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PROGRAMME UND PLANUNG

Die Einzelinitiative und das freie Spiel des Wettbewerbs können den Erfolg des Entwicklungswerkes nicht sichern. Man darf es nicht darauf ankommen lassen, daß der Reichtum der Reichen und die Stärke der Starken noch größer werden, indem man die Armut der Armen und das Unterdrücktsein der Unterdrückten verewigt und zunehmen läßt. Man braucht Programme, die die Aktionen der einzelnen und der Zwischenorganisationen „ermutigen, anspornen, aufeinander abstimmen, ergänzen und zu einer Einheit bringen35“. Es ist Sache des Staates, hier auszuwählen, die Vorhaben, die Ziele, die Mittel zu bestimmen; an ihm ist es auch, alle an der gemeinsamen Aktion beteiligten Kräfte anzuspornen. Aber er soll Sorge tragen, an solchen Aktionen die Initiativen der einzelnen und der Sozialgebilde zu beteiligen, um die Gefahr einer Kollektivierung oder einer mehr oder weniger zufälligen Planung zu bannen, die, freiheitsfeindlich, die Ausübung grundlegender Rechte der menschlichen Person unmöglich machen.

Jedes Programm zur Steigerung der Produktion hat nur so weit Berechtigung, als es dem Menschen dient. Es ist da, um die Ungleichheiten zurückzuschrauben, Verfemungen zu bekämpfen, den Menschen aus seinen Versklavungen zu befreien, ihn fähig zu machen, in eigener Verantwortung sein materielles Wohl, seinen sittlichen Fortschritt, seine geistige Entfaltung in die Hand zu nehmen. Entwicklung sagen bedeutet, sich um den sozialen Fortschritt genauso kümmern wie um den wirtschaftlichen. Es reicht nicht, den allgemeinen Reichtum ansteigen zu lassen, um dann gleichmäßig zu verteilen. Es reicht nicht, die Technik auszubauen, damit die Erde menschlicher zu bewohnen sei. Die Irrtümer derer, die ihnen voraus sind, sollten die Entwicklungsländer vor den Gefahren auf diesem Gebiet warnen. Die Techno-kratie von morgen kann genauso schwere Fehler begehen wie der Liberalismus von gestern. Wirtschaft und Technik erhalten ihren Sinn erst durch den Menschen, dem sie zu dienen haben. Und der Mensch ist nur in dem Maß wahrer Mensch, als er, Herr seiner Handlungen und Richter über ihren Wert, selbst an seinem Fortschritt arbeitet, in Übereinstimmung mit seiner Natur, die ihm der Schöpfer gegeben hat und zu deren Möglichkeiten und Forderungen er in Freiheit sein Ja sagt.

Man kann sogar sagen, daß das wirtschaftliche Wachstum in erster Linie vom sozialen Fortschritt abhängt. Deshalb ist eine Grundausbildung die erste Stufe eines Entwicklungsplanes. Der Hunger nach Unterricht ist nicht weniger niederdrückend als der Hunger nach Nahrung. Ein Analphabet ist geistig unterentwickelt. Lesen und schreiben können, eine Berufsausbildung erwerben heißt Selbstvertrauen gewinnen und entdecken, daß man zusammen mit anderen vorankommt. Wie Wir schon in Unserer Botschaft an den UNESCO-Kon-greß von Teheran im Jahre 1965 gesagt haben, ist die Erlernung des Alphabets für den Menschen „ein hervorragender Faktor seiner sozialen Eingliederung und seines persönlichen Reichtums, für die Gesellschaft ein bevorzugtes Mittel des wirtschaftlichen Fortschritts und der Entwicklung36“. Deshalb freuen Wir Uns über die gute Arbeit, die auf diesem Gebiet durch Binzelinitiative, öffentliche und internationale Stellen geleistet wird. Sie sind die vordersten Arbeiter an der Entwicklung; denn sie machen den Menschen fähig, zu sich selbst zu kommen.

Der Mensch ist nur er selbst in seiner sozialen Umwelt, in der die Familie die erste Rolle spielt. Diese konnte nach Zeiten und Orten das rechte Maß übersteigen, vor allem dann, wenn sie sich zum Nachteil der grundlegenden Freiheiten des Menschen auswirkte. Oft zu starr und schlecht strukturiert, sind die alten sozialen Verbände in den Entwicklungsländern trotzdem noch eine Zeitlang notwendig und können nur Schritt für Schritt in ihrer überstarken Bindung gelöst werden. Aber die normale Familie, die auf der Einehe beruht und fest begründet ist, die Familie, wie sie nach Gottes Plan sein soll37 und die das Christentum geheiligt hat, muß der Ort bleiben, in dem „verschiedene Generationen zusammenleben und sich gegenseitig helfen, um zu größerer Weisheit zu gelangen und die Rechte der einzelnen Personen mit den anderen Notwendigkeiten des gesellschaftlichen Lebens zu vereinbaren38“.

Es ist richtig, daß zu oft ein schnelles Anwachsen der Bevölkerung für das Entwicklungsproblem eine zusätzliche Schwierigkeit bedeutet; die Bevölkerung wächst schneller als die zur Verfügung stehenden Hilfsmittel, und man gerät sichtlich in einen Engpaß. Dann ist die Versuchung groß, das Anwachsen der Bevölkerung durch radikale Maßnahmen zu bremsen. Der Staat hat zweifellos innerhalb der Grenzen seiner Zuständigkeit das Recht, hier einzugreifen, eine zweckmäßige Aufklärung durchzuführen und geeignete Maßnahmen zu treffen, vorausgesetzt, daß diese in Übereinstimmung mit dem Sittengesetz sind und die Freiheit der Eheleute nicht antasten. Ohne das unabdingbare Recht auf Ehe und Zeugung gibt es keine Würde des Menschen. Die letzte

Entscheidung über die Kinderzahl liegt bei den Eltern. Sie haben es reiflich zu überlegen. Sie müssen die Verantwortung vor Gott übernehmen, vor sich selbst, vor den Kindern, die sie bereits haben, vor der Gemeinschaft, zu der sie gehören, nach ihrem Gewissen, das sie entsprechend dem authentisch interpretierten Gesetz Gottes gebildet haben und im Vertrauen auf ihn stärken39.

In der Arbeit an der Entwicklung wird dem Menschen, der in der Familie seine erste Heimstatt hat, oft von Berufsorganisationen geholfen. Wenn deren Daseinsberechtigung in der Wahrung der Interessen ihrer Mitglieder besteht, dann haben sie eine große Verantwortung vor der erzieherischen Aufgabe, die sie gleichzeitig leisten können und müssen. In ihrer Aufklärungs- und Bildungsarbeit haben sie die große Möglichkeit, in allen den Gemeinsinn und die Verpflichtung ihm gegenüber zu wecken.

Alles soziale Handeln setzt eine Lehre voraus. Der Christ kann kein System annehmen, dem eine materialistische und atheistische Philosophie zugrunde liegt, die weder die Ausrichtung des Menschen auf sein letztes Ziel noch seine Freiheit noch seine Würde als Mensch achtet. Wo jedoch diese Werte sichergestellt sind, ist nichts gegen einen Pluralismus beruflicher und gewerkschaftlicher Organisationen einzuwenden; in mancher Hinsicht ist das sogar nützlich, weil damit die Freiheit geschützt und der Wetteifer angeregt wird. Aufrichtig danken Wir allen, die im selbstlosen Dienst für ihre Brüder arbeiten.

Neben den Berufsorganisationen sind auch Kulturwerke an der Arbeit. Ihre Rolle ist für das Gelingen der Entwicklung nicht weniger wichtig. „Es gerät nämlich“, wie das Konzil mit Nachdruck sagt, „das künftige Geschick der Welt in Gefahr, wenn nicht weisere Menschen auftreten.“ Und es fügt hinzu: „Viele Nationen sind an wirtschaftlichen Gütern verhältnismäßig arm, an Weisheit aber reicher und können den übrigen hervorragende Hilfe leisten40.“ Reich oder arm, jedes Land hat eine Kultur, die es von den Vorfahren übernommen hat: Institutionen für das materielle Leben, Werke geistigen Lebens, künstlerischer, denkerischer, religiöser Art. Sofern sie wahre menschliche Werte darstellen, wäre es ein großer Fehler, sie aufzugeben. Ein Volk, das dazu bereit wäre, verlöre das Beste seiner selbst, es gäbe, um zu leben, den Grund seines Lebens hin. Das Wort Christi: „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber seine Seele verliert41“, gilt auch für die Völker.

Die Versuchung des Materialismus Die armen Völker können sich nie genug vor der Versuchung hüten, die ihnen von den reichen kommt. Diese bieten nur allzuoft neben dem Vorbild ihrer Erfolge im Technischen und Zivilisatorischen das Beispiel eines hauptsächlich auf das materielle Wohl ausgerichteten Handelns. Nicht als ob dieses von sich aus gegen den Geist gerichtet wäre. Im Gegenteil: „Der Geist des Menschen kann sich, von der Versklavung unter die Sachwelt befreit, ungehindert zur Kontemplation und Anbetung des Schöpfers erheben42.“ Aber „die heutige Zivilisation kann oft, zwar nicht von ihrem Wesen her, aber durch ihre einseitige Zuwendung zu den irdischen Wirklichkeiten, den Zugang zu Gott erschweren43“. Die Entwicklungsländer müssen also aus dem, was ihnen angeboten wird, auswählen: kritisch beleuchten und ablehnen die Scheinwerte, die die menschlichen Ideale nur absinken ließen, annehmen dagegen die gesunden und nützlichen Werte, um sie zusammen mit ihren eigenen nach ihrem Verständnis zu entwickeln.

Diesen vollen Humanismus gut es zu entfalten44. Und was ist dies anders als eine umfassende Entwicklung des ganzen Menschen und der ganzen Menschheit? Ein in sich geschlossener Humanismus, der die Augen vor den Werten des Geistes und vor Gott, ihrer Quelle, verschließt, könnte nur scheinbaren Erfolg haben. Gewiß, der Mensch kann die Erde ohne Gott gestalten, aber „ohne Gott kann er sie letzten Endes nur gegen den Menschen formen. Der in sich verschlossene Humanismus ist ein unmenschlicher Humanismus45“. Nur jener Humanismus also ist der wahre, der sich zum Absoluten hin öffnet, in Dank für eine Berufung, die die richtige Auffassung vom menschlichen Leben schenkt. Der Mensch ist in gar keiner Weise letzte Norm der Werte, und er ist nur so viel Mensch, als er, nach einem Wort Pascals, den Menschen unendlich übersteigt46.

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