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Vom heilsamen Fasten

Auf einer kürzlich in Linz veranstalteten Aerztetagung über Altersheilkunde und Fürsorge wurde dem grundlegenden Problem der Art und Zeit des körperlichen Lebensendes nicht die Beachtung gewidmet, die ihm gebührt hätte. Da somatische Geschehen des Alterns und Sterbens stand vielmehr in seinen Ursachen und Vorbeugungsmöglichkeiten nicht zur Diskussion. Man war nur bemüht, diese „unabwendbare und gegebene Tatsache" durch soziale Maßnahmen in beruflicher und gesellschaftlicher Hinsicht genießbarer zu gestalten. Nun sind aber di Lebenserfahrungen der heutigen und der vergangenen Generation gewiß nicht dazu angetan, um durch eine Vogel-Strauß-Politik der Wahrheit auszuweichen, sondern wir wollen, ja wir müssen eine Antwort auf die uns alle sehr nahegehende Frage haben: Können wir unser Lebensende nach Zeit und’ Art beeinflussen?

Jeder denkende Beobachter wird sich diese Frage stellen und um ihre Antwort bemüht sein, da die Eindrücke des heutigen Sterbens zumeist erschütternd sind — trotz oder vielleicht wegen der üblichen Therapie? Bei der Diskrepanz des menschlichen Todes mit der Harmonie in der Natur drängt sich uns unwillkürlich der Gedanke der menschlichen Schuld auf, Warum, ja warum muß gerade der Mensch sein irdisches Dasein so beenden? Wie vielen ist besonders bei vorgerücktem Alter allein schon der Gedanke an den Tod unerträglich! Je näher der Termin dieser letzten Prüfung an uns heranrückt, desto mehr drückt das Gefühl des Unvorbereitetseins und die Sorge, das Versäumte nicht nachholen zu können.

„Was der Mensch sät, das wird er ernten.“ Dieses ethische Axiom ist unserem Bewußtsein eingemeißelt, es gilt heute noch so wie vor Jahrtausenden, obgleich seine notwendigen Folgerungen in unserem praktischen Alltagsleben gleich spärlichen Wasseradern im Sande der Existenzsorgen versickern.

Daß ein genießerischer Schlemmer, ein Koffein-, Nikotin-, Teinsüchtiger, ein Alkoholiker oder gar ein Morphinist schließlich elend verkommen muß, leuchtet uns ein und erregt kaum unser Bedenken; daß wir aber alle selbst, mit wenigen Ausnahmen, durch unsere faul gewordenen Lebens- und Erriährungsgewohnheiten mit in diesen großen materiellen Strudel hineingerissen werden, wollen wir nicht wahrnehmen, gibt’s doch im .Bedarfsfalle eine allmächtige Heilmittelindustrie, deren Vertreter uns die Betäubung als den einzigen und besten Weg aus all dem menschlichen Leid des 20. Jahrhunderts aufzunotigeh versuchen. Von der Verschleierung der Wahrheit durch bewußt falsche ärztliche Prognosen gar nicht zu reden. Es ist der schließ- liche Triumph der Lüge, der treuen und ständigen Begleiterin der irrigen und irreleitenden materiellen Welt- und Lebensanschauung.

Gibt es da überhaupt einen Ausweg?

Noch unter dem Einfluß des größten aller Aerzte stehend, hat die junge christliche Gemeinde häufig gefastet und hat die katholische Kirche ihrer Laienwelt jene weise Vorschrift der 40tägigen Fastenzeit, später des allwöchentlichen Fasttages gegeben. Heute, da wir die wissenschaftliche Wiedergeburt dieser alten Weisheit erleben, wissen wir, wie gut, ja wie notwendig diese Gebote waren und — heute noch sind. Freilich nicht im Zerrbild so weit gehender Abschwächungen, daß sie den eigentlichen Zweck der Reinigung hinfällig machen, sondern in ursprünglicher Strenge und Selbstzucht.

Wem es nun, wie dem Schreiber dieser Zeilen, vergönnt war, in -50jähriger ärztlicher Praxis an Tausenden von Kranken und an sich selbst die Methode der periodischen Fastenkuren und ihren guten Erfolg kennenzulernen, dem mag es einmal gestattet sein, diese wertvollen Erfahrungen gerade in Hinsicht auf das Problem der Altersheilkunde bekanntzugeben und- die daraus resultierende ständige eigene Stoffwechselkontrolle als das einzig mögliche und einzig wirksame Prophylaktikum gegen die allgemein bekannten Altersbeschwerden herauszu- stellen, um so mehr, als sich seine Ansichten in seinem eigenen beschwerdefreien Alter als richtig erwiesen haben (geb. 21. November 18 80).

Die Alterskrankheiten sind ja nicht so sehr notwendige Abnützungserscheinungen aller Organe, wie dies gemeinhin angenommen wird, sondern vielmehr Erscheinungen der bis zum Aeußersten ausgenützten Deponierungsmöglichkeiten der nicht oder nur mangelhaft ausge- sjchiedenen oder durch Medikamente künstlich zurückgehaltenen und verhärteten Stoffwechselreste in den Geweben und Organen des Körpers, der je stärker belastet, das heißt verunreinigt, desto anfälliger schon gegen kleine (n=ulte (Anstrengung, Aufregung, Diätfehler, Witte rungsumschläge und anderes mehr) geworden ist. „Je voller das Häferl, desto leichter geht’s über.“ „Je verschmutzter die Maschine, desto eher ihr Versager." Diese erschöpften Deponierungsmöglichkeiten ergeben nun die uns klinisch, anatomisch und histologisch bekannten Erkrankungen der einzelnen Organe: Arterienverkalkung, Ueberdruck, Herzmuskelschaden, Lungenemphysem. chronische Bronchitis, Obstipation, Gallen-, Leber-, Nierenleiden, das Heer der rheumatischen Erkrankungen und so fort. Mit der Heilung dieser Alterskrankheiten beschäftigen sich die Aerzte aller Richtungen.

Hier handelt es sich aber um die viel wichtigere Vorbeugung. Denn erstens ist sie jedem möglich, und zweitens beinhaltet ihre Erfüllung unsere Lebensaufgabe schlechthin, indem sie unsere Aufmerksamkeit nach innen lenkt, Selbstkontrolle verlangt, tägliche Ueberprüfung unserer Handlungen und deren Folgen, unserer Leidenschaften und unseres Verhaltens ihnen gegenüber, kurzerhand unseres Gewissens, das ja nicht nur unsere sittlichen, sondern auch unsere körperlichen Fehltritte meldet, indem es jede Störung der körperlichen Harmonie mit Unbehagen, Depressionen, Müdigkeit, Freudlosigkeit, ja oft genug auch mit Schmerzen beantwortet. Daß wir mit zunehmendem Alter an jugendlichem Feuer, an jugendlicher Empfänglichkeit und Beweglichkeit einbüßen, scheint uns natürlich und selbstverständlich, erst der nach einer Fastenzeit gereinigte Organismus klärt uns darüber auf, daß der Verlust unsere eigene Schuld ist, durch Fehler verursacht und jenes verlorengegangene schönere Leben wieder erobert werden kann, und zwar am einfachsten, raschesten und billigsten durch Fastenzeiten, die aber nicht nur einmal, aus Interesse, Neugierde, Sensation oder Eitelkeit, sondern alljährlich, aus wohlüberlegter Lebensökonomie, aus physischen und psychisc he n Gründen durchgeführt werden sollen. Freilich gehört hierzu Wille, Einsicht und Geduld. Aber können wir im Leben etwas ohne diese Tugenden erreichen? Kein Unternehmen, keine sportliche Leistung, keine künstlerische Virtuosität gedeiht ohne sie. Und jeder, der auf diesem Gebiet Erfahrungen gesammelt hat, wird es bestätigen; daß keine kön- jeqtiente BeHerrschimgstechhik der Materie so interessant, so erfolgreich und so weitreichend ist wie die Reinigung, Reinerhaltung und ständige Verfeinerung unserer körperlichen Behausung. Es gibt natürlich auch hier falsche, einseitige und fanatische Methoden, das beweisen uns die verschiedenen Ernährungsapostel und ihre verkrampfte Anhängerschaft. Es thront aber auch hier das Gewissen, jener ins Bewußtsein geborene feine Instinkt, der uns die jeweiligen körperlichen und seelischen Notwendigkeiten durch den mehr oder minder guten Kontakt mit dem schöpferischen Geist vermittelt. So bewerten wir heute mit Bewunderung jene weise kirchliche Vorschrift der jährlichen 40tägigen

Fastenzeit und des wöchentlichen Fasttages, die ohne weitere Ernährungsverbote doch für das natürliche und gottverbundene Leben das Richtige getroffen hat. Sie überläßt von den 52 Jahreswochen zwölf den Fastenvorschriften und 40 dem gesunden Instinkt, und ermöglicht so dem Lebensstil die richtige Entwicklung. Denn die Einhaltung der ursprünglich strengen Fastengebote in der vorgeschriebenen Dauer beinhaltet eine derartige jährliche, ja sogar wöchentliche körperliche und charakterliche Korrektur des ganzen menschlichen Wesens, daß es tatsächlich nur der Einhaltung dieser Vorschriften bedarf, um den Menschen an seine bessere Natur, das heißt an Gott, zu binden. Und gerade diese Bindung ist nicht nur die beste Prophylaxe für das Alter, indem sie alljährlich eine Generalreinigung durchführt, diese durch den wöchentlichen Fasttag zu erhalten versucht, indem sie die durch Fehler angesammelten Rückstände immer wieder beseitigt, eine Deponierung, die sogenannte latente Krankheit, dadurch nicht aufkommen läßt, sondern auf diesem Wege die Einheitlichkeit des Menschen gewährleistet. Und das ist es, worauf es in unserem Leben überhaupt ankommt. Die mit der fortschreitenden Genußsucht erlassenen Fastenerleichterungen und dadurch weiter bedingte allgemeine Zunahme der Erkrankungen, die wiederum zumeist nicht im Sinne der Natur, sondern einer symptomatischen Rasch-rasch- Therapie mit Dämpfung und Betäubung behandelt wurde, hat die heute in Blüte stehende Spaltung des Menschen begünstigt. Dabei ist zu bedenken, daß körperliche Schäden charakterlich ihre Schatten schon Jahre, ja Jahrzehnte voraus werfen. Heuchelei, Schcinheiligkeit, Lieblosigkeit bleibt den Hausgenossen aber nicht verborgen, v/enn s e sich noch so sehr hinter Frömmelei, gesellschaftlichen Schliff und Ele ganz zu verbergen sucht. Redensarten wie: „Menschen sind wir alle" oder: „Fehler haben wir alle“ oder: „Das macht man heute allgemein so“, sind recht schön und deuten auf eine gewisse duldsame und friedfertige Schwäche, vielleicht sogar auf reuige Selbstkenntnis, bessern aber den tatsächlichen Uebelstand nicht, so lange wir nicht wieder das jährliche gründliche Reinemachen, das heißt die strengen Fastenzeiten einhalten, die allein die Brutstätten' der Krankheitskeime und moralischen Entartung beseitigen. Von besonderer Wichtigkeit ist hierbei, daß die Fastengebote sich nicht nur auf die tierischen Nahrungsprodukte und die einmalige tägliche Sättigung, sondern ohne Ausnahme auch auf die gewohnten Genußmittel, jene Kraftblender und Gesundheitstäuscher zu erstrecken haben, die heute noch vielfach unbewußt dem einzelnen seinen Krankheitszustand verschleiern,' indem sie die in den verschiedenen Krankheitsherden lagernden Rückstände niederhalten, das heißt sie aus dem Säftekreislauf dahin abdrängen und dadurch eine flotte Zirkulation, also Gesundheit und Wohlbefinden kurzfristig und scheinbar ermöglichen. Wir sehen den Alkoholiker, den Nikotin-, Koffein-, Tein-, ja auch den Medizinsüchtigen bei Entzug der gewohnten Gleichgewichtsstützen explodieren, das heißt in die Kehrseite seines Wesens ausarten, sofern er nicht den gewohnten Reiz mit anderen Diätfehlern (Vielessen, übermäßiger Zuckergenuß) oder neuen, anderen „unschädlichen“ Medikamenten ersetzt.

Aus dem Gesagten geht hervor, daß die Beseitigung der Altersbeschwerden in der Prophylaxe, und zwar in der ständigen Stoffwechselkontrolle gipfelt. Sie erfüllt die zwei grundlegenden Forderungen: Gesundheit und Verinnerlichung. Beide gehen mit der Vergeistigung unserer Genüsse Hand in Hand und schalten uns in das große allgemein gültige Gesetz der Dematerialisation ein, das heißt sie verwandeln unsere Empfindungsdominante, und zwar den Zeugungswillen in den Schöpfungswillen und den zur tätigen Liebe.

Die anfangs gestellte Frage nach der Möglichkeit der Beeinflussung unserer Lebensdauer und Todesart ist daher zu bejahen. „Gott hilft dem, der sich selbst hilft", sagt das Sprichwort, „Wer immer strebend sich bemüht, den wollen wir erlösen", läßt Goethe die Götter sprechen. Und Christus gibt die Krone des Lebens dem, der überwindet. Jedenfalls wollen wir die zwölf törichten Jungfrauen nicht zum Vorbild nehmen und an uns und für andere arbeiten, so lange es Gottes Wille ist.

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