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Eine Atempause für unsere Umwelt

1945 1960 1980 2000 2020

Haben wir uns nicht häuslich in der Umweltkrise eingerichtet? Zwischen Atomkraftwerken auch nach Tschernobyl, unter der dank dünnerer Ozonschicht heißer werdenden Sonne, mitten unter giftiger werdenden Insekten und im Bodenozon der Ballungszentren...

1945 1960 1980 2000 2020

Haben wir uns nicht häuslich in der Umweltkrise eingerichtet? Zwischen Atomkraftwerken auch nach Tschernobyl, unter der dank dünnerer Ozonschicht heißer werdenden Sonne, mitten unter giftiger werdenden Insekten und im Bodenozon der Ballungszentren...

Gehören die Jahre, in denen viele ernste Anläufe genommen hatten, umweltbewußter zu leben, nicht schon wieder der Vergangenheit an? Bei vielen beobachte ich Resignation. Auch meine Bemühungen waren schon entschiedener.

Sicher, wir sammeln zu Hause getrennt Bio-Abfälle, Papier, Plastik und Glas (was in unserer kleinen Küche übrigens äußerst beschwerlich ist), bewahren alte Batterien und Medikamente auf, um sie bei halbjährlichen Sondermüllsammlungen abzuliefern ... Dank entsprechender Gesetze geschieht dies jetzt weitverbreitet. Und das bestärkt auch uns in unseren Bemühungen.

So weit, so gut. Schwieriger waren seit jeher die Bemühungen um einen umweltfreundlicheren Lebenssstil, wenn es darum ging, beim Heizen und beim Stromverbrauch zu sparen oder das Auto möglichst wenig zu benützen. Spricht man über solche Anliegen bei Vorträgen oder abendlichen Einladungen, so stellt sich rasch ein Konsens über die Sinnhaftigkeit solcher Maßnahmen ein. Keine Frage: Wir können nicht weiterhin unsere Ressourcen vergeuden, klar!

Aber kaum geht es um die konkrete Verwirklichung im Alltag, wird die Sache schwierig. Wer immer wieder, Heizungen zurück- oder das Licht abdreht („Was soll denn das bringen?”), auf unnötig laufendes Warmwasser hinweist, das Duschen statt des gemütlichen Badens propagiert, geht seinen Mitbewohnern nur allzu rasch auf die Nerven ... In den Familien der Freunde gehe es nicht so mühsam und kleinlich zu, ließen mich meme Töchter im Teenageralter wissen.

Solange von den Werbespots im Fernsehen und von den Plakatwänden fortgesetzt die Einladung zum Genießen des Überflusses ergeht, tut man sich mit der täglich erforderlichen Disziplin schwer. Um einer theoretischen Einsicht willen - und sei sie noch so zutreffend - ändert man kaum seine Lebensgewohnheiten, noch dazu, wenn man keine unmittelbare Notwendigkeit dazu spürt.

Sicher: Es gibt willensstarke Menschen, die aus intellektueller Einsicht einmal gefaßte Entschlüsse auch im Gegenwind durchhalten. Gott sei Dank gibt es sie - auch und gerade unter den Jugendlichen! Aber eine wirklich tiefgreifende Wandlung muß wohl meist tiefer ansetzen.

So ein Ansatzpunkt ist gegeben, wenn zur intellektuellen Einsicht eine persönliche Beziehung hinzutritt. Dann geht es nicht mehr nur darum, einen Grundsatz umzusetzen, sondern das Tun wird sinnvoll dadurch, daß es jemandem zugute kommt. Das bringt einen enormen Motivationsschub.

Wir haben viele Jahre hindurch mit den Kindern während der Fastenzeit das Verzichten geübt. Da wurde ein Programm von möglichen „Leistungen ' aufgestellt und der materielle Gegenwert der jeweiligen Einschränkung festgelegt: Ein Tag ohne Süßigkeit - fünf Schilling; kein Nachtmahl - 20 Schilling, usw...

Jeder war frei in der Wahl seines Programms und der von jedem einzelnen eingesparte Betrag wanderte in eine gemeinsame Kassa. Eltern und Kinder erlebten, daß es Freude macht, um eines selbstgewählten, bejahten Zieles willen, auf liebe Gewohnheiten zu verzichten. Denn es war klar, wozu der erfastete Betrag dienen sollte. Aus einer Liste von Möglichkeiten hatten die Kinder ausgewählt, wem der Betrag zugute kommen sollte. Wichtig war uns dabei immer, daß ein persönlicher Bezug zum Empfänger hergestellt werden konnte.

In diesen Wochen war auf einmal etwas möglich, was ich mit meinen noch so gut informierten Umweltargumentationen nicht hatte erreichen können. Worauf war dies zurückzuführen? Ganz einfach auf die unterschiedliche Motivation. Verzichten erschien bei unserem gemeinsamen Fasten als sinnvolles Geschehen. Es kam konkreten Menschen zugute.

Diese Beziehung ist bei der Umwelterziehung heute relativ schwer herzustellen. Die Zusammenhänge sind zu vielfältig, der Einfluß des einzelnen auf das Gesamtgeschehen erscheint so verschwindend gering, daß sich jeder immer wieder sagen kann:

„Ja, was ändert sich denn schon, wenn ich jetzt mit der Tram statt mit dem Auto fahre? Glauben Sie, daß dann die Straßen weniger verstopft sind?”

Ich würde nicht die ganze Wahrheit unserer Erfahrungen berichten, wenn ich nicht auch erzählte, daß unser durchaus gelungenes Fastenzeit-Modell leider lange schon nicht mehr praktiziert wird. Warum? Weil es schwer ist, langfristig etwas durchzuhalten, was gegen den Zeitgeist steht. Woher soll man auch die Kraft nehmen, gegen die Abnützungserscheinungen, die uns der Alltag zufügt, anzukämpfen? Gute Vorsätze sind bekanntlich rasch gefaßt, aber schwer durchgehalten. Was wäre aber zu einer wirklich tiefgreifenden Veränderung erforderlich?

Dazu eine Überlegung: Der Grund für die Umweltmisere und für unsere erstaunliche Unfähigkeit, auf ganz offensichtliche Alarmsignale richtig zu reagieren, ist zweifellos in der vorherrschenden Weltsicht zu suchen. Wir betrachten die Welt rund um uns nicht als Schöpfung, sondern als Zufallsprodukt, als Ergebnis einer blinden Evolution, die uns ebenso etwas anderes hätte bescheren können. Sogar viele Theologen verdrängen heute die scheinbar von der Wissenschaft widerlegte Schöpfungsgeschichte.

Das hat weitreichende Konsequenzen für unseren Verantwortungssinn. Es fehlt die *Bezugsperson, auf deren Rat wir hören, deren Werk wir bewundern, derzuliebe wir uns zurückhalten könnten.

Der moderne Mensch ist letztlich niemandem Rede und Antwort für sein Tun schuldig. Unsere Gesellschaft setzt sich ihre Regeln nach eigenem Gutdünken. Nach uns die Sintflut. Den nächsten Generationen wird schon etwas einfallen, um mit ihren Problemen zurechtzukommen. Auch wir haben ja schließlich Lösungen gefunden. So oder ähnlich verläuft vielfach die Argumention.

Im allgemeinen Bewußtsein tritt Gott bestenfalls als Auslöser des Urknalls in Erscheinung. Seit damals hat er sich dezent zurückgezogen. Jetzt sind wir Menschen am Ball! Und so mißverstehen wir uns als Neuschöpfer der Welt. Mit diesem Denkmodell habeft wir uns jeglicher Verantwortung entbunden. Wem sollten wir auch Antwort geben, wenn der Zufall unumschränkter Herrscher ist?

Die Umweltproblematik ist aber der unübersehbare Hinweis dafür, daß die Vorstellung, der Mensch sei autonom, ein Irrtum ist. Wir sind nicht Herren der Schöpfung, waren es nie und werden es nie sein. Wir haben planlos am Werk eines Größeren herumgedoktert und sind dabei, sie aus ihrem lebensträchtigen Gleichgewicht zu manövrieren. Aus dieser Misere werden uns keine noch so gut gemeinten Appelle zum Umdenken, zur Bescheidung, zur Berücksichtigung der Systemnotwendigkeiten der Biosphäre herausholen.

Was helfen könnte? Eine geistige Neuausrichtung, die dem Umstand Rechnung trägt, daß die Welt rund um uns das Werk Gottes ist, und die darauf vertraut, daß Gott es gut mit uns meint. Er hat uns die Welt anvertraut und weist uns Wege, sorgsam mit ihr umzugehen.

Auf einem solchen geistigen Hintergrund könnte es zum Entwurf wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Spielregeln kommen, die uns nicht zum fortgesetzten Umbau der wunderbaren Schöpfung an treibten.

Denn es ist höchste Zeit, eine Verschnaufpause für die Schöpfung einzulegen.

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