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Lebensmüdigkeit ist heilbar

„Wenn es Ihnen durch Ihre Beratungen gelingt, auch nur ein Menschenleben zu retten, dann hat diese Konferenz nicht umsonst stattgefunden.“ Mit diesen Worten eröffnete am 15. September der Bundesminister für Unterricht, Dr. Drimmel, die Internationale Arbeitstagung über Selbstmordprophylaxe. Im neuerrichteten „Internationalen Kulturzentrum“, welches damit seinem Namen alle Ehre machte, waren Vertreter aus zwölf Ländern zusammengekommen, um das Problem der Selbstmordverhütung, das angesichts der in der ganzen Welt steigenden Selbstmordzahlen von immer größerer Bedeutung ist, eingehend zu erörtern. Eine Erfahrung, die heute schon auf eine gewisse Tradition zurückblicken kann, bestätigt eindeutig, daß Selbstmordverhütung möglich ist. Ebenso aber steht fest, daß die bisher erreichten diesbezüglichen Erfolge — rein zahlenmäßig gesehen — zu gering sind, -woraus sich von selbst die Notwendigkeit einer Intensivierung der Bemühungen ergibt. Man muß daher den Initiatoren und Veranstaltern der Tagung, der österreichischen Gesellschaft für psychische Hygiene und der Wiener Caritas ganz besonders dankbar sein: sie haben im Weltjahr für geistige Gesundheit 1960 damit ein Problem in den Mittelpunkt der Diskussion gestellt, das zu den wichtigsten der Psychohygiene zählt.

Die Arbeitstagung verlief in einer ausgezeichneten Atmosphäre, sie stand im Zeichen einer mehrfachen Synthese. Zuerst wurde dieselbe gefunden zwischen christlicher Nächstenliebe und fachlich-sachlicher wissenschaftlicher Betrachtung. Beide sind für eine wirksame Selbstmordprophylaxe unbedingte Voraussetzungen. Psychiatrie, Psychologie, Psychotherapie und Pharmakologie (die letztere durch Entwicklung der sogenannten Psychopharmaka) haben den eindeutigen Beweis erbracht, daß jene Erkrankungen — seien sie psychotischer, seien sie neurotischer Art —, die Selbstmordtendenz bedingen (und Selbstmordneigung ist in fast allen Fällen als krankhaft anzusehen), heilbar sind, und zwar dahin gehend, daß nicht nur das Leben erhalten, sondern der Betreffende auch in die Lage versetzt wird, sein Dasein sinnvoller als bisher zu gestalten. Die Behandlungserfolge berechtigen zur Aufstellung der These: Wenn man mit dem Selbstmordgefährdeten rechtzeitig Kontakt bekommt und ihn dann richtig behandelt, verliert man ihn nicht mehr. Somit konzentriert sich das Problem auf die Frage, wie weit die rechtzeitige Erfassung der Selbstmordgefährdeten möglich ist. In diesem Punkte aber ist man ganz auf die menschliche Einstellung jedes einzelnen angewiesen, d. h. auf seine praktisch geübte Nächstenliebe. Der Geist der Gleichgültigkeit, ja mitunter sogar Feindseligkeit, der den „Selbstmordkandidaten“ gegenüber herrscht, muß mit aller Intensität bekämpft werden. Noch haben Thesen einer unseligen vergangenen Zeit auf manche Menschen Einfluß, wonach der Selbstmord ein gesunder Reinigungsprozeß des Volkes sei, durch den die „Schwachen“ und „Minderwertigen“ ausgemerzt werden; noch herrscht die Vorstellung, man solle (ja dürfe!) in die freie Willensentscheidung eines Menschen nicht eingreifen (obwohl die Selbstmordhandlung gewöhnlich in momenthafter oder chronisch sich entwickelnder maximaler Einengung durchgeführt wird); noch glaubt man an das Schlagwort: „Wer vom Selbstmord spricht, der tut es doch nie“ (wie weit eine Selbstmordabsicht „ernst“ zu nehmen ist oder nicht, kann niemals der Laie, sondern nur der Fachmann beurteilen); noch immer meint man, daß diejenigen, die Selbstmord begehen, sich vorher nicht verraten, obwohl durch mehrfache Untersuchungen bewiesen erscheint, daß 80 Prozent der Selbstmörder ihre Handlung ankündigen, oft sogar das Mittel bekanntgeben, das sie benützen werden; noch glaubt man da und dort an eine vererbte Selbstmordneigung, die gleichsam den Menschen zum Tode verurteilt, obwohl es bewiesen erscheint, daß man zum Selbstmörder nicht geboren wird, sondern sich zu ihm allmählich entwickelt, und daß diese Entwicklung durch viele Stationen gekennzeichnet ist, die immer wieder ein helfendes mitmenschliches Eingreifen ermöglichen; noch übersieht man (weil man allzu sehr mit sich selbst beschäftigt ist) die kritische Lebenssituation, in der sich der Mitmensch befindet (z. B. Einsamkeit, Krankheit, Not, schwere innere Konflikte usw.), die Auslöser einer Selbstmordhandlung werden kann.

Eine weitere Synthese ergab sich durch die Bereitschaft der verschiedenen Berufsgruppen, die auf der Tagung vertreten waren, noch mehr als bisher in den Belangen der Selbstmordprophylaxe zusammenzuarbeiten. Hier kommt dem Psychiater, dem Psychotherapeuten (und dem Psychologen) eine diagnostische und therapeutische Funktion zu. Der Fürsorger sieht sich vor das Problem gestellt, die ä u ß e f e n Lebensbedingungen des Menschen zu verbessern, denen zwar in Relation zu der inneren seelischen Verfassung nur eine sekundäre Bedeutung zukommt, die aber keineswegs gering geschätzt oder gar übersehen werden dürfen. Der Jurist kann den Suicidanten, die sich oft in schwerwiegende Konflikte mit der Umwelt verwickelt sehen, durch fachkundige Beratung wertvolle Hilfe zuteil werden lassen. Der Statistiker und der Soziologe vermögen allgemeine Bedingungen, die die Selbstmordgefahr erhöhen, aufzuzeigen und damit prophylaktische Hinweise zu geben; schließlich (last, not least) obliegt es dem Seelsorger, die Menschen, die vergeblich nach dem Sinn des Lebens fragen und offenbar die Kommunikation mit Gott verloren haben, durch eine echte personale Seelsorge wieder den Weg zu Gott finden zu lassen. Es gilt der Grundsatz: der wirklich religiöse Mensch legt nicht Hand an sich. Ausnahmen sind nur dort gegeben, wo Geisteskrankheiten vorliegen, die den Schutz, den sonst die Religion diesbezüglich gewährt, aufheben (z. B. Melancholie) oder wo eine Neurose besteht, die gewöhnlich auch den religiösen Bereich affiziert, verbiegt und dann partiell entwertet. Ausdrücklich hat sich auf der Tagung die Seelsorge zu ihrer Verpflichtung und Möglichkeit, an einer praktischen Selbstmordprophylaxe mitzuarbeiten, bekannt, und dabei fand erfreulicherweise sozusagen eine „Synthese in der Synthese“ statt, insofern, als die gute Zusammenarbeit der beiden christlichen Konfessionen auf diesem Gebiete als eine Conditio sine qua non bezeichnet wurde.

Schließlich eine letzte Synthese: Man erkannte die internationale Bedeutung des Selbstmordproblems, man verstand, daß das Zusammengehörigkeitsgefühl, der Erfahrungsaustausch aller jener Institutionen, die in den verschiedenen Ländern praktische Selbstmordprophylaxe betreiben, unbedingt nötig ist. Aus diesem Geiste heraus wurde die „Internationale Arbeitsgemeinschaft für Suicidprophylaxe“ gegründet, die nicht nur das Fundament und Instrument der Realisierung dieser Wünsche in der Zukunft darstellen wird, sondern auch eine besondere fachliche Ausbildung all derer, die im Dienste der praktischen Selbstmordprophylaxe stehen, ermöglichen soll. Daß dabei Wien als Ausbildungszentrum bestimmt wurde, ist kein Zufall (dasselbe gilt für die Wahl Wiens als Tagungsort). Hier arbeitet seit zwölf Jahren die Lebens-müdenfürsorge der Caritas im Dienste der Selbstmordprophylaxe, die zum Vorbild zahlreicher ähnlicher Institutionen in anderen Ländern geworden ist (wenn ich hier auf ihre Adresse verweise, nämlich Wien IX, Währinger Gürtel 104, erfülle ich damit eine Forderung, die die Arbeitstagung aufgestellt hat: dafür zu sorgen, daß die entsprechenden Stellen mehr als bisher in weiten Kreisen der Bevölkerung bekannt werden); hier besteht aber auch eine enge Zusammenarbeit mit der prychiatrisch-neuro-logischen Universitätsklinik, und somit sind die optimalen Bedingungen für eine gute Ausbildung nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft eben gerade in Wien gegeben.

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