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Zuwenig Verständnis für psychisch Kranke

„Der Herr Primarius kommt in einer viertel Stunde, Fräulein, nehmen Sie einstweilen hier Platz. Er ist ja so nett, der Herr Primarius, Sie werden es selbst sehen. Auch zu mir ist er so nett Manchmal legt er mir den Arm um die Schulter und sagt: ,Sie sind meine rechte Hand, Frau K. Ich bin sehr mit Ihnen zufrieden.“ Wissen Sie, das brauche ich mehr als eine Bonboniere, ein gutes Wort ist für mich wichtiger als etwas Süßes.“

Frau K. ist eine Patientin in einer psychiatrischen Klinik; sie leistet dort kleine Büro- und Botendienste. Eigentlich sieht man ihr die Krankheit gar nicht an. Sie schaut aus wie eine Durchschnittsfrau in den Fünfzigern. Sie macht auch keinen traurigen oder abwesenden Eindruck, eher einen hektischen, der sich während des Gesprächs noch vertieft.

„Ich bin schon über zwanzig Jahre hier in dieser Anstalt“, sprudelt sie weiter. „Es war ein schwerer Schicksalsschlag, ich möchte aber nicht darüber sprechen, denn dann werde ich wieder depressiv. Und deshalb darf ich auch nicht nach Hause. Wenn ich allein bin, dann denke ich über mein Leben nach und werde traurig. Einmal habe ich auch schon den Gashahn aufgedreht“, flüstert sie in verschwörerischem Ton unter der vorgehaltenen Hand“, aber das weiß der Herr Primarius gar nicht. Es hat mir aber zu lange gedauert und da habe ich den Hahn wieder abgedreht. Wenn meine Schwester in Pension geht, dann nimmt sie mich mit hinaus, aber bis j dahin werde ich hier bleiben. Ich helfe ; den Schwestern ein bißchen.“

Sie sagt das alles sehr munter, lacht viel, vielleicht sogar zuviel und macht so ganz den Eindruck, als sei sie gerne dort. Dort ist sie nicht allein, dort muß sie nicht nachdenken, dort ist sie nicht depressiv. Sie will nicht weg. Sie kann auch nicht weg, denn sie ist eine von den Patienten, die ständig in einer psychiatrischen Anstalt oder immer unter Aufsicht bleiben müssen. Das mit dem Gashahn weiß ihr Arzt schon längst.

Frau K. ist eine von den 12.000 psychisch Kranken, die in österreichischen Nervenanstalten interniert sind, ein geringer Prozentsatz, wenn man bedenkt, daß mehr als 24.000 Österreicher jährlich in psychiatrische Stationen aufgenommen werden müssen und ein noch viel größerer Teil in ambulanter Behandlung steht. Sie gehört sozusagen zur Minderheit, denn der Großteil psychisch Erkrankter, der auf einer psychiatrischen Station seine akute Therapie durchmacht, ist im Vollzüge dieser Behandlung in wenigen Wochen wieder soweit hergestellt, daß einer Entlassung nichts mehr im Wege steht. Dann ist zwar die akute Krise unter Kontrolle gebracht, die persönlichen Probleme aber sind keinesfalls gelöst.

Kehrt der Kranke in eine intakte Famüie zurück oder hat er Verwandte oder Freunde, die sich um ihn kümmern, geht die Wiedereingliederung in den normalen Lebenslauf relativ rasch und ohne größere Komplikationen vor sich. Schlecht ist es, wenn er allein oder in trostlosen Verhältnissen lebt.

Am häufigsten sind Menschen in der zweiten Hälfte ihres Lebens gefährdet, in eine psychische Krise zu kommen. Es ist eine kritische Altersstufe, in der es vielen schon schwerfallt, Kontakte zu schaffen. Menschen, die auf einen bestimmten Partner konzentriert sind, sind besonders stark betroffen, wenn diese Beziehung versagt, in Krisen gerät oder durch den Tod auseinandergerissen wird.

So etwa, wie es Frau M. ergangen ist. Sie ist eine noch immer attraktive Frau, Ende Fünfzig. Sie erzählt, mit ruhiger Stimme, wie und weshalb sie vor sieben Jahren in einem hochgradigen Erregungszustand in eine psychiatrische Klinik eingeliefert wurde. Kurz vorher hatte sie ihr Mann nach dreißig glücklichen Ehejahren wegen einer anderen Frau verlassen. Dieser Gesinnungswandel war für sie so plötzlich gekommen, daß sie diese neue Situation nicht bewältigen konnte. Sie verstrickte sich immer mehr in den Gedanken, daß rund um sie Intrigen gesponnen würden, die nur den einen Zweck hätten, ihre Ehe zu zerstören.

„Dabei spann ich Gedanken, die zu Gesprächen wurden - Halluzinationen nennen die Mediziner das - mit denen ich in eine Art Verbindung mit meinem Mann treten konnte, ohne daß er aber wirklich hier gewesen wäre“, erzählt sie resigniert. Ihre Trugbilder führten zu Komplikationen mit ihrer Umwelt, so daß sie in psychiatrische Behandlung kam. Zwar konnte ihr akuter Zustand mit psychotherapeutischen Mitteln wieder rasch normalisiert werden, doch ließ sie trotzdem die Vorstellung nicht los, daß ihr Mann nur sie liebe und es nur darauf ankommen müßte, ihn zu finden und ihm den Zugang zu ihr wieder zu ermögli-

chen. Das lehnte er aber ab, zumal aus seiner neuen Verbindung bereits ein Kind hervorgegangen war. Unter diesen Umständen war natürlich an eine Entlassung der Patientin nicht zu denken, bis sie sich auf Anraten der Ärzte um eine Pflegschaftshelferin bemüh- te.

Zu diesem Zweck wandte sie sich an die Organisation „Pro Mente Infirmis“ (PM3), eine Gesellschaft zum Schutze psychisch Behinderter. Diese Gesellschaft hatte vor einiger Zeit die .Aktion Pflegschaftshilfe“ ins Leben gerufen, um damit eine Betreuungsform für entlassene Patienten aus psychiatrischen Anstalten zu sichern. Im Zug dieser Aktion werden an der Wiener Urania Laienhelfer zu Pflegern ausgebildet. Der Kurs dauert ein Semester. Es werden dort unter Führung bewährter Fachkräfte die Interessenten und zukünftigen Helfer mit den verschiedenen psychischen Krankheiten und auch mit den persönlichen Verhältnissen der Kranken vertraut gemacht. Sie werden in den Alarmzeichen unterrichtet, die es notwendig machen können, unter Umständen sofort einen Fachmann zu Rate zu ziehen. Erst nach einer Abschlußprüfung kann der Pflegschaftshelfer aktiv werden. Für auftauchende Probleme stehen ihm jederzeit zwei fachliche Hilfen zur Verfügung, und einmal im Monat gibt es eine Teamsitzung, bei der Schwierigkeiten besprochen werden.

In Wien gibt es vier Beratungsstellen des Referates Psychohygiene, die mit Fachkräften ausgerüstet sind und die immer, wenn eine Frage aufgetaucht ist, angesprochen werden können. An sie kann sich nicht nur der Helfer wenden, sondern auch der Schützling hat dort Gelegenheit, mit einem Facharzt über seine Probleme zu sprechen.

Im Fall von Frau M. wurde eine Helferin gewählt, eine junge Musikstudentin, die wie eine Tochter zu ihr steht. Die junge Dame packte ihre Betreuungsaufgabe auch gleich recht geschickt an, sie schloß mit der Kranken schnell Kontakt, bezog sie vollkommen in ihr musikalisches Denken und Fühlen ein, eröffnete ihr auf dieser

Ebene neue Quellen und Interessen und half ihr, ihren U rlaub von der Klinik gewinnbringend auszunutzen und zu genießen. Frau M. machte auch so große Fortschritte, daß bereits nach sechs Monaten ihr e Urlaube in eine Ent- lassung umgewandelt werden konnten. Die Studentin betreute sie dann noch zwei Jahre lang, und während dieser Zeit gelang es Frau M., sich wieder voll in die Gesellschaft einzuglie- dem - sie nahm auch wieder ihren Beruf auf - so daß sich die Helferin schließlich ganz zurückziehen konnte.

Wie man sieht, stünden die Heilungschancen oft gut, aber leider stellen sie trotzdem immer noch für viele Menschen eben nur eine theoretische Chance dar, weil sie gar nicht wissen, daß sie in einer psychischen Krise stecken. Darüber hinaus bremst der finanzielle Aspekt, da die psychotherapeutische Behandlung von den Krankenkassen nicht voll anerkannt wird.

Die Zahl der Psychotherapeuten in Österreich, und da hauptsächlich in den ländlichen Gebieten, ist viel zu gering. Deshalb ist und bleibt für den Vorstand der psychosomatischen Abteilung im Allgemeinen Krankenhaus, Prof. Dr. Erwin Ringel, die Prophylaxe ein Hauptpunkt Wie er sagt, ist ein Großteil der psychischen Konflikte auf die Kindheit zurückzuführen. Darum sollte man alles versuchen, um die Kindheitsbedingungen, die dann die Behinderungen hervorrufen, zu beeinflussen.

Aber auch die Einstellung des Österreichers zur psychischen Krankheit ist ein Kapitel für sich. Er steht zwar durchaus modern und progressiv denkend auf dem Standpunkt, daß man die Freiheit des einzelnen nicht einschränken dürfe; er macht aber umgekehrt der Psychiatrie schnell Vorwürfe, wenn ein psychisch Behinderter zu früh entlassen wird oder auf irgendeine Weise andere gefährdet. Auch dem Kranken gegenüber hat der Großteil der österreichischen Bevölkerung ein gestörtes Verhältnis.

Das sind einige der Gründe, weshalb Prof. Ringel Österreich als „zurückgebliebenes Land“ bezeichnet, obwohl hier Sigmund Freud, Victor Adler oder Julius Wagner-Jauregg als Vorkämpfer der Psychiatrie wirkten, nicht nur Diagnosen gestellt und neue Erkenntnisse gebracht, sondern auch neue therapeutische Wege gezeigt haben.

Schon allein die Tatsache, daß zwischen Psychisch-gesund und Psychisch-behindert fließende Übergänge bestehen, zeigt, wie wichtig es ist, die bestehenden Möglichkeiten der psychiatrischen Hilfe voll auszunützen, gerade weil genügend Mittel zur Hilfe bereitstehen. Man muß nur wissen, wie man sie verwendet.

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