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Die Turen sind nicht versperrt

ZWEI ZIFFERN, DIE ZU DENKEN GEBEN: in Österreich nimmt die Zuwachsrate psychisch gestörter Kinder jährlich um 3 Prozent zu; eine deutsche Sozialversicherungsanstalt mit 6 Millionen Mitgliedern mußte ihre Leistungen auf dem Sektor Geistige Schäden innerhalb eines Jahres von 8,9 auf 11,4 Prozent des Gesamtbudgets steigern. Solche Nachrichten deuten darauf hin, daß unsere Zivilisation Milieuveränderungen bewirkt, mit denen die Anpassungsfähigkeit des einzelnen wie der Sozietäten nicht Schritt halten kann. Was Größe und Genie des Menschen auf der einen Seite an förmlich explosionsartig erscheinenden Erfolgen vor allem im Bereich der Naturwissenschaften und der Technik zustandebrachten, erweist zugleich dessen Anfälligkeit und Gefährdung, sobald es darum geht, die unübersehbare Vielzahl der Errungenschaften, die bis ins intimste Denken und Fühlen des einzelnen wirken, lebens- und gemeinschaftsgerecht zu assimilieren.

Man wird die obigen Zahlen nicht dramatisieren, da es sich vermutlich um relativ kurzfristige Trends handelt, jedoch für deren Auffangen rechtzeitig Vorsorgen. Diesbezüglich sind die tiefgreifenden Wandlungen, die die Psychiatrie im Lauf des letzten Viertel Jahrhunderts erlebte und die auf die Eroberung sowohl völlig neuer Gesichtspunkte gegenüber den Psychosen (Geisteskrankheiten im engeren Sinn) und Neurosen hinauslaufen wie auf den Gewinn eines von vielen Einseitigkeiten der jüngsten Vergangenheit befreiten, größeren Menschenbilds von hervorragender Bedeutung. Dazu haben die Wiener Schule (die auch heute an der Psychiatrisch-Neurologischen Universitätsklinik — Vorstand Professor Dr. Hoff — international wichtige Ergebnisse zeitigt) mit den Erkenntnissen Freuds und Adlers ebenso wie unter anderen die Lehren Jungs über die Selbstentfaltung der Persönlichkeit entscheidend beigetragen.

DIE „SCHLANGENGRUBE“ ALS KERKER mit einer Belegschaft zahlreicher „Lebenslänglicher“ bezeichnete einen Tiefstand noch in der Zwischenkriegszeit, begleitet von archaischen Angstkomplexen der Bevölkerung einschließlich der nächsten Angehörigen, wobei auch die Geheilten als prädestinierte Gewalt-und Triebverbrecher eingestuft wurden, während die Kriminalstatistik beweist, daß deren Anteil an der Kriminalität mit jenem der Durchschnittsbevölkerung völlig übereinstimmt.

Wer dagegen heute eine moderne Anstalt wie die Klinik Hoff besichtigt, findet ein offenes Heim ohne irgendwelche Gitter oder versperrte Türen und mit einer Atmosphäre, die sich von der anderer Spitäler höchstens dadurch unterscheidet, daß das Verhältnis zwischen der Ärzteschaft einschließlich des Pflegepersonals und den Patienten besonders persönlich, ja freundschaftlich ist: die Behandlung geht unter offener Darlegung der Probleme vor sich, Helfer und Kranke sind im gemeinschaftlichen Bemühen vereint, des jeweiligen Übels Herr zu werden. Die Insassen könnten jederzeit das Weite suchen, doch sie bleiben in positiver Einstellung willig und gern, wissend und fühlend, daß alles Menschenmögliche für ihr Wohl geschieht.

Die Revolutionierung basiert vor allem auf den tiefenpsychologischen und anthropologisch-existenzanalytischen Forschungsrichtungen, denen zu danken ist, daß sie wichtige Auslösefaktoren für den Ausbruch geistiger Erkrankungen ans Tageslicht holen, sowie auf der neueren Genetik, die erkannte, daß Erbschäden nur selten (vielleicht überhaupt nicht) zwingend zu manifesten krankhaften Erscheinungen führen müssen. Psychosen wie Neurosen, das weiß man heute, hängen aufs engste vom Verlauf des Einzelschicksals, beginnend bei der frühkindlichen Entfaltung und in alle Altersstufen reichend, ab. Die Erbmasse hält, und zwar in Form von Enzymstörungen im Bereich der Gene, lediglich die Prädisposition für dieses oder jenes spätere Krankheitsgeschehen bereit, das unter glücklichen Umständen keineswegs auftreten muß. Drittens sind jeweils aktuelle Auslösefaktoren zu nennen, die weitgehend aus im sozialen Bereich (Familie, Arbeitsmilieu, Gemeinschaftsleben) liegenden Konflikten resultieren.

Die Symptome der psychotischen Erkrankung (wir sprechen von ihren bedeutsamsten Erscheinungsformen, der Schizophrenie und den manischdepressiven Zuständen) ergeben sich aus der Grundstörung sowie aus der Abwehrreaktion der Gesamtpersönlichkeit auf diese. Die letztere kann in ihrem Bestreben, die Integrität des einzelnen innerhalb der Sozialgemeinschaft zu wahren oder wiederherzustellen, weit über das Ziel hinausschießen und damit erst zu Zuständen führen, die in schweren Fällen zu zeitweiser Arbeits- und Gemeinschaftsuntauglichkeit führen.

DIE MODERNE PSYCHOSOMATISCHE FORSCHUNG ist zum Beispiel der Meinung, daß etwa Magengeschwüre zumeist psychische Ursachen haben, und zwar durch die Empfindung mangelnder Geborgenheit in der jeweiligen Umwelt. Die seelische Störung beeinflußt den Drüsenhaushalt, Teile der Magenwände werden ungenügend durchblutet und in der Folge von den Magensäften angegriffen. Operationen, selbst die Herausnahme des ganzen Magens, helfen nur kurzfristig, solang der psychische Störungsfaktor nicht beseitigt wird. Ein günstiger

Milieuwechsel kann hier zur automatischen Heilung führen.

Auch den Psychosen liegen nach den heute dominierenden Ansichten Störungen des äußerst komplizierten Körperstoffwechsels zugrunde, die wahrscheinlich mit der jeweiligen Grundstörung zusammenhängen. Die Störungen können entweder direkt im Gehirnbereich auftreten oder diesen sekundär in Mitleidenschaft ziehen. Mit dieser Einsicht öffnete sich das Tor zu den pharmakologischen Therapien, die sowohl der Beruhigung des Patienten dienen wie seinem Körper Stoffe zuführen, die helfen, den Stoffwechselhaushalt im Gleichgewicht zu halten. Außerdem werden bei gewissen Krankheitsprozessen Insulin- oder Elektroschocks mit ausgezeichnetem Erfolg angewendet, welche ihrerseits in den Stoffwechsel eingreifen und wahrscheinlich auch irreparabel erkrankte Ganglienzellen ausschalten, deren Funktionen in der Folge von anderen Zellen mitübernommen werden.

Dies ist nur ein Teil der nötigen therapeutischen Arbeit. Denn der nach mehr oder minder schwerem Leiden geheilte oder rekonvaleszente Patient wird heute als Gesamtpersönlichkeit samt der Sozietät, in die er gebettet ist, verstanden. Kehrt er in dasselbe Milieu zurück, das den Auslösefaktor lieferte und wo ihm nun als aus der „Klapsmühle“ Entlassenem zumeist zusätzliche Ressentiments begegnen, kann es, oft sehr bald, zu einem Neuausbruch der Krankheit kommen, die womöglich, da neue Hoffnungen des Genesenden zunichte werden, schwerer wird als zuvor.

Hier nun setzt die zweite Phase der Revolutionierung der Psychiatrie ein, die noch in vollem Gang ist: die Erkenntnis der Notwendigkeit, für bestimmte Rekonvaleszente in differenzierter, ganz persönlicher Fürsorge, die dem Wesen und Schicksal des einzelnen angepaßt ist, allmählich über mehrere Stationen führende Wege zu schaffen, deren Absolvierung sie erst in den Stand setzen, mit den Härten des Lebens „draußen“ schließlich selbständig positiv fertig zu werden. Diese Wege werden in Österreich, wo, wie gesagt, zahlreiche entscheidende Grunderkenntnisse über bis dahin verborgene Zusammenhänge früh gewonnen wurden, in jüngster Zeit mit aller Energie und besten Erfolgen ausgebaut.

Auf dieser Ebene (hauptsächlich bezüglich der Schizophrenie) geschieht folgendes: einerseits wurde die bereits „offene“ Anstalt längst noch weiter geöffnet, indem die Patienten nach der Hauptkur, sofern sie bereits arbeitsfähig sind, tagsüber in den Beruf gehen und nachts in der Klinik schlafen, wo sie sich geborgen fühlen, was für das Geschehen der weiteren Genesung äußerst wichtig ist. In anderen Fällen, wo zwar die Arbeitsfähigkeit noch nicht voll wiederhergestellt ist, dafür aber günstige familiäre Verhältnisse herrschen, schlafen die Rekonvaleszenten zu Hause und gehen tagsüber in die Klinik. Hier erfolgt die medikamentöse wie psychotherapeutische Restbehandlung, hier gibt es Abwechslung und Zerstreuung, eine gern besuchte arbeitstherapeutisehe Werkstatt unter ebenso kameradschaftlicher wie sachverständiger Leitung, eine Minigolfanlage und zahlreiche andere Spiele, Fernsehen, ja selbst die Möglichkeit zu Theateraufführungen.

DOCH ES GIBT IMMER AUCH FÄLLE, in denen entweder private Verhältnisse herrschen, die dem Rekonvaleszenten nicht zumutbar sind, oder in denen er für die Konkurrenz auf dem freien Arbeitsmarkt noch nicht tauglich ist. Hier gilt es, Institutionen zu schaffen, wo der einzelne die Möglichkeit findet, sich in einer seiner Individualität entsprechenden Form allmählich wieder an geregelte Arbeit, Kontakt mit der Umwelt, an die Bewältigung von Schwierigkeiten zu gewöhnen. Solche Institutionen, „Rehabilitationszentren“ genannt, gibt es auf dem Sektor von Krankheiten, die zeitweilige oder ständige Körperbehinderungen hinterlassen, längst in größerer Zahl (wenn auch immer noch nicht in voll ausreichendem Maß), während sie bezüglich der geistigen Erkrankungen infolge der Fehleinstellung der Öffentlichkeit, die bis in die Gesetzgebung reicht, bis vor kurzem gänzlich fehlten.

So war es auch nicht eine Behörde, sondern die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen der Klinik Hoff und der Caritas Wien, die das erste Rehabilitationszentrum für geistig Erkrankte auf die Beine stellte: aus Holland berufene Brüder Unserer Lieben Frau von Lourdes führen als kleines Spezialistenteam unter medizinischer Leitung von Ärzten der Klinik Hoff ein Heim in Maria-Lanzendorf, über das wie über weitere Probleme in einem gesonderten Aufsatz referiert werden soll.

Im folgenden ist die Weiterbetreuung der wieder ins Arbeitsleben getretenen ehemaligen Patienten von besonderer Bedeutung. Dies geschieht durch ambulante Psychotherapie und die nachgehende Fürsorge, zu der auch Hausbesuche und Einblicke in die Arbeitsverhältnisse gehören, und in Wien seit 1962 mit ausgezeichneten Erfolgen durch einen Therapeutischen Klub, der ebenfalls in Zusammenarbeit zwischen der Psychiatrisch-Neurologischen Universitätsklinik und der Caritas Wien entstanden ist. Hier kommen ehemalige Patienten zusammen, tauschen Erfahrungen untereinander, mit Fürsorgerinnen und, falls nötig, mit Ärzten aus, führen ein geselliges Klubleben, das mannigfache Abwechslungen bietet. Sie empfinden die Einrichtung als zusätzliche Sicherung, die ihren Lebensmut fördert, wissen sie sich doch mit all ihren Problemen ernstgenommen und respektiert.

Medizinisch gesehen, schlug die große Stunde der Befreiung der geistig Erkrankten von den Stigmata eines nicht resozialisierbaren Outsi-dertums, als die auf die Körperfunktionen spezialisierte Somatik und die den seelischen Bereich erforschende Psychiatrie in fruchtbare Wechselbeziehungen eintraten. Trotz aller epochemachenden bisherigen Erfolge steht das Zusammenwirken beider Wissenschaftsrichtungen erst am Beginn des neuen Weges, einschließlich der Psychosomatik, die die Ganzheitsmedizin auf ihre Fahnen geschrieben hat.

Die segensreichen Folgen schon der ersten Schritte konnten vorstehend im Bereich der geistigen Erkrankungen, die als Exempel besonders geeignet sind, knapp angedeutet werden. Die Größe und Gefährdung des Menschen in dieser seiner Rolle immer deutlicher und jeweils richtiger Relation zu den sich wandelnden Zeitläufen zu erkennen, ist eine der Hauptaufgaben der Wissenschaft überhaupt.

Von der Wiener medizinischen Schule, deren Offenheit auch für einander entgegengesetzte und somit ergänzende Strebungen Tradition ist, darf nach den Pionierleistungen, die am Anfang der neuen Entwicklung standen' und nach den Leistungen im Heute, in ungebrochener Tradition noch manche weltweite Errungenschaft erwartet werden.

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