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Neue Sterne fordern neue Menschen

Wir müssen mit der Technik leben, ja wir müssen uns sogar darauf einrichten, daß der Mensch auf einer Erde, die schon in fünfzig Jahren mindestens das Doppelte ihrer jetzigen Bewohnerschaft zu ernähren haben dürfte, bald in noch viel stärkerem Maße als bisher an die Hilfestellung der Technik appellieren wird. Bedeutet dies nun, daß wir gezwungen sind, allmählich ganz auf unsere Freiheit, Würde und Menschlichkeit zu verzichten? Ein entschlossenes Nein!, wie man es häufig genug hört, genügt da noch nicht. Unbehagen und Protest können aber der Antrieb zu einer kraftvollen Bewältigung der heute noch weitgehend un-gezähmten Technik werden. Dazu gehört zunächst eine möglichst genaue Kenntnis der technischen Welt und ihrer Möglichkeiten, die leider den vorwiegend und ausschließlich humanistisch geschulten Gegnern des „blinden“ Fortschritts abzugehen pflegt.

Der technisch versierte Humanist oder auch der wirklich humanistisch gebildete und fühlende Techniker — wie selten sind sie heute! Wie notwendig wären sie aber gerade in der Gegenwart und der nächsten Zukunft. Nun erst wird es ganz deutlich, wie verhängnisvoll die zuerst an den deutschen Hochschulen vollzogene Trennung des Fachstudiums vom humanistischen Studium war. Dieses deutsche Vorbild ist nach und nach von allen anderen Nationen übernommen worden. Und das Ergebnis kennen wir: Es wurden zwar überall hervorragende Spezialisten erzogen, es wurde der Vertiefung und Verfeinerung des Wissens bis in zahllose Verästelungen der Forschung hinein gedient, aber so wurden — um einen Begriff von Romano Guardini zu gebrauchen — „unvollständige Menschen“ herangezogen, kaum jedoch „ganze Menschen“, die eine Uebersicht über die gesamte geistige Entwicklung ihrer Zeit, geschweige denn Einsicht in die tieferen, stilleren Bezirke des Menschentums besäßen.

Der „ganze Mensch“ ist nun heute nicht mehr nur das Postulat eines hohen Bildungsideals, sondern dringendstes praktisches Bedürfnis gerade für jene Berufe, die wirtschaftlich-technische Entscheidungen zu treffen haben. Denn infolge der durch die Technik bewirkten' erhöhten Verkettung aller Menschen und ihrer Handlungen bringt jede Erfindung, ja sogar jede Neugründung eines Unternehmens über ihren unmittelbaren Zweck hinaus zahllose Nebenwirkungen mit sich, die unbedingt berücksichtigt werden müßten.

Der Bau jeder technischen Anlage durch private oder öffentliche Hand dürfte heutzutage erst nach Einholung von soziologischen, biologischen, meteorologischen, medizinischen, ja sogar psychologischen und ästhetischen Gutachten unternommen werden. Denn eine neue Fabrik, die, wie es heute oft der Fall ist, in bisher bäuerliches Gebiet eindringt, jeder Flug-hafeh, der am Rande einer Stadt tingerichtet oder auch nur umgebaut wird, ziehen zahlreiche Konsequenzen nach sich, die häufig genug zu einer Beeinträchtigung der' ganzen Umgebung und der in ihr lebenden oder jetzt erst einströmenden Bevölkerung führen können. An-

sätze solcher umfassenden Vorausplanung gibt es zwar, aber sie drücken sich bisher, soweit sie überhaupt vorhanden sind, vor allem im Negativen, das heißt in Verboten, aus, die, von einer bürokratischen Stelle meist sehr langsam und in recht schikanöser Weise gehandhabt, umgangen werden, ja umgangen werden müssen, wenn ein Projekt überhaupt verwirklicht werden soll.

*

Was hier not tut — und zwar dringend not tut —, ist ein Geist positiver Zusammenarbeit aller Beteiligten und „Betroffenen“, der aus gemeinsamer Liebe zur eigenen näheren und weiteren Heimat erwachsen müßte. Ein solcher lebendiger Gemeinschaftsgeist, eine solche an den Bürgerstolz der alten Zeiten erinnernde Anteilnahme an den Werken der Gegenwart, ist aber heute fast nirgends mehr zu finden. Wir haben uns damit abgefunden, daß alles, was um uns neu geschaffen wird, ohne unser Zutun, ja meist sogar fast ohne unser Wissen entsteht, und erst nachher, wenn, die neue Fabrik, die neue Siedlung, die neue Verkehrsstraße, der neue Flugplatz bereits bestehen, wenn sie uns durch ihre Lautheit, ihre Abgase, ihre Häßlichkeit zu stören beginnen, werden manchmal Stimmen des Protests laut. Zu spät meist, denn nun müßten Abänderungen unter wirtschaftlichen Opfern erkauft werden, die der private oder öffentliche Unternehmer nicht bringen will.

Wie wenig der durchschnittliche Mensch der Gegenwart sich für seine in dieser Generation entstandene technische Umwelt interessiert, habe ich durch einen kleinen Test herausfinden können, den jeder leicht für sich und seinen Freundeskreis nachmachen kann. Ich fragte jeweils zehn Personen in einer Reihe moderner deutscher Städte, ob sie aus dem Gedächtnis eines oder mehrere berühmte europäische Monumente aufzeichnen könnten. Ohne Schwierigkeiten wußte fast jeder der Befragten Bauwerke, wie Notre-Dame, Big Ben, den Kölner Dom zu fixieren. Nun bat ich die gleichen Menschen, mir irgendein charakteristisches Bauwerk in 300 Meter Umkreis von ihrer eigenen Wohnung oder ihrem Arbeitsplatz zu skizzieren. Das Resultat? In vier bis se;chs von zehn Fällen bekam ich leere Blätter zurück oder solche, auf denen Gebäude, welche die Betreffenden Tag um Tag passieren mußten, nur ganz ungenau abgezeichnet Waren.

Fragt man gar heute den Bewohner einer Großstadt, welche Industriebetriebe in oder am Rande seiner Stadt beheimatet sind, was sie herstellten, ob er gar den einen oder anderen Betrieb schon einmal besucht habe, so bietet sich das Gesamtbild eines erschreckenden Unwissens in bezug auf die eigene Umwelt, die Wohn- und Ärbeitslandschaft unserer täglichen Gegenwart! *

Die Gründe für solche Ignoranz liegen nahe. Da die industrielle Revolution ohne Voraussicht und Uebersicht von rein technisch und nur wirtschaftlich interessierten Spezialisten vorwärtsgetrieben wurde, hat sie es lange nicht für notwendig gehalten, sich um andere Gesichts-

punkte als die der reinen Zweckmäßigkeit und Rentabilität zu kümmern. Dies hat aber zu einer Entfremdung des Arbeitenden zu den Stätten der Arbeit, ja sogar seinen eigenen meist in Hast, ja nach den jeweiligen Fluktuationen der Konjunktur erbauten Wohnstätten geführt.

Hervorstechende Bauten früherer Jahrhunderte waren Repräsentationsbauten oder Gotteshäuser. Selbst Bürgerhäuser wurden nicht als „Zweckgebäude“, sondern als Symbole eigenen Wohlstandes errichtet. Fast alle Schöpfungen des Zeitalters der Technik aber stehen allein unter dem Gebot der Leistungsfähigkeit und des zu erwartenden Profits.

Hier liegt meiner Ansicht nach die Wurzel des Uebels. Die Technik hat den Menschen korrumpiert. Gewiß! Aber hat nicht in noch viel stärkerem Maße der Mensch die Technik „verdorben“, weil er nur viel zu enge, einseitige und daher oft falsche Forderungen an sie stellte, weil er zwar — mit den Worten Norbert Wieners — sein technisch- ss know-how (Wissen-wie), ab nicht sein know-what (Wissen-was) mehr und mehr entwickelte?

Die Technik — das trifft besonders für die

moderne und modernste Art der Technik zu — ist aber - heute viel anpassungsfähiger, viel mobiler geworden. Wir werden mit Hilfe von Atomkraftwerken die Energieversorgung dezentralisieren können, ohne zu sehr an Kohlengruben und Rohstofflager denken zu müssen. Die Fortentwicklung der Elektronenindustrie ermöglicht die Isolierung und Fernlenkung gewisser besonders „menschengefährdender“ Industriebetriebe (aum Beispiel chemischer Werke), die Automatisierung könnte dazu führen, daß einige, von Menschen kaum mehr bewohnte, nur von einigen „Maschinenhirten“ betreute Industriekomplexe einen Großteil unserer Massenproduktion liefern, während die freigesetzten Arbeiter zu Ingenieuren, technischen Planern, „Missionären“ des „sehenden Fortschrittes“ in unterentwickelten Gebieten, ja sogar wieder zu Handwerkern (von Herstellern feinmechanischer Geräte bis zu Anfertigern von „schönen Dingen“ aller Art) werden dürften.

Aber mit der Erwähnung solcher möglicher Zükunftsentwicklungen greife ich eigentlich schon zu weit voraus. Wichtig “erschiene es mir vor allem, erst einmal folgende Frage zu

stellen: ..Wenn es richtig ist, daß die moderne Technik fähig ist, alle ihr, gesteilten Forderungen zu erfüllen, was müßten wir dann von ihr verlangen, um in der Welt der Maschinen Menschen zu bleiben?“

Hier nun muß der Reporter einmal über seine .Funktion des Berichtens hinausgehen und — als Anregung mehr denn als Postulat — eine Reihe solcher Forderungen an die Technik der Zukunft stellen:

2. Die Technik darf die körperliche Gesundheit der Menschen nicht gefährden. (Das bedeutet: Schutz vor Abgasen, radioaktiven Strahlungen, Verschmutzung der Gewässer, Unfallverhütung usw.)

2. Die Technik darf die seelische Gesundheit der Menschen nicht gefährden. (Das bedeutet: Vermeidung von eintöniger Arbeit, Unterstützung der kreativen Antriebe des arbeitenden Menschen, Recht auf Schönheit, Abschaffung der technischen Superwaffen und dadurch Beendigung der schwelenden Katastrophenangst.)

3. Die Technik darf die organische Natur in ihrer Gesamtheit nicht überwuchern. Sie muß sich der Natur, wo immer möglich, einfügen und unterordnen.

Diese Forderungen an die Technik sollten nun allerdings durch eine Reihe von Forderungen an den Menschen ergänzt werden. Denn die schönsten Institutionen nützen nichts, wenn die Menschen, die sie benützen, sie nicht mit eigenem Leben erfüllen können. Es hat zum Beispiel keinen Sinn, für eine Dezentralisierung zu plädieren, wenn die neuen Kleinstädte und „Satellitenstädte“, die dann in einiger Entfernung von den bisherigen Großstädten entstehen, nichts sind als Schlafstädte, ohne jenes wiedererblühende, anregende Gemeinschaftsleben, das vor dem Einbruch des blinden Fort-

schrittes noch in Dörfern und Städten herrschte.

Hier sind einige solcher Forderungen an den. Menschen der Zukunft:

2. Die Erziehung muß den „ganzen Menschen“ anstreben, der zwar seine eigene Spezialität genau kennt, aber darüber hinaus einen Begriff von der Gesamtheit geistiger und künstlerischer Bestrebungen vermittelt erhält, ein Wissen, das er auch als Erwachsener ständig ergänzen sollte.

2. Die Erziehung muß den schöpferischen, aktiven Menschen anstreben an Stelle des passiven, vor allem die Schöpfungen anderer konsumierenden Gegenwartsmenschen.

3. Der Mensch muß vor den Mitmenschen der eigenen Heimat, aber auch den Menschen anderer Nationen Achtung haben.

4. Insbesondere muß der Mensch bindende ethische Grundsätze entwickeln, die ihm den Verzicht auf die Anwendung gewisser unmenschlicher technischer Mittel als oberste Pflicht auferlegen.

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Dieser letzte Punkt erscheint mir nun noch einer besonderen Erläuterung zu bedürfen. Wir stehen an der Schwelle eines Zeitalters der Seelenspaltung. Das heißt, es wird mit Hilfe einer entscheidend fortentwickelten Bio- und Psychotechnik möglich sein, den Menschen ohne sein Wollen, vielleicht sogar ohne sein Wissen allen Zielen zuzuführen, die denen, welche über das notwendige Wissen und die Apparatur derartiger Beeinflussung verfügen, wünschenswert erscheinen.

Diese Ziele, welche die bewußte „Seelenlenkung“ anstreben, müssen an sich keineswegs böser Natur sein. Sie können, wie zum Beispiel der auf diesem Gebiet besonders weit vorgeschrittene amerikanische Spezialpsychologe Skinner in seinem Werke „Waiden Zwei“ ausgeführt hat, durchaus als „positives Anliegen“

beginnen. Erfahrungsgemäß aber wird jeder Mensch oder jede Menschengruppe, in deren Händen 2uviel Macht liegt, allmählich zu Tyrannei getrieben. Solange wir aber keine verpflichtende Ethik besitzen — ich persönlich halte ihre religiöse, übermenschliche Verankerung für unentbehrlich —, die eine derartige Anwendung unmenschlicher Mittel zur Lenkung des Menschen strikt verbieten würde, besteht die Gefahr eines geistigen Mißbrauchs des Menschen durch den Menschen in voller Gewalt. Sie ist vielleicht sogar größer als die Atomgefahr, die ja schließlich „von außen“ kommt und wenigstens theoretisch noch die Flucht offenläßt, während hier das Eigenste und Innerste des Menschen bedroht wird.

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Die hier diskutierten Fragen erscheinen vielleicht angesichts des großen Weltschismas und der ständigen Kriegsdrohung ein wenig unwirklich und fernliegend. Diesem Einwand möchte ich als Berichterstatter, der seit Jahren durch die Welt reist, entgegenhalten, daß in allen Ländern, in denen die Technik sich durchgesetzt hat, dieses Gespräch über den .Fortschritt“ einsetzt, sobald die politischen und wirtschaftlichen Tagesfragen etwas genauer und tiefer untersucht werden. Dabei zeigt es sich: Besonders in der westlichen Welt herrscht heute vielfach eine geradezu eschatologische Katastrophenerwartung, die aus der Verzweiflung an einem immer monströser werdenden, aber scheinbar nicht aufzuhaltenden technischen Fortschritt geboren ist.

Die vorliegenden Zeilen sollen einen Versuch darstellen, dieser Hoffnungslosigkeit entgegenzuwirken und zu zeigen, daß der „blinde Fortschritt“ nicht unser Schicksal sein muß, der „sehende Fortschritt“ aber unsere große Aufgabe sein kanh.

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