegenüber der Frau und Zeugnisse der frühen Kirchen bestätigen dies. Entgegen zeitbedingten Übermalungen durch patriarchalische Einflüsse ist neu zu entdek- ken, was der Apostel’ Paulus an die Gemeinden von Galatien schreibt: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus“ (Gal 3, 28)…

Die besondere Berufung der Frau als Mutter und des Mannes als Vater bedarf einer einfühlsamen Förderung, die aber die Gleichwertigkeit derer, die einen anderen Lebensweg gehen oder denen Kinder nicht geschenkt sind, nicht in Frage stellt.

Das Engagement der Frau im sozial-karitativen Bereich gehört seit jeher zu den großen Zeichen der Hoffnung. Dem Wunsch nach stärkerer Einbindung def Frauen in Seelsorge und Liturgie ist Rechnung zu tragen; die Zulassung zum Dienst als Diakon oder Priester ist erneut und vorurteilslos zu prüfen.

Der hohen Wertschätzung des Charismas der Ehelosigkeit und des Ordenslebens entsprechend, sind diese Berufungen zu fördern. Die Diskussion der Ausübung des priesterlichen Dienstes durch Verheiratete, wie sie für die frühe Kirche bezeugt ist, ist mit Geduld und Verständnisbereitschaft aller Beteiligten weiterzuführen.

Die von Gott dem Menschen geschenkte Geschlechtlichkeit verlangt eine Einstellung, die von Zärtlichkeit, Rücksichtnahme und Verantwortung geprägt ist. Die christliche Ehe wird aus der

Hoffnung, eine unbegrenzt währende Liebesgemeinschaft zu werden, geschlossen. Die Partnerschaft muß im Alltag wirksam sein, von der gemeinsamen Bewältigung des Haushalts bis zur gemeinsamen Verantwortung in der Erziehung der Kinder. Ehe und Familie sind nicht Stätte paradiesischer Konfliktfreiheit, aber ein Ort, an dem menschenwürdige Konfliktausübung und die Tugenden des Miteinanderlebens eingeübt und gelebt werden.

Sexualität drängt auf intimen Ausdruck der ehelichen Gemeinschaft, der für die Ehe eine unersetzlich tiefe Bedeutung besitzt. Es geht darum, den personalen Wert erlebter Geschlechtlichkeit zu verdeutlichen, der Jugend in diesen Fragen im Gespräch zu begegnen, die Verantwortung gegenüber dem Partner und gegenüber neuem Leben bewußtzumachen und weniger von Gefahr und vom Scheitern, als von Gelingen und Freude zu sprechen …

Hoffnung hat sich auch gegen Erschwernisse zu bewähren: die Ehegemeinschaft nicht aufs Spiel setzen; das behinderte Kind annehmen; den alten Menschen nicht abschieben. Besonders ist mit allem Engagement für das ungeborene Leben einzutreten.’ Die Abtreibung als Mittel der Geburtenregelung ist schärfstens abzulehnen.

UNSERE JUGEND GIBT HOFFNUNG, sie braucht aber unser Vertrauen. Wir haben Grund zur Zuversicht, wenn und weil junge Menschen die Frage nach Sinn und Aufgabe des Lebens rückhaltlos stellen und mit halben Antworten nicht vorliebnehmen; über einen wachen Sinn für Wahrhaftigkeit, Glaubwür-’ digkeit und Gerechtigkeit verfügen; Eitelkeit und Heuchelei durchschauen und wohl zu unterscheiden wissen, wann Autorität gerechtfertigt und wann angemaßt ist; Solidarität und Partnerschaft, Geschlechtlichkeit und Zuneigung, Zärtlichkeit und Liebe, Freude und Schmerz tief empfinden und bekunden; aufnahmebereit, lernfähig, begeisterungsfähig, zukunftsfähig für eine gute Sache bedingungslos einstehen; neue Ideen hervorbringen und alte neu entdecken und verwirklichen, mutige Versuche unternehmen, neue Wege erproben, um Form und Ausdruck ringen.

Hoffnungsvoll und glücklich die Kirche, die eine solche Jugend beheimatet! Wenn Jugendliche abseits stehen, liegt dies z. T. an ihnen, häufiger jedoch am Fehlen von Priestern und Laien, die sich ihrer annehmen und ihnen die Kirche erschließen …

SEHNSUCHT NACH FRIEDEN durchzieht die Geschichte der Völker. Mit dem Wachsen der Zerstörungskräfte hat auch diese Sehnsucht zugenommen. Heute kann die Menschheit sich selbst ausrotten. Nie zuvor waren aber auch das Bemühen und der Wille, die Katastrophe zu verhindern, so groß wie heute. Zugleich nimmt die Erkenntnis zu, daß Friede in und zwischen Familien, Kirchen, Parteien, Volksgruppen und Nationen, am Arbeitsplatz und in der Freizeit wachsen muß. Neben der Kirche kommt besonders auch Schulen, Massenmedien und anderen Bildungseinrichtungen eine große Verantwortung für die Förderung der Friedensgesinnung und für den Abbau von Vorurteilen zu …

Friede ist ohne Achtung grundlegender Bürger- und Freiheitsrechte aller Menschen in allen Ländern nicht möglich; wo immer in der Welt Freiheit und Menschenwürde mißachtet werden, ist Friedenspropaganda Lüge. Soziale Gerechtigkeit für alle Völker der Erde ist eine unerläßliche Voraussetzung für Frieden. Daß Milliardenbeträge für Waffen ausgegeben werden, während Millionen Menschen leiden und hungern, ist ein unentschuldbarer Skandal.

Es ist sündhaft, sich mit der gegebenen Situation abzufinden. Unsere Zeit erfordert eine außerordentliche moralische Anstrengung aller Menschen, auf einen Frieden in Freiheit und Gerechtigkeit hinzuwirken und die Regierenden’ zu bedrängen, die Kriegsgefahr einzudämmen und Konflikte mit friedlichen Mitteln, gewaltarm und menschenwürdig auszutragen…

Ein Krieg mit atomaren oder chemischen oder bakteriologischen oder noch „moderneren“ Massenvernichtungswaffen ist himmelschreiendes Unrecht; aber auch Kriege mit „herkömmlichen“ Waffen dürfen nicht verharmlost werden: jeder Krieg ist ein schlimmes Übel: Uber einen schrittweisen umfassenden Abbau aller Rüstungspotentiale in beiden Machtblöcken und in allen Ländern der Erde muß mit ungleich höherem Nachdruck als bisher verhandelt werden. Das militärisch neutrale Österreich bietet Chancen für neue Friedensinitiativen.

Trotz aller Friedensbemühungen bleibt die Gefahr einer Gewaltanwendung bestehen. So wie jedem einzelnen Menschen ist es auch einem Staat erlaubt, sich und andere in angemessener Weise gegen Angriffe zu verteidigen. Österreichs Verteidigungskonzept dient der Sicherung und Unabhängigkeit der Republik, dem Schutz ihrer Menschen und demokratischen Einrichtungen und damit auch der Erhaltung des Friedens. Österreicher in UN- Einheiten helfen mit, den Weltfrieden zu sichern.

Die Gewissensentscheidung für den Zivildienst ist zu achten. Es ist dafür zu sorgen, daß dieser ein sinnvoller Dienst an der Gemeinschaft und am Frieden ist. Die Entwicklung wirksamer Strategien einer waffenlosen Verteidigung als Teil der umfassenden Landesverteidigung ist ebenso anzustreben wie ein systematischer Abbau österreichischer Rüstungsexporte. Auf keinen Fall dürfen solche in Länder erfolgen, die eine andere Verwendung als zur Verteidigung gegen äußere Angreifer befürchten lassen …

ALLE MENSCHEN sind dazu berufen, das Werk der Schöpfung weiterzuführen und die Entwicklung der menschlichen Gemeinschaft mitzugestalten. Dies geht nur mühsam, schrittweise, mit Rückschlägen und über viele Irrwege und Umwege; verbietet Gleichgültigkeit und Resignation, Flucht aus der Wirklichkeit und unkritische Anpassung an sie …

Die Christen sind aufgerufen, sich verstärkt auf den verschiedenen Ebenen am politischen Geschehen zu beteiligen. Gemeinden und Parteien, aber auch Verbände, Vereine, Bürgerinitiativen usw. leben von der Mitwirkung freier Bürger. Das Zusammenleben braucht Menschen, die nicht bloß die eigene persönliche Entfaltung, den privaten Vorteil und die individuelle Nutzen- und Gewinnsteigerung im Auge haben, sondern die hilfs- und opferbereit, liebes- und kontaktfähig, solidarisch, friedfertig, wahrhaftig, unbestechlich, fair, tolerant und pflichtbewußt sind; unser Gesellschaftssystem braucht Personen,

die etwas tun, ohne dafür bezahlt zu werden.

Viele Österreicher empfinden ein Gefühl der Ohnmacht gegenüber Politik, Recht und Staat, klagen über Gesetzesflut, über Bürokratisierung, die Vernachlässigung langfristiger Ziele zugunsten billiger Tagesvorteile, Verschwendung, Privilegien, Parteibuchwirtschaft und Korruption. Um Mißstände zu verhindern, ist die moralische Verantwortung durch institutionelle Reformen und Kontrollen abzusichern. Die Bürger erwarten mehr Mitspra- chemöglichkeit über den Wahlakt hinaus und drängen auf Teilnahme an Sachentscheidungen und auf die Beachtung der Subsidiarität. Durch eine einfache Sprache sollen Politik und Recht wieder verständlicher, menschlicher werden.

Die ethnischen Minderheiten sind aus Österreich nicht wegzudenken. Die Christen gehen bei Bewältigung der Probleme, die aus dem Zusammenleben verschiedensprachiger Volksgruppen entstehen, vom Recht der Volksgruppen auf Erhaltung und Entfaltung aus…

ARBEIT GEHÖRT ZUM MENSCHSEIN. Sie ist Mitwirkung am Schöpfungswerk Gottes unter eigenverantwortlicher Beteiligung des Menschen und eine Form seiner Selbstverwirklichung. Daher hat jeder Mensch ein Recht auf Arbeit und einen Anspruch auf Mitbestimmung von Arbeitsmethoden und -zielen. Andererseits ist jeder, der Arbeit leistet, verpflichtet, die ihm zumutbare Leistung in voller Qualität zu erbringen.

Arbeitslosigkeit bringt schweren seelischen und materiellen Schaden; Sinnverlust, Vereinsamung, Aggressivität oder Apathie, Krankheit, ja Selbstmord sind die niederdrückenden Folgen. Christen müssen in besonderer Weise jenen beistehen, die von Arbeitslosigkeit in einer ohnehin schwächeren Position ereilt werden: Jugendliche, Familienerhalter, Frauen, Behinderte, Gastarbeiter und ältere Arbeitnehmer. Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit erfordert unser aller Anstrengung …

Die berufliche, allgemeinmenschliche und familiäre Lage der Gastarbeiter in Österreich ist härter geworden. Gastarbeiter sind unsere Mitmenschen. Gemeinsam mit ihnen wollen wir die heute besonders aktuellen Probleme einer Lösung näherbringen …

DER SCHÖPFUNGSAUFTRAG, die Erde zu beherrschen (Gen 1,28), darf nicht als Einladung zum Raubbau und zur Ausbeutung mißverstanden werden, sondern schließt die Verantwortung für einen schonenden Umgang mit den Gütern der Erde und mit der gesamten Umwelt ein. Wissenschaft, Medizin und Technik haben viel zum Segen der Menschheit beigetragen. Ihr verantwortlicher Einsatz hilft mit, die großen Probleme der Menschheit heute und morgen zu lösen. Die Angst vor mißbräuchlicher Anwendung der Wissenschaft und vor Verselbständigung der Technik zeigt eine ernste Gefahr an. Die Freiheit des Könnens darf nicht schrankenlos eingesetzt werden. Es ist unmoralisch, die künftigen Generationen mit großen Bürden zu beladen und sie mit Experimenten zu belasten, deren Folgen nicht hinreichend bekannt sind…

DER MENSCH SCHAFFT KULTUR, indem er die Welt und sich selbst gestaltet, indem er durch Sprache, Gesten und vielfältige andere Zeichen und Symbole mit anderen Menschen in lebendiger Kommunikation steht und indem er Kunst hervorbringt, von der Natur abgehobene Schöpfung, Ausdruck größerer Sinnzusammenhänge …

Symbole und Gebärden der festlichen Liturgie strahlen in die Alltagskultur der Pfarren und Familien. Der mit seinen schöpferischen Fähigkeiten ausgestattete, „spielende“, seine biblische „Kindhaftigkeit“ bewahrende Mensch läßt — auch durch Trostlosigkeit und Humorlosigkeit hindurch — Gottes Heilszusage erahnen. Ohne Kultur, ohne Kunst und Phantasie ist die Kirche in j Gefahr, sich auf eine ethisch-politische Leistungsgesellschaft, auf eine moralische Anstalt zu reduzieren.

Kultur konzentriert sich in besonderer Weise in der Kunst. Diese ist kein Luxus, sondern eine Lebensnotwendigkeit; eine verdichtete Wirklichkeit, die es mit Schönheit und Wahrheit zu tun hat. Kunst ist eine der großen Mittlerinnen der Menschheitsfragen von Leben, Liebe, Tod, Gewalt, Unrecht und Schuld.

Die Verkündigung der Frohbotschaft bedarf der ständigen Kon- taktnahme und Auseinandersetzung mit den schöpferischen Kräften, mit Dichtern und Künstlern, und muß die lebendigen Zeichen und Symbole ihrer Zeit aufnehmen.

ALLE SOLLTEN EINS SEIN (Joh 17,21) betete Jesus am Abend vor seinem Tod. Aber der Skandal zerstrittener Christen hat schon die frühe Kirche erschüttert, wovon die Schriften des Neuen Testaments offen Zeugnis ablegen. Nach fast zwei Jahrtausenden leidvoller Erfahrungen gibt es viele Zeichen, daß die christlichen Kirchen und Gemeinschaften zu einer neuen Einheit finden wollen, wenngleich auch neue Spaltungen und Risse sich auftun.

Wenn wir uns einig sind im Kampf gegen Hunger und Armut, wenn biblische Texte und liturgische Gesänge gemeinsam sind, wenn Frauen und Männer verschiedener Konfessionen gemeinsam Ehe wagen, so sollten die Schwierigkeiten bei der Spendung der Sakramente, die ja Zeichen des Heils sind, nicht unüberwindbar bleiben…

Die ökumenische Bewegung sprengt aber bereits die Grenzen des Dialogs innerhalb des Christentums. In Erfüllung der Mahnung des Apostels Paulus „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“ (Röm 11,18) ist uns eine besondere Hochschätzung des Judentums aufgetragen; diese schließt jeglichen Antisemitismus aus.

Der Glaube an den einen Gott und das Bestreben, historische Gegensätze brüderlich zu überwinden, lassen uns Christen das Gespräch auch mit dem Islam suchen. Die großen Religionen Asiens, Hinduismus und Buddhismus, helfen uns, die universale Dimension des Heilswillens Gottes neu zu verstehen…

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