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Medizin ohne Menschlichkeit ?

1945 1960 1980 2000 2020

Prof. Ringel übernahm jüngst den neuen Lehrstuhl für medizinische Psychologie der Universität Wien und sagte dabei viel Grundsätzliches. Die FURCHE bringt Auszüge:

1945 1960 1980 2000 2020

Prof. Ringel übernahm jüngst den neuen Lehrstuhl für medizinische Psychologie der Universität Wien und sagte dabei viel Grundsätzliches. Die FURCHE bringt Auszüge:

Wenn ein Mensch Schmerzen hat und wir finden keine Ursache dafür, gibfes erstens einmal die Möglichkeit, daß alle unsere Methoden, so gut sie auch geworden sind, noch immer die Ursache nicht finden; dann gibt es zweitens die Möglichkeit, daß es sich hier um einen seelischen Schmerz handelt, der sich im Körperlichen ausdrückt (heute sehr oft vorkommend) und schließlich drittens die (seltene) Möglichkeit, daß er diesen Schmerz simuliert.

Welche „Flucht in die Krankheit" aber immer vorliegen mag, wir müßten doch verstehen, daß ein Mensch darunter leidet, und vor allem: wie quälend muß da die seelische Verfassung sein, daß die Krankheit immer noch als „Lösung" gewählt wird?

Auf alle Fälle bleibt also ein seelischer Notstand enthalten, den man mit einer „sachlichen Einstellung" nie wird erfassen können. Nicht nur der Patient wird aber durch Objektivität versachlicht, auch der Arzt: wird er doch damit aufgefordert, jede persönliche Reaktion zu vermeiden (=„kühle Sachlichkeit") ...

Von der emotionalen Reaktion des Menschen bleibt der Verlauf jeder Krankheit abhängig. Denn mit aller Vorsicht darf heute gesagt werden, daß es kaum tödliche Erkrankungen in zwingendem Sinn gibt, sondern daß der tragische Ausgang wesentlich durch eine bestimmte Antwort des Menschen auf seine Krankheit zustandekommt.

Ich zitiere Peter Altenberg, der als Patient genug Gelegenheit hatte zu beobachten, wie Ärzte an der subjektiven Wirklichkeit des Patienten vorbeigehen:

„Das Sanatorium hat gar keinen Wert, da kein einziger Arzt das wissenschaftlich-menschenfreundliche Interesse hat, den Individualfall eines besonderen Kranken gleichsam als eine neue bisher unbekannte Welt zu studieren und selbst daran erst zu lernen .... Äußerste Interesselosigkeit für den merkwürdig komplizierten Individualfall ist fast seine eigentlichste wissenschaftliche Lebensdevise. Jeder hält sich für besonders erkrankt, na, das wollen wir ihm baldigst austreiben .. .

Ich glaube, daß es sich hier und bei jeder Uniformierung um eine Entwürdigung des Patienten handelt, und muß als Inhaber dieser Lehrkanzel, der mit verantwortlich sein wird für eine verbesserte Arzt-Patienten-Beziehung, eine weitere Frage stellen:

Ist es nicht so, daß die Menschen in diesem Lande sich ihrer Krankheit schämen? Die psychisch Kranken auf alle Fälle, denn die sind degradiert, aber auch die körperlich Kranken zittern. Und ist das nicht mit unser Werk, weil wir eben in irgendeiner Weise den Kranken persönlich entwürdigt und herabgesetzt haben?

Der Arzt fürchtet sich aber auch vor seiner eigenen Erkrankung, erlebt diese als Degradierung. Lassen Sie mich an dieser Stelle mich selber in diese Vorlesung einbringen:

Da ich 1959 eine Krankheit bekommen habe, die man nicht verbergen kann, weil ich eben schlecht und schwer gehe, habe ich harte seelische Kämpfe mitgemacht, war von dem Gefühl beherrscht, nicht mehr für voll genommen, für größere Aufgaben nicht berufen zu werden.

Dann habe ich in mühsamer Arbeit gelernt, daß es nicht auf die Krankheit ankommt, sondern darauf, was man aus dieser Krankheit macht, wie man sie erlebt; und ich habe dann schließlich entdeckt, daß diese Krankheit in gewissem Sinne für mich eine Gnade ist, weil sie mein Persönlichkeitswachstum gefördert hat, weil ich — so will es mir heute scheinen — erst richtig zu „gehen" begonnen habe, als ich nicht mehr gehen konnte, weil ich für meine Patienten glaubwürdiger und damit mein Kontakt zu ihnen einfach besser wurde.

Ich komme jetzt zu einem wichtigen Punkt, ich höre nämlich bei gewissen Kollegen und Wissenschaftern schon die Frage: also ist medizinische Psychologie nur Menschlichkeit?

Erstens einmal gefällt mir dieses „Nur" nicht. Wenn ich mit Theologen spreche und sage, die Humanität ist wichtig, dann sagen die: „nur human"?

Und darum möchte ich klarstellen: Christentum ist mehr als Humanität, Medizin ist mehr als nur Humanität. Aber beide sind meiner tiefsten Uberzeugung nach ohne Humanität nicht denkbar ...

Ich will aber sagen, daß die Menschlichkeit in sehr engen Beziehungen zur Wissenschaft steht. Erstens wissen wir heute — obwohl Menschlichkeit natürlich nicht machbar ist, ich würde sagen, Gott sei Dank — einiges von den Bedingungen, unter denen man sich menschlich entwickeln kann, und jenen,unter denen eine solche Entwicklung sehr erschwert ist.

Wir wissen heute wissenschaftlich, daß die Selbsterkenntnis, das Sich-selbst-in-Frage-Stellen, die Konfrontation mit der eigenen Person, die Bewußtseinserweiterung eine wesentliche Voraussetzung der Menschlichkeit ist...

Menschlichkeit, wenn wir zuerst intensiv bei uns selber um sie ringen, wenn wir Bedingungen erforschen, unter denen sie sich entfalten kann und für die Durchsetzung dieser Bedingungen psycho-hygienisch kämpfen, bedarf aber auch eines spezifischen Weges, wie sie im Rahmen der medizinischen Praxis durchgesetzt werden kann: für mich ist dieser Weg vor allem der Dialog, das partner-schaf tliche Gespräch. Ohne dieses Gespräch ist medizinische Psychologie nicht verwirklichbar.

Ich habe davon gesprochen, daß die subjektive Wirklichkeit des Patienten, dieser sträflich vernachlässigte Faktor, jeden Krankheitsverlauf entscheidend zu beeinflussen vermag. Nun müssen wir einen Schritt weiter gehen und einsehen, daß in bestimmten Fällen diese subjektive Wirklichkeit die Krankheit erst erzeugt.

Es gibt eben Krankheiten, die eindeutigerweise unter psychischem Einfluß entstehen und die wir deshalb die psychosomatischen Erkrankungen nennen. Es handelt sich dabei keineswegs um theoretische Phantastereien, sondern die Psychosomatik baut auf medizinisch belegbaren Faktoren auf...

Eine adäquate Behandlung besteht nicht nur in Injektionen, besteht nicht nur, wie uns eine Industrie — die auf anderen Gebieten, z.B. mit den Antidepressiva, Hervorragendes leistet — glauben lassen will, in der Verabreichung von Psychopharmaka (wir entängstigen und beruhigen damit zwar, halten aber dem Menschen, der mit seiner psychosomatischen Krankheit um Hilfe schreit, mit diesen Medikamenten den Mund zu, statt an die seelische Ursache heranzukommen und zu versuchen, sie zu beseitigen), sondern auch in einer adäquaten Psychotherapie.

Daher glaube ich, daß wir ein Unrecht gutzumachen haben, das die Betroffenen leider noch nicht im ganzen Umfang erfassen. Weil sie noch nicht mündig genug geworden sind, um diese Sache zu ihrer zu machen und sich mit ihren Forderungen durchzusetzen, müssen eben wir es tun.

Ein nächster Punkt: Wer glaubt, Pathogenese erforschen zu können, mit Rattenversuchen, und unter dem Mikroskop allein, wer so monokausal denkt, wer es wagt, die sozialen Faktoren aus der Pathogenese auszuschalten, der treibt eigentlich das, was Mit-scherlich in anderem Zusammenhang „Medizin ohne Menschlichkeit" genannt hat.

Die Umwelt ist ein entscheidender pathogener Faktor, und wir müssen wissenschaftlich, prophylaktisch und therapeutisch an diesen Faktor herankommen. Man denke nur an unsere Arbeitswelt: wir haben jetzt gehört, daß Menschen in zunehmendem Maß von ihrem Arbeitsplatz fernbleiben, und je nach weltanschaulicher Einstellung haben die einen gesagt, das seien alles „Tachinie-rer", und die anderen haben gesagt, das seien lauter Menschen, die sich an ihrem Arbeitsplatz todunglücklich fühlen.

Ich glaube, daß, wie so oft, beide Extreme Übertreibungen darstellen; aber daß heute unsere Arbeitsplätze nicht nur mit somatisch belastenden Faktoren verbunden sind, die immer wieder von denen mit Intensität untersucht werden, die damit ihre mangelnde Bereitschaft übertünchen wollen, auf das Psychische einzugehen, sondern auch mit entwürdigenden seelischen Umständen, das dürfte feststehen. Und daß man erst dann von Arbeitsmedizin und sozialer Medizin sprechen wird können, wenn dies alles berücksichtigt wird!

Ich halte diesen Vortrag in unmittelbarer Nähe des neuen Allgemeinen Krankenhauses, welches seit längerer Zeit tagtäglich aus politischen Gründen in den Zeitungen verteufelt wird. Dort aber werden Menschen arbeiten müssen, andere sollen dort gesund werden, manche werden in diesen Räumen sterben müssen — kurz und gut, wir können es als verantwortungsbewußte Ärzte mit dieser Verteuf elung nicht das Bewenden haben lassen. Ich zitiere:

„Das Krankenhaus wird zur Fabrik, die Klinik zur Maschinenhalle, der Arzt zum Techniker, die Schwester zur Fließbandmanipu-lantin und alle werden zum Material. Die Türme des Ubermuts überschatten eine Gesellschaft. Der, um den es eigentlich gehen sollte, der einzelne, der Mensch, der Nächste, wird vom Mittelpunkt zum Mittel, das den Zweck heiligt."

Den Ausdruck „Türme des Ubermuts" würde ich ablehnen; es handelt sich aber um ein Gebäude, das uns mit seinem Umfang, mit seinen Arbeitsbedingungen zweifellos vor große Probleme stellt. Und es wird der größten Anstrengungen der Besten von uns bedürfen, um daraus das Beste zu machen!...

Zum Schluß möchte ich um den Segen Gottes für dieses Werk bitten. Und ich will es tun mit den Worten von Friedrich Torberg, den ich meinen Freund nennen durfte: „Der ich dich nie gewinne, der ich dich niö verlier', sei, daß ich neu beginne, sei mir noch einmal inne, versuch's noch einmal, Herr, mit mir!"

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